Li legt los

Rettung für die Konjunktur: Neubauprojekte in China (Changzhou).

Rettung für die Konjunktur: Neubauprojekte in China (Changzhou).

Premier Li weigert sich, den Geldhahn wieder aufzudrehen. Dafür hat es auf das schwächste Wachstum seines Landes seit anderthalb Jahrzehnten ankommen lassen: Lediglich 7,7 Prozent betrug das Plus im vergangenen Jahr. Für das kommende Jahr lässt Li die Chinesen lediglich auf „Stabilität“ in der Wirtschaftspolitik einstimmen. Sprich: Einen neuen Boom will Peking keinesfalls auslösen. Dafür will Li durch gezielte Reformen ein nachhaltiges, selbsttragendes Wachstum schaffen. 

Die Reformen sind im Wesentlichen bereits umrissen: Bürokratieabbau, mehr Freiheit für Unternehmen, Deregulierung des Finanzsystems, mehr Offenheit. Doch auffälliger ist derzeit noch die andere Seite der Strategie: kein „weiter so“ bei der hemmungslosen Kreditvergabe zur Wachstumssteigerung. Kein Wunder, denn Li hat es mit hartnäckig festsitzenden Problemen zu tun. Um hier etwas zu bewegen, muss er hart durchgreifen.

“Überhitzte Investitionen, exzessive Kreditvergabe, ein zu hoher Handelsüberschuss, eine zu große Schere zwischen den Einkommen auf dem Lande und in der Stadt, zu wenig Konsum.“ Diese Beschreibung der Probleme Chinas stammt nicht etwa vom aktuellen Premier Li. Sondern von seinem Vorgänger Wen Jiabao, der diese Einschätzung vor sieben Jahren abgegeben hat. Das war noch vor der Weltkrise und den gigantischen Konjunkturprogrammen, mit denen Wen selbst eine weitere Überhitzung ausgelöst hat!

Die Probleme sind daher nicht nur dieselben, sie haben sich zusätzlich festgesetzt. Schon Premier Wen hatte seinerzeit vor, das Wachstum auf ein solideres Fundament zu stellen. Statt bloß immer mehr Fabriken zu bauen und den Weltmarkt mit immer mehr Waren zu überschwemmen, sollte eine gesunde Binnenwirtschaft entstehen. Wohlhabend, innovativ, umweltfreundlich.

Fairerweise muss man sagen, dass es die von Amerika verschuldete Weltwirtschaftskrise war, die Wen damals einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Ob er tatsächlich Reformen gewagt hätte, ist Spekulation. Doch die Realität sah so aus, dass der Stimulus in Höhe von einer Billionen Euro gerade rechtzeitig kam, um den Arbeitsmarkt in China und nebenbei die Weltwirtschaft vor dem Untergang zu retten.

Die deutschen Unternehmen vor Ort sind der chinesischen Regierung ehrlich dankbar für die Geldschwemme der Jahr 2009 bis 2011. „Die haben uns rausgehauen, das Timing war genau richtig“, sagte neulich ein Top-Manager eines deutschen Autoherstellers. „Ohne China hätten diese Jahre schlecht ausgesehen“, bestätigt ein Vertreter der Konkurrenz im Oberklasse-Segment.

Eine ähnliche Haltung dürften die Wirtschaftspolitiker in der Bundesregierung haben. Der China-Boom mitten in den Jahren der tiefsten Krise in EU und USA hat die deutsche Exportwirtschaft stabilisiert und die Lage damit enorm vereinfacht.

Vermutlich würden die Entscheider in Berlin und in Washington, genauso wie die in Wolfsburg, in Ludwigshafen und in Stuttgart, ein neues Konjunkturpaket der Chinesen mit Freude begrüßen. Es würde ihnen das Zahlenwerk für 2014 retten.

Doch in die Freude über dieses Geschenk würde sich gleichermaßen Unbehagen über die möglichen Folgen mischen. Denn die Wachstumsmöglichkeiten durch immer höhere Investitionen sind im Wesentlichen ausgeschöpft. Schon jetzt gibt es zu viele Stahlöfen, zu viel Umweltverschmutzung, zu viele leer stehende Kongresszentren. Noch mehr Überkapazitäten, und die Korrektur könnte katastrophale Züge annehmen.

Deshalb sind die Entscheider in der Bundeshauptstadt Berlin genauso wie in der Autohauptstadt Wolfsburg vermutlich ganz froh, dass Präsident Li die Lage versteht – und einen Kompromiss sucht. Er will die Überkapazitäten konsequent abbauen lassen, schreckt aber vor einer Schocktherapie für die Wirtschaft zurück. Alte Stahlhütten und zu große Werften sollen schließen, dafür sollen der Mittelstand, der strukturschwache Westen und innovative Branchen umso mehr Förderung erhalten.

Das halten auch die deutschen Manager vor Ort für ein solides Konzept. Zumal ihnen der behutsame Kurs zumindest auch im Jahr 2013 sehr gute Geschäfte gesichert hat.

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Alle Kommentare [1]

  1. Der Höhepunkt der Immobilienpreise in Japan lag im Jahr 1991. Dann ging es bis heute bergab. Zu Beginn des Rückgangs waren 41 Jahre seit einem erstmals 10prozentigen und nachhaltigen Rückgangs der Geburten in Japan vergangen (Geburtenboom 1947-1949).
    Der Höhepunkt der Immobilienpreise in den USA lag im Jahr 2006. Dann ging es bergab. Zu Beginn des Rückgangs waren 41 Jahre seit einem 10prozentigen und nachhaltigen Rückgang der Geburten in den USA vergangen (Geburtenboom 1957-1964).
    Der Höhepunkt der Immobilienpreise in China wird im Jahr 2014 erreicht. Danach geht es bergab. Beim Beginn des Rückgangs werden 41 Jahre seit einem 10prozentigen und nachhaltigen Rückgangs der Geburten in China vergangen sein (1973).
    Die Immobiliennachfrage ist zum großen Teil demografisch bedingt. Die Blase ist bereits da. Seit vielen Jahren werden mehr Wohnungen gebaut, als zu diesem Preis benötigt. Mal sehen, wie der Staat reagiert…