Berühmt werden oder richtig liegen

Habe gerade den Bestseller “The signal and the noise” von Nate Silver gelesen und möchte nur auf eine seiner Thesen aufmerksam machen, die Ökonomen betrifft. Danach haben Leute dieses Berufsstands, überspitzt gesagt, die Wahl, entweder berühmt zu werden oder richtig zu liegen. Beides zugleich scheint sehr schwierig zu sein.

Grundlage dieser These ist eine einfache Überlegung: Die Realität ist kompliziert. Wenn man ihr mit allzu simplen Thesen zu Leibe rückt, trifft man schnell daneben. Wenn man es ohne einfache Thesen versucht, dringt man aber medial nicht durch.

Anders gesagt: Wer etwas auf sich hält, ändert seine Meinung nicht so schnell. Wer sich tatsächlich mit der Realität beschäftigt, ist aber sehr häufig gezwungen, seine Meinung zu ändern.

Oder noch anders gesagt: Wer starke Thesen vertritt, hat irgendwann Glück und liegt damit richtig – genauso wie eine stehende Uhr zweimal am Tag richtig geht. In der Öffentlichkeit dringt dann nur die starke, zutreffende These durch – nicht die vielen Male, wo die starken Thesen völlig daneben gingen.

Silver belegt das auch mit dem Hinweis auf Studien: Danach gibt es eine negative Korrelation zwischen der Häufigkeit, mit der Ökonomen zitiert werden, und der Treffsicherheit ihrer Voraussagen.

Ich habe selbst einmal eine ähnliche Erfahrung gemacht. Ich bin einmal im Fernsehen in einer Talk Show gelandet. Grund dafür war ein Artikel mit einer recht einfachen These. Wahrscheinlich habe ich hunderte viel bessere Artikel geschrieben, aber mit denen wäre ich nie ins Fernsehen gekommen. Ökonomen geht es wahrscheinlich nicht viel anders.

Im politischen Raum kann es sogar eine Stärke sein, mit einfachen Thesen jeder Realität zu trotzen. Ich erinnere mich noch an den Ausspruch eines demokratischen Kongressabgeordneten über Ronald Reagan: “Der lässt sich nicht von der Realität irritieren.” Das war durchaus als ein – wenn auch etwas zynisches – Kompliment gemeint, bezogen auf Reagans Durchsetzungsstärke.

Tatsächlich sind die meisten Probleme - von der Euro-Krise über den Klimawandel bis hin zur Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen – so kompliziert, dass man sie mit einfachen Thesen nicht einfangen kann. Für die Euro-Krise gibt es weder simple Lösungs-Rezepte noch simple Erklärungen, jedenfalls dann nicht, wenn man sich von Vorurteilen frei macht. Trotzdem sind gerade hier simple Thesen beliebt: Die Politiker lügen, die Südländer sind faul, man muss den Euro einfach abschaffen, Merkel versteht nichts von Ökonomie, und so weiter. Der Klimawandel lässt sich weder einfach leugnen noch mit genauen Temperaturangaben belegen. Trotzdem passiert beides immer wieder gerne. Zu Frauen und Männern äußer ich mich nicht. Ich erinnere mich nur, dass vor Jahren mal ein Mann, der Frauen mehr oder minder alle für dumm erklärt hat, durch die Talk Shows gereicht wurde – nach dem Motto: Der hat wenigstens einen eindeutigen Standpunkt.

Silvers Buch ist aber ermutigend: Denn er ist damit medial durchgedrungen, obwohl er gerade davon abrät, starke Thesen aufzustellen. Der Mann ist Statistiker, wurde mit treffenden Wahlprognosen bekannt, und war eine Zeit lang berufsmäßig Pokerspieler. Er weiß daher sehr gut, dass die Realität immer anders ist, als man denkt: Das ist eine gute Arbeitshypothese.

 

Kategorie: Ökonomie | Tags: ,
Frank Wiebe

Über Frank Wiebe

Frank Wiebe ist ein Finanz-Allrounder. Er kennt Banken und Versicherungen von innen und begleitet die Börsen seit Jahren. In seinen Kommentaren ordnet er kurzfristige Entwicklungen ein und analysiert die langfristigen Trends und den Zeitgeist an den Märkten.

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Alle Kommentare [3]

  1. Ja, Frank Wiebe!
    Warum aber „dringt man medial nicht durch“? Warum wohl übernehmen und verbreiten die Medien nicht die „besseren Artikel“?
    „Simple Thesen“ sind nicht nur „beliebt“, weil sie jeder beliebig verstehen kann, ohne dass damit deren jeweils eigene „Weltanschauung“ erschüttert wird.
    „Simple Thesen“ sind deshalb probates Mittel, nicht nur medial gut verkaufen, sondern damit auch herrschendes Verständnis durchsetzen zu können.

  2. Ein ansprechender Artikel – für mich, aber einen Gedanken möchte ich Ihnen hinterlassen. Es gab und gibt scho durch mehrfach korrekte Vorhersagen bekannt gewordene Menschen/Denker. Vorraussetzung hierfür ist aber – meiner Meinung nach – Bescheidenheit und Maß im Urteil bzw. sich nicht in der Haltung der Selbstüberschätzung zu globalen-universalen Vorhersagen hinreissen zu lassen. Was denken Sie hierzu?

  3. Ein ansprechender Artikel – für mich, aber einen Gedanken möchte ich Ihnen hinterlassen. Es gab und gibt scho durch mehrfach korrekte Vorhersagen bekannt gewordene Menschen/Denker. Vorraussetzung hierfür ist aber – meiner Meinung nach – Bescheidenheit und Maß im Urteil bzw. sich nicht in der Haltung der Selbstüberschätzung zu globale-universale Vorhersagen hinreissen zu treffen. Was denken Sie hierzu?