Wie wahrscheinlich ist der China-Crash?

China drohe mit 20-prozentiger Wahrscheinlich, die Welt in den Abgrund einer neuen Finanzrkise zu reißen, behaupten Ökonomen des französischen Bankhauses Société Générale.

Eine beunruhigende Vorhersage, die wir uns hier definitiv näher ansehen sollten.

Über die Gefahren chinesischer Schulden lasse ich mich demnächst hier noch einmal aus, doch diesmal möchte ich mich auf einen anderen Aspekt konzentrieren: Die Sache mit der Wahrscheinlichkeit eines einmaligen Ereignisses an.

Zunächst möchte ich sagen, dass ich den Ökonomen des Privatsektors dankbar für die Einschätzungen bin, die sie der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Auch der Mut, mit einer vergleichsweise exakten Schätzung wie die „Wahrscheinleichkeit von 20 Prozent für eine chinesische Finanzkrise im Jahr 2014“ anzutreten, verdient Respekt. Das verschafft uns eine Grundlage für die weitere Diskussion.

Schätzungen dieser Art haben zudem durchaus ihren Platz in ökonomischen Betrachtungen, wie dieses Paper sehr schön erklärt. Doch das sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine solche Zahl nichts weiter ist als ein Schätzung „Pi mal Daumen“.

Diese Wendung, „Pi mal Daumen“, ist übrigens ein schöner Vergleich dafür, wie solche Ökonomenschätzungen zustande kommen. Sie basieren zwar auf komplexen Modellen mit allerlei schönen Konstanten und Variablen und Formeln. Der Input für die Frage nach einer Finanzkrise in einem gegebenen Jahr ist jedoch auf jeden Fall am Ende eine Schätzung.

Wie berechnet man seriös die Wahrscheinlichkeit für ein Ereignis, das noch nie eingetreten ist und dessen Häufigkeit es keine Erfahrungswerte gibt?

In „Raumschiff Enterprise“ ist es noch ziemlich unterhaltsam: Mr. Spock oder der Roboter Data denken einige Sekunden nach und sagen dann so etwas wie: „Die Chancen, dass wir getötet werden, liegen bei 228,7 zu eins.“

In der Realität der Mathematik kann Spock das natürlich nicht so präzise ausrechnen. Wahrscheinlichkeiten lassen sich nur für Ereignisse beziffern, bei denen die Zahl der möglichen Ergebnisse des einen (Kirk tot) oder anderen (Kirk lebt) Endzustandes bekannt sind. Einie Mission um ein unheimliches Außerirdisches Wesen in dunklen Höhlen auf einem fremden Planeten ergibt dagegen einmal wieder reichlich Unbekannte Größen für das Modell in Spocks Kopf. Also mal wieder: Pi mal Daumen.

Für ein Einzelereignis wie den Wurf eines Würfels lässt sich eine Wahrscheinlichkeit problemlos ausrechnen, weil die möglichen Ergebnisse schön festgelegt sind: Die sechs Seiten, auf denen der Würfel landet. Die Wahrscheinlich, dass Kapitän Kirk ausgerechnet auf dieser Weltraummission getötet wird, muss dagegen auch Spock unbekannt sein.

Noch ein Nachsatz zu diesem Gedanken: Es ist uns Zuschauern natürlich möglich, dieses Ereignis mit einer Wahrscheinlichkeit zu verbinden: Im Kinofilm „Generations“ stirbt Kirk tatsächlich. Da es 86 klassische Serienteile und Filme mit dieser Figur gibt, wäre die Wahrscheinlichkeit 1:86, ihn sterben zu sehen, wenn wir eine zufällige Folge auswählen. Das ist ein Beispiel für eine Wahrscheinlichkeit, die sich zuverlässig berechnen lässt.

Zurück zur wesentlich ernsteren Frage, ob Chinas Schulden die Welt erneut in den Abgrund können. Warum belegen gut ausgebildete Ökonomen eines angesehen Bankhauses ein solches Ereignis mit einer exakten Wahrscheinlichkeit, nämlich „20 Prozent“?

Die Unsicherheit im Umgang mit China ist derzeit ziemlich groß. Einige Ökonomen sagen, es sei dort in Wirklichkeit alles in Butter, andere sehen das Land immer kurz vor dem Crash.

Ich denke, durch das Spiel mit Wahrscheinlichkeiten sichern sich die Bank-Ökonomen in alle Richtungen ab. Wenn tatsächlich der Absturz kommt, dann haben sie ihn schließlich vorhergesehen. Kommt er nicht, dann sind sie stolz, dass ihre 80-prozentige Prognose eingetreten ist.

Fragt sich, was der praktische Nutzen dieser Prophezeiung ist. Nehmen wir den Geschäftsführer eines deutschen Mittelständlers. Soll er sich nun zu 20 Prozent komplett aus dem Markt zurückzuziehen und zugleich zu 80 Prozent dort mehr investieren, um am künftigen Wachstum teilzuhaben?

Oder die Nachbarabteilung in der gleichen Bank: Wie baue ich einen Crash, der nur mit 20-prozentiger Wahrscheinlichkeit eintritt, in eine Prognose zum Beispiel für die EU ein? Wie in die Aktienstrategie? Die Antwort: Gar nicht, sie müssen sich an das so genannte Baseline Scenario halten.

Tatsächlich liegt die Antwort auf die Frage nach dem „Wann“ der chinesischen Bankenkrise in der Politik. Denn eine souveräne Volkswirtschaft mit großem staatlichen Einfluss wie China kann eine heftige Korrektur ziemlich lange verschleppen.

Das hat auch das Beispiel Japan nach 1990 gezeigt: Eine intransparente Verschwörung aus Banken, Firmen und Regierung hat ein Absacken der Konjunktur durch Stillhalten und die Freigabe immer neuer Staatsmilliarden hat ein Absacken der Wirtschaftsleistung jahrzehntelang aufgehalten.

In ähnlicher Weise ist die chinesische Zentralbank durchaus in der Lage, ein windiges Produkt und eine angeschlagene Bank nach der anderen zu retten, wenn nötig. Darunter leiden Produktivität, Kreativität, Effizienz und Glaubwürdigkeit – doch der Crash ist im Staatskapitalismus durchaus abwendbar.

Diese Sicht einer Volkswirtschaft entspricht nicht dem Idealbild das Kapitalismus, das von unabhängigen Akteuren, offenen Systemen und einer gnadenlosen Flurbereinigung durch den Markt ausgeht. Doch auch im Westen wirken diese Marktkräfte nicht mehr. Oder darf in den USA oder der EU etwa Pleite gehen, was Pleite gehen müsste?

Ebenso gebietet es die politische Logik in China, eine Bankenkrise nicht zuzulassen – denn das würde die Macht der Kommunisten in Frage stellen. Es brächte auch einen internationalen Gesichtsverlust, schließlich hat schon Premier Wen Jiabao seinerzeit mächtig damit angegeben, dass so etwas bei ihm zuhause nicht passieren kann.

Tatsächlich sieht die Lage also so aus: Ob die chinesische Regierung im Jahr 2014 eine Bankenkrise zulässt oder stattdessen das Schuldenproblem verschleppt, ist ihre Entscheidung. Beides sind Wege, um mit dem hohen Schuldenstand umzugehen.

Um die Wahrscheinlichkeit des einen oder des anderen Ereignisses exakt zu berechnen, wäre daher die Kenntnis der Zustände aller Gehirnzellen von Präsident Xi Jinping, sondern der gesamten Top-Führung und eines Großteils der Mitglieder der Kommunistischen Partei eine sinnvolle Datenbasis.

Das ist jedoch, wie gesagt, gar nicht nötig. In China gilt: Eine Krise darf nicht sein, deshalb wird eine Krise auch nicht sein.

(Deutschland und die EZB hätten auch die Eurokrise komplett vermeiden und abwenden können – indem sie einfach für alle in unbegrenztem Umfang garantiert und bezahlt hätten. Das entsprach jedoch umgekehrt nicht der politischen Logik in Berlin: Es hätte den Reformdruck abgelassen und wäre den deutschen Wählern nicht vermittelbar gewesen. Und mangels politischen Einflusses in Griechenland hätte sich ein Fass ohne Boden aufgetan. All diese Probleme haben die Kommunisten in China nicht, sie regieren souverän im eigenen Land mit eigener Währung.)

Letztlich sollten sich die Märkte von Untergangs-Prognosen zu China nicht verwirren lassen. Solange China seine Kapitalmärkte abgeschottet hat, die Banken dem Staat gehören und die Zentralbank eine abhängige Behörde ist, kann Peking zumindest den Schein wahren, dass alles in Ordnung ist.

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [1]

  1. nein, es sind alle Länder gleichzeitig! die USA, China, japan und die EU, sie sind alle megapleite. es würde mich nicht wundern wenn das datum für den weltweiten Finanzgau bereits stehen würde. das kann nicht mehr lange daueren weil der IWF ein Bargeldverbot, und das Geld aller Sparer will, und im März eine neue Weltwährung daherbringt. bis dahin wird man nicht müde der menschheit Scheiße zu erzählen.