The Smog – Nebel des Grauens

Ein Land voller Dreckschleudern: Kohlekraftwerk in Hebei

Ein Land voller Dreckschleudern: Kohlekraftwerk in Hebei

Die Schwaden, die am Samstagnachmittag im Pekinger Stadtteil Chaoyang auf mich zukamen, erinnerten mich an den Film „Der Nebel des Grauens“. Nur dass darin keine toten Seeleute lauerten, sondern Feinstaubpartikel.

Der plötzliche Rekord-Smog kommt für mich etwas überraschend, weil der Trend eine Weile lang in Richtung besserer Luft ging. Gerade zu Jahresbeginn hatten wir wunderbar klares Wetter. Peking selbst tut zudem einiges, um die Luft zu verbessern – gerade haben zwei neue U-Bahnlinien eröffnet. Doch der Nebel des Grauens wabert flächendeckend über den Industrieregionen Nordchinas. 

Die Messungen durch die US-Botschaft und der Pekinger Umweltüberwachung  sind sich einig: Der Smog ist in Peking so schlimm wie seit zwanzig Jahren nicht mehr.

Im Kurznachrichtendienst Weixin laden meine chinesischen Freunde in diesem Tagen alle paar Minuten Fotos ihrer eigenen Handys hoch – auf dem die entsprechenden Apps wie “Beijing Air” die noch nie dagewesenen Werte anzeigen. (Leute, langsam wird das langweilig.)

Die offizielle Skala für die Luftkonzentration von Partikeln mit einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometern geht bis fünfhundert. Jetzt haben wir kurzzeitig den Wert 900 erreicht! Die Weltgesundheitsorganisation setzt für diese Sorte Staub einen Grenzwert von 25.

Im Stadtteil Chaoyang verschwinden die Hochhäuser im giftigen Dunst

Im Stadtteil Chaoyang verschwinden die Hochhäuser im giftigen Dunst

Doch auch ohne Messtechnik lässt sich spüren, dass die Luft sauschlecht ist. Es stinkt schweflig, und nach einigen Metern auf dem Fahrrad kratzt der Hals. Ein Bekannter von mir hat plötzlich Neurodermitis bekommen. Ich selbst neige bei diesem Wetter zu Kopfschmerzen.

Sogar die Behörden geben inzwischen zu: Es ist etwas nicht in Ordnung. Der staatliche Fernsehsender CCTV gab über sein Mikroblog erstmals die Warnung heraus, sich besser in geschlossenen Räumen aufzuhalten und das Haus nicht unnötig zu verlassen.

Im Twitter-ähnlichen Dienst Sina-Weibo liefen eine runde Million Kurznachrichten zum Thema „Peking Luft PM2,5“ ein. „Kein Wunder, das wir uns alle nur noch hustend durch die Straßen schleppen“, schreibt die junge Nutzerin Zhang Hongshuo.

Die Bloggerin Totobobo bildet sich mit Atemmaske ab und zwitschert: „Prima, so können wir das Bruttinlandprodukt nochmal hochtreiben – und zwar in der Medizinbranche, wenn wieder so viele Leute in die Notaufnahme müssen.“

Ein anderer nennt die Luftverschmutzung schon zynisch „die natürliche Lösung für Chinas Überbevölkerungsproblem.“

Viele geben dem Verkehr und den Kohleheizungen die Schuld, doch der Feinstaub kommt nicht nur aus Peking. Er weht zum Beispiel aus dem Norden der Nachbarprovinz Hebei heran. Dort stehen viele Kohlekraftwerke und ältere Industrieunternehmen.

Einfach abschalten ist keine Lösung, denn irgendwo muss der Strom ja herkommen. China ist ein Gefangener des Wachstumszwangs: Obwohl das Schwellenland auch luftreine Energiequellen wie Atom und Solar mit Hochdruck ausbaut, reicht die Produktion nicht.

Eine Weile lang hat das Land alle paar Tage ein Kohlekraftwerk neu ans Netz genommen, um den Bedarf decken zu können. Mit dem derzeit niedrigeren Wachstum läuft der Ausbau zwar langsamer, aber er geht stetig voran.

Die Bewohner von Peking müssen nun erst einmal sehen, wie sie mit dem Smog zurechtkommen. Viele haben keine Wahl und müssen die Suppe ignorieren – wenn sie beispielsweise draußen als Parkwächter arbeiten. Kein Wunder, dass diese Leute sich ständig räuspern müssen und den Kloß nicht aus dem Hals kriegen.

Mein Luftreiniger

Mein Luftreiniger

Wer es sich leisten kann, filtert seine Luft. Nicht nur bei Ausländern, auch bei Chinesen rauschen Luftreiniger verschiedener Marken in den Schlafzimmern. In diesen Tagen verhalten sich viele Bürger, als lebten sie in der dystopischen Welt nach der Umweltapokalypse: Sie huschen mit Atemmaske draußen umher, um dann erst drinnern in der künstlich gefilterten Luft wieder durchzuatmen.

Für Chinas Wirtschaftsentwicklung bedeutet das natürlich nicht das Ende, sondern eher den Anfang – und zwar den Anfang einer Ära sinnvoller Investitionen in eine saubere Umwelt.

Wir sollten nicht vergessen: Die Zeit skandalös schlechter Luft ist in Deutschland gar nicht so lange her. Und auch die Luftverschmutzung im 19. Jahrhundert im Ruhrgebiet hat die Entwicklung letztlich nicht aufgehalten.

Das tröstet jedoch nicht die Bürger der chinesischen Städte, die hier und jetzt Angst um die Gesundheit ihrer Kinder haben müssen. Feinstaub löst Lungenkrebs und Kreislaufbeschwerden aus.

Nicht zu vergessen ist außerdem, dass die Medien dem Smog in Peking große Aufmerksamkeit schenken – dass Provinzstädte wie Lanzhou oder Xining jedoch viel häufiger unter schlechter Luft leiden als die gehätschelte Hauptstadt.

Denn in Peking wohnen die Top-Bonzen – und bei allen Privilegien müssen auch die im Wesentlichen ganz demokratisch die gleiche Luft atmen wie das einfache Volk.

Autofahrer leiden unter der Sichtbehinderung

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Die Sicht ist zum Teil unter fünfzig Meter gesunken.

Die Sicht ist zum Teil unter fünfzig Meter gesunken.

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Alle Kommentare [7]

  1. Ich bin an Neujahr zu einer Rundreise durch China aufgebrochen. Peking, Tanyuan, Xiàn, Chonqing, Wuhan, Shanghai. Smog gab es nach dem Hochfahren der Fabriken und des Verkehrs nach den Feiertagen überall, besonders schlimm aber in den Bergbau- und Industriezentren Tanyuan, Xiàn, Chonqing, Wuhan. Die Bautätigkeit in China sprengt meiner Meinung nach alle Maßstäbe. Ich vermute mal daß in China derzeit bald die Hälfte aller Bauprojekte weltweit gestemmt werden. Wer die Jubelmeldungen in der deutschen Presse verfolgt, was Autoabsatz und zukünftiges Wachstum in China anbelangt und sich die Dinge mal selber angeschaut hat, dem kann nur Angst und Bange vor mehr Aufschwung werden. Meiner Meinung nach wird dort gerade bei einer breiten Bevölkerungsschicht ein gnadenloser Immobilien- und Konsumrausch angeheizt. Leider entspricht das Bildungsniveau der breiten Masse auch noch dem von Kindern und nur wenige bedenken oder wollen wahrhaben welche ökologischen Konsequenzen das letztendlich haben wird. Wer als Mann keine Wohnung, kein Auto und kein Vermögen hat, hat auch kaum Chancen eine Ehefrau zu bekommen. Ich schätze daß die Älteren, die mal so richtig arm waren auch noch mit der Sauerstoffflasche auf dem Rücken ins Auto steigen oder zur Arbeit gehen. Lediglich die Jüngeren, die schon Jahrzehnte in diesem Dreck aufgewachsen sind, merken daß es so auch nicht weitergehen kann. Viele sind schon krank. Man darf auch gespannt sein, ob die großen Städte im Norden in Zukunft noch genügend Wasser zum Überleben haben werden. Durch Megaprojekte wie den Dreischluchtenstaudamm und die gigantische Oberflächenversiegelung in den Städten gibt es jetzt wohl schon regionale Klimaveränderungen und Wasserknappheit. Um Wasser aus dem Yangtse nach Norden und in den Gelben Fluß zu pumpen wurden bereits die nächsten Gigaprojekte angestossen. Wissenschaftler die ernsthaft vor einem ökologischen Kollaps warnen werden aber schnell aussortiert. Man sollte auch meinen daß es Solarindustrie in China gibt. Ich konnte aber beim besten Willen keine Solarzellen auf Dächern entdecken, lediglich ein paar Minisolarzellen an Verkehrszeichen. Wahrscheinlich sind die bei diesem Smog komplett wirkungslos und werden nur an gutgläubige Europäer verscherbelt. Besonders beunruhigend ist aber die Tatsache, daß reiche Chinesen bereits seit längerem In Nordamerika und Europa Immobilien erwerben und ihre Familien und Vermögen schon mal ins Ausland schicken. China scheint da doch keine so glänzende Zukunft zu haben.

  2. Wowi hebt nicht ab, Platzeck fliegt vielleicht: Die Hauptstadt zeigt, dass sie einfach keine würdige ist. Das Desaster um den Flughafen Berlin-Brandenburg ist nicht weniger als ein kapitaler Skandal.

  3. Das war in China doch die letzten 50 Jahre schon so!
    Zum olympischen Ereignis schoss die Regierung Säureraketen in den Himmeln, um die Luft über den Falldown wenigstens etwas zu säubern.

    Soll ja schön aussehen für die Touristen!

    Ich lese nicht selten von einer maximalen Lebenserwartung von 32 Jahren, wenn man diese in so einer Stadt verbringt. Natürlich nur, wenn man vorher nicht an Krebs stirbt. Die gute alte Staublunge erledigt den Rest.

    Es ist einfach furchtbar. Ich selbst lebe in den Alpen, war bisher auch nur ein mal in China – Shenzhen. Danach hatte ich erstmals Probleme mit den Bronchien und eine leichte Lungenentzündig, die mich etwa 3 Wochen ans Bett gefesselt hat. Ich wünsche das niemandem.

    mfg,
    Markus

  4. Bei 1.3 Milliarden Chinesen muessen wir uns noch nicht wirklich sorgen um den Erhalt der Bevoelkerung machen. Viel Glueck mit dem Aufschwung!