EU startet Casting – aber ohne TV-Show

Auf diesem Foto ist eigentlich alles falsch: Beim EU-Casting gibt es keinen Dieter Bohlen und der Daumen muss runter zeigen. Bild: dpa

„Deutschland sucht den Superstar“ war gestern, jetzt mischt sich die Europäische Union (EU) in die Suche nach dem Ultimativen ein. Eigentlich werden in solchen Shows immer die besten Sänger, die größten Talente und schönsten Frauen gesucht. Bei „Deutschland sucht den Superstar“ treten Tausende Gesangstalente an. Manche mehr und viele weniger begnadet – doch alle vereint in der Hoffnung, dass Dieter Bohlen ihnen keinen allzu fiesen Spruch reindrückt und das Publikum sie immer weiter wählt – bis zum Superstar.

Das Stimmrecht fürs Publikum gibt es beim Casting der Europäischen Union auch. Mit einer TV-Show und einem alternden Pop-Titan können die Politiker aber (leider) nicht dienen. Und der Unterhaltungswert für den Zuschauer wäre auch ziemlich niedrig. Denn über die Bühne würden keine coolen Typen und aufreizenden Mädchen hüpfen. Die Teilnehmer sind nicht einmal Menschen, nein, es sind Finanzprodukte. Und gesucht wird nicht das Beste. Gesucht wird das Schlechteste, ja, sogar das Gefährlichste!

Gefährlich? Das ist nun wieder ein Wort, bei dem vielleicht doch der eine oder andere Zuschauer aufhorchen und einschalten würde. Aber nein, eine Show gibt’s nicht, sondern eine Umfrage im Internet. „Europa sucht das gefährlichste Finanzprodukt“ – das klingt erst einmal wie ein Gag. Doch die Aktion des Grünen-Europaabgeordneten Sven Giegold hat einen ernsten Hintergrund: An den Finanzmärkten wimmelt es geradezu von Produkten, die intransparent sind, unnötig komplex, die Risiken verschleiern, nicht marktgerecht bezahlt werden, mit Wucherkosten verbunden sind, Dritten schaden oder sogar die Stabilität des Finanzsystems gefährden.

Eigentlich haben die Finanzaufsichtsbehörden der EU schon längst das Recht, Finanzprodukte vom Markt zu nehmen. Doch in der Praxis war das bisher schwierig und die Aufseher haben das Instrument noch nie genutzt. „Risiko ist nicht generell schlecht“, schreibt Giegold, der auch als Globalisierungskritiker bekannt ist und die Attac-Deutschland mitbegründet hat, in der Erklärung zu dem außergewöhnlichen Wettbewerb. Doch es komme darauf an, dass „Risiken für den Anleger transparent sind, fair vergütet werden und nicht letztlich von Dritten getragen werden müssen.“

Dem kann man nur zustimmen. Anleger müssen sich gegen solche Produkte wehren, also warum nicht mal einer ernsten Aktion eine witzige Verpackung geben? Die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung jedenfalls dürfte das steigern. Mitmachen kann jeder, geprellter Anleger und Finanzexperte. Auf der Website können sie besonders bedrohliche Finanzprodukt an den Pranger stellen. Verglichen mit der Show von Dieter Bohlen befinden wir uns also gerade in der Vorrunde. Der Unterschied: Diese Kandidaten brennen nicht darauf, ins Fernsehen zu kommen und aller Welt etwas vorzuträllern. Diese Kandidaten wollen am liebsten leise im Hintergrund bleiben und dabei viel Geld scheffeln.

Noch bis zum 15. Februar kann jeder über die Website Nominierungen für das gefährlichste Finanzprodukt einreichen. Danach bewertet eine Jury die Vorschläge und filtert die Top drei heraus. Dann beginnt der Part des Wettbewerbs, bei dem die Kandidaten in der Fernseh-Show aufgeregt in die Kamera winken und die Telefonnummern für die Publikumsabstimmung eingeblendet werden. Allerdings gibt es für die Finanzprodukte keine Nummern, abgestimmt wird online.

Und was geschieht mit dem Gewinner? Anfang April wird er feststehen. Ein Musikalbum, produziert mit Dieter Bohlen, gibt es aber nicht. Giegolds Plan für den Gewinner – der ja eigentlich der größte Verlierer ist – sieht so aus: Er will auf ein Verbot des gefährlichsten Finanzproduktes durch die europäischen Finanzaufsichtsbehörden hinwirken. Dem auserkorenen Finanzprodukt könnte also die Ehre zuteil werden, das Erste zu sein, das verboten wird.

Schon in den ersten beiden Tagen nach dem Start des Wettbewerbs wurden einige heiße Kandidaten nominiert: Ratenkredite mit Restschulversicherung, die besonders teuer sind, Kapitallebensversicherungen mit unüberschaubar langer Laufzeit und CDFs – Contracts For Difference – die hochriskant und sehr teuer sind.

Schon bei diesen Produkten fällt es schwer, sich für das Gefährlichste zu entscheiden. Es dürfte also ein spannender Wettbewerb werden – zum Glück ohne Motto-Shows und schräge Töne.

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Alle Kommentare [1]

  1. Was soll diese irreführende Überschrift “EU startet Casting”?
    (Noch) spricht Giegold nicht für die Europäische Union als Ganzes…