Der Fiskus wittert Einnahmen bei TV-Chaoten

Die Moderatoren des Dschungel-Camps. Bild: dpa

Wie wir unser Geld verdienen, ist dem Fiskus eigentlich egal. In den meisten Fällen, nimmt er sich sowieso einfach seinen Teil – die Einkommensteuer macht’s möglich. Ob wir für dieses Einkommen hart geschuftet haben oder es sich dabei um leicht verdientes Geld handelt, spielt keine Rolle – wer könnte das auch objektiv prüfen? Wichtig schien bisher nur: Irgendeine Leistung musste man erbracht haben. Und das galt auch, wenn eine Fernsehshow zum Geldsegen verholfen hat.

Bei Gewinnspielen halten sich die Finanzämter zurück: Wer beim Lotto auf die richtigen Zahlen setzt, muss auf den Gewinn keine Steuern zahlen. Gleiches gilt für Quiz-Könige in TV-Sendungen wie „Wer wird Millionär?“ – sie dürfen ihren Gewinn komplett behalten.

Ganz anders ist das bei TV-Kandidaten, die in Sendungen wie „Big Brother“ oder „Dschungel-Camp“ auftreten. Sie müssen ihr Preisgeld versteuern. Wäre ja noch schöner, mag so mancher gestresster Arbeitnehmer denken: Bei mir steht zwar keine Kamera, aber hier geht’s trotzdem wie im Dschungel zu… Die Moral der deutschen Steuerzahler wäre erschüttert!

Gut also, dass das Bundesfinanzministerium schon 2008 in einem Schreiben (IV C 3-S 2257/08/10001) erklärt hat, wann ein Fernseh-Preisgeld versteuert werden muss: Der Auftritt des Kandidaten und das gewonnene Preisgeld müsse „in einem gegenseitigen Leistungsverhältnis stehen“. Und ein solches Verhältnis bestehe dann, wenn der Produzent „ein bestimmtes Verhaltensmuster oder Ähnliches“ vorgibt, wenn neben dem Preisgeld auch ein „erfolgsunabhängiges Antritts-, Tagegeld“ gezahlt wird, der Kandidat nicht nur einmal, sondern in mehreren Folgen auftritt. Und, wenn das Preisgeld „die Funktion einer Entlohnung für eine Leistung“ hat.

Dass diese Definition auch auf Formate wie „Big Brother“ zutrifft, erscheint logisch. Folgerichtig hat der Bundesfinanzhof deshalb im vergangenen Jahr auch einen „Big Brother“-Gewinner zum Steuernzahlen verurteilt  (Az: IX R 6/10). Sein Preisgeld sei als sonstige Einkünfte nach § 22 Nr. 3 EStG zu besteuern.

Sehr schön liest sich auch die Erklärung der Finanzrichter: „Als sonstige Leistung kommt jedes wie auch immer geartete aktive, passive oder nichtwirtschaftliche Verhalten des Steuerpflichtigen in Betracht. Dabei ist unerheblich, ob sich das Verhalten mit oder ohne Mühe zeigt, mit welcher Qualität es erbracht wird, ob eine gute, schlechte oder gar keine schauspielerische Leistung gegeben ist, sozialadäquates oder untypisches, natürliches, alltägliches oder indifferentes Verhalten vorliegt oder ob mit Blick auf das Veranstalterinteresse und/oder das anstehende Publikumsvotum telegenes, taktisches oder sonstiges Verhalten an den Tag gelegt wird.“

Das freut wohl die malochenden Steuerzahler, die bei ihrem Tun nicht nur Mühe zeigen, sondern auch noch auf sozialadäquates Verhalten bedacht sind. Ein bisschen Schadenfreude lässt sich da nicht verhehlen: Gut gemacht, Fiskus! Und eigentlich ist ja nun alles geklärt, möchte man meinen, wenn es da nur nicht die eifrigen Finanzbehörden und die sogenannten Helptainment-Formate gäbe…

Das Magazin Werben und Verkaufen (W&V) bringt in einem aktuellen Bericht Sendungen wie „Einsatz in vier Wänden“, „Raus aus den Schulden“ und „Rach, der Restauranttester“ ins Spiel. „Die Finanzämter prüfen derzeit im großen Stil, ob Teilnehmer von Helptainment-Formaten die geleistete Coaching-Hilfe sowie Sachleistungen als geldwerten Vorteil versteuern müssen“, schreibt W&V.

Oh nein, die Armen! – entfährt es da dem empathischen Fernsehzuschauer. Die haben es doch ohnehin schon so schwer, sind verschuldet, haben keine Restaurant-Gäste oder mussten einst gar mit einem Wohnzimmer im 80er-Jahre-Schick Vorlieb nehmen – und jetzt sollen sie für die Hilfe auch noch Steuern zahlen? Aber im Ernst: Das erscheint wirklich unfair.

Dass tatsächlich etwas im Gange ist, bestätigte das Finanzministerium NRW auch gegenüber Handelsblatt Online: Auf Bund-Länder-Ebene werde geprüft, „ob aus dem Urteil zu „Big Brother“ Schlussfolgerungen zu ziehen sind, die auch auf andere Formate anwendbar sind.“ Zu den konkreten Formaten schweigt das Ministerium jedoch, das falle unter das Steuergeheimnis.

Laut W&V hat RTL aber schon mit der Rettungsaktion begonnen und versucht zwischen den Behörden und den TV-Produzenten zu vermitteln – das ganze Genre könnte nun infrage gestellt sein. Wie das wohl ausgeht? Der Fernsehzuschauer muss sich in Geduld üben, denn eine laufende Kamera wird bei diesem Hilfe-Format wohl nicht dabei sein.

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [8]

  1. Tja, also müssen die Sender jetzt alle im Ausland produzieren und den Kandidaten mehr als 6 Monate ein Domizil dort stellen, damit die Steuer in Deutschland nicht anfällt.

    Wie dumm ist das deutsche Finanzamt eigentlich? Jagen die Leute mit Geld gleich wieder weg. Da schäme ich mich echt, Deutscher zu sein!

  2. ++Wichtig schien bisher nur: Irgendeine Leistung musste man erbracht haben.++
    Dies bedeudet, dass unsere Politiker keine Leistung erbringen, sonnst müssten die wie jeder andere Bürger auch, auf alles ihre Steuern zahlen.

  3. Hallo, wie das mit den steuern geregelt wurde, finde ich schon ok. Mit freundlichen Grüßen Hans Langner

  4. Das verstehe ich jetzt nicht richtig. In den angesprochenen Formaten geht es, soweit ich da smitbekommen habe, um ziemlich kaputte Existenzen. Zahlen die denn Steuern?
    Wenn ja, dann waren die doch nicht kaputt sondern das wurde frü das jeweilige Format so “gescrippted”.
    Wenn nein, wenn interessierts?
    Gehen die Teilnehmer in die Pleite kommt ohnehin nichts und gehen die nicht Pleite, dann haben Sie durch die Coaching-Leistung offensichtlich einen Wettbewerbsvorteil, soweit sie die Leistung nicht verteuern würden.
    Wo also ist das Thema?
    Und was will das RTL verhandeln?

    • Nun ja, relevant ist das Thema aus folgendem Grund: Aus dem Big-Brother-Urteil geht hervor, dass Preisgelder unter bestimmten Umständen gemäß § 22 Nr. 3 Einkommensteuergesetz als Einkommen versteuert werden müssen. Als Einkommen können aber auch Sachwerte gelten. Wenn Teilnehmer in TV-Sendungen ein Coaching erhalten oder ihr Haus renoviert wird, ist das ein Sachwert. Es stellt sich also die Frage, ob dieser Sachwert auch versteuert werden muss. Wenn ja, könnten den Kandidaten Steuernachzahlungen drohen. Fraglich ist dann, ob solche „Helptainment“-Sendungen unter diesen Umständen noch bestehen können.

  5. RTL wird sicher adäquat reagieren. Mit dem neuen Format “Hilfe, mein Finanzamt macht mich krank”. Wenn der Fiskus statt immer weiterer und höherer Steuern mal endlich die sinnvolle Steuerverwendung in den Fokus rücken würde wäre allen geholfen

  6. Passt mal auf, liebe Mitbürger, wo ihr längslauft!

    Beim Lesen der “Erklärung der Finanzrichter” lief es mir schon kalt den Rücken runter: demnächst sind die von Überwachungskameras gefilmten Steuerzahler als Erbringer von sonstigen Leistungen auch noch steuerbar. Und die anderen Abkassierer wie GEMA, GEZ usw. werden auch auftauchen, falls man darauf mit Ohrhörern zu sehen ist. Wird es dann auch Abmahnungen hageln für das Zurschaustellen von Markenartikeln in Form von Textilien mit Beschriftung etc.?