Dirk Hinrich Heilmann
Dirk Heilmann ist seit 1998 beim Handelsblatt und seit August 2009 der Chefökonom der Zeitung. Er leitet das Ressort Konjunktur und Geldpolitik.

Beiträge von Dirk Hinrich Heilmann:

Die Märkte geben eher Merkel Recht

Eines der Argumente im Aufruf der inzwischen mehr als 200 Ökonomen um Hans-Werner Sinn und Walter Krämer gegen die Beschlüsse des EU-Gipfels vom 28./29. Juni ist es, dass die Finanzmärkte über die Bereitschaft der Deutschen “jubelten”, noch größere Risiken für die Euro-Rettung einzugehen.

Auch in der Antwort Sinns und Krämers auf den Chor der Kritiker, die heute in der FAZ erschienen ist, heißt es wieder: “Der Jubel der Kapitalmärkte über die Bereitschaft Deutschlands, die Verluste mit seinem Geld auszugleichen, sollte die deutschen Bürger genauso sorgenvoll stimmen wie uns.” Wenn man allerdings einmal auf die Kursentwicklung für Bankaktien und Staatsanleihen schaut, dann fragt man sich: Welcher Jubel?

Die spontane Reaktion vieler Bankaktien war in der Tat sehr positiv. Aber nachdem die Märkte Gelegenheit hatten, die Gipfelergebnisse zu analysieren, sehen sie das Geschehen ganz anders. Bei Aktien südeuropäischer Banken ergibt sich ein uneinheitliches Bild. Während zum Beispiel die Aktie der italienischen Großbank im Vergleich zum Vor-Gipfel-Stand am 28. Juni um sieben Prozent gestiegen ist, ist die Aktie der ebenfalls italienischen Krisenbank Monte dei Paschi um ein Prozent gesunken. (weiterlesen …)

Sehenden Auges ins Desaster

Wer in diesen Wochen durch Europa reist, den können schon depressive Anwandlungen beschleichen. Das gemeinsame europäische Haus brennt an mehreren Ecken, doch niemand fühlt sich bemüßigt, den Feuerwehrschlauch in die Hand zu nehmen. Im Gegenteil streiten sich die potenziellen Retter darüber, wer an allem Schuld ist, wer als erster gewarnt hat, dass ein Brand droht und ob Wasser, Schaum oder Sand die beste Löschmethode sind. Fast fühlt man sich an Schilderungen aus Geschichtsbüchern oder Romanen über die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg erinnert: Jeder sieht das drohende Desaster kommen, keiner tut etwas, um es abzuwenden.

In der vergangenen Woche habe ich mich intensiv mit den deutschen Gegnern der bisherigen Euro-Rettungspolitik befasst. Da wächst, wie in der Handelsblatt-Ausgabe vom 29. Mai geschildert (hier die Online-Version), eine “bürgerliche Apo” heran, deren politischer Arm in der Bundestagswahl 2013 die Freien Wähler werden könnten.

Wut und Angst sind bis tief in bürgerliche Schichten groß: Deutschland, so fürchten viele, hat sich auf eine Rutschbahn begeben, auf der ein Rettungsschirm auf den nächsten folgt und immer weitere deutsche Milliarden als Garantien für die Krisenländer bereitgestellt werden. Diese Bewegung, die schon von Zehntausenden offen unterstützt wird, hat sich Angela Merkel selber zuzuschreiben. Sie hat die Menschen nicht mitgenommen auf den Weg in eine engere europäische Integration; sie verzichtet darauf, die Vorteile, die Deutschland aus dem Euro hatte und die es jetzt aus den extrem niedrigen Zinsen hat, offen anzusprechen. (weiterlesen …)

Video-Interview mit Robert Johnson von Inet

Im Nachgang zur Konferenz ‘Ökonomie neu denken’ von Handelsblatt und Stifterverband Ende Januar in Frankfurt gibt es hier noch ein Video-Interview mit Robert Johnson, dem Direktor des Institute for New Economic Thinking.

Ifo-Index bestätigt Optimisten

Ein weiteres Mal hat der Ifo-Index positiv überrascht. Mit einem Satz von einem Punkt auf 108,3 Punkte im Januar hat er klar die Erwartungen der Märkte übertroffen. Vor allem der Anstieg des Teilindex der Geschäftserwartungen über die 100-Punkte-Marke macht Mut. Es wird immer klarer, dass es trotz aller Unkenrufe wohl bei einer Konjunkturdelle in Deutschland bleiben wird, die sich vermutlich schon im BIP-Rückgang von rund einem Viertelprozent im vierten Quartal 2011 erschöpft haben dürfte. Die gestern veröffentlichten Markit-Einkaufsmanagerindizes für die Euro-Zone deuteten ja bereits in die gleiche Richtung.
Wer also wissen will, wie die Konjunktur in Deutschland 2012 laufen wird, sollte lieber auf Ifo als auf die düsteren Prognosen des Internationalen Währungsfonds von gestern schauen. Sie sind, wie so oft, schon bei Veröffentlichung ein bisschen hinter der Kurve zurück. Dass Deutschland 2012, wie der IWF sagt, nur um 0,3 Prozent wachsen, oder wie zum Beispiel das gewerkschaftsnahe Forschungsinstitut IMK sagt, sogar leicht schrumpfen wird, halte ich für unwahrscheinlich - immer vorausgesetzt natürlich, die Euro-Schuldenkrise gerät nicht außer Kontrolle.  Ifo zeigt inzwischen mit drei Anstiegen in Folge einen Wendepunkt nach oben an. Besonders erfreulich an den jüngsten Ergebnissen der Ifo-Umfrage unter 7000 deutschen Unternehmen ist, dass die Optimisten in der Industrie wieder klar die Oberhand haben. Das deutet auf eine Wiederbelebung der Exporte und weiterhin starke Investitionen im laufenden Jahr hin, zusätzlich zu einer für deutsche Verhältnisse ordentlichen Konsumkonjunktur und einer starken Bauwirtschaft. Fazit: Wenn wir am Ende des Jahres Bilanz ziehen, dann dürfte das tatsächliche BIP-Wachstum zum dritten Mal in Folge recht deutlich über den Konsensprognosen zu Jahresbeginn liegen. Ein Prozent Plus oder etwas mehr sind durchaus drin.

Die Drei vorm Komma ist kein Ausreißer

Zum vierten Mal innerhalb von sechs Jahren ist die deutsche Wirtschaft 2011 um mehr als drei Prozent gewachsen. Das haben zu Jahresbeginn nur ganz wenige Ökonomen glauben wollen.  Siehe mein Beitrag von Ende 2010 Das Misstrauen gegenüber der eigenen Stärke ist in Deutschland schließlich weit verbreitet. Dabei sprechen die Zahlen doch eine klare Sprache:  3,7 Prozent Wachstum 2006, 3,3 Prozent 2007, wieder 3,7 Prozent 2010 und glatt drei Prozent im vergangenen Jahr. Dazwischen lag die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren mit einem brutalen Einbruch von 5,1 Prozent. Zu den Details siehe: PK des Statistischen Bundesamtes
Seit dem Herbst 2011 schrumpft die deutsche Wirtschaft erneut, weil die Euro-Schuldenkrise unseren größten Absatzmarkt in die Rezession treibt. Der Negativtrend könnte auch Anfang 2012 anhalten, auch wenn die letzten Stimmungsindikatoren dagegen sprechen - doch selbst wenn Deutschland mit zwei negativen Quartalen in Folge die technischen Kriterien für eine Rezession erfüllen sollte, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die deutsche Wirtschaft in eine langanhaltende Flaute abrutscht. Im Gegenteil sieht es eher danach aus, dass sie bereits ab Frühjahr wieder ordentlich anzieht und das Jahr mit einem Plus von rund einem Prozent abschließt.  Wie zuletzt im Handelsblatt argumentiert, hilft ihr dabei die Euro-Krise im Grunde noch: durch niedrige Zinsen und einen sinkenden Euro-Kurs, durch zurückfließendes Kapital und die Zuwanderung von Arbeitskräften.
Seit 2009 haben die professionellen Prognostiker im Durchschnitt noch jedes Jahr die Leistungsfähigkeit der deutschen Volkswirtschaft unterschätzt. Ihr  derzeitiges wahres Potenzial zeigt sich in den Jahren mit einer Drei vor dem Komma. Sie sind kein Ausreißer, sondern zeigen das erreichbare Wachstumstempo der deutschen Wirtschaft in diesem Jahrzehnt – in Jahren ohne Finanzkrise. 
Wenn wir die Euro-Krise im Laufe dieses Jahres gelöst bekommen, dann kann die Drei vorm Komma bald wieder zurückkehren, vielleicht sogar schon 2013. Sie kann in einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft kein Dauerzustand werden, aber eine Reihe fetter Jahre sind für die starke deutsche Industrie durchaus in Sicht. Wie die Deutschen daraus das meiste machen können und welche Reformen nötig sind, um auch darüber hinaus erfolgreich zu bleiben, schildern Bert Rürup und ich übrigens in dem Ende Februar erscheinenden Buch\”Fette Jahre. Warum Deutschland eine glänzende Zukunft hat.\”

Entmachtet die Rating-Agenturen!

Wer nach einer Serie von krisenverschärfenden und höchst unglücklich terminierten Herabstufungen und Warnungen der großen Rating-Agenturen noch an Zufall glaubte, dürfte spätestens seit gestern Abend ernste Zweifel haben. Die Entscheidung von Standard & Poor’s, ausgerechnet an dem Tag, an dem “Merkozy” die bisher größten Fortschritte zur Bekämpfung der Schuldenkrise machten, alle Euro-Staaten mit Herabstufungen ihrer Bonität zu bedrohen, können eigentlich nur als bewusstes Störfeuer verstanden werden.  Den Deutschen mag der zusätzliche Druck am Ende ganz Recht sein, denn er erhöht die Chancen, dass sie auch auf dem Euro-Krisengipfel am Freitag ihre Forderungen durchsetzen können. Doch das Handeln der großen Rating-Agenturen können die Europäer nicht länger einfach hinnehmen. Es ist vielleicht die größte Absurdität der Euro-Schuldenkrise, dass die in der Finanzkrise gründlich diskreditierten Rating-Agenturen von der Wall Street nach wie vor eine solche Schlüsselrolle einnehmen.

Warum eigentlich sollen die Rating-Agenturen die letzte Instanz für die Beurteilung der Bonität von Staaten sein? Im Falle  privat begebener Anleihen, zum Beispiel von Unternehmen, ist ihre Funktion nachvollziehbar: Die Agenturen sammeln Informationen über hunderttausende von Wertpapieren – Informationen, die teilweise nicht öffentlich zugänglich und für den einzelnen Anleger unmöglich komplett auszuwerten sind -  und bilden sich auf deren Grundlage und nach festen Kriterien ein Urteil, an dem sich die Anleger orientieren können. Doch Daten über die Staatshaushalte sind in Demokratien frei zugänglich, und die Ratingagenturen haben keinerlei privilegierten Zugang zu Informationen über öffentliche Finanzen – im Gegenteil, das Bundesfinanzministerium zum Beispiel spricht gar nicht mit ihnen, wie Vertreter der Agenturen selber beklagen. Die Agenturen haben auch in der Regel keinen Auftrag, die Bonität von Staatsanleihen zu bewerten – sie tun das bei wichtigen Ländern freiwillig und kostenlos, weil die staatliche Bonität ein Element der Bewertung privat begebener Papiere aus diesen Ländern ist.

Also lasst uns die Agenturen entmachten, soweit es um Staatsfinanzen geht. Das geht am besten, indem die EU der Europäischen Zentralbank offiziell die Aufgabe überträgt, die Bewertung der Bonität von Staaten zu übernehmen. Diese EZB-Bewertungen sollten dann als Grundlage für die Regulierung dienen, etwa wenn Finanzaufseher Banken, Versicherungen und Pensionskassen vorschreiben, Papiere welcher Bonität sie halten dürfen oder mit welcher Eigenkapitalunterlegung sie sie versehen müssen. 

Das Problem einer solchen Regelung ist klar: Der EZB würden Interessenkonflikte unterstellt. Aus den USA und Großbritannien würden wir hören, dass sie europäische Staatsanleihen zu nachsichtig bewertet, um das wahre Ausmaß der Euro-Schuldenkrise zu verschleiern. Die Glaubwürdigkeit der EZB wäre aber trotzdem auf Anhieb größer als die einer Europäischen Rating-Agentur, die jetzt auf Betreiben der EU neu gegründet würde. Außerdem bräuchte die EZB keine Aufbauarbeit, denn sie bewertet die Staatsanleihen zu internen Zwecken sowieso schon. Und für den Anleger ist es besser, wenn er sich aus einer Vielzahl qualifizierter Urteile ein eigenes Bild machen kann – besser jedenfalls als weiterhin einem Oligopol von der Wall Street ausgeliefert zu sein, das sich in der Vergangenheit nicht mit Ruhm bekleckert hat und in der Gegenwart als Brandbeschleuniger wirkt./

2011 ist nicht 2008; 2012 wird nicht wie 2009

Viele reden in diesen Tagen davon, dass sich die Ereignisse des Winters 2008/09 zu wiederholen drohen.

Damals rauschte die Weltwirtschaft nach dem Schock der Lehman-Pleite in eine tiefe Rezession – die Banken hörten auf, Geld zu verleihen, die Unternehmen hörten auf, zu investieren und die Menschen begannen aus Angst mehr zu sparen.

Die Ausweitung der Euro-Schuldenkrise von der Peripherie der Währungsunion in den Kern hat zweifellos das Zeug, eine neue Finanzkrise auszulösen, aber noch sind wir nicht so weit. Außerdem hat sich die Euro-Krise hinreichend langsam entwickelt, so dass auch Menschen, die nicht regelmäßig den Wirtschaftsteil lesen, sich allmählich an den Ernst der Lage gewöhnen konnten.

Das ist ein Faktor, der dazu beiträgt, dass es außerhalb der besonders hart von Sparprogrammen betroffenen Länder keine schockartigen Auswirkungen auf die Realwirtschaft zu geben scheint. Ein anderer Faktor ist, dass die Unternehmen ganz offensichtlich aus den Erfahrungen von 2008 gelernt haben und ruckartige Anpassungen an die verschlechterten Aussichten vermeiden, um nicht zu der Rezession beizutragen, die sie fürchten.

Zwar haben die Banken begonnen, ihre Kreditvergabe einzuschränken, aber die Unternehmen investieren weiter und die Menschen konsumieren weiter - das zeigt sich in Deutschland in diesen Wochen ganz deutlich.

Der Konsum und die Unternehmensinvestitionen haben im dritten Quartal den Export als Wachstumstreiber abgelöst und das scheint auch in das vierte Quartal hinein zu tragen. Drei Hinweise darauf sind heute: Der weitere Rückgang der Arbeitslosenzahlen im November, der unerwartet kräftige Anstieg der Einzelhandelsumsätze um real 0,7 Prozent im Oktober und der nochmalige, wenn auch nur einprozentige Anstieg der Aufträge im deutschen Maschinenbau.

Auch in den USA haben die Pessimisten ein weiteres Mal mit ihrer Ankündigung eines Double-Dips nicht recht behalten, Japan erholt sich nach den Katastrophen des Frühjahrs und China und andere Schwellenländer halten starke Wachstumsraten aufrecht. Das alles sieht nicht danach aus, dass 2012 so wird wie 2009.

Und das sind wiederum gute Nachrichten für die deutsche Wirtschaft. Sie wird zwei, drei schwache Quartale erleben, aber die Indikatoren lassen uns die Hoffnung, dass eine Rezession trotz der Probleme in der Euro-Zone noch vermeidbar ist.

Dass dies alles unter dem Vorbehalt steht, dass die Währungsunion nicht auseinanderfällt, versteht sich von selbst.

ADB-Chefvolkswirt Rhee mahnt die Europäer

Letzte Woche in Frankfurt hatte ich Gelegenheit, mit dem Chefvolkswirt der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB), Changyong Rhee, über die Euro-Krise zu sprechen. Rhee ist ein südkoreanischer Ökonom, hat in Harvard promoviert, in Seoul gelehrt und dort die Regierung und Investmentfirmen beraten. Unter anderem hat er den G20-Gipfel 2010 in Seoul maßgeblich vorbereitet. Hier ist, was er zu sagen hat:

(weiterlesen …)

Ökonomen trommeln für den Euro

Die Angst ist groß, dass der morgige Euro-Gipfel einmal mehr ein unzureichendes Ergebnis hervorbringt.

Darum hat sich heute – neben vielen anderen Einzelstimmen – auch eine Gruppe prominenter europäischer Ökonomen zu Wort gemeldet.

(weiterlesen …)

Sinn verteidigt sich

Auf einer zweieinhalbstündigen Pressekonferenz hat sich Hans Werner Sinn in Frankfurt seinen Kritikern gestellt. Dabei gab er sich konziliant und diskussionsbereit und nahm einzelne Positionskorrekturen vor, untermauerte aber seine Target-2-Kampagne mit einer ausführlichen neuen Studie. Diese wurde vor Ort im Japan Center in Frankfurt als broschierter Vorabdruck verteilt und sollte heute mit letzten Korrekturen auf der Ifo-Homepage www.cesifo-group.de zur Verfügung stehen. Das ist bis jetzt allerdings nicht der Fall.

Update: Sinns Papier ist inzwischen in deutsch und englisch online.

(weiterlesen …)