Dorit Heß
Dorit Heß schreibt seit 2005 für das Handelsblatt über Konjunktur, Wirtschaftspolitik & makroökonomische Trends

Beiträge von Dorit Heß:

Hört auf die Unternehmen!

Die deutschen Unternehmen haben im April wieder einmal eines gezeigt: Mit ihnen ist zu rechnen. Selbstbewusst haben die Firmen bei der monatlichen Ifo-Umfrage klar gemacht, dass sie trotz der wieder aufflammenden Euro-Schuldenkrise erfolgreich Geschäfte machen – und annehmen, dass das künftig so bleibt. Der Chef der Münchener Wirtschaftsforscher aus der Poschingerstraße, Hans-Werner Sinn, sagt das so:

Die deutsche Wirtschaft zeigt sich widerstandsfähig.

Was sich daran ablesen lässt? Die These, dass die deutsche Wirtschaft im Winter nur eine Wachstumspause eingelegt hat – im vierten Quartal 2011 war das Bruttoinlandsprodukt im Vorquartalsvergleich geschrumpft – hat neues Futter bekommen. Inzwischen spricht sehr viel dafür, dass die Zeit der Pessimisten vorbei ist – und das Wachstum spätestens im zweiten Quartal zurückgekehrt ist. (weiterlesen …)

Böse Überraschungen haben Konjunktur

Wer hätte das gedacht? Keiner der von Bloomberg befragten Ökonomen jedenfalls. Keiner hatte erwartet, dass das Ifo-Geschäftsklima im November steigen wird.

Positive Überraschungen sind in Krisenzeiten ohnehin eine Rarität.

Die Volkswirte der Commerzbank führen darüber sogar Buch. Der Chefvolkswirt der Bank, Jörg Krämer, hat mit seinen Kollegen über einen längeren Zeitraum beobachtet, was die Mehrheit der Ökonomen vor der Veröffentlichung von Konjunkturdaten für die Euro-Zone erwartet - und was dann tatsächlich passierte.

Die Überraschung war in den meisten Fällen: negativ. Jedenfalls in Europa überwiegen die unbeliebten Überraschungen. Das zeigt ein sogenannter Surprise-Index:

Euro Area Surprise Indicator

Was dahinter steckt? Die Bankvolkswirte vergleichen die Werte, die ihre Zunft für wichtige Konjunkturdaten im Schnitt erwartet hatte mit den tatsächlichen Ergebnissen. Die Differenz standardisieren sie, so dass sie die in unterschiedlichen Einheiten gemessenen Werte vergleichen können.

Dass die Überraschungen in Europa derzeit so oft so negativ waren, preisen die Volkswirte in ihre Konjunkturprognose ein. Nicht einmal eine Stagnation trauen die Commerzbank-Ökonomen der Euro-Zone inzwischen noch zu.  Erst vor enigen Tagen haben sie ihre Prognose auf minus 0,4 Prozent für 2012 für die Euro-Zone gesenkt.

In den USA ist der Überraschungseffekt übrigens ein anderer:

US Surprise Indicator

Die Arge spielt Sommertheater

Diese Pressemitteilung, die am heutigen Montag versendet wurde, hat absurde Züge. Dort heißt es:

Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Blum wurde am 5. September 2011 von der Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute e.V. (ARGE-Institute) als Nachfolger von Prof. Dr. Klaus F. Zimmermann zum Vorsitzenden der ARGE-Institute gewählt.

Warum absurd? Weil Ulrich Blum bereits einen Tag nach der Wahl, die laut der heutigen Pressemitteilung bereits am 05.09. war, sein Amt als Chef des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) zur Verfügung gestellt hat. Am Abend des 06.09. wurde bekannt, dass die in Halle erscheinende Mitteldeutsche Zeitung berichten werde, IWH-Präsident Blum habe wie auch der Geschäftsführer Frowin Gensch dem Vorstandsrat des IWH seinen Rücktritt angeboten. Das Wirtschaftsministerium habe das mit Respekt zur Kenntnis genommen. Der Grund: Das Institut war seit Jahren in der Kritik der Leibniz-Gesellschaft, die über die Vergabe der Fördermittel entscheidet.

Blum hat die Schwierigkeiten seinen Institutskollegen bei der Arge-Sitzung keineswegs verschwiegen, er hat ihnen reinen Wein eingeschenkt. Auch das geht aus der heutigen Pressemitteilung hervor:

Im Vorfeld der Wahl hatte Prof. Blum auf die schwierige Diskussion am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) verwiesen und die damit verbundene Möglichkeit eines Amtsverzichts ebendort thematisiert.

Unmittelbar nachdem Blum dennoch das Vertrauen der Arge-Kollegen ausgesprochen bekam, ist aus der “schwierigen Diskussion” ein endgültiges Aus für den IWH-Chef geworden - Blum wird nur noch bis zur nächsten Vorstandssitzung Mitte Oktober in Halle im Amt bleiben.

Seinen neuen Job bei der Arge dürfte er damit freilich auch schnell wieder los werden. Die schreibt heute vielsagend:

In Anbetracht der öffentlichen Diskussion nach dem Angebot dieses Amtsverzichts als Präsident des IWH hat Prof. Blum den stellvertretenden Vorsitzenden erneut für den persönlichen Vertrauensbeweis gedankt. Nach ersten internen Überlegungen soll im Januar 2012, im Anschluss eines ohnehin geplanten Treffens der ARGE-Institute, auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung ein Nachfolger bestimmt werden.

Besonders absurd ist das Hickhack auch deswegen, weil die Arge – dahinter verbergen sich die sechs großen Wirtschaftsforschungsinstitute der Leibniz-Gemeinschaft sowie 20 weitere Forschungseinrichtungen – just am 05.09., also am Tag der Mitgliederversammlung, auf der Blum gewählt wurde, zu einer Pressekonferenz in Frankfurt eingeladen hatte. Am Rande der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik hatten einige Institutsleiter im Gespräch mit Journalisten erklärt, auch künftige, gemeinsame Stellungnahmen zu wichtigen Themen für möglich zu halten – um ihnen so mehr Gewicht zu verleihen. Die Erklärung, was genau die Arge ist und will, war difus. Auf ihrer Internetseite schreibt sie über ihren Zweck:

Zweck des Zusammenschlusses ist die gemeinsame Bearbeitung von wirtschaftswissenschaftlichen Gutachten sowie der Informationsaustausch in wirtschaftspolitischen und wirtschaftswissenschaftlichen Fragen.

Wenn es der Arge noch nicht einmal gelingt, einen Vorsitzenden zu finden, der die Perspektive hat, länger als wenige Wochen im Amt zu bleiben – wie will sie sich dann Gehör verschaffen?

Auf ihrer Internetseite nennt die Arge übrigens noch ihren alten Vorstand:

http://www.arge-institute.de

Ist das die Wende?

Der Euro-Gipfel hat diese Woche nahezu alle weiteren wirtschaftsrelevanten Ereignisse und Veröffentlichungen in den Schatten gestellt. Da konnte Bundeskanzlerin Merkel die Erwartungen im Vorhinein noch so sehr dämpfen – angesichts der Bedeutung der Beschlüsse stand der Gipfel im Fokus. Zu Recht.

Es lohnt sich dennoch, einige Konjunkturdaten, die in dieser Woche fast unbemerkt veröffentlicht wurden, hier einmal zu thematisieren. Denn sie transportieren eine wichtige Botschaft: Die Weltwirtschaft verliert an Fahrt – und das deutlich.

(weiterlesen …)

Im Schutze der Anonymität

Prognosen sind eine schwierige Sache – erst Recht, wenn sie die Zukunft betreffen. Dieser gern zitierte Spruch ist spätestens seit der Finanzkrise in aller Munde.

So hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beispielsweise Anfang Oktober 2008 noch für das Jahr 2009 einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von einem Prozent erwartet. Der damalige DIW-Chef Klaus Zimmermann sagte:

“Wir gehen davon aus, dass eine Eindämmung der Finanzkrise gelingt.”

(weiterlesen …)

Ruf verteidigt

Die Einzelhandelsdaten haben ihren Ruf zum Ende dieser Woche einmal mehr verteidigt. Sie machen, was sie wollen: schwer zu prognostizieren, und schwankungsanfällig ohne Ende.

Ganz amtlich heißt es heute:

Die deutschen Einzelhandelsunternehmen setzten im März 2011 nach vorläufigen Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) nominal 2,0% und real 3,5% weniger um als im März 2010.

Und im Vergleich zum Februar 2011 sei der Umsatz im März nominal um 1,8 Prozent, real um 2,1 Prozent gesunken.

Die Mehrzahl der Volkswirte hatte eine ganz andere Entwicklung auf der Rechnung - und im Monats- und auch im Jahresvergleich einen Anstieg vorhergesagt.

Dass die Zahlen ganz anders als gedacht ausfallen, spiegelt sich denn auch in den Analysen des ein oder anderen Kommentators wider. Die Arbeitslosenzahl geht zurück, was die Kaufkraft steigern sollte. Aber die Preise, inbesondere für Kraftstoffe, steigen, was die Verbraucher belastet.

Was bleibt? Nur Unklarheit? Nicht ganz.

Ein verlässliches Barometer sind repräsentative Umfragen unter Unternehmern.  Markit hat im April 400 Einzelhändler befragt und ein positives Ergebnis bekommen. Tom Moore, Ökonom des Informationsdienstleisters, kommentiert es so:

Die Rekordasuweitung der Einkaufsmenge und der stärkste Jobaufbau seit September 2007 deuten überdies darauf hin, dass sie für die nächsten Monate ausgesprochen zuversichtlich sind und weitere robuste Umsatzsteigerungen erwarten.

Manchmal sagen Frühindikatoren mehr aus als amtliche Zahlen, deren Revision absehbar ist.

 

Neuigkeiten! Neuigkeiten?

Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) ist wahrlich für Überraschungen gut. Im Handelsblatt war bereits am 05. April 2011 zu lesen:

Und selbst der notorisch vorsichtige Bundesverband der deutschen Industrie rechnet nun mit “etwas mehr” als 2,5 Prozent Wachstum für das laufende Jahr. “Das globale Umfeld ist günstig”, sagte BDI-Präsident Hans-Peter Keitel auf der Hannover-Messe.

Mehr als zwei Wochen später nun die Neuigkeit – in einer Pressemitteilung vom 20. April 2011 gibt der Verband genau bekannt:

Der BDI sieht die deutsche Konjunktur 2011 weiter aufwärts gerichtet.

Allerdings wird sich die Dynamik des Aufschwungs im Laufe des Jahres etwas verringern. Insgesamt erwartet die Industrie im laufenden Jahr eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts von gut 2,5 Prozent.

Der aufmerksame Handelsblatt-Leser wusste das!

Auch wenn Protokolle eben jenes Verbandes zuweilen spannend sind, die Aufzeichnung der letzten Sitzung der Konjunkturkollegen dürfte es nicht  unbedingt sein…

Aber immerhin: Das Berliner Lieblingsspiel “Treibe jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf” macht der Industrieverband in diesem Fall nun wirklich nicht mit.

Ein Rückgang muss nichts Schlechtes bedeuten

Deutschland ist eine besonders offene Volkswirtschaft. So beschreiben Ökonomen ein Land, das außenwirtschaftlich sehr aktiv ist. So weit, so bekannt.

Doch wie gut verträgt es eine solche Volkswirtschaft, wenn ihr aus immer mehr Teilen der Welt immer heftigerer Gegenwind entgegenbläst?

Die politischen Unruhen in Afrika, die Schuldenkrise in Europa, die Natur- und Atomkatastrophe in Japan, der hohe Ölpreis – die Liste der Risiken ist lang. Und alle Punkte auf dieser Lister haben eines gemeinsam: Sie sind in ihrem Ausmaß kaum einzuschätzen. Das ist, nun ja, das beschwerliche an Risiken…

Eine Ahnung, wie gut die deutsche Wirtschaft in den kommenden Wochen damit fertig werden wird, liefern dieser Tage zwei wichtige Frühindikatoren:

Beiden Indikatoren liegen Unternehmensbefragungen zugrunde. Beide zapfen also die beste erhältliche Informationsquelle an.

(weiterlesen …)

Neues Spielfeld

„DIW-Prognose zum dritten Mal goldrichtig“. Nein, nein – diese Meldung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bezieht sich nicht auf die Konjunktur. Auch nicht auf die Zahl der Arbeitslosen. Was das Berliner Haus stattdessen richtig vorhersagte? Den Fußball-Weltmeister 2010, Spanien. (weiterlesen …)

Alt und fragwürdig

 
Standpunkte werden nicht richtiger, wenn sie häufiger, wenn sie lauter oder wenn sie von immer anderen Personen vertreten werden. Aber sie werden politischer – und damit zum Gesprächsthema in der breiten Öffentlichkeit. Das zeigt die laufende Debatte über die Ungleichgewichte in der Euro-Zone einmal mehr.

Die Exportüberschüsse in Deutschland sind hoch, der Konsum schwach. Das ist traditionell so – und die Forderung, Deutschland solle den Konsum endlich ankurbeln, um die Ungleichgewichte innerhalb der Euro-Zone zu beseitigen, nicht neu.

Wer in den vergangenen Wochen im europäischen Ausland den Volkswirten gut zugehört hat, konnte diese Forderung immer wieder hören. Auch damals war sie alles andere als neu. Der Chefvolkswirt der OECD, Pier Carlo Padoan, etwa hatte das Thema im Gespräch mit dem Handelsblatt kürzlich aufs Tableau gebracht. ”Wir haben in Europa ein starkes Ungleichgewicht und wir brauchen eine Umverteilung der Nachfrage.” Auch Luxemburgs Ministerpräsident, der Chef der Euro-Gruppe Jean-Claude Juncker, hatte Deutschland aufgefordert, die Nachfrage zu fördern: “Deutschland muss sich fragen, ob es nicht eine weitere Stärkung der Binnennachfrage braucht.”

Nun also Christine Lagarde. Später als viele andere kritisiert die französische Wirtschafts- und Finanzministerin Deutschlands Fixierung auf den Export, aber wortgewaltig: “Zum Tango gehören zwei”, sagt sie.
Sie alle können sich in politischer Rhetorik üben. Aber sonst? Nichts!
Als ob sie Deutschland zwingen könnten, ihre Exportstärke freiwillig zu schwächen. Wen genau will man dazu bewegen? Und wie? Glaubt jemand ernsthaft, Juncker könne die Tarifautonomie kippen und einen hohen Tarifabschluss für den öffentlichen Dienst herbeiführen? Oder Lagarde könne die deutschen Unternehmen dazu bringen, höhere Löhne zu zahlen?

Und vor allem: Mit welchem Ziel? Als ob ein schwächeres Deutschland Europa nützte. Die Krise wird beinahe automatisch dafür sorgen, dass manche Länder mehr sparen, andere mehr ausgeben müssen - und so die Überschüsse schmelzen.