Hans Christian Müller
Hans Christian Müller arbeitet für das Handelsblatt-Ressort Konjunktur und Geldpolitik.

Beiträge von Hans Christian Müller:

Schüsse mit Schrot: Wachstums- prognosen werden wieder ungenauer

Bei den Wachstums-Orakeln kehrt der Pessimismus zurück: So prognostiziert das Münchener Ifo-Institut der deutschen Wirtschaft für dieses Jahr nur noch ein reales Wachstum von 0,7 Prozent. Vorher hatten die meisten Forscher noch etwas von rund einem Prozent erzählt.

Was im nächsten Jahr passiert, scheint zurzeit noch völlig unklar: Die Gemeinschaftsdiagnose warf im April eine Prognose von zwei Prozent in den Ring, das Ifo schätzt jetzt 1,3 – und das Düsseldorfer IMK sogar nur 0,4 Prozent. Gerade die IMK-Schätzung sollte einen ängstlich machen, schließlich warnten die Düsseldorfer Gewerkschafter auch vor dem Schreckensjahr 2009 als erstes vor schlimmen Einbrüchen – womit sie am Ende recht behielten. (weiterlesen …)

Die Ökonomie des Fußballs II: Geld setzt sich durch

Vor zwei Wochen schrieb mein Kollege Olaf Storbeck an dieser Stelle über die EM-Prognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).  In einer statistischen Studie hatten die Forscher gezeigt, wie eng der Marktwert eines Fußball-Teams und dessen Erfolg zusammenhängen – und deshalb vorhergesagt, dass das Finale Spanien (mit 658 Mio. € das teuerste Team) gegen Deutschland (das zweitteuerste Team, 459 Mio. €) sein wird. Genauso hatten die Volkswirte von UniCredit argumentiert.

Im bisherigen Verlauf der EM hat sich der Mechanismus, dass die Mannschaften mit dem höchsten Marktwert am weitesten kommen, wieder einmal klar bestätigt, wie DIW Berlin-Chef Gert Wagner, Michael Mutz und Jürgen Gerhards (beide: FU Berlin) nun zufrieden in einem Zwischenfazit feststellen. Hätte man tippen sollen, wer jeweils das Viertelfinale erreicht – man hätte sich pro Gruppe nur die beiden jeweils teuersten Mannschaften herauspicken müssen und in sieben von acht Fällen richtig gelegen.

Einzige Ausnahme: Die Griechen, die beim Marktwert mit schlappen 83 Mio. auf dem vorletzten Platz liegen, und deren 23 Spieler zusammen gerade einmal so viel kosten wie das Duo Gomez/Schweinsteiger. Sie sind der einzige verbliebene David, der Strohhalm Hoffnung für all die, die – wie ich – am Fußball vor allem das Underdog-Dasein lieben; die ein Zweitligaspiel im Morast einer Business-Lounge vorziehen; die lieber alle zwei Jahre auf- und absteigen als sich als Serienmeister zu langweilen; die nichts dagegen haben, ein 1-0 mit einer schnurgeraden 9er-Abwehrkette nach hause zu schaukeln; und die Anfang Juni zehn Euro auf Griechenland als Europameister gesetzt haben, weil es dafür den 116-fachen Gewinn gibt. Schade nur, dass die Griechen dafür jetzt ausgerechnet die Deutschen aus dem Turnier kegeln müssten…

Auch die DIW-Forscher hoffen, dass der Grundsatz “Geld gewinnt” am Ende nicht eins-zu-eins zutreffen wird, damit die Deutschen die Spanier vielleicht doch noch einmal schlagen:

Was aber für einen nicht prognostizierten Europameister spricht, ist die vergleichs-weise große Rolle des Zufalls. Im Vergleich zu anderen Sportarten werden im Fußball insgesamt sehr wenige Tore geschossen, so dass ein Treffer schon den Sieg bedeuten kann; eine Fehlentscheidung des Schiedsrichter wie die im Spiel England gegen die Ukraine oder ein auf Grund schlechter Platzverhältnis-se versprungener Ball kann eine Partie entscheiden. Mit etwas Unterstützung durch den zwölften Mann namens „Zufall” hat die Mannschaft von Jogi Löw also eine gute Chance.

Die Deutschen und die Inflation

Die Deutschen seien so sensibel, was die Inflation angeht, heißt es oft. Das Trauma der Hyperinflation von 1923 habe sich so sehr in das deutsche Gefühlsleben eingebrannt, dass wir bei steigenden Preisen schnell zur Panik neigen, ist dabei meist die zentrale These.

Aber sind wir wirklich so feinfühlig, was Preissteigerungen angeht – mehr als andere Europäer? Eine schöne Statistik, um das zu prüfen, sind die monatlichen Konsumenten-Umfragen der Europäischen Union. Die lässt die Forschungsinstitute nämlich regelmäßig die Frage stellen, wie man die Preisentwicklung der zurückliegenden zwölf Monate empfunden hat – gestiegen, gefallen oder gleich geblieben?

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Die Zahl der Erwerbstätigen steigt doppelt so schnell wie die Zahl der Arbeitslosen sinkt. Woran liegt das?

Staatsschulden, unsichere Renten, Inflation – das sind, laut einer Umfrage des Forsa-Instituts,  momentan die Hauptsorgen der Deutschen. Arbeitslosigkeit kommt dagegen erst auf dem sechsten Rang – was zeigt, wie sehr sich die Deutschen inzwischen an den Arbeitsmarkt-Boom gewöhnt haben. Kein Wunder – mit rund sieben Prozent ist die Quote der Jobsuchenden hierzulande so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Waren vor zwei Jahren noch 3,6 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, so sind es zurzeit nur noch knapp 3,1.

Im Saldo haben also scheinbar 500 000 Menschen einen neuen Job gefunden. Doch tatsächlich sind es sogar mehr als doppelt so viele: Denn die Gesamtzahl der Erwerbstätigen ist in der gleichen Zeit um 1,1 Millionen gestiegen. Der wahre Arbeitsmarkt-Boom – er ist also noch viel größer. Mit (saisonbereinigt) 41,4 Millionen Menschen arbeiten hierzulande heute so viele wie nie zuvor.

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35 Milliarden Schulden in 2012! Und trotzdem hätte die Schuldenbremse sogar noch mehr erlaubt.

Gestern flatterte uns Wirtschaftsjournalisten eine neue Pressemitteilung des Bundesfinanzministers ins Haus. Darin wird der Nachtragshaushalt 2012 erläutert, der nötig wurde, weil Deutschland extra Geld an den neuen Euro-Rettungsschirm ESM überweisen muss. Grob gesagt will der Bund in diesem Jahr rund neun Milliarden Euro Schulden mehr aufnehmen als ursprünglich gedacht – insgesamt sind es dann rund 35 Milliarden, also fast anderthalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

35 Milliarden! Das klingt ziemlich viel. Doch es sind trotz allem deutlich weniger Milliarden als nach den (Übergangs-) Regeln der neuen Schuldenbremse erlaubt wären: Nämlich 50 Milliarden – beziehungsweise zwei Prozent des BIPs. (weiterlesen …)

Über „Euro-Standard Bills“, „Euro-Safe-Bonds” und “Eurobills”

Die Ideen-Palette zum Thema Euro-Bonds ist seit gestern um einen Vorschlag reicher: In ihrem neuen Report hat die „European Economic Advisory Group“ (eine Gruppe von acht Forschern um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn und KOF-Chef Jan-Egbert Sturm) sogenannte „Euro-Standard Bills“ zur Diskussion gestellt. Sie sollen es möglich machen, die positiven Merkmale der Euro-Bonds zu nutzen, die negativen aber zu vermeiden.

Zuvor hatten andere Forscher-Gruppen bereits ähnliche Vorschläge gemacht – und ihnen lustige Namen gegeben: So etwa Christian Hellwig/ Thomas Philippon mit ihren „Euro-Bills“ und Markus Brunnermeier et al. mit ihren „Euro-Safe-Bonds“.

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Wie es wirklich um Deutschland steht

Wir beim Konjunkturteam des Handelsblatts schauen ja immer auf die knallharten Wirtschaftsdaten, wenn wir analysieren, wie es einem Land geht. Doch Wachstum ist natürlich nicht alles – wir Menschen wollen ja nicht nur viel kaufen und besitzen, sondern in erster Linie  schön leben.

Ökonomen wie die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amartya Sen fordern daher, auch die Lebensqualität der Menschen, ihre Zufriedenheit und die Nachhaltigkeit ihrer Lebensweise zu berücksichtigen, wenn der Wohlstand eines Landes gemessen wird. Seit zwei Jahren diskutiert auch eine Enquete-Kommission des Bundestages, wie das gehen könnte  (auch wenn sich die Abgeordneten dabei seit neuestem vor allem in die Haare kriegen). (weiterlesen …)

Die Kluft wächst eigentlich schon lange

Heute morgen fiel mein Blick auf die Schlagzeile meines Kollegen Dirk Heilmann: „Die Kluft in der Euro-Zone wächst“. Darin nennt er die neuesten Wachstumszahlen der Euro-Zone – und zeigt, dass sich die einzelnen Staaten zuletzt sehr ungleich entwickelt haben. So war das vierte Quartal in Frankreich den Umständen entsprechend stark, in Italien, Portugal und Griechenland dagegen deprimierend lausig.

Ich habe mich gefragt, seit wann diese Kluft denn eigentlich wächst. Ist die größer werdende Ungleichheit nur eine Begleiterscheinung der Krise – oder ein Dauerphänomen?

Dafür habe ich einmal bei Eurostat die Pro-Kopf-BIP-Zahlen der zwölf Länder herausgesucht, die als erste den Euro als Bargeld eingeführt haben. Das Ergebnis ist erschreckend: Nach dem Euro-Start 1999 ist der Wohlstand der einzelnen Staaten praktisch immer ungleicher geworden (siehe blaue Kurve). Eigentlich hatte man den Euro ja auch deswegen erfunden, um das Zusammenwachsen Europas zu fördern. Doch beim Wohlstandsniveau scheint das nicht funktioniert zu haben –  im Gegenteil.

Sicher, mein Ungleichheitsmaß ist ziemlich grob (ich habe berechnet, um wie viel Prozent die Pro-Kopf-BIPs der einzelnen Länder im Schnitt vom durchschnittlichen Pro-Kopf-BIP aller zwölf Länder abweichen). Aber eine gewisse Aussagekraft hat es sicherlich.

Dass Währungsunionen als solches die Ungleichheit fördern, sollte man daraus aber bitte nicht schlussfolgern. So zeigt die schwarze Kurve eine entsprechende Berechnung für die Westafrikanische Währungsunion, die aus acht Staaten besteht, deren Bürger seit 1994 mit „CFA-Franc“ bezahlen. Sie ist seitdem stark gefallen.

EU-Kommission: Fünf Prozent Leistungsbilanzdefizit sind gefährlich, fünf Prozent Überschuss nicht

Zum ersten Mal hat die EU-Kommission gestern die Ergebnisse ihres neuen Frühwarnsystems veröffentlicht: Der „Alert Mechanism Report“ betrachtet zehn verschiedene Wirtschafts-Kennzahlen der EU-Staaten und sucht nach Anzeichen für gefährliche Ungleichgewichte. Der Report ist Teil des berühmten „Six-Packs“, einer Reihe von Regelungen, mit der die EU-Ökonomien krisenfester gemacht werden sollen.

Neben der Arbeitslosenrate der Länder oder der privaten und öffentlichen Verschuldung schaut das Warnsystem auch auf außenwirtschaftliche Ungleichgewichte: Es löst zum Beispiel Alarm aus, wenn der Weltmarktanteil eines Landes zu sehr sinkt – oder eben, wenn die Leistungsbilanz zu ungleich ist (also, grob gesagt, der Unterschied zwischen Im- und Exporten).

Doch hier misst die Kommission seltsamerweise mit zweierlei Maß: So bekommt ein Land Ärger mit Brüssel, wenn das Leistungsbilanzdefizit mehr als vier Prozent der eigenen Wirtschaftsleistung (BIP) ausmacht. Wer dagegen Überschüsse macht, also mehr exportiert als importiert, dem wird erst dann näher auf die Finger geschaut, wenn der Überschuss mehr als sechs Prozent beträgt.

Aber was soll das? Eigentlich sollten die Grenzwerte doch gleich sein, denn Langzeit-Ungleichgewichte destabilisieren die Weltwirtschaft, so oder so. Eine Pressesprecherin von Währungskommissar Olli Rehn schreibt mir, hohe Defizite seien gefährlicher als hohe Überschüsse, weil sie die Kreditwürdigkeit eines Staates schmälerten und die ganze Eurozone in Gefahr bringen könnten – Überschüsse dagegen nicht. Aber das überzeugt mich nicht, denn das Zuviel des einen einen ist gleichzeitig das Zuwenig der anderen.

Wem die unterschiedlichen Grenzwerte nützen, zeigt sich auf Seite 18 des dicken Tabellen-Stapels, den die Statistiker der Kommission hinten an ihren Bericht getackert haben: Deutschland nämlich, dessen Überschuss zwischen 2008 und 2010 genau 5,9 Prozent betrug. Dass die Grenzwerte von -4 und +6 kein Zufall sind, sondern tatsächlich dem wissenschaftlichen Standard entsprechen, wie die Kommission in einer Fußnote schreibt – man kann es bezweifeln.

Auf Seite 18 finden sich übrigens auch die vergangenen Drei-Jahres-Durchschnitte für den deutschen Leistungsbilanzsaldo. Sie zeigen: Deutschland macht seit mehr als neun Jahren regelmäßig Überschüsse, liefert also Waren ins Ausland und bekommt dafür Schuldscheine.

Schade eigentlich, wir hätten das Geld auch für mehr Importe ausgeben können. Und 5,9 Prozent des BIPs sind eine ganze Menge, nämlich rund 150 Milliarden Euro.