Im Paradies für Keynesianer

Brasiliens Megacity Sao Paulo.

Ich reise gerade mit einer Journalistengruppe durch Brasilien. Vorgestern haben wir das einzige Atomkraftwerk des Landes in Angra dos Reis, in der Nähe von Rio, besucht. Es liegt wirklich sehr idyllisch – umgeben von Palmen, Strand und Bergen. Zwei Reaktoren liefern Strom nach Rio. Interessant ist die Geschichte des noch nicht fertigen dritten Reaktors.

Siemens lieferte Anfang der achtziger Jahre die Teile für den Reaktor – dann jedoch ging Brasilien das Geld aus. Seither lagern die Teile über Jahrzehnte in einer großen Halle. Wir konnten uns alles aus der Nähe anschauen (siehe Fotos unten). Seit neuestem arbeiten vor der Halle wieder die Kräne und Betonmischer. Die brasilianische Regierung will den Reaktor bis 2016 ans Netz bringen.

Soviel zum Thema Atomkraft. Wir haben auch Unternehmer und Ökonomen getroffen. Ihr Fazit für Brasilien ist ziemlich optimistisch. In den vergangenen zehn Jahren ist die Wirtschaft dort pro Jahr im Schnitt um etwa vier Prozent gewachsen.

Was steckt hinter dem Aufschwung? Jeder Gesprächspartner kommt irgendwann auf den brasilianischen Binnenmarkt zu sprechen. Seit der Sozialist Lula 2002 neuer Präsident wurde, hat seine Regierung alles getan, um die Nachfrage zu stärken. Sie hat Sozialprogramme aufgelegt und den Mindestlohn zwischen 2002 und 2012 mehr als verdreifacht. Die Konsequenz: Arme Leute haben mehr Geld in der Tasche und geben es aus.

Auch das Kreditvolumen ist kräftig gestiegen: Anfang 2008 lagen die Kredite an den Privatsektor bei etwa 30 Prozent der Wirtschaftsleistung – inzwischen sind es 50 Prozent. Fast jeder kommt inzwischen an einen Konsumkredit. Wer eine Klimaanlage oder ein Radio kaufen will, kann bequem auf Raten zahlen. Außerdem sind die Immobilienpreise stark gestiegen. In guten Vierteln Sao Paulos sind die Mieten so hoch wie in München.

Ein bisschen erinnert das an Spanien und Griechenland. Dort hat die Konsum-Bonanza irgendwann ins Verderben geführt. In Brasilien sind die Vorrausetzungen aber anders: Dank des Rohstoffreichtums (Eisenerz, Öl, agrarisch: Rindfleisch, Zuckerrohr) gibt es einen Überschuss in der Leistungsbilanz. Auch die Staatsverschuldung ist im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung eher gering und tendenziell gesunken.

Das brasilianische Geschäftsmodell hat dennoch eine Kehrseite: Es funktioniert auf Dauer wohl nur dann, wenn man die Exportindustrie opfert. Zum einen sorgen die Rohstoffexporte dafür, dass die Landeswährung aufwertet. Wenn ein deutscher Stahlkonzern brasilianisches Erz haben will, muss er dafür Euro in brasilianische Reais tauschen. Der Wechselkurs der Währung steigt, wodurch brasilianische Exportgüter im Ausland teurer werden.

Zum anderen steigen durch den Rohstoffsektor die Löhne in der gesamten Volkswirtschaft. Minenarbeiter werden besser bezahlt. Außerdem kann der Staat wegen der Einkünfte aus dem Rohstoffsektor mehr Leute einstellen und sie besser bezahlen. Das führt zu einem höheren Lohnniveau. Mehr Löhne und ein höherer Wechselkurs schwächen die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie.

Brasilien kann dies vielleicht verkraften, weil es über einen so großen Rohstoffreichtum verfügt. Für Spanien oder Italien gilt das nicht. Sie haben schlichtweg kaum Rohstoffe. Selbst in Brasilien steuert die Regierung nun um. Die Nachfolgerin von Lula, Dilma Rousseff, will jetzt die Unternehmen entlasten, um sie wettbewerbsfähiger zu machen.

Update 1: Der Artikel zum Atomkraftwerk aus der Kiste ist inzwischen hier erschienen.

 

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Alle Kommentare [3]

  1. Schwach, ganz schwach mein lieber Herr Mallien. Sogar in schlechten Vierteln von Sao Paulo liegen die Mieten weit über dem Niveau von München, denn es zählt der Innenwert der Währung. Sprich eine Miete von 2000 Reais für eine Zweizimmerwohnung mit 50 Quadratmetern entspricht einer Wohnung, die ich für 2000 Euro in München mieten kann. Ganz davon abgesehen, dass das Mieten einer Wohnung in Brasilien nahezu unmöglich ist. Denn für diese Zweizimmerwohnung müsste der potenzielle Mieter einen Monatsverdienst von 6000 Reais nachweisen. Ich weiß nicht, wer Ihre Reise organisiert hat. Ich habe fünf Jahre in Sao Paulo gewohnt und weiß – auch ohne Regierungspropaganda, die ja im Handelsblatt dank Ihres Korrespondenten in Brasilien zumeist eins zu eins übernommen wird, wovon ich rede. Keine Ahnung, warum sich das Handelsblatt dazu berufen fühlt, das offizielle Sprachorgan der stets lügenden Regierung von Brasilien zu sein. Gerade heute habe ich ein Mail von brasilianischen Freunden bekommen, dass mehr Inhalt hat und vor allem näher an der Wahrheit liegt als dieser Blog.

  2. “Auch die Staatsverschuldung ist im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung eher gering und tendenziell gesunken.” Wichtig ist die gesamtwirtschaftliche Verschuldung. Das Gleiche gabs auch in Spanien. Vor der Immobilienkrise galt Spanien als EU Musterbürger. Nicht vergessen. Der Staat war nicht verschuldet, dafür seine Bürger bis zum Hals.

  3. Herr Malien schreibt als Quintessenz:

    “Für Spanien oder Italien gilt das nicht (Nachfragepolitik d.Verf.). Sie haben schlichtweg kaum Rohstoffe. Selbst in Brasilien steuert die Regierung nun um. Die Nachfolgerin von Lula, Dilma Rousseff, will jetzt die Unternehmen entlasten, um sie wettbewerbsfähiger zu machen.”

    Hierin zeigt sich ein Verständnis einer völlig auf den Hund gekommen Ökonomik neolberalis. Wer also keine Rohstoffe hat, muss nur die Unternehmen entlasten, damit diese wettbewerbsfähiger werden. Und wer kauft dann deren Waren. Ja, ja, da ist ja noch das Saysche Theorem, nachdem angeblich jedes Angebot sich seine Nachfrage selbst schaft. Leider ist dieses neoliberale Vehikel der Angebotstheoretiker noch nie in der Realität bestätigt worden, da sich reale Marktteilnehmer nicht nach dieser aus der Quantitätstheorie des Geldes abgeleiteten Chimäre richten, da sie ja in neoklassischer Manier angeblich ihren Nutzen maximieren und ihr Geld nicht für jeden Unsinn ausgeben. Und was heißt hier: “…Konsum-Bonanza irgendwann ins Verderben geführt…” Wie hätten wir dann Exportweltmeister werden können, wenn die Spanier nicht bereit gewesen wären, sich für uns zu verschulden. Über 50 Mrd haben deutsche Banken ins Land Don Quijotes gekarrt, um den Bauboom aufzublasen. Die zuletzt gehörten Forderungen in Davos, Europa müsse einen Pakt für Wettbewerbsfähigkeit schließen und insoweit weiter die Lohnkosten und Sozialstandards senken, ist einer Voodoo-Ökonomik geschuldet, die glaubt im Ruin der eigenen Volkswirtschaften liege der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg. Da kann man nur mit dem Chefideologen der ehemaligen DDR Honecker antworten: Dümmer geht nimmer oder doch Herr Mallien?