Handelsblog » Volkswirtschaftslehre http://blog.handelsblatt.com/handelsblog Just another Handelsblatt Blogs weblog Tue, 15 May 2012 16:18:33 +0000 en hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.0.4 Bruno Freys publizistischer Amoklauf gegen die Uni Zürich http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/18/bruno-freys-publizistischer-amoklauf-gegen-die-uni-zurich/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/18/bruno-freys-publizistischer-amoklauf-gegen-die-uni-zurich/#comments Wed, 18 Apr 2012 09:53:39 +0000 Olaf Storbeck http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639297 Es ist ein in der Geschichte der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre wahrscheinlich einmaliger Vorgang: Der Züricher Ökonomie-Professor Bruno Frey hat die öffentliche Hand in der Schweiz indirekt aufgefordert, seiner eigenen Fakultät den Geldhahn abzudrehen – weil die Forschung seiner Kollegen irrelevant sei.

Die Volkswirte der Universität Zürich hätten den Bezug zur Wirklichkeit verloren und lebten in einer abstrakten Modellwelt. Seine Kollegen würden unter Ausschluss der Öffentlichkeit forschen.

„Wann rebellieren die Steuerzahler?“, fragt Bruno Frey in einem vor wenigen Tagen in einem Gastbeitrag für den Schweizer „Tages-Anzeiger“. Die Forschung seiner Züricher Kollegen beeinflusse die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik “sicherlich nicht”, schreibt er:

“Irgendwann dürfte dies auch den Steuerzahlenden auffallen, welche die Universität finanzieren.”

Der  Gastbeitrag ist nicht nur eine Generalabrechnung mit der modernen Volkswirtschaftslehre, Frey kritisiert explizit die Arbeit seiner Züricher Fakultätskollegen:

„Viele Universitätsökonomen streben nur danach, möglichst viel in den Fachzeitschriften zu veröffentlichen – was in der Wirklichkeit vorgeht, interessiert sie hingegen wenig bis gar nicht.

Aus diesem Grund finden sich nur noch wenige Ökonomen, die zu den wirtschaftlichen Problemen unseres Landes Stellung beziehen. Lobenswerte Beispiele dafür sind etwa Monika Bütler von der Universität St. Gallen oder Christoph Schaltegger von der Universität Luzern.

Die Nationalökonomen der Universität Zürich hingegen sind in den wirtschafts- und finanzpolitischen Debatten fast ohne Ausnahme absent.

Für sie sind nur die Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften wichtig. Diese werden jedoch nur von wenigen anderen Wissenschaftlern überhaupt zur Kenntnis genommen – oft sogar von gar niemandem.“

Diese publizistische Amoklauf gegen seine unmittelbaren Kollegen zeigt: Das Tischtuch zwischen Bruno Frey und der Uni Zürich ist zerschnitten. Der Hintergrund dürfte vermutlich die Debatte um die wissenschaftliche Arbeitsweise Freys sein, die im vergangenen Sommer ausgebrochen ist.

Damals war bekannt geworden, dass Frey systematisch und seit vielen Jahren gegen wissenschaftliche Ethik-Standards verstoßen hat. Der Professor hat in zahlreichen Fällen quasi identische Arbeiten in mehreren Fachzeitschriften gleichzeitig veröffentlicht, ohne auf die anderen Arbeiten hinzuweisen.

In mehreren Fällen veröffentliche Frey wortwörtlich über weite Strecken identische Arbeiten unter anderen Titeln zweimal. (Einen detaillierten Vergleich verschiedener Studien gibt es in dieser Tabelle.)

Nach Ansicht vieler seiner Fachkollegen hat Frey so seine eigene Publikationsliste mit unlauteren Mitteln über viele Jahre künstlich aufgebläht hat.

Solch ein Vorgehen wird auch als “Eigenplagiat” bezeichnet und ist unter Wissenschaftlern verpönt – unter anderem, weil die Ressourcen der ehrenamtlich für die Fachzeitschriften arbeitenden Fachgutachter vergeudet werden. Weil der Platz in wissenschaftlichen Fachzeitschriften begrenzt ist, verdrängen doppelt publizierte Arbeiten zudem Aufsätze von anderen Forschern – bringen aber gleichzeitig keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.

Wissenschaftliche Fachzeitschriften fordern in ihren internen Richtlinien daher in aller Regel, dass Forscher auf ähnliche Arbeiten verweisen. Sie verlangen zudem, dass die Forschungsergebnisse nicht schon woanders publiziert sein dürfen.

Das von Freys Eigenplagiaten betroffene “Journal of Economic Perspectives” hat ihn und seine Co-Autoren öffentlich hart kritisiert. Das “Journal of Economic Behavior and Organization” hat Frey offenbar auf eine schwarze Liste gesetzt und erklärt, in Zukunft keine Aufsätze von ihm mehr zu veröffentlichen.

Eine von der Universität Zürich eingesetzte Kommission, die den ersten bekannt gewordenen Fall – die Arbeiten zum Untergang der Titanic –  untersuchte, verurteilte das Vorgehen ebenfalls.

Die fehlenden Querverweise auf die anderen Arbeiten seien “unangemessen” und die Autoren sollten dafür gerügt werden. Weitere Maßnahmen seien aber nicht nötig, da zu erwarten sei, dass die fehlenden Querverweise zu den anderen Arbeiten ein “einmaliges Ereignis” blieben. (Diese Einschätzung ist angesichts der vielen anderen Fälle aus meiner Sicht ein Witz.)

Gerüchte besagen, dass die Universität Zürich daraufhin den Lehrvertrag, den sie mit Frey nach dessen Emeritierung geschlossen hat, in diesem Jahr auslaufen lässt. Die Universität Zürich lässt eine Anfrage des Handelsblatts dazu trotz Nachfragen seit mehreren Wochen unbeantwortet.

Unabhängig von den Motiven von Freys publizistischem Amoklauf gegen seine eigene Fakultät – sein Kritik geht an der Sache vorbeit. Der Vorwurf, die Arbeiten der Volkswirte der Uni Zürich seien abstrakt und würden nicht beachtet, ist schlicht absurd.

Das beste Gegenbeispiel ist Ernst Fehr – Freys Fakultätskollege ist einer der international einflussreichsten Experimental- und Neuroökonomen. Fehrs Arbeiten werden von Fachkollegen so häufig zitiert wie die von kaum einem anderen Volkswirten aus dem deutschsprachigen Raum, und auch das Handelsblatt und andere Zeitungen berichten regelmäßig über Fehrs Forschung.

Ein anderes Beispiel ist Josef Zweimüller – der Ökonom hat in mehreren faszinierenden empirischen Arbeiten die konkreten Folgen von Arbeitsmarktpolitik untersucht. So stellte er fest, dass Elterngeld-Zahlungen dazu führen, dass mehr Kinder geboren werden und dass Frührentner eher sterben.

Bizarr ist Freys Kritik auch vor dem Hintergrund, dass er selbst  seit 1977 an der Züricher VWL-Fakultät als Professor tätig ist. Lange Zeit war er dort einer der profiliertesten und einflussreichsten Köpfe. Es ist schwer vorstellbar, dass er in all der Zeit keinerlei Einfluss auf die Personalpolitik genommen hat. So gesehen muss Frey sich auch an die eigene Nase fassen, wenn er mit dem Kurs seiner Fakultät nicht zufrieden ist.

Zudem muss sich Bruno Frey die Frage gefallen lassen, inwieweit seine eigene Forschung die von ihm geforderten Relevanz-Standards erfüllt. Sicherlich, er hat sich nicht in abstrakten mathematischen Modellen verkünstelt. Aber waren seine eigenen Arbeiten wirklich immer so wirtschafts- und finanzpolitisch relevant, wie er es von seinen Kollegen einfordert?

Frey hat sich zuletzt unter anderem mit der Frage beschäftigt, wer den Untergang der Titanic überlebt hat, wie glücklich Pendler und Fernsehzuschauer sind und wie Benediktinerabteien aus ökonomischer Sicht aussehen.

Keine Frage, das sind interessante und amüsante Fragen – aber sind diese Arbeiten wirklich wirtschaftspolitisch relevant?

Was sind die besten Instrumente im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit? Was kann die Politik gegen Armut und Ungleichheit tun? Wie lässt sich das Finanzsystem krisenfest machen und Rezessionen vermeiden? Welchen Beitrag sollte die Geldpolitik zum wirtschaftlichen Wohlstand leisten? Antworten auf diese großen, wichtigen Fragen der Wirtschaftspolitik muss man in Freys Forschung mit der Lupe suchen.

Ich meine das gar nicht als Vorwurf. Bruno Frey soll selbst entscheiden, wozu er forscht und welche Themen er links liegen lässt. Seine Forschung ist oft kreativ und innovativ, ich habe oft im Handelsblatt über sie berichtet.

Aber Wissenschaft ist ein “trial and error”-Prozess, der von Pluralismus und vom Wettbewerb der Ideen lebt. Forscher müssen die Freiheit haben, sich ihre Fragestellungen selbst suchen zu dürfen – es muss ihnen erlaubt sein, auch Themen zu untersuchen, die nicht direkt erkennbar wirtschaftspolitisch relevant sind. Diese Freiheit steht Bruno Frey zu – aber auch all seinen Fachkollegen.

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Die Zukunft der VWL http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/14/die-zukunft-der-vwl/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/14/die-zukunft-der-vwl/#comments Sat, 14 Apr 2012 00:04:30 +0000 Olaf Storbeck http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639288

(c) Institute for New Economic Thinking, 2012

Seit Donnerstag bin ich hier in Berlin auf der Jahrestagung des Institute for New Economic Thinking (INET) .

Leider ist das Programm so dicht gepackt, dass ich nicht zum Bloggen komme. Der Deutschlandfunk hat mich zur Zukunft der VWL interviewt - hier meine Einschätzung.

Das Interview mit Amartya Sen, das ich in dem Interview nenne, findet ihr hier, Hintergrund-Infos zu INET hier. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Tagen auch noch Zeit finde, mein persönliches Fazit zur INET-Tagung in Berlin aufzuschreiben.

Morgen und Sonntag geht es noch weiter, auf der Webseite von INET gibt es einen Livestream und auch Videos von den bisherigen Vorträgen.

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Die Deutschen und die Inflation http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/13/die-deutschen-und-die-inflation/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/13/die-deutschen-und-die-inflation/#comments Fri, 13 Apr 2012 12:31:32 +0000 Hans Christian Müller http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639278 Die Deutschen seien so sensibel, was die Inflation angeht, heißt es oft. Das Trauma der Hyperinflation von 1923 habe sich so sehr in das deutsche Gefühlsleben eingebrannt, dass wir bei steigenden Preisen schnell zur Panik neigen, ist dabei meist die zentrale These.

Aber sind wir wirklich so feinfühlig, was Preissteigerungen angeht – mehr als andere Europäer? Eine schöne Statistik, um das zu prüfen, sind die monatlichen Konsumenten-Umfragen der Europäischen Union. Die lässt die Forschungsinstitute nämlich regelmäßig die Frage stellen, wie man die Preisentwicklung der zurückliegenden zwölf Monate empfunden hat – gestiegen, gefallen oder gleich geblieben?

Der Wert für die sogenannte gefühlte Inflation ist dann die Differenz zwischen dem prozentualen Anteil derjenigen, die steigende Preise empfunden haben, und denen, die die Preise eher als sinkend erachten. Bei einem Wert von null gleichen sich also die Anteile der einen und der anderen genau aus. Zwar sind die Antwortmöglichkeiten relativ grob, doch durch die Berechnung des Saldos aus Tausenden von Antworten wird daraus eine feine und aussagekräftige Statistik. Kleine Änderungen der Inflationsraten sind meist verbunden mit entsprechenden Änderungen der Saldo-Werte  (siehe Grafik).

Ich habe die monatlichen Saldo-Werte der letzten zwölf Jahre einmal mit den tatsächlichen Inflationsraten verglichen – und eine Trendgerade berechnet. Dabei fällt auf: Im Schnitt liegt der Saldo bei null, wenn die wahre Inflationsrate ziemlich genau ein Prozent beträgt (verglichen mit dem Vorjahr). Die Deutschen scheinen also Preissteigerungen von einem Prozent gar nicht als solche zu empfinden – zumindest der Durchschnittsdeutsche nicht. Doch ansonsten sind wir tatsächlich relativ sensibel: Läge die wahre Inflation bei drei Prozent, wären – statistisch gesehen – bereits alle Befragten der Meinung, die Preise würden steigen.

Dass das sensibel sein soll, erscheint vielleicht auf den ersten Blick unlogisch – schließlich ist ja eine Inflation von drei Prozent schlichtweg eine starke Preissteigerung. Doch in anderen europäischen Ländern wären bei drei Prozent Inflation längst nicht alle überzeugt, dass die Preise tatsächlich steigen (siehe Grafik unten). In Italien wäre das erst bei gut vier Prozent der Fall, in Großbritannien sogar erst bei fast sieben. Vor allem für die Briten muss die tatsächliche Inflation also erst richtig hoch sein, damit sie von steigenden Preisen sprechen. Das zeigen auch die nackten Zahlen: Mit 2,2 Prozent war die durchschnittliche Inflation im betrachteten Zeitraum im Königreich einen halben Prozentpunkt höher als in Deutschland – der durchschnittliche Wert der gefühlten Inflation mit 13 aber deutlich niedriger als hierzulande – wo er bei 34 lag.

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Das RWI und der Mindestlohn am Bau – Fünf Jahre später sieht die Welt ganz anders aus http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/02/das-rwi-und-der-mindestlohn-am-bau-funf-jahre-spater-sieht-die-welt-ganz-anders-aus/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/04/02/das-rwi-und-der-mindestlohn-am-bau-funf-jahre-spater-sieht-die-welt-ganz-anders-aus/#comments Mon, 02 Apr 2012 17:01:00 +0000 Olaf Storbeck http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639261 Da ist man mal eine Woche im Urlaub und schon hat man gleich eine ganze Reihe spannender Entwicklungen verpasst.

Unter anderem, dass ich für die “Financial Times Deutschland” arbeite – das zumindest behauptet der Bund der Steuerzahler in Bayern in einem Brief an die Hamburger Kollegen zum Dauer-Thema “Target 2″ (Vielen Dank an “jmg”, der mich in einem Kommentar auf dieses Schreiben hingewiesen hat.) Außerdem ist dieses Blog als eines von elf Wirtschaftsblogs für den Comdirect-Finanzblog-Award nominiert, der am 2. Mai in Berlin vergeben wird.  (Wow, vielen Dank!)

Wirklich bemerkenswert ist eine Studie zu den Beschäftigungswirkungen des Mindestlohns am Bau, die das Nürnberger IAB und das Essener RWI  in der vergangenen Woche veröffentlicht haben. Das Kernergebnis der Studie wird in einer Pressemitteilung so zusammengefasst:

“Der Mindestlohn im Bauhauptgewerbe hat nicht zu Beschäftigungsverlusten geführt. Das zeigt eine gemeinsame Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) und des Instituts für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik (ISG). Der massive Stellenabbau in der Branche seit Mitte der 90er Jahre sei vor allem auf das Ende des Baubooms nach der Wiedervereinigung zurückzuführen, schreiben die Autoren der Studie. Der 1997 eingeführte Mindestlohn sei daran nicht schuld.”

Spannend ist das vor allem deshalb, weil es weitgehend die Ergebnisse einer älteren Studie des IAB-Chefs Joachim Möller und Marion König aus dem Jahr 2007 bestätigt – die hatte das RWI damals aber scharf kritisiert.

Ich war damals dank eines Tipps der Freiburger Ökonomen Bernd Fitzenberger auf die König-Möller-Studie gestoßen und hatte damals folgendes geschrieben:

“Für Ostdeutschland bestätigte sich die These der traditionellen Ökonomie, dass Mindestlöhne Jobs vernichten. Ganz anders aber ist der Befund für Westdeutschland: „In den alten Bundesländern kann unserer Analyse zufolge eine beschäftigungsschädliche Wirkung der Mindestlohnregelungen nicht nachgewiesen werden. Auch wenn angesichts der teilweise nicht gegebenen statistischen Signifikanz Vorsicht bei der Interpretation geboten ist, deutet sich hier ein Beschäftigungszuwachs in der Gruppe der betroffenen Arbeitnehmer an.“ Mit anderen Worten: In Westdeutschland hat der Bau-Mindestlohn nicht nur keine Jobs gekostet, womöglich hat er sogar zusätzliche Stellen geschaffen.”

Der  Handelsblatt-Bericht über die König-Möller-Studie löste eine intensive Debatte unter deutschen Ökonomen aus. Denn erstmals gab es auch für Deutschland empirische Belege für die These, dass moderate Mindestlöhne nicht zwangsläufig Job-Killer sind.

RWI-Chef Christoph Schmidt  hatte nach dem Handelsblatt-Bericht die Studie von König und Möller zerrissen.  Der heutige Wirtschaftsweise attestierte der Arbeit erhebliche methodische Mängel.  Wegen eines Design-Fehlers könne die Studie “keine stichhaltigen Erkenntnisse liefern”, schrieb Schmidt damals.

Fünf Jahre später bestätigen Wissenschaftler seines eigenen Instituts nun die Ergebnisse von damals.

Insgesamt bestätigen die Studien meinen Eindruck, dass die Debatte über Mindestöhne deutlich differenzierter geführt werden müssen, als dies deutsche Ökonomen lange getan haben.  Zudem ist die neue Gemeinschaftsproduktion von RWI und IAB ein Beleg dafür, dass genau das passiert. Ein gutes Zeichen.

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Die Zahl der Erwerbstätigen steigt doppelt so schnell wie die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Woran liegt das? http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/03/27/die-zahl-der-erwerbstatigen-steigt-doppelt-so-schnell-wie-die-zahl-der-arbeitslosen-sinkt-woran-liegt-das/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/03/27/die-zahl-der-erwerbstatigen-steigt-doppelt-so-schnell-wie-die-zahl-der-arbeitslosen-sinkt-woran-liegt-das/#comments Tue, 27 Mar 2012 18:46:12 +0000 Hans Christian Müller http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639242 Staatsschulden, unsichere Renten, Inflation – das sind, laut einer Umfrage des Forsa-Instituts,  momentan die Hauptsorgen der Deutschen. Arbeitslosigkeit kommt dagegen erst auf dem sechsten Rang – was zeigt, wie sehr sich die Deutschen inzwischen an den Arbeitsmarkt-Boom gewöhnt haben. Kein Wunder – mit rund sieben Prozent ist die Quote der Jobsuchenden hierzulande so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Waren vor zwei Jahren noch 3,6 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, so sind es zurzeit nur noch knapp 3,1.

Im Saldo haben also scheinbar 500 000 Menschen einen neuen Job gefunden. Doch tatsächlich sind es sogar mehr als doppelt so viele: Denn die Gesamtzahl der Erwerbstätigen ist in der gleichen Zeit um 1,1 Millionen gestiegen. Der wahre Arbeitsmarkt-Boom – er ist also noch viel größer. Mit (saisonbereinigt) 41,4 Millionen Menschen arbeiten hierzulande heute so viele wie nie zuvor.

Doch wo kommen die ganzen zusätzlichen Arbeitskräfte her? Bei einer schrumpfenden Bevölkerung sollte man ja eher erwarten, dass die Zahl der Arbeitslosen in einem Boom schneller sinkt als die Zahl der Erwerbstätigen steigt. Denn schließlich gehen zurzeit pro Jahr rund 150 000 ältere Arbeitnehmer mehr in Rente als junge auf den Arbeitsmarkt kommen. Und ein frei gewordener Arbeitsplatz könnte dann ja theoretisch von einem Arbeitslosen übernommen werden.

Betrachtet man die Grafik (auf der ich die Zahl der Arbeitslosen rosa und verkehrt herum auf der rechten und die Zahl der Erwerbstätigen blau und richtig herum auf der linken Achse abgetragen habe), dann sieht man, dass es in den letzten sechs Jahren erstmal auch so war: Zwischen Januar 2006 und Februar 2008 sank die Zahl der Arbeitslosen schneller als die der Erwerbstätigen stieg. Doch im Juni 2009 kehrte sich das Bild endgültig um. „Dass die Erwerbstätigkeit der Arbeitslosenszahl kontinuierlich davonrennt, hatten wir lange nicht mehr“, sagt Enzo Weber, Leiter der IAB-Prognoseabteilung beim Nürnberger „Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“ (IAB).

Das Rätsel hat zwei Lösungen, wie IAB-Zahlen belegen: Einmal wandern wieder mehr Menschen nach Deutschland ein, um hier zu arbeiten: 2010 waren es 130 000, 2011 sogar fast doppelt so viele. Und auch in diesem Jahr wird die Zahl derer, die nach Deutschland einwandern, ähnlich deutlich über der der Abwanderer liegen, schätzt das IAB. Besonders aus den von der Eurokrise gebeutelten Ländern Südeuropas werden demnach Menschen nach Deutschland kommen, um zu arbeiten.

Auf der anderen Seite arbeiten inzwischen viel mehr Menschen, die das vorher nicht taten, aber sich auch nicht arbeitslos gemeldet hatten – weil sie nicht wollten, sich nicht trauten oder an einer Fördermaßnahmen der Agentur für Arbeit teilnahmen. Besonders groß sei der Zuwachs bei den 55- bis 64-Jährigen und bei den Hausfrauen, sagt Enzo Weber.

Doch die vielen neuen Arbeitkräfte, sie reichen bei weitem nicht aus, um die Nachfrage zu erfüllen: Mit rund 500 000 befindet sich auch die Zahl der offenen Stellen auf Rekordniveau.

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35 Milliarden Schulden in 2012! Und trotzdem hätte die Schuldenbremse sogar noch mehr erlaubt. http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/03/22/35-milliarden-schulden-in-2012-und-trotzdem-hatte-die-schuldenbremse-sogar-noch-mehr-erlaubt/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/03/22/35-milliarden-schulden-in-2012-und-trotzdem-hatte-die-schuldenbremse-sogar-noch-mehr-erlaubt/#comments Thu, 22 Mar 2012 07:54:36 +0000 Hans Christian Müller http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639234 Gestern flatterte uns Wirtschaftsjournalisten eine neue Pressemitteilung des Bundesfinanzministers ins Haus. Darin wird der Nachtragshaushalt 2012 erläutert, der nötig wurde, weil Deutschland extra Geld an den neuen Euro-Rettungsschirm ESM überweisen muss. Grob gesagt will der Bund in diesem Jahr rund neun Milliarden Euro Schulden mehr aufnehmen als ursprünglich gedacht – insgesamt sind es dann rund 35 Milliarden, also fast anderthalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

35 Milliarden! Das klingt ziemlich viel. Doch es sind trotz allem deutlich weniger Milliarden als nach den (Übergangs-) Regeln der neuen Schuldenbremse erlaubt wären: Nämlich 50 Milliarden – beziehungsweise zwei Prozent des BIPs.

Aber Momemt mal: Sollte die Schuldenbremse nicht deutlich strenger sein als die bisher gültige Maastricht-Regel, die die gesamtstaatliche Neuverschuldung auf drei Prozent des BIPs begrenzt? Ist es dann nicht seltsam, wenn der Bund alleine schon zwei Prozent aufnehmen darf – in einem Jahr mit immerhin moderatem Wachstum? Doch, ist es. Das findet auch die Bundesbank. Zumal der Bund die „überschüssigen“ 15 Milliarden auch noch auf sein imaginäres Kontrollkonto bucht. Als Guthaben für kommende Konjunkturabschwünge wohlgemerkt! Dabei hat er in diesem Jahr gar keinen Überschuss gemacht – sondern lediglich weniger Schulden als erlaubt.

Doch was nach Schummelei aussieht, ist tatsächlich möglich – den komplizierten Übergangsregeln der Schuldenbremse sei dank. Die Rechnung geht folgendermaßen: Eigentlich erlaubt die Bremse dem Bund eine strukturelle jährliche Neuverschuldung von 0,35 Prozent. (Dazu kommt noch die so genannte Konjunkturkomponente: In Abschwüngen sind zusätzliche Schulden erlaubt, in Boomphasen müssen Überschüsse her. Über den Zyklus hinweg soll sich das dann zu null addieren.)

Doch die 0,35 Prozent gelten erst ab 2016. Zwischen 2010 und 2016 muss die strukturelle Verschuldung – ausgehend vom Wert von 2010 – in gleichmäßigen Schritten abgebaut werden. Und weil dieses strukturelle Defizit 2010 mit 2,2 Prozent recht hoch war, waren in 2011 rund 1,9 Prozent strukturelle Schulden erlaubt – und in 2012 immerhin noch etwa 1,6. (Dass es im Endeffekt zwei Prozent sind, liegt daran, dass die Konjunktur gerade nicht mehr so läuft wie in den letzten beiden Jahren und das Geld für den ESM zwar aus neuen Schulden bezahlt wird, aber teilweise nicht als Schulden verbucht werden muss.)

Es ist paradox: Der Bund darf heute viele Schulden machen, weil es schon 2010 so viele waren. Doch letzteres bezweifelt die Bundesbank: In ihren Monatsberichten hat sie der Bundesregierung zuletzt gleich zwei Mal (Oktober und Februar) vorgeworfen, die strukturellen Schulden des Jahres 2010 mit Absicht zu hoch angesetzt zu haben, um bis 2016 langsamer konsolidieren und das Kontrollkonto auffüllen zu können. Sprungschanzeneffekt nennen die Währungshüter das. Sie glauben, dass sich der Bund auf diese Weise länger als nötig Zeit lassen wird, bis er zum ersten Mal richtige Haushaltsüberschüsse erwirtschaftet.

Während der Übergangsphase bis 2016 ist die Schuldenbremse also längst nicht so streng wie viele glauben. Heftig werden dürfte es erst danach.

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Deprimierende Klima-Prognosen von der OECD http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/03/15/deprimierende-klima-prognosen-von-der-oecd/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/03/15/deprimierende-klima-prognosen-von-der-oecd/#comments Thu, 15 Mar 2012 14:54:13 +0000 Olaf Storbeck http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639220 Heute vormittag war ich in Westminster bei der Präsentation des  OECD Environmental Outlook 2050. Es ging mir wie immer, wenn ich mich genauer mit Prognosen zum  Klimawandel auseinandersetze: Mich überkam eine Mischung aus Frust und Verzweifelung.

Die Prognosen, die die OECD vorlegte, sind absolut düster. Ohne eine schnelle und dramatische Trendwende bei den Kohlendioxid-Emissionen wird die Menschheit die Klimaschutzziele komplett verfehlen.

“Wenn wir so weitermachen wie bisher, läuft der CO2-Ausstoß vollkommen aus dem Ruder”, warnte OECD-Umweltdirektor Simon Upton auf der Pressekonferenz.

Hier ein paar Eckdaten der OECD-Studie:

- Die globale Energienachfrage steigt bis 2050 um 80 Prozent. Wenn wir so weitermachen wie bisher wird dann 85 Prozent der Energie aus fossilen Energiequellen erzeugt. Die  CO2-Emissionen dürften dann um 50 Prozent steigen.

- Ohne eine Trendwende klettert die CO2-Konzentration in der Atmosphäre bis zum Ende des Jahrhunderts auf knapp 700 parts per Million. Dann wird ein Temperatur-Anstieg um drei bis sechs Grad wahrscheinlich. Allgemeiner Konsens in Wissenschaft und Politik ist, dass ein Temperatur-Anstieg von bis zu zwei Grad ohne größere Katastrophen verkraftet werden kann. Dafür wäre es aber nötig, den Co2-Gehalt in der Atmosphäre bis 2100 bei 450 ppm zu stabilisieren.

- Schon heute sind 80 Prozent der CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 vorbestimmt – durch die in der Vergangenheit getätigten Investitionen in Kohlekraftwerke usw.

- Wenn wir jetzt gegensteuern würden, wären die Kosten des Kampfs gegen den Klimawandel ziemlich überschaubar. Das Wirtschaftswachstum würde um 0,2 Prozentpunkte gebremst – die globale Wirtschaftsleistung würde bis 2050 nur um 3,3 % pro Jahr wachsen, nicht um 3,5 %. Wenn wir jetzt nicht handeln, steigen die Kosten um die Hälfte an.

- Im Jahr 2050 wird die Luftverschmutzung in Städten zum Umwelt-Killer Nr. 1 – mehr Menschen werden dann durch schlechte Luft sterben als durch dreckiges Wasser oder fehlende Abwassersysteme.

- Die Biodiversität wird bis 2050 um zehn Prozent sinken, die Wälder gehen um 13 Prozent zurück.

Um gegenzusteuern, müsse die Politik die Luftverschmutzung teurer machen – durch höhere Steuern und Emissionshandel-Systeme. Wichtig sei es zudem, Subventionen für fossile Energieträger zu streichen und Innovationen zu fördern.

Ich bin sicher, dass ich mit diesem Blogpost wieder einmal den Zorn der Armee der Klimawandel-Zweifler auf mich ziehen werde. Eins vorweg: Mich überzeugen die Argumente der Negierer nicht. Allerdings kann man eigenlich nur hoffen, dass sie recht haben – ansonsten deutet alles andere darauf hin, dass die Menschheit auf eine Katastrophe zusteuert.

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Über „Euro-Standard Bills“, „Euro-Safe-Bonds” und “Eurobills” http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/02/28/uber-%e2%80%9eeuro-standard-bills%e2%80%9c-%e2%80%9eeuro-safe-bonds%e2%80%9d-und-%e2%80%9ceurobills%e2%80%9d/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/02/28/uber-%e2%80%9eeuro-standard-bills%e2%80%9c-%e2%80%9eeuro-safe-bonds%e2%80%9d-und-%e2%80%9ceurobills%e2%80%9d/#comments Tue, 28 Feb 2012 09:53:16 +0000 Hans Christian Müller http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639132 Die Ideen-Palette zum Thema Euro-Bonds ist seit gestern um einen Vorschlag reicher: In ihrem neuen Report hat die „European Economic Advisory Group“ (eine Gruppe von acht Forschern um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn und KOF-Chef Jan-Egbert Sturm) sogenannte „Euro-Standard Bills“ zur Diskussion gestellt. Sie sollen es möglich machen, die positiven Merkmale der Euro-Bonds zu nutzen, die negativen aber zu vermeiden.

Zuvor hatten andere Forscher-Gruppen bereits ähnliche Vorschläge gemacht – und ihnen lustige Namen gegeben: So etwa Christian Hellwig/ Thomas Philippon mit ihren „Euro-Bills“ und Markus Brunnermeier et al. mit ihren „Euro-Safe-Bonds“.

Die Idee der Eurobonds unterscheidet sich fundamental von der derzeitigen Politik der Rettungspakete: So versucht man in der EU gerade, den angeschlagenen Staaten mit teuren „einmaligen“ Milliarden-Zuschüssen und –Bürgschaften zu helfen, ihre Zinsen zu senken – in der Hoffnung, danach wieder den Status Quo herstellen zu können, bei dem alle selbst für ihre Schulden verantwortlich sind. Mit Eurobonds würden dagegen alle gemeinsam – und auf Dauer – füreinander haften, indem sie gemeinsame Staatsanleihen ausgeben: Eine Politik, die erstmal billiger, aber in der Zukunft möglicherweise riskanter wäre – zumal die reichen Staaten nicht mehr die Möglichkeit hätten, die Reissleine zu ziehen.

Die Vorteile der Eurobonds:

  1. Die angeschlagenen Staaten müssten für neue Kredite viel weniger Zinsen zahlen – und hätten so eine Chance, sich zu sanieren.
  2. Staatsanleihen würden wieder zur sicheren Anlageklasse: Das fatale Problem, dass aus den Null-Risiko-Staatsanleihen vieler Staaten plötzlich hochriskante Zocker-Papiere geworden waren, wäre beseitigt. Letzteres hatte viele Banken in der Eurozone (größtenteils unverschuldet) erst illiquide und dann fast insolvent gemacht – weil große Teile ihrer Vermögenswerte aus Anleihen ihrer Heimatstaaten bestanden.

Die Nachteile:

  1. Wirtschaftlich solide Staaten wie Deutschland müssten für ihre Schulden höhere Zinsen zahlen.
  2. Staaten mit mangelnder fiskalpolitischer Disziplin könnten Trittbrett fahren – und weiterhin hohe Schulden anhäufen. Denn das wäre ja dann wieder billiger.

Die drei Vorschläge für modifizierte Euro-Bonds versuchen nun, einen Weg zu finden, zumindest den zweiten Nachteil auszuschließen. Dabei haben alle den gleichen Grundgedanken: Die Staaten sollen „gerechtfertigte“ Kredite zu niedrigen (EU-weit einheitlichen) Zinsen aufnehmen können, „ungerechtfertigte“ jedoch nur zu hohen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass laxe Disziplin bestraft wird, echte Anstrengungen aber gefördert. Vorgeschlagen wird jeweils, neue Europa-Anleihen gemeinsam als neue, sichere Anlageklasse anzubieten – und im Falle einer Staatspleite bevorzugt zu bedienen.

Wie so etwas umgesetzt werden könnte – und welche Schulden eigentlich gerechtfertigt wären und welche nicht – darüber gehen die Meinungen aber auseinander:

Euro-Safe-Bonds: Brunnermeier et al. empfehlen, dass eine gemeinsame Organisation den Eurostaaten Schulden im Wert von jeweils 60 Prozent der Wirtschaftsleistung abnehmen – und diese am Kapitalmarkt als neue Anlage anbieten soll. Für diese Anleihen (insgesamt 5,5 Billionen Euro) bürgen dann alle Staaten gemeinsam, so dass die Zinsen sinken (und die Ratingagenturen ein schönes „AAA“ draufkleben). Für alle Schulden, die die Staaten darüber hinaus haben, haften die einzelnen Länder dann alleine. Die Botschaft: Bis 60 Prozent ist alles in Ordnung, danach wird es teuer. Das dürfte die Staaten dann ausreichend disziplinieren, trotz gemeinsamen Bonds nicht Trittbrett zu fahren, so die Hoffnung.

Euro-Bills: Hellwig und Philippon schlagen vor, dass eine EU-Behörde zu einem bestimmten Stichtag beginnt, gemeinsame einjährige Anleihen auszugeben, deren Erlöse dann den Staaten zur Verfügung gestellt werden. Die Summe wird pro Staat auf zehn Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt – und alle Staaten, die nicht wie versprochen konsolidieren, werden an die kurze Leine genommen und im nächsten Jahr vom Handel ausgeschlossen. Die Staaten müssten den Rest ihrer Schulden dann teuer über eigene Langfrist-Anleihen finanzieren.

Euro-Standard-Bills: Die European Economic Advisory Group setzt ebenfalls auf Kurzfrist-Anleihen. Anders als bei Hellwig und Philippon sollen aber keine gemeinsamen, sondern weiterhin individuelle Anleihen ausgegeben werden. Diese sollen allerdings dadurch für Anleger attraktiv gemacht werden, dass sie strengen einheitlichen Regeln unterliegen sowie bevorzugt bedient, durch einen Pfand (Immobilien oder Steuereinnahmen) besichert und auf einen bestimmten Prozentsatz der Wirtschaftsleistung begrenzt werden. Abhängig von der Bonität der einzelnen Länder ergäben sich dann zwar trotzdem Unterschiede bei den individuellen Zinsraten, erwarten Sinn und seine Kollegen – doch anders lasse sich das Problem des Trittbrettfahrens nicht in den Griff bekommen.

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Wie es wirklich um Deutschland steht http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/02/23/wie-es-wirklich-um-deutschland-steht/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/02/23/wie-es-wirklich-um-deutschland-steht/#comments Thu, 23 Feb 2012 17:47:51 +0000 Hans Christian Müller http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639123 Wir beim Konjunkturteam des Handelsblatts schauen ja immer auf die knallharten Wirtschaftsdaten, wenn wir analysieren, wie es einem Land geht. Doch Wachstum ist natürlich nicht alles – wir Menschen wollen ja nicht nur viel kaufen und besitzen, sondern in erster Linie  schön leben.

Ökonomen wie die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen fordern daher, auch die Lebensqualität der Menschen, ihre Zufriedenheit und die Nachhaltigkeit ihrer Lebensweise zu berücksichtigen, wenn der Wohlstand eines Landes gemessen wird. Seit zwei Jahren diskutiert auch eine Enquete-Kommission des Bundestages, wie das gehen könnte  (auch wenn sich die Abgeordneten dabei seit neuestem vor allem in die Haare kriegen).

Das Statistische Bundesamt hat jetzt zum vierten Mal Statistiken vorgelegt, die Aufschluss geben über den nicht-ökonomischen Wohlstand Deutschlands. Hier ein Überblick im Schnelldurchlauf:

Die schlechten Nachrichten zuerst: Die Zahl der Vogelarten geht weiter zurück, wir transportieren nur noch jede zehnten Frachtcontainer auf der Schiene (ein Viertel weniger als vor  zehn Jahren) und wir haben nur für einen von zehn Knirpsen einen Krippenplatz (obwohl wir längt für zwei weitere einen haben wollten) . Außerdem ändert sich seit Jahren nichts daran, dass Frauen ein Viertel weniger verdienen als Männer. Dazu kommt: Immer mehr von uns sind zu dick.

Die guten Nachrichten: Wir betonieren nur noch 77 Hektar Land pro Tag zu (statt über 120 vor zehn Jahren), schicken 40 Prozent unseres Nachwuchses auf die Uni (statt 30 vor zehn Jahren), können eine Tonne Zeug mit 20 Prozent weniger Energie durch die Gegend transportieren, bauen doppelt so viel Öko-Essen an, begehen weniger Straftaten und sterben seltener, bevor wir ins Rentenalter kommen. Gleichzeitig rauchen nur noch 13 Prozent der Jugendlichen – halb so viele wie vor zehn Jahren.

Die subjektive Zufriedenheit der Deutschen hat das Statistische Bundesamt nicht gemessen. Bei der letzten Berechnung des Happy-Planet-Indexes vor drei Jahren hatten wir in der Kategorie Lebenszufriedenheit einen Wert von 7,2. Wie glücklich sich 7,2 anfühlt, weiß man leider nicht – aber Deutschland lag damit auf Platz 27 (von 143).

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Das schmutzige Geschäft mit Zwangszitaten http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/02/21/das-schmutzige-geschaft-mit-zwangszitaten/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2012/02/21/das-schmutzige-geschaft-mit-zwangszitaten/#comments Tue, 21 Feb 2012 21:45:22 +0000 Olaf Storbeck http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=639117 Anfang Februar ist in der Fachzeitschrift “Science” eine bemerkenswerte Studie erschienen: Die beiden US-Ökonomen Allen W. Wilhite und Eric A. Fong leuchten aus, wie sehr wissenschaftliche Fachzeitschriften versuchen, ihre Reputation zu manipulieren.

Im Kern geht es um die folgende Frage: Wie sehr werden Wissenschaftler, die eine Arbeit bei einer Fachzeitschrift einreichen, von den Herausgebern dazu genötigt, Arbeiten zu zitieren, die sie eigentlich gar nicht zitieren wollen?

Wilhite und Fong haben für ihre Studie mit dem Namen “Coercive Citation in Academic Publishing” fast 6700 Wissenschaftler nach ihren Erfahrungen damit befragt.

Das heißeste Eisen der Studie ist ganz am Ende des Online-Anhangs versteckt: Die Schwarze Liste mit den Namen der Fachzeitschriften,  bei denen das nach Angaben der Befragten besonders häufig vorkommt.

  1. Journal of Business Research – 49 Nennungen
  2. Journal of Retailing – 43 Nennungen
  3. Marketing Science – 29 Nennungen
  4. Journal of Banking and Finance-  24 Nennungen
  5. Information and Management – 19 Nennungen
  6. Applied Economics – 18 Nennungen
  7. Academy of Management Journal – 14 Nennungen
  8. Group and Organization Management – 13 Nennungen
  9. Journal of Consumer Psychology – 9 Nennungen
  10. Psychology and Marketing – 8 Nennungen

Fachzeitschriften und auch Einzelforscher können mit erzwungenen Zitaten ihre wissenschaftliche Reputation schönen – denn der Einfluss und die Qualität von Forschung wird heute stark daran gemessen, wie oft andere Forscher die Arbeiten aufgreifen.

Es gilt die Faustregel: Je häufiger eine Studie zitiert wird, desto einflussreicher  ist sie. Und je häufiger Artikel aus einer bestimmten Fachzeitschrift zitiert werden, desto stärker wird sie beachtet.

(Auch die VWL- und BWL-Forscherrankings des Handelsblatts funktionieren im Kern nach diesem Prinzip – die Impact Faktoren der Journals bestimmen das Gewicht, dass ein Aufsatz aus dieser Zeitschrift im Ranking erhält.)

Das gibt den Herausgebern der Fachzeitschriften Macht gegenüber Wissenschaftlern, die darin veröffentlichen wollen. Sie können Aufsätze ohne große Begründung ablehnen – oder den Autoren einen Kuhhandel anbieten. Nach dem Motto: Wenn du ein, zwei Arbeiten, die in unserem Journal erschienen sind, erwähnst, dann würden wir den Artikel drucken.

Die Forscher schildern zwei Beispiele:

“Recently a friend had an article accepted for publication.  Two weeks after that
acceptance the editor sent another letter asking the author to add citations from his journal.  Specifically the editor wrote, “you only use one (name of my journal) source which is unacceptable. Please add at least five more relevant-(name of my journal) sources.”

Another colleague had a similar experience at the submission stage; the editor
asked her for three more citations to his journal before he would send her
manuscript out for review.  Note, these citation requests did not mention omitted content or shortcomings in the manuscript’s analysis; they simply asked authors to cite related articles in the editor’s journal.”

Wilhite und Fong stellen fest, dass es sich dabei längst nicht nur um Einzelfälle handelt. Ihr Fazit lautet:

“We find that coercion is uncomfortably common and appears to be practiced opportunistically. As editors game the system and authors acquiesce, the integrity of academic publications suffers. (…)

Additionally, some editors seem to target specific articles and authors. (…)

Without action, the situation is likely to deteriorate,”

Besonders stark verbreitet ist diese Praxis offenbar in der Betriebswirtschaftslehre – dort kommt es deutlich häufiger vor als in der VWL, der Soziologie und der Psychologie.

Die ganz große Mehrheit der befragten Wissenschaftler (86%) hält die Zitate-Nötigung für unangebracht, und 81 % sind überzeugt: Darunter leidet auf Dauer das Prestige einer Fachzeitschrift.

Dennoch würden 57% sich auf das Spielchen einlassen und im Fall der Fälle eigentlich  überflüssige Zitate einbauen. Und nur 7% erwartet, dass sich die Kollegen einem Nötigungsversuch widersetzen würden.

Die beiden Forscher empfehlen, dass Wissenschaftsverbände wie die “American Economic Association” einschreiten sollten:

“Academic associations could help by officially condemning the practice. Their action would raise the cost of coercion to editors and might help persuade organizations that promote impact factors to remove self-citations from those calculations, which would eliminate the coercive motive.”

Alles in allem sind die Ergebnisse der Studie wirklich beklemmend – sie stützen eindeutig die These des IfW-Chefs Dennis Snower, der jüngst in einem Interview mit mir harsche Kritik am derzeitigen Publikationsprozess übte:

“Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern der Journale und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhanden gekommen. (…)

Im traditionellen Gutachterverfahren fehlt die Transparenz. Herausgeber, die eine Studie aus welchen Gründen auch immer persönlich nicht mögen, können sie ganz bewusst an Gutachter schicken, von denen sie sehr genau wissen, dass sie die Arbeit ablehnen werden. Viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon mehrfach erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.”

Als PDF kann man die Studie “Coercive Citation in Academic Publishing” übrigens hier herunterladen.

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