Xi rüttelt an der Taiwan-Frage

Das Wahrzeichen von Taipeh steht für den wirtschaftlichen Erfolg der Insel Taiwan.

Taipei 101 steht für den wirtschaftlichen Erfolg der Insel Taiwan.

Chinas Präsident Xi Jinping hat im Gespräch mit einem Vertreter Taiwans angefangen, Druck zu machen. Die politische Trennung der Insel vom Festland dürfe nicht von Generation zu Generation verschleppt werden, sagte Xi auf dem Treffen in Indonesien. Das klingt deutlicher als die Haltung seiner Vorgänger, die zuletzt eher auf weises Hinauszögern der Taiwan-Frage gesetzt haben. Beobachter sehen in Xis Aussagen ein „sanftes Drängeln“ gegenüber der Regierung in Taipeh. 

Doch auch wenn Xi jetzt etwas in Bewegung bringen will und vielleicht Gespräche beider Seiten über eine Wiedervereinigung anschieben wird: Das grundsätzliche Dilemma bleibt. Peking sieht Taiwan als Teil des eigenen Territoriums. Die Taiwanesen wollen nicht dagegen zur Volksrepublik gehören und lieben ihre demokratische Republik.

Peking bliebe zur Lösung des Problems bekanntermaßen noch Gewalt, sprich: Die Volksbefreiungsarmee könnte Taiwan besetzen. Doch bei einem Blick auf die ökonomischen Realitäten erscheint diese Option unwahrscheinlich.

Denn anders als weiland die DDR und die BRD sind Taiwan und die Volksrepublik bereits eine ökonomische Einheit, oder zumindest so eng verflochen, dass sie kaum von einem geschlossenen Gebilde unterscheidbar sind.

Für die taiwanische Industrie ist die Volksrepublik der wichtigste Produktionsstandort. Bestes Beispiel ist Apples Auftragshersteller Foxconn, der auch Dell, HP, Nokia, Medion oder Sony beliefert. Die Firmenzentrale befindet sich in einem Hochhaus in Taipeh, und dort ist die Muttergesellschaft Hon Hai Precision Industries auch an der Börse notiert. Auf dem chinesischen Festland beschäft das Unternehmen aber über eine Millionen Menschen. Die Wertschöpfung findet damit fast komplett in der Volksrepublik statt. Ein Rückzug dieser Firmen – es gibt noch eine Handvoll weiterer Foxconns – wäre ein schwerer Schlag für den Arbeitsmarkt.

Die Produktion dieser Unternehmen taucht nicht in der Handelsstatistik zwischen den beiden Ländern auf – die iPads werden von den Foxconn-Fabriken aus direkt in die Zielmärkte verschifft. Der wichtigste Aspekt der Beziehungen zwischen den Ländern ist damit schwer zu beziffern. Dennoch ist auch der direkte Handel beträchtig: Im vergangenen Jahr lag das Volumen des Handel zwischen den beiden Chinas bei 170 Milliarden Dollar.

Auch die Bevölkerungen haben sich erheblich vermischt. Der Antrieb dafür sind wieder die Wirtschaftsbeziehungen: Junge Taiwaner kommen nach China, weil sich hier mehr Chancen bieten. Rund 170 000 taiwanische Staatsbürger leben derzeit auf dem Boden der Volksrepublik, das sind knapp 30 Prozent aller Inhaber fremder Pässe. Umgekehrt strömen chinesische Touristen nach Taiwan. Im ersten Halbjahr haben sie dort rund siebeneinhalb Milliarden Euro ausgegeben.

Auch die Verkehrsverbindungen sind inzwischen exzellent. Erst 2008 gab es den ersten Direktflug vom Festland nach Taipeh. Heute fliegen allein von Peking aus täglich acht große Maschinen hinüber.

Die enge Verflechtung ist von der Regierung Xi durchaus gewollt. Erst am Sonntag hat Peking den Taiwan-Beauftragen der taiwanischen Regierung zu einem Besuch eingeladen. Die guten wirtschaftlichen Beziehungen, die Verkehrsverbindungen – alls das geht auf ein Tauwetter zurück, zu dem sich die Volksrepublik entschlossen hat.

Das weist vielleicht auf die Strategie Xi Jinpings im Umgang mit Taiwan hin. Erst umarmt er die Insel. Dann sind beide Seiten komplett voneinander abhängig – und damit kompromissbereit, was Vereinigungsverhandlungen schmieren könnte.

Bisher sieht es aber so aus, als bliebe alles beim allen. Taiwan regiert sich selbst, ohne formale Unabhängigkeit anzustreben. China betrachtet die Insel derweil als eigene Provinz, ohne sie zu kontrollieren. Und wirtschaftlich profitieren beide Seiten gewaltig voneinander.

 

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Alle Kommentare [5]

  1. Ich denke mal er hat die gleiche Antwort bekommen, wie ich sie vor 20 Jahren von einem Taiwanesen bekommen habe:

    Taiwan ist jederzeit bereit, China aufzunehmen, wenn es sich Taiwan anschliessen möchte…

  2. Sehr geehrter Herr Mayer-Kuckuk,
    ökonomisch dürften Sie völlig recht haben, dass beide Seiten eng verflochten sind und eine Wiedereingliederung produktionstechnisch nicht nötig ist.
    Das ist aber aus meiner Sicht nur ein kleiner Aspekt.
    Militärisch ist eine Wiedereingliederung für China sehr wichtig, weil dadurch ein ungehinderter Zugang der chinesischen Flotte zum Pazifik entsteht und die US Flotte aus dem „chinesichen Meer“ herausgehalten werden kann. Zusätzlich kann innenpolitisch die nationalistische Karte gespielt werden, um eine schwindende Akzeptanz der KP China zu überspielen. Ich gehe daher in 2020 von einer im Zweifel militärisch begleiteten Wiedereingliederung von Taiwan in Festlandchina aus; 2020, weil zu diesem Zeitpunkt die US Flotte keinen Sieg gegen eine chinesische Invasionsflotte mehr garantieren kann.

  3. Wieso steht in dem Artikel das Wort „Wiedervereinigung“, wo Taiwan noch niemals ein Teil der Volksrepublik China gewesen ist?

    Wenn Xi Jinping wirklich aktiv etwas an der aktuellen Situation zwischen Taiwan und China ändern wollte, dann könnte er als Präsident seines Landes jederzeit das Selbstbestimmungsrecht der Taiwaner anerkennen, das sie de facto seit 1996 ausüben.

    Das stünde einem Präsidenten auch besser an als drängeln, betteln oder erpressen. (Und hey, vielleicht ist es ja auch noch nicht zu spät für den Friedensnobelpreis).

    • Warum hieß die Wiedervereinigung in Deutschland so? War die DDR etwa zuvor Teil der BRD?

      Manche Leute merken nicht mal mehr was für einen Blödsinn sie erzählen…

      • Weil es genauso ein emotionaler Euphemismus für „Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der BRD“ ist? Wenn du allein von dem Standpunkt aus argumentierst, dass es zwei verschiedene deutsche Staaten gab, dann macht es natürlich auch hier keinen Sinn von einer „Wieder“-Vereinigung zu sprechen. Zwingt dich jemand dazu? Für deinen historischen Westdeutschlandchauvinismus kannst nur du allein was, Fabian. Tatsache ist, die DDR ist der BRD beigetreten.

        Aber selbst wenn ich dir in deinen absolut hinkenden Vergleich China-Taiwan mit BRD-DDR folgen würde. Schon mal was vom Moskauer Vertrag gehört? Schon mal was vom Grundlagenvertrag gehört? Ganz zu schweigen vom „Einigungsvertrag“ (merke: nicht etwa „Wieder“vereinigungsvertrag.)

        Und jetzt sag mir, wo es zwischen China und Taiwan ähnliches gibt. Zu behaupten bei Taiwan und China handele es sich um eine „geteilte Nation“ wie Deutschland war vielleicht mal Ende der 70er in, aber das gleiche galt auch für ausgebleichte Hosen mit Schlag.

        Falls du aber doch an einer ernsthaften Diskussion interessiert sein solltest, lies vielleicht erst noch einmal das ein oder andere zur taiwanischen Geschichte vom Ende des 19. bis Mitte 20. Jahrhundert nach, bevor du anderen Leuten vorwirfst, Blödsinn zu erzählen.

        Bekommst auch ein paar Stichworte gratis dazu: Vertrag von Shimonoseki, japanische Kolonialzeit, Vertrag von San Francisco, Vertrag von Taipeh.