Die Börse im Griff der Schlange

Peking im Zeichen der Schlange: Neujahrsdeko am Adidas-Laden.

Peking im Zeichen der Schlange: Neujahrsdeko am Adidas-Laden.

Am Wochenende hat in China das Jahr der Schlange begonnen. Die Nachrichtenmedien im chinesischen Raum überbieten sich nun mit Vorhersagen, was das Kriechtier für die Börsenkurse bringen wird. Auch seriöse Medien machen mit. Das Schlangenjahr werde ein Horrorjahr für die Märkte, so die einfach zu erfassende Geschichte.

Doch so gerne wir alle mühelos reich werden möchten: Keiner weiß, wie es an den Märkten weitergeht, und ein Feng-Shui-Meister weiß es erst recht nicht. Selbst die Profis in den Analyseabteilungen der Banken und Wertpapierhäuser können die Kurse für die kommenden zwölf Monate nicht annähernd zuverlässig vorhersagen. Hedge-Fonds-Manager können es nicht. Charttechniker können es nicht und Astrologen können es auch nicht.

(Nur Warren Buffet kann es, hätte ich hier fast scherzhaft angefügt. Aber der interessiert sich bekanntlich eher für Haltezeiten von Jahrzehnten als von Monaten. Das bügelt die hässlichen Falten und Kanten aus der Kurslinie.)

Der Markt ist ein sehr großes, sehr komplexes System, von dem sich immer nur ein kleiner Ausschnitt in Modellen, Simulationen oder dem eigenen Kopf erfassen lässt. Die Kurse sind vom Verhalten zahlloser Trader genauso beeinflusst wie von technischen Fortschritten, Terroranschlägen oder Katastrophen: Es schwimmen immer wieder schwarze Schwäne vorbei. Statistiker, Psychologen und Ökonomen haben einen ganzen Zoo von Effekten ausgemacht. Sie treiben die Kurse unvorhersehbar in die eine oder andere Richtung. Der zuverlässigste Einfluss kommt vermutlich immer noch vom Herdentrieb.

Der Herdentrieb ist hier ein wichtiges Stichwort. Wir sollten uns an dieser Stelle anschauen, was es mit der Schlange eigentlich auf sich hat. Es ist schließlich nicht auszuschließen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Marktgeschehen und dem chinesischen Horoskop gibt. Schließlich beeinflusst dieses Horoskop das Verhalten der Menschen in der weltweit zweitgrößten Volkswirtschaft. Dazu kommen Südkorea, Japan, Taiwan, Singapur und zahlreiche Auslandschinesen in anderen Ländern. Zusammen ist das eine ordentliche Scheibe der weltweiten Wirtschaftskraft.

Der chinesische Kulturraum teilt die Jahre in einen Zwölfjahreszyklus ein. (Es handelt sich um die Jahre nach dem alten Mondkalender, deshalb liegt Neujahr meist im Februar.) Jedes Jahr ist mit einem Tier verbunden. Der Kreis geht von Ratte bis Eber. Er kommt auf dem Weg auch an einem Fabeltier vorbei, dem Drachen.

Jetzt geht der abergläubische Unsinn los: Alle Leute, die im gleichen Jahr geboren sind, sollen bestimmte Eigenschaften teilen. Wer im Jahr der Schlange geboren ist, soll introvertiert, intelligent, gutaussehend, aber auch etwas hinterhältig sein. Diese Behauptung ist natürlich genauso absurd wie die westlicher Astrologen, dass die Sternzeichen etwas über den Charakter sagen.

Doch nicht nur das – die Tiere sollen auch anzeigen, was sich in dem betreffenden Jahr tut. Das vergangene Jahr war beispielsweise ein Jahr des Drachen. Es hätte große Ereignisse und Katastrophen  bringen sollen – und einen Machtwechsel. Nun, die Kommunistische Partei hat zugegebenermaßen einen neuen Vorsitzenden gewählt. Der Prozess lief aber hoch geordnet ab. Er vor allem von einem Bekenntnis zum “weiter so!” geprägt. Das Drachenjahr verlief also im Wesentlichen wie immer.

Aber halt, es gab tatsächlich einen Zusammenhang mit Wirtschaft und Markt. Drachenkinder sollen besonders grandiose Eigenschaften mitbringen – und das weitgehend ohne Nebenwirkungen wie die Hinterhältigkeit der Schlage oder der Feigheit des Hasen. Also haben viele chinesische Eltern für ihr geplantes Kind auf einen Geburtstermin im Drachenjahr gezielt. So lautete zumindest die Legende der Analysten vor zwölf Monaten. Der Markt für Babyartikel werde um 22 Prozent wachsen, hieß es.

Nun, die Wahrheit sah ernüchternd aus. Der offiziellen chinesischen Statistik zufolge war die Geburtenrate praktisch unverändert. Es wurden zwar rund 300 000 Kinder mehr geboren als im Vorjahr, doch das liegt nur einen runden Prozentpunkt über der durchschnittlichen Steigerung seit dem Jahr 2000. Das ist keine Rechtfertigung dafür, Windelaktien zu kaufen. Ein EU-Kommuniqué zur Eurokrise hat wesentlich mehr Auswirkungen. Anders gesagt: der schwarze Schwan ist im Tierreich der Börse viel realer als die Astro-Schlange.

Vor Beginn des Drachenjahres hieß es, der Milchproduktehersteller Yili werde besonders profitieren. Der Jahreschart zeigt jedoch eine schwache Entwicklung im Drachenjahr und einen plötzlichen Anstieg kurz vor Beginn des Schlangenjahres, das doch angeblich schlecht sein soll.

Die damals ebenfalls heiß empfohlenen Kinderartikel-Kette Boshiwa ist im Laufe des vergangenen Jahres sogar nach einem Skandal aus dem Markt gegangen. Zuvor war der Wirtschaftsprüfer des Unternehmens ausgestiegen, weil er keine verlässlichen Zahlen bekommen konnte. Soviel zu den Drachen-Anlegern.

Auch das Einkaufszentrum "3.3" schmückt sich in diesen Tagen mit Schlagen-Motiven

Auch das Einkaufszentrum “3.3″ schmückt sich in diesen Tagen mit Schlagen-Motiven

Zurück zur Schlange. Im Fall des gerade angebrochenen Jahres gibt es nicht einmal Behauptungen, die auf Massenphänomene als Kurstreiber zielen. Die Berichte beziehen sich ausschließlich auf Astrologie:

Wer mehr davon haben will, braucht nur zu googeln.

Geradezu befreiend wirkt da ein Scherz, den sich die Analysten des renommierten Brokerhauses CLSA jedes Jahr machen. Sie nehmen ihre eigene Zunft – und das Bedürfnis nach astrologischer Wahrheit – auf die Schippe und veröffentlichen einen rein ironisch gemeinten Feng-Shui-Index.

Einen beunruhigenden Gedanken werde ich nun jedoch nicht los. Was, wenn die Marktvorhersagen der Tierkreisdeuter, Astrologen und Feng-Shui-Meister am Ende doch die gleiche Qualität haben wie die der Analysten und Ökonomen?

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [2]

  1. Beunruhigend ist der Gedanke schon, überraschen sollte es nicht wenn die qualität vieler “seriöser” prognosen nicht viel mehr Substanz enthalten als astrologische deutungen. An etwas glaubt der Mensch immer.

  2. Zum Jubiläum begrüßte Macau seine Gäste mit einen riesigem Feuerwerk, Drachentänzen und frohen Festen. 2013 stehen in Macau die Jubiläen von gleich zwei beliebten Veranstaltungen auf dem Programm. Im September findet zum 25. Mal das Internationale Feuerwerks-Festival statt und im November folgt das 60. Jubiläum des Macau Grand Prix. http://www.inar.de/macau-im-jahr-der-schlange/