Wenn aus Bären Bullen werden

An jeden Jahresanfang knüpft sich die Hoffnung eines Neubeginns, und bislang fühlt sich 2013 gar nicht so schlecht an, zumindest an den Börsen. Zwar hatte auch 2012 mit frischem Optimismus begonnen, bevor die Euro-Krise dann nach wenigen Monaten wieder die Stimmung verdarb. Aber in diesem Jahr gibt es doch einige bemerkenswerte Signale, die Hoffnung machen.

Eines der bemerkenswertesten stammt von Albert Edwards, seines Zeichens Kapitalmarktstratege der französischen Großbank Societe Generale. Edwards ist das, was man einen Superbären nennt, einen Analysten, der sich in den vergangenen Jahren durch seinen extremen Pessimismus für Aktienanlagen aller Art auszeichnete. Edwards fürchtet, dass wir in einer finanziellen “Eiszeit” leben, geprägt durch dauerhaft anämisches Wachstum in den Industrieländern, hart am Rande eines Deflationsszenarios. Oder muss man von Edwards Horrorszenarien bereits in der Vergangenheit sprechen? Denn vor kurzem überraschte der Stratege seine Klienten mit der Aussage, dass Europas Aktien inzwischen „uneingeschränkt billig“ seien. Ja, der Superbär sieht laut britischen Medienberichten sogar eine „Kaufgelegenheit, die es nur einmal in einer Generation“ gibt, zumindest für Investoren, die bereit sind sich zehn Jahre zu gedulden, bis sie die Früchte ihrer Investments ernten können.

Edwards ist nicht der einzige Aktienexperte, den der Optimismus gepackt hat. Bereits im vergangenen Herbst haben die Strategen von Bank of America Merrill Lynch den Beginn der „Great Rotation“ ausgerufen. So nennen die Angelsachsen die großangelegte Umschichtung von Vermögen von den Bond- an die Aktienmärkte, damit würde sich ein jahrzehntelanger Trend umkehren. Die ultralockere Geldpolitik nach der Finanzkrise hat die Anleiherenditen in den vergangenen fünf Jahren auf  extrem niedrige Niveaus gedrückt. Doch begonnen hat der lange Boom der festverzinslichen Finanzinstrumente bereits mit der Antiinflationspolitik in den 80er Jahren. Seither sind die Renditen in den großen westlichen Ländern von zweistelligen Werten auf die Rekordtiefs gefallen, an die wir uns seit der Banken- und Schuldenkrise gewöhnt haben.

Getrieben wird die große Rotation von zwei Trends. Zum einen kommen immer mehr Großinvestoren zu dem Schluss, dass die Luft an den Bondmärkten bedenklich dünn wird. Zum anderen lässt die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion nach, auch die Furcht vor einem Crash in China oder einer Dauermisere in den USA war schon größer. Das heißt, die Investoren stellen sich langsam aber sicher auf mehr Wachstum und steigende Inflation und damit auf fallende Kurse und höhere Renditen an den Bondmärkten ein, während gleichzeitig Investitionen an den Aktienbörsen attraktiver werden. Der neue Optimismus für Dividendenpapiere lässt sich bereits an den aktuellen Daten ablesen. Der Januar ist traditionell ein guter Monat für die Börsen, aber in den ersten Wochen 2013 haben die Investoren so viel frisches Geld in Aktienfonds gepumpt wie in den vergangenen fünf Jahren nicht mehr.

Aber bevor die Euphorie zu groß wird, so richtig ist der Superbär Edwards noch nicht zum Börsen-Bullen konvertiert. Er glaubt, dass alle Investoren, die auf eine Renaissance der Aktie setzen, extrem gute Nerven brauchen. Bevor die Kurse wirklich in einem langfristigen Bullenmarkt abheben, wird der S&P-500-Index an der New Yorker Börse nach Meinung des Strategen noch einmal unter das Niveau von 666 Punkten fallen. Derzeit notiert das Marktbarometer noch bei über 1450 Zählern. Die „Financial Times“ zitiert Edwards mit den Worten: „Ich rechne mit einem totalen Massaker, aber ich bin optimistischer als ich es war.“

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Alle Kommentare [2]

  1. “Wenn aus Bären Bullen werden” wird es Zeit an den Ausstieg zu denken. Noch mitfahren, bis alle noch auf den Zug gesprungen sind, und dann nichts wie raus.