Chinas rekordschnelle Überinvestition

Chinesischer Hochgeschwindigkeitszug bei der Jungfernfahrt

Chinesischer Hochgeschwindigkeitszug bei der Jungfernfahrt (Foto: fmk)

China hat in diesen Tagen die weltweit längste Strecke für Hochgeschwindigkeitszüge eröffnet. Der vermeintliche Triumph der Technik zeigt jedoch zugleich den großen Hinkefuß des chinesischen Wirtschaftswunders: Es beruht auf Überinvestitionen, die nie eine angemessene Rendite bringen werden. 

Der rasche Ausbau der Infrastruktur des Landes, in dem ich lebe und arbeite, ist mir hochwillkommen. Ich halte die Milliardeninvestitionen in schnelle Gleise außerdem grundsätzlich für sinnvoll. Sie schaffen Arbeitsplätze und zugleich Werte für die kommenden Jahrzehnte. Doch ökonomisch steht die Trasse auf einem modrigen Fundament.

Die neu eröffnete Strecke verbindet Peking (im Norden Chinas) mit Guangzhou (im Süden) und schneidet dabei 2500 Kilometer weit quer durch eine Reihe von Binnenprovinzen. Sie verkürzt die Reisezeit von einstmals 30 Stunden (zuletzt 20 Stunden) auf nun knapp acht Stunden. Die meisten Passagiere werden voraussichtlich zwischen den heißen Wirtschaftsstandorten am Rand des Landes in die Inlandsregionen hin- und herfahren.

Schon jetzt ist klar, dass das Eisenbahnministerium die Strecke nie wirtschaftlich betreiben kann. „Wir verkaufen die Tickets viel zu billig. Das ist ein sozialer Preis“, verriet ein beteiligter Ingenieur dem Handelsblatt. Dadurch entsteht ein Paradox: Je beliebter die Strecke, desto größer das Minus. „Jeder Zug erhöht das Defizit“, sagt Zhao Jian von der Pekinger Universität für Verkehrswissenschaften.

Das passt ins Bild einer Wirtschaftsnation, deren Erfolg bisher auf hohen Überinvestitionen beruht. Die Frage nach der Rendite war bisher in China gleichgültig. Im kommunistischen System liegen die Prioritäten anders: Der Ausbau der Infrastruktur, die (kurzfristige) Erhöhung des Bruttoinlandprodukts und die Erhöhung des Lebensstandards standen im Vordergrund. Im Zeitalter des Aufbaus funktionierte das gut: Die meisten Investitionen haben sich gelohnt.

Inzwischen droht jedoch eine Welle von Schulden, wie diese aktuelle Studie des Internationalen Währungsfonds kürzlich noch einmal warnt. China hat sich zu viele Projekte geleistet, die in Zukunft nicht das nötige Geld verdienen werden. Kommunistische Funktionäre entscheiden jedoch weiterhin nach willkürlichen Kriterien über Millionen- und Milliardenbeträge. Der Investitionsanteil an der Wirtschaftsleistung liegt bei rund der Hälfte. Zahlreiche Ökonomen warnen daher vor einem erheblichen Rückschlag, wenn sich die Schulden in diesem investitionsgetriebenen Wirtschaftsgefüge zu hoch auftürmen.

Doch trotz des Konzerts der Kritiker und Untergangspropheten stellt sich die Frage, ob die Strecke Peking-Guangzhou sich für das Land als Ganzes nicht doch noch lohnen wird.

Die schnelle Eisenbahn bindet rückständige Millionenstädte wie Shijiazhuang, Dengzhou oder Wuhan an zwei der wichtigsten Wirtschaftsmetropolen an – das bringt erfahrungsgemäß einen Wachstumsschub. Wenn hier neue Industrien entstehen, mindert das auch das Problem der Migration im Inland. Staatsnahe chinesische Ökonomen erwarten daher auch einen Schub für die Wirtschaftsleistung in Höhe von rund 2,5 Milliarden Euro jährlich.

Es gibt nur eine Lösung dafür, wie die Rechnung aufgeht: Der Staat subventioniert mit Einnahmen aus dem Gesamtwachstum die Strecke, die sich durch die Fahrpreiseinnahmen nicht lohnt. Das wird er tun, indem er die Schulden des Eisenbahnministeriums übernimmt. Es ist heute schon eine der Organisationen, die weltweit am tiefsten in der Kreide stecken.

Außerdem vermeidet die Strecke unsichtbare Folgekosten, was eine Subvention ebenfalls rechtfertigt. Denn der Eisenbahnausbau bringt die Umwelt- und Klimaziele des Landes voran. China baut derzeit emissionsfreie Stromquellen wie Wind, Sonne und Atom konsequent aus. Bisher fliegen Privat- wie Geschäftsreisende zwischen den Städten, die der neue Zug verbindet. Wenn sie künftig mit der Bahn fahren, bringt das sowohl der Luft als auch dem Klima etwas. Langfristig spart so etwas jeder Gesellschaft enorme Folgekosten.

 

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Alle Kommentare [7]

  1. Sollte man wirklich den Autor zerreißen als kurzsichtig, europäisch denkend?
    Das finde ich etwas dreist. Man kann in einem kurzen Artikel nicht auf Alles im Detail eingehen. Die Nachhaltigkeit einer Investition in die Infrastruktur des Landes wird heraus gestellt. Nur von dem ROI zu reden zeugt von einer beschränkten Sichtweise.
    Meiner Meinung nach sind diese Projekte eines der größten Werkzeuge der chinesischen Regierung. Es werden ganze Städte von Grund auf geplant und in kürzester Zeit gebaut. Einem überregionalen Problem, ähnlich der Landflucht in Deutschland, wird effektiv entgegengewirkt.
    Ich bin mir sicher, dass sich sehr schnell unrentable und kostspielige Projekte finden lassen die nur aus Geltungssucht oder Prestigedenken entstanden sind.

    Ich habe den Artikel als eine gut zu lesenden Denkanstoß genossen.

  2. zutreffend formuliert.
    ich glaube auch das land ein bisschen zu kennen nach insgesamt 9 aufenthalten beginnend ab 1985.
    der ROI ist viel zu niedrig.
    aber was ich zuletzt in westchina gesehen habe – eine eisenbahn-hochtrasse im bau – diese investition wird sich niemals rechnen. den personenverkehr kann man vergessen – zu geringes aufkommen -, lediglich zum gütertransport würde sich diese trasse eignen. es werden laufend investitionen getätigt damit das BIP- wachstum passt aber ohne rücksicht auf den ROI. entsprechend ist die verschuldung und das wird von vielen “experten” leider noch immer nicht erkannt. ich bin schon gespannt, wann diese blase platzt.

  3. Guter Artikel, danke!
    Nur eine Anmerkung: Atomenergie ist nicht emissionsfrei. Es ist ein langer Weg, bis ein Brennstab im AKW ankommt. Neben dem Uranabbau ist auch die Anreicherung auf das benötigte Verhältnis von U-235 und U-238 energieintensiv.

  4. Der Autor denkt wirklich europäisch und heute.
    Mit solch einer ” Denkweise ” entwickelt und realisiert keine Witschaft Strategien für die Zukunft.
    China hat riesige Rohstoffe, seltene Erden usw. , alles was die Industrie in der Welt braucht. Das sichert langfristig Einkommen für den Staat.
    All diese Grundlagen haben wir in Europa nicht.
    Der Autor ist skeptisch ( negativ ) mit der Wirtschaftlichkeit der Srecke – typisch deutsch / europäisch !!.
    Er äussert sich überhaupt nicht zur technologische Leistung chinesischer
    Ingenieure und Unternehmen in wenigen Jahren diese Hochgeschwindigkeits-Züge und Strecken selber entwickelt und gebaut zu haben!!
    Er kennt die lokalen dynamischen Entwicklungen in China nicht !!
    Er argumentiert aus dem europäischen vergangenen Schlaraffenland.
    Muss mal selber einige Jahre dort leben um zu sehen wie da ” die Post abgeht ” in Investitionen rentabel werden !!

  5. Der Autor denkt deutsch, europäisch, amerikanisch, ich weiß nicht, aber auf jeden Fall zu kurz. Projekte dieser Art können nicht mit der kaufmännischen Elle (bekanntlich ziemlich kurz) gemessen werden. Das sind Zukunftsinvestitionen in die Entwicklung eines Landes. Es gab ja schon ähnliche Beispiele, die heute einige Jahrzehnte später niemand mehr in Zweifel zieht, z.B. die Gründung von Brasilia. Der Autor deutet ja selbst die Bedeutung dieser Strecke für die Landesentwicklung an, ohne näher darauf einzugehen.
    Es darf auch erinnert werden, daß in den Anfangsjahren der Eisenbahn Strecken gebaut wurden, die lange nicht rentabel waren. Viele Eisenbahngesellschaften gingen bakrott. Heute könnten diese Linien gar nicht mehr gebaut werden zwischen all den Schrebergärten und Schutzgebieten für Käfer und Frösche hindurch. Sie sind quasi unersetzbar geworden.
    China ist reich, hat keine Schuldenprobleme wie die längst bankrotten Industriestaaten, und ist sicher besser beraten, jetzt seine Dollarguthaben zu verbauen anstatt auf deren Entwertung zu warten.

  6. Dennoch ist der Entwicklungspfad der chinesischen Wirtschaft ungleich vernünftiger, als die US-amerikanische Überinvestition in Konsum.

  7. Wer in unserem Land glaubt noch ernsthaft, dass sich Stuttgart 21, der Berliner Flughafen, viele Provinzflughäfen oder die Elbphilharmonie jemals rechnen werden?
    Ist es in unserem Land etwa besser?
    China ist ein Land im Aufbau.
    Bei uns versuchen einige wenige, ein Land vor der entgültigen Abwrackung noch möglichst auszunehmen.