China und Japan schimpfen sich “Voldemort”

Auf dem Schulhof einer Grundschule. Einige neunjährige Kinder wollen Harry Potter spielen. „Du bist wieder Voldemort!“, sagt ein Junge und zeigt auf einen besonders mageren Mitschüler. „Nöööö! Diesmal bist du selbst Voldemort!“ – „Nein, du!“ – „Nein, du!“, geht es hin und her.

Auf dem Schulhof völlig realistisch, in den hohen Hallen der Diplomatie dagegen undenkbar? Keineswegs. Über die Frage, welches von beiden Ländern der „Voldemort Asiens“ sei, streiten Japan und China derzeit heftig. Die zweit- und drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, zwei der ältesten Kulturnationen, sind sich für Vergleiche auf Pennäler-Niveau nicht zu schade.

Es fing an, als der chinesische Botschafter in London der japanischen Nation vorwarf, der „Lord Voldemort Asiens“ zu sein – ein dunkler, böser Geist, der lange im Verborgenen überdauert hat und nun wieder materielle Gestalt annehme. Das bezieht sich auf die chinesische Unterstellung, Premier Shinzo Abe fache den Militarismus des Landes wieder an.

Der Botschafter hat diesen Vergleich nicht etwa nach dem fünften Cognac um zwei Uhr morgens in privater Runde angestellt. Nein, Liu Xiaoming lässt sich in einem Meinungsbeitrag für eine seriöse Zeitung im Detail über die Analogien Japans zu „sieben Horkruxen“ aus.

Der japanische Botschafter in London konnte da nicht zurückstehen und hat China in der aktuellen Ausgabe derselben Zeitung seinerseits einen Voldemort genannt. Auch er hat Argumente: Chinas zunehmend aggressives Verhalten im Umgang mit umstrittenen Territorien und die schnelle Aufrüstung des Landes.

Was kommt als nächstes? Spucken? Gegen das Schienenbein treten? An den Haaren ziehen?

Wie dem auch sei, die beiden asiatischen Länder beharken sich wieder mächtig. Dabei ist die Sache bei weiten nicht so lustig wie der Vergleich mit einem Fantasy-Buch vermuten lässt. Tatsächlich verhalten sich beide Seiten irrational und nationalistisch. Da es sich zufällig auch um zwei der reichsten, größten und am besten organisierten Länder der Welt handelt, ist auch ihre Tendenz zur Aufrüstung höchst besorgniserregend.

Auch wenn eine Mehrheit der Chinesen bestimmt keinen Krieg will und vor allem daran interessiert sind, dass die Wirtschaft rund läuft: Die nationalistischen Äußerungen erschrecken zum Teil. „Wir sollten Japan mit Atombomben platt machen!“, schreibt ein Diskussionsteilnehmer in einem nationalistischen Internet-Forum. Der Hass auf Japan kann sich ungebremst von staatlicher Mäßigung oder von Information aus erster Hand entfalten. Staatsmedien wie der TV-Sender CCTV zeigen vor allem ein militaristisches Zerrbild des Nachbarn.

Japan betreibt eine ähnlich gefährliche Politik. Die Wallfahrt des Premiers zu dem umstrittenen Yasukuni-Schrein in Tokio war eine völlig überflüssige Provokation. Die japanische Regierung hat sich mehrfach für die Kriegsverbrechen des Landes entschuldigt. Warum macht sie nicht auf der Ebene der Symbole ernst und verzichtet auf den billigen innenpolitischen Punktefang?

Es würde klugen, starken Politikern wie Präsident Xi Jinping und Premier Abe gut anstehen, stattdessen konsequent aufeinander zuzugehen. Die Bevölkerungen beider Länder haben eine starke Neigung, den Signalen ihrer Führungsschicht zu folgen. Ein zweiteiliger Entspannungs-Gipfel in Tokio und Peking – und das Problem wäre halb gelöst, die Gefahr eines Konflikts gebannt. Doch, leider, leider, lässt sich mit der rechtzeitigen Verhinderung von Problemen eben nicht innenpolitisch punkten.

Hintergrund der Voldemort-Manöver ist letztlich die Wirtschaftspolitik. Sowohl Abe als auch Xi müssen derzeit einen weitreichenden Umbau ihrer Volkswirtschaften durchziehen. Die Reformen sind in beiden Ländern mit Härten verbunden – und zum Teil unpopulär. Der äußere Feind soll da helfen, den inneren Zusammenhalt zu stärken. Da bleibt nur zu hoffen und beten, dass der zerstörerische Geist Voldemorts trotzdem in den Horkruxen gebunden bleibt. Auf beiden Seiten.

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Alle Kommentare [2]

  1. und wir sehen alle wie es weitergeht – irgendwie jedenfalls.
    Applaudieren scheint gefragt und nicht weiterdenken.
    Das wird aber auch ein Spaß werden.

    Hoffen wir alle dass da kein bluttriefender Krieg draus wird – by serious.

  2. “Voldemort”.

    Man sollte schon noch lesen: die Guten gegen die Bösen vice versa.
    Was für ein Erfolg für die menschliche Zivilisation, es soweit gebracht haben zu müssen.