Moral frisst die Rendite

An der Börse sollten Anleger für alle Fälle gewappnet sein. Bild: dpa

Was machen Sie eigentlich mit ihrem Depot, wenn die Aktienkurse doch mal wieder fallen? Also so richtig fallen? Nicht nur um ein paar Pünktchen, wie es zuletzt wegen der Angst um die Zahlungsunfähigkeit der USA geschehen ist. Was tun Sie, wenn es mal wieder kracht? Bleiben Sie drin und sagen sich ‚ich vertraue auf meine Bluechips, die berappeln sich bald wieder’? Oder verlassen Sie fluchtartig den Markt und denken sich ‚Aktien, ich hab’s doch immer gewusst, alles Teufelszeug!’?

Besonders schlau wären beide Varianten nicht. Wollen Sie wirklich zuschauen, wie die Kurse abstürzen und Ihr Vermögen – zumindest auf dem Papier – immer weniger wird? Und wenn Sie alles verkaufen, was machen Sie dann mit dem ganzen Bargeld? Zur Bank bringen und warten, bis die endlich wieder mehr als ein Prozent Zinsen herausrückt? Bei einer Inflationsrate von beinahe zwei Prozent betreiben Sie auch damit reale Geldvernichtung.

Halten Sie sich gut fest, denn die folgende Idee, könnte Sie empören, vielleicht sogar zornig machen – und mit großer Sicherheit Ihren Sinn für Moral ansprechen, Achtung: Sie könnten short gehen, also auf fallende Kurse setzen.

Sie sind gar nicht empört? Dann gehören Sie vermutlich zu den Experten, den erfahrenen Tradern, die regelmäßig Short-Positionen als Anlagestrategie nutzen oder zumindest in schwierigen Marktphasen nicht abwarten und Tee trinken, sondern sich gegen Verluste absichern. Wenn die doch empört sind, zählen sie wohl zur Mehrheit der Deutschen, die man ehrlicherweise als Finanzlaien bezeichnen muss. Mit Ihrer kritischen Meinung zur Wette auf fallende Kurse sind sie dort in bester Gesellschaft. Das hat nun sogar die Wissenschaft bestätigt.

Zwei Forscher der Universität zu Köln – Sebastian Lotz und Andrea Fix – kommen nach verschiedenen Studien zu dem Ergebnis, dass Finanzlaien Shorting für unmoralisch halten. Und zwar unabhängig davon, ob damit Gewinne oder Verluste realisiert werden oder ob dieses Verhalten im Rahmen eines langfristigen Investments oder als kurzfristige Spekulation genutzt wird – erschienen ist der Artikel im Journal of Economic Psychology (Vol. 37, pages 34-41).

Solche Unterschiede zwischen Laien und Experten kann die Wirtschaftspsychologie immer wieder zeigen. Beispielsweise wenn es um das Eingreifen des Staates geht, dann fordern Ökonomen gewöhnlich möglichst viele Freiheiten für den Handel und einen flexiblen Einsatz von Arbeitskräften. Laien dagegen wünschen sich einen aktiveren Staat, der beispielsweise Mindestlöhne sichert. Darüber hinaus geht es den Laien – so die Ergebnisse der Forschung – weniger um Effizienz, sondern um Fairness.

In Bezug auf den Aktienhandel zeigen die Ergebnisse der Kölner Forscher, dass die Wette auf fallende Kurse stets negativer bewertet wird als die Wette auf steigende Kurse. Dabei könnte man doch argumentieren, dass objektiv betrachtet beides einem Glücksspiel gleicht und damit als moralisch verwerflich verurteilt werden könnte. Aber nein, gegen etwas zu wetten wird offenbar als moralisch fragwürdiger eingestuft als auf etwas zu wetten.

Und was heißt das nun für Ihre Notfallstrategie bei fallenden Kursen? Natürlich geht es bei der Wette auf fallende Kurse nicht um Nachhaltigkeit und Sie geben Ihr Geld auch nicht einem Unternehmen, damit dieses sinnvolle Produkte herstellen kann. Aber mal ehrlich, was macht denn die Bank mit Ihrem Geld? So genau wissen Sie das gar nicht und ob es Ihren Moralvorstellungen entspricht, ist ebenfalls fraglich.

Um auf fallende Kurse zu setzen, müssen Sie sich nicht einmal mit komplizierten CFDs – Contracts of Difference – also Differenzkontrakten oder Zertifikaten beschäftigen, sie könnten einfach einen Short-ETF kaufen. Das Konzept ist einfach. Bei einem solchen ETF auf den Dax beispielsweise, steigt der Kurs, wenn der Dax fällt – und umgekehrt.

Letztlich stecken natürlich auch hinter Short-ETFs die viel gescholtenen Leerverkäufe. Der Herausgeber des ETF leiht sich dabei Aktien und verkauft sie. Sobald die Kurse gefallen und die Papiere günstiger geworden sind, kauft er die leeren Hüllen wieder und gibt sie zurück an den Entleiher. Als Gewinn bleibt die Differenz zwischen Verkauf- und Kaufpreis abzüglich einer Leihgebühr. Um dieses komplizierte Hin-und-Her muss sich der ETF-Anleger aber gar nicht kümmern. Dieses Tauschgeschäft wird automatisch im Short-ETF abgebildet.

Seit der Finanzkrise hat auch die Politik ein strenges Auge auf das Finanzspekulationen geworfen. Verboten sind insbesondere ungedeckte Leerverkäufe. Short-ETFs dagegen sind legal. Und was heißt das nun? Eine Anlageempfehlung soll an dieser Stelle nicht gegeben werden. Die Verantwortung für Ihr Handeln bleibt bei Ihnen.

Zudem sind sich auch Finanzprofis nicht einig, wann der nächste Abschwung tatsächlich kommt – keiner hat schließlich die so sehr ersehnte Kristallkugel. Sicher ist nur: Irgendwann kommt wieder ein Abschwung, das gehört zur natürlichen Entwicklung der Märkte, die sich stets wellenförmig – auf und ab – bewegen. Es kann also nicht schaden, sich schon jetzt eine Strategie für die nächste Abwärtsphase zu überlegen.

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Alle Kommentare [7]

  1. Liebe Frau Schneider,
    mich stört ihre Verwendung des Begriffs „Laien“, weil er suggeriert, dass die befragten Menschen sich in der relevanten Materie nicht auskennen.
    Tatsächlich hat die Untersuchung, die Sie zitieren aber die Präferenzen der Menschen abgefragt – und was der Einzelne als moralisch oder unmoralisch empfindet, dürfte die befragte Person selbst am Besten einschätzen können. Dafür ist kein Expertenwissen nötig.
    Es wäre also angemessen, statt „Laien“, „Bevölkerung“ zu schreiben – auch wenn das ihre eigene Argumentation moralisch fragwürdiger erscheinen lässt.

  2. Leerverkäufer gehören ins Gefängnis.
    Mit ihren Leerverkäufen haben sie nichts anderes im Sinn als das
    Vermögen anderer Leute zu mindern. Das haben sie mit einem Straßen- oder Bankräuber gemeinsam.

  3. Leerverkäufer gehören ins Gefängnis.
    Mit ihren Leerverkäufen haben sie nichts anderes im Sinn als das
    Vermögen anderereLeute zu mindern. Das haben sie mit einem Straßen oder Bankräuber gemeinsam.

    • Da können wir Ihnen nur Recht geben, Wilher !

      Wir denken auch, dass man Leerverkäufer hinter schwedische Gardinen bringen sollte. Ich vergleiche Diese immer mit den Affiliate Betrügern – die auch eine gewisse Art von „Kapitalminderung 3ter“ an den Tag legen.

      Braucht kein Mensch !

  4. „Wollen Sie wirklich zuschauen, wie die Kurse abstürzen und Ihr Vermögen – zumindest auf dem Papier – immer weniger wird?“

    Ja. Ich lege an der Börse langfristig und diversifiziert an. Einen Einbruch des Aktienmarkts muß so ein Depot aushalten.

    Ob und wann der Markt einbrechen wird weiß man nie. Eine permanente Absicherung mit Puts aber kostet Geld und somit auf lange Sicht Rendite.

  5. Als Käufer einer Aktie erwerbe ich zunächst mal einen Anteil an einem Unternehmen. Das sehe ich als Kapitalanlage an. Es gibt daneben sicherlich „Anleger“ die eine Aktie spekulativ erwerben, in der Hoffnung auf das schnelle Geld. Aber damit beginnt schon eine gewisse Perversion- diese Absicht ist nicht gleichzustellen mit dem Erwerb einer Aktie als Kapitalanlage. Man muss hier den spekulativen Anleger fragen, warum er sein Geld nicht auf ein Pferd setzt? Gerade weil diese Wetten auf Aktien eingeführt wurden hat man die Spieler an die Börsen gelockt- ein unverzeihlicher Fauxpas! Es hat zwar auch vor Einführung des Optionshandels Glücksrittertum an der Börse gegeben- auch das mit schlimmen Folgen,- aber daraus konnten noch Lehren gezogen werden.
    Was heute am „Finanzmarkt“ abläuft, wird der Weltwirtschaft womöglich schon bei der nächsten „Panne“ den Rest geben. Auch wenn die letzte „Finanzkrise“ nicht unmittelbar dadurch ausgelöst wurde, – so steht es doch damit im Zusammenhang, weil diese Zockerkultur inzwischen eine enorme Kapitalmenge bewegt. Gier frisst Verstand & Moral- und das es mit Leuten wie Herrn Blankfein damit nicht zum Besten bestellt ist, sollte sich langsam herumgesprochen haben. Für den „normalen“ Anleger taugen ohnehin weder Stop-loss Ordern noch solche Derivate.
    Die Überschrift über ihren Block sollte lauten : KEINE Moral frisst Rendite

    …und ich bin gespannt, wie lange die „99%“ sich diesen Irrsinn noch anschauen…

    • Was stört es Dich denn, wenn andere ihre Wertpapiere kurzfristig halten?
      Das sorgt wenigstens für Liqidität.
      Viele aktive Fonds schichten auch öfters um, da legen auch viele Leute an. Sind die böse?
      Ist jemand, der aus einer Aktie nach 10 Jahren 100% Gewinn kassiert moralisch besser als jemand, der in einem Jahr 10% kassiert oder 0,83% nach einem Monat?
      Und das Geld stellt man der Firma nur zur Verfügung, wenn man eine Aktie zeichnet oder bei einer Kapitalerhöhung mitmacht. Beim normalen Handel bekommt man die Aktie nur von Dritten.
      Und Leerverkauf ist auch nichts schlimmes. Das trägt dazu bei, das ein fairer Preis zustande kommt. Warum soll der Preis nur von denen beeinflusst werden, die von der Aktie überzeugt sind oder mal waren? Wenn jemand leer verkauft, dann ist er überzeugt, das die Aktie überbewertet ist. Falls das eine Fehleinschätzung ist, geht er ein höheres Risiko ein, als der Käufer (kann nicht ewig aussitzen wegen Leihgebühr und begrenzter Leihfrist). Außerdem sind mögliche Verluste theoretisch unbegrenzt, gewinnen kann man nicht mehr als den Verkaufserlös.
      Ich bin übrigends eher langfristig orientiert und mache keine Leerverkäufe.
      Aber ich freue mich, wenn ich eine Aktie billig erwerben kann, auch wenn der billige Preis durch Leerverkäufe zustande gekommen ist.