Deutschlands Ökonomen sinken auf Tsipras-Niveau

Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um Deutschland und die deutschen Ökonomen.  In der morgigen Ausgabe der FAZ erscheint offenbar folgender Aufruf, in dem mehr als 150 deutsche Volkswirte den  Beschluss des Brüsseler Gipfels von letzter Woche heftig kritisieren.

Hier ist er im Wortlaut:

Liebe Mitbürger,

die Entscheidungen, zu denen die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen wurden, waren falsch.

Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge.

Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen bei den fünf Krisenländern im Bereich von 9 Billionen Euro. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind.

Wenn die Schuldner nicht zurück zahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen kann: die Gläubiger selber, denn nur sie verfügen über das notwendige Vermögen und sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen.

Die Politiker mögen hoffen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können.

Das wir Ihnen aber nicht gelingen, da die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen. Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder von neuem Pressionen ausgesetzt sein, diese Summen zu vergrößern. Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Noch unsere Kinder und Enkel werden darunter leiden.

Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird vor allem der Wall Street, der City of London und einer Reihe maroder ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der hart arbeitenden Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte machen dürfen.

Wir bitten Sie, dieses Thema sehr ernst zu nehmen und es mit den Abgeordneten Ihres Wahlkreises zu diskutieren.“

Mir stehen die Haare zu Bege. Abgesehen davon, dass ich inhaltlich komplett anderer Meinung bin, finde ich den Duktus dieses Briefes schwer zu ertragen. » weiterlesen

„Nationalistisch angehauchte Demagogie“ von Hans-Werner Sinn?

Es ist nicht das erste Mal, dass Ifo-Chef Hans-Werner Sinn mit seinen Thesen bei Kollegen aneckt.

Doch selten ist die Reaktion so heftig ausgefallen wie die des IMK-Chefs Gustav Horn, der Sinn  auf seiner Facebook-Seite der „nationalistisch angehauchten Demagogie“ beschuldigt und schreibt:

„Er  (Sinn) will offenbar den Euro zerstören.“

Anlass für Horns heftige Reaktion ist das Interview, dass meine Kollegin Dorit Heß mit dem Ifo-Chef geführt hat. Darin sagt  Sinn unter anderem mit Blick auf die Euro-Rettung:

„Es wurde ein Kesseltreiben veranstaltet. Um an unser Geld zu kommen, hat man Deutschland imperiale Gelüste vorgeworfen und uns den Hass der Völker prophezeit.“

Horn kommentiert Sinns Äußerungen auf seiner Facebookseite so: » weiterlesen

Schüsse mit Schrot: Wachstums- prognosen werden wieder ungenauer

Bei den Wachstums-Orakeln kehrt der Pessimismus zurück: So prognostiziert das Münchener Ifo-Institut der deutschen Wirtschaft für dieses Jahr nur noch ein reales Wachstum von 0,7 Prozent. Vorher hatten die meisten Forscher noch etwas von rund einem Prozent erzählt.

Was im nächsten Jahr passiert, scheint zurzeit noch völlig unklar: Die Gemeinschaftsdiagnose warf im April eine Prognose von zwei Prozent in den Ring, das Ifo schätzt jetzt 1,3 – und das Düsseldorfer IMK sogar nur 0,4 Prozent. Gerade die IMK-Schätzung sollte einen ängstlich machen, schließlich warnten die Düsseldorfer Gewerkschafter auch vor dem Schreckensjahr 2009 als erstes vor schlimmen Einbrüchen – womit sie am Ende recht behielten. » weiterlesen

War’s das? Eine erste Einschätzung nach den Gipfelbeschlüssen

Kernelement der Beschlüsse von heute Nacht sind die mögliche Rekapitalisierung von Banken direkt durch den ESM und der mögliche Ankauf von Staatsanleihen bestimmter Länder am Sekundärmarkt ohne zusätzliche Auflagen.

• Der erste Beschluss verbessert – wenn er umgesetzt wird – die Lage Spaniens, weil er die Schuldenstandsquote Spaniens nicht so schnell anwachsen lässt.

• Es wäre sinnvoll, dass die Mittel des ESM zur Rekapitalisierung der Banken – mit Übertragung von Kontrollrechten – und nicht zur Kreditvergabe an Banken genutzt werden. » weiterlesen

Die gleichen Fehler wie 1929 – ein Manifest für ökonomische Vernunft

Der Zeitpunkt des Aufrufs ist gut gewählt, und der Inhalt ist dramatisch.

Unmittelbar vor Beginn des EU-Gipfels in Brüssel, auf dem die Staats- und Regierungschefs der EU um die Rettung der Währungsunion ringen, haben zwei internationale Top-Ökononem ein Manifest formuliert, in dem sie Europa zu einer wirtschaftspolitischen Kehrtwende aufrufen.

Der Nobelpreisträger Paul Krugman (Princeton University) und der Londoner Volkswirt Richard Layard, Pionier auf dem Gebiet der Glücksökonomie, sind überzeugt: Europa wiederholt derzeit die gleichen wirtschaftspolitischen Fehler, die in den 20er und 30er Jahren gemacht wurden und zur Großen Depression geführt haben:

As a result of their mistaken ideas, many Western policy-makers are inflicting massive suffering on their peoples.

But the ideas they espouse about how to handle recessions were rejected by nearly all economists after the disasters of the 1930s, and for the following forty years or so the West enjoyed an unparalleled period of economic stability and low unemployment. It is tragic that in recent years the old ideas have again taken root.

But we can no longer accept a situation where mistaken fears of higher interest rates weigh more highly with policy-makers than the horrors of mass unemployment.

Um das Wichtigste vorweg zu sagen: Ich fürchte, die beiden haben absolut Recht und hoffe, dass der Aufruf mit dem Titel „A Manifesto for Economic Sense“ (hier das PDF des Aufrufs) vor allem im Bundeskanzleramt gelesen und verstanden wird. » weiterlesen

Die Ökonomie des Fußballs II: Geld setzt sich durch

Vor zwei Wochen schrieb mein Kollege Olaf Storbeck an dieser Stelle über die EM-Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).  In einer statistischen Studie hatten die Forscher gezeigt, wie eng der Marktwert eines Fußball-Teams und dessen Erfolg zusammenhängen – und deshalb vorhergesagt, dass das Finale Spanien (mit 658 Mio. € das teuerste Team) gegen Deutschland (das zweitteuerste Team, 459 Mio. €) sein wird. Genauso hatten die Volkswirte von UniCredit argumentiert.

Im bisherigen Verlauf der EM hat sich der Mechanismus, dass die Mannschaften mit dem höchsten Marktwert am weitesten kommen, wieder einmal klar bestätigt, wie DIW Berlin-Chef Gert Wagner, Michael Mutz und Jürgen Gerhards (beide: FU Berlin) nun zufrieden in einem Zwischenfazit feststellen. Hätte man tippen sollen, wer jeweils das Viertelfinale erreicht – man hätte sich pro Gruppe nur die beiden jeweils teuersten Mannschaften herauspicken müssen und in sieben von acht Fällen richtig gelegen.

Einzige Ausnahme: Die Griechen, die beim Marktwert mit schlappen 83 Mio. auf dem vorletzten Platz liegen, und deren 23 Spieler zusammen gerade einmal so viel kosten wie das Duo Gomez/Schweinsteiger. Sie sind der einzige verbliebene David, der Strohhalm Hoffnung für all die, die – wie ich – am Fußball vor allem das Underdog-Dasein lieben; die ein Zweitligaspiel im Morast einer Business-Lounge vorziehen; die lieber alle zwei Jahre auf- und absteigen als sich als Serienmeister zu langweilen; die nichts dagegen haben, ein 1-0 mit einer schnurgeraden 9er-Abwehrkette nach hause zu schaukeln; und die Anfang Juni zehn Euro auf Griechenland als Europameister gesetzt haben, weil es dafür den 116-fachen Gewinn gibt. Schade nur, dass die Griechen dafür jetzt ausgerechnet die Deutschen aus dem Turnier kegeln müssten…

Auch die DIW-Forscher hoffen, dass der Grundsatz „Geld gewinnt“ am Ende nicht eins-zu-eins zutreffen wird, damit die Deutschen die Spanier vielleicht doch noch einmal schlagen:

Was aber für einen nicht prognostizierten Europameister spricht, ist die vergleichs-weise große Rolle des Zufalls. Im Vergleich zu anderen Sportarten werden im Fußball insgesamt sehr wenige Tore geschossen, so dass ein Treffer schon den Sieg bedeuten kann; eine Fehlentscheidung des Schiedsrichter wie die im Spiel England gegen die Ukraine oder ein auf Grund schlechter Platzverhältnis-se versprungener Ball kann eine Partie entscheiden. Mit etwas Unterstützung durch den zwölften Mann namens „Zufall“ hat die Mannschaft von Jogi Löw also eine gute Chance.

Die Crux mit dem CO2-Zertifikate-Handel

Vor knapp zwei Wochen habe ich über eine Studie von Ifo-Forschern über die Probleme des europäischen CO2-Zertifikatehandels berichtet (hier der Artikel)

Die enorme Ausschläge nach oben und unten seien fundamental nicht gerechtfertigt und würden das gesamte System gefährden, lautete ein Kernergebnis der Studie. Zudem seien das Niveau der Preise für die Verschmutzungsrechte zu gering.

In das gleiche Horn blasen jetzt Greenpeace und WWF in einer heute veröffentlichten Studie. Sorgen bereitet den Umweltschützern vor allem der enorme Preisverfall bei den Verschmutzungsrechten. Aus der Pressemitteilung:

„Der Preis für eine Tonne CO2 hat mit aktuell 6,50 Euro einen historischen Tiefstand erreicht und bietet Unternehmen keine Anreize für klimafreundliche Investitionen. » weiterlesen

Die Ökonomie des Fußballs: Spanien ist Top-Favorit

Eigentlich hatte ich mir nach meiner peinlichen Pleite beim Champions League-Finale ja fest vorgenommen, von öffentlichen Fußball-Prognosen tunlichst die Finger zu lassen.

Jetzt kann ich allerdings doch nicht widerstehen – denn  heute haben die drei Berliner Wissenschaftler Jürgen Gerhards, Michael Kurz (beide: FU Berlin) und Gert Wagner (DIW) eine ökonomisch fundierte Prognose zur Fußball-EM veröffentlicht. Grundlage dafür ist der Marktwert der Teams, die ab morgen in Polen und  der Ukraine gegeneinander antreten.

In den vergangenen Jahren hat sich dieser Ansatz zumindest bei internationalen Turnieren als treffsicher erweisen: Bei den beiden Weltmeisterschaften 2006 und 2010 sowie bei der EM 2008 lagen die Wissenschaftler mit ihren Vorhersagen jeweils richtig.

Nimmt man den Marktwert der Mannschaften als Indikator für ihre fußballerische Qualität, dann hat Spanien erneut die besten Karten, als Sieger nach Hause zu fahren. Auch für Deutschland sieht es nicht schlecht aus – das Team ist vor England und Frankreich was zweitwertvollste. England jedoch hat in der Vorrunde ein echtes Handicap: Stürmerstar Wayne Rooney – 65 Millionen Euro wert – ist in den ersten beiden Spielen wegen einer roten Karte gesperrt. » weiterlesen

Sehenden Auges ins Desaster

Wer in diesen Wochen durch Europa reist, den können schon depressive Anwandlungen beschleichen. Das gemeinsame europäische Haus brennt an mehreren Ecken, doch niemand fühlt sich bemüßigt, den Feuerwehrschlauch in die Hand zu nehmen. Im Gegenteil streiten sich die potenziellen Retter darüber, wer an allem Schuld ist, wer als erster gewarnt hat, dass ein Brand droht und ob Wasser, Schaum oder Sand die beste Löschmethode sind. Fast fühlt man sich an Schilderungen aus Geschichtsbüchern oder Romanen über die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg erinnert: Jeder sieht das drohende Desaster kommen, keiner tut etwas, um es abzuwenden.

In der vergangenen Woche habe ich mich intensiv mit den deutschen Gegnern der bisherigen Euro-Rettungspolitik befasst. Da wächst, wie in der Handelsblatt-Ausgabe vom 29. Mai geschildert (hier die Online-Version), eine „bürgerliche Apo“ heran, deren politischer Arm in der Bundestagswahl 2013 die Freien Wähler werden könnten.

Wut und Angst sind bis tief in bürgerliche Schichten groß: Deutschland, so fürchten viele, hat sich auf eine Rutschbahn begeben, auf der ein Rettungsschirm auf den nächsten folgt und immer weitere deutsche Milliarden als Garantien für die Krisenländer bereitgestellt werden. Diese Bewegung, die schon von Zehntausenden offen unterstützt wird, hat sich Angela Merkel selber zuzuschreiben. Sie hat die Menschen nicht mitgenommen auf den Weg in eine engere europäische Integration; sie verzichtet darauf, die Vorteile, die Deutschland aus dem Euro hatte und die es jetzt aus den extrem niedrigen Zinsen hat, offen anzusprechen. » weiterlesen

Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Die Dicke Bertha, Version 1914 (Quelle: Wikipedia)

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder.

Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem Rücken zur Wand und sind auf staatliche Hilfen angewiesen. Die Probleme im Bankensektor bedrohen die ohnehin angeschlagenen Staatsfinanzen in diesen Ländern und untergraben das Vertrauen der Investoren an den Finanzmärkten in die Solvenz der Staaten. Zugleich haben sich die Banken jeweils mit Staatsanleihen ihrer Heimatländer vollgesogen. Sollte zum Beispiel Spaniens Regierung in Zahlungsschwierigkeiten kommen, wäre das für die Banken des Landes fatal.

Ein Teufelskreis, der dringend durchbrochen werden müsste.

Tatsächlich aber  hat die  EZB das Problem  mit ihren „Long Term Refinancing Operations“ (LTROs) möglicherweise noch weiter verschärft.

Im Dezember und Feburar verlieh die EZB im Rahmen der LTROs insgesamt rund eine Billion Euro an die Banken des Euro-Gebiets. Die Kredite, für die die Geldinstitute nur ein Prozent Zinsen zahlen müssen, haben die ungewöhnlich lange Laufzeit von drei Jahren – Mario Draghi spricht von der „dicken Bertha“.

Ein unausgesprochenes Kalkül hinter diesen Operationen war, dass die Banken luktrative Tausch-Geschäfte eingehen: Sie leihen sich für ein Prozent Geld bei der EZB, um damit dann Staatsanleihen der Problemstaaten zu kaufen, mit denen sie Zinsen von fünf Prozent und mehr verdienen können.

Offenbar ist dieses Kalkül aufgegangen, geht aus dem heute veröffentlichten Monatsbericht der Bundesbank hervor. Die Bundesbank sieht

„klare Evidenz dafür, dass Institute verzinsliche Wertpapiere, insbesondere von öffentlichen Emittenten, erwarben“

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