Das chinesische Datenwunder

Nun liegt Chinas Wachstum im Gesamtjahr 2012 also bei 7,8 Prozent. Mal wieder genau auf dem Zielwert – das sind wir von China gewöhnt. Trotzdem, oder eigentlich gerade deshalb, wurde ich stutzig, als Statistiker Ma Jiantang heute auf der großen BIP-Pressekonferenz die Zahl nannte.

Denn im Oktober hatte sich ein bekannter, bestens vernetzter Ökonom von einer führenden staatlichen Uni in meinem Beisein verquasselt. „Ich denke, das Wachstum in diesem Jahr liegt eher bei 7,5 Prozent“, hat der grauhaarige Wissenschafts-Veteran gesagt. „Das sollte am Jahresende auch draufstehen. Außer, die drehen mal wieder dran.“

Hat China nun an der Statistik gedreht? 

Ganz vorsichtig lässt sich sagen: wahrscheinlich ja, aber nicht allzu sehr. Die Großbank UBS hatte im Januar bereits Zweifel an der chinesischen Exportstatistik für Dezember angemeldet. Die Ausfuhr hatte einen plötzlichen Sprung nach oben ausgewiesen, der sich über andere Handelsdaten nicht ohne weiteres nachvollziehen ließ. Der gute Export trägt nun zum stabilen Wachstum bei.

Ein Ökonom, der in China für eine wichtige deutsche Bank arbeitet, hat mir die chinesische Haltung zur Statistik einmal so erklärt: „Wenn die echten Daten zu hoch ausfallen, dann werden sie vor Veröffentlichung etwas gedämpft. Wenn sie zu niedrig aussehen, dann werden sie etwas gestützt. Am Ende kommt aber ein realer Wert für das BIP heraus.“

Eine Glättung also im Sinne von „Harmonie und Stabilität“. Das ist realistisch. Denn mit völlig falschen Zahlen ließe sich die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wohl kaum sinnvoll führen. Außerdem wäre das Geheimnis in Anbetracht der vielen beteiligten Personen kaum zu wahren.

Auch demokratisch Politiker stehen bekanntlich nicht darüber, auf Statistiken Einfluss nehmen zu wollen. Ihnen ist schließlich so ziemlich alles recht, was sie besser aussehen lässt.

Jetzt denken wir uns mal die freie Presse und die unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitute weg. (In China gibt es zwar ähnliche Institutionen, aber sie stehen alle unter Kontrolle der Partei.) Die Versuchung zum Mogeln muss riesig sein.

Kommen wir zu der Frage zurück, ob wir dem Wert von 7,8 Prozent trauen können. Ich sage es mal so: Vielleicht waren es 2012 in Wirklichkeit nur 7,5 Prozent. Doch es war auch zu hören, dass die Zahl für das Vorjahr einige Basispunkte zu niedrig berichtet wurden – damit nicht auffällt, wie wahnwitzig überhitzt die Wirtschaft nach den allzu großzügigen Konjunkturprogrammen war.

Demnach stimmt es jetzt also unterm Strich wieder.

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [2]