Handelsblog » Rating-Agenturen http://blog.handelsblatt.com/handelsblog Just another Handelsblatt Blogs weblog Wed, 16 May 2012 12:51:30 +0000 en hourly 1 http://wordpress.org/?v=3.0.4 Entmachtet die Rating-Agenturen! http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2011/12/06/entmachtet-die-rating-agenturen/ http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/2011/12/06/entmachtet-die-rating-agenturen/#comments Tue, 06 Dec 2011 09:50:01 +0000 Dirk Hinrich Heilmann http://blog.handelsblatt.com/handelsblog/?p=638904 Wer nach einer Serie von krisenverschärfenden und höchst unglücklich terminierten Herabstufungen und Warnungen der großen Rating-Agenturen noch an Zufall glaubte, dürfte spätestens seit gestern Abend ernste Zweifel haben. Die Entscheidung von Standard & Poor’s, ausgerechnet an dem Tag, an dem “Merkozy” die bisher größten Fortschritte zur Bekämpfung der Schuldenkrise machten, alle Euro-Staaten mit Herabstufungen ihrer Bonität zu bedrohen, können eigentlich nur als bewusstes Störfeuer verstanden werden.  Den Deutschen mag der zusätzliche Druck am Ende ganz Recht sein, denn er erhöht die Chancen, dass sie auch auf dem Euro-Krisengipfel am Freitag ihre Forderungen durchsetzen können. Doch das Handeln der großen Rating-Agenturen können die Europäer nicht länger einfach hinnehmen. Es ist vielleicht die größte Absurdität der Euro-Schuldenkrise, dass die in der Finanzkrise gründlich diskreditierten Rating-Agenturen von der Wall Street nach wie vor eine solche Schlüsselrolle einnehmen.

Warum eigentlich sollen die Rating-Agenturen die letzte Instanz für die Beurteilung der Bonität von Staaten sein? Im Falle  privat begebener Anleihen, zum Beispiel von Unternehmen, ist ihre Funktion nachvollziehbar: Die Agenturen sammeln Informationen über hunderttausende von Wertpapieren – Informationen, die teilweise nicht öffentlich zugänglich und für den einzelnen Anleger unmöglich komplett auszuwerten sind -  und bilden sich auf deren Grundlage und nach festen Kriterien ein Urteil, an dem sich die Anleger orientieren können. Doch Daten über die Staatshaushalte sind in Demokratien frei zugänglich, und die Ratingagenturen haben keinerlei privilegierten Zugang zu Informationen über öffentliche Finanzen – im Gegenteil, das Bundesfinanzministerium zum Beispiel spricht gar nicht mit ihnen, wie Vertreter der Agenturen selber beklagen. Die Agenturen haben auch in der Regel keinen Auftrag, die Bonität von Staatsanleihen zu bewerten – sie tun das bei wichtigen Ländern freiwillig und kostenlos, weil die staatliche Bonität ein Element der Bewertung privat begebener Papiere aus diesen Ländern ist.

Also lasst uns die Agenturen entmachten, soweit es um Staatsfinanzen geht. Das geht am besten, indem die EU der Europäischen Zentralbank offiziell die Aufgabe überträgt, die Bewertung der Bonität von Staaten zu übernehmen. Diese EZB-Bewertungen sollten dann als Grundlage für die Regulierung dienen, etwa wenn Finanzaufseher Banken, Versicherungen und Pensionskassen vorschreiben, Papiere welcher Bonität sie halten dürfen oder mit welcher Eigenkapitalunterlegung sie sie versehen müssen. 

Das Problem einer solchen Regelung ist klar: Der EZB würden Interessenkonflikte unterstellt. Aus den USA und Großbritannien würden wir hören, dass sie europäische Staatsanleihen zu nachsichtig bewertet, um das wahre Ausmaß der Euro-Schuldenkrise zu verschleiern. Die Glaubwürdigkeit der EZB wäre aber trotzdem auf Anhieb größer als die einer Europäischen Rating-Agentur, die jetzt auf Betreiben der EU neu gegründet würde. Außerdem bräuchte die EZB keine Aufbauarbeit, denn sie bewertet die Staatsanleihen zu internen Zwecken sowieso schon. Und für den Anleger ist es besser, wenn er sich aus einer Vielzahl qualifizierter Urteile ein eigenes Bild machen kann – besser jedenfalls als weiterhin einem Oligopol von der Wall Street ausgeliefert zu sein, das sich in der Vergangenheit nicht mit Ruhm bekleckert hat und in der Gegenwart als Brandbeschleuniger wirkt./

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