Der Baby-Diktator muss bloß China folgen

Ein frohes neues Jahr! – auch für Nordkorea? Als vorhin die ersten Agenturmeldungen von Kim Jong-Uns überraschenden Neujahresgrüßen aus Nordkorea liefen, fragten sich die Beobachter sofort, wie  der Junior-Machthaber das anstellen will: in der vergammelten Volkswirtschaft seines Landes einen “radikalen Anstieg der Produktion” (Zitat von Yonhap) in Landwirtschaft und Industrie zu bewirken. Doch tatsächlich wäre es für Kim vergleichweise leicht, hohes Wachstum zu erzeugen – wenn er sich denn gegen die Betonköpfe in der eigenen Partei durchsetzen kann. 

Der junge Kim müsste zunächst bloß auf die Blaupausen für einen Umbau der Wirtschaft schauen, die ihm bereits vorliegen. Denn schon sein Vater hat reichlich entsprechende Ratschläge aus Peking bekommen. China ist stolz darauf, im Besitz der Rezepte für die Verwandlung kommunistischer Asche in Wachstums-Gold zu sein und teilt dieses Wissen gerne.

Chinas Wirtschaft befand sich noch Mitte der 1970er-Jahre in einer äußerst kläglichen Verfassung. Das Bruttoinlandprodukt das riesigen Landes lag 1976 bei lächerlichen 35 Milliarden Euro. Die Landwirtschaft war in ineffizienten Produktionsgenossenschaften organisiert, die Arbeiterschaft schuftete (oder faulenzte) in rostigen “Volkseigenen Betrieben”.

Doch der Reformer Deng Xiaoping löste durch ein vergleichsweise simples Programm einen Urknall aus. Seine wesentliche Idee: Er gab den Menschen wieder die Chance, sich durch Fleiß zu beweisen. Den berühmten Satz “reich zu werden ist ehrenvoll” hat er zwar vermutlich nie gesagt, aber er könnte ihn gesagt haben. China entdeckte nach dreißig Jahren des Hardcore-Sozialismus den Markt wieder.

In den Jahren 1982 bis 1985 legte China dann zweistelliges Wachstum hin. Der Wohlstand stieg spürbar. Hintergrund war die Zulassung ausländischer Investoren in Sonderwirtschaftszonen. Jeder Dollar, den sie ins Land pumpten, bewirkte einen mehrfachen Wachstumseffekt. Außerdem war die Basis immer noch niedrig (so wie heute in Nordkorea). Wenn sich ein Haushalt bloß einen Ventilator anschaffte, bedeutete das schon einen Schub für den persönlichen Wohlstand und die Wirtschaft.

All das scheint in Nordkorea ebenfalls machbar. Tatsächlich hat auch schon Kims Vater mit solchen Reformen experimentiert – aber eben nie konsequent und mutig genug, um auch Rückschläge und einen kleinen Machtverlust für die Arbeiterpartei hinzunehmen.

Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch in der Sonderwirtschaftszone Kaesong auf nordkoreanischem Boden im Jahr 2007, wo ich zu meinem Erstaunen auch deutsche Investoren vorgefunden habe. Das Interesse an dem Standort war groß, und die südkoreanische Firma Hyundai Asan hat erfolgreich eine Brücke zwischen der westlichen Welt und der skurrilen Welt Nordkoreas geschlagen. Leider hatte schon der nächste Atomstreit die Entwicklung des Projekts gestoppt.

Bleibt nur die Frage, ob sich Kim mit seinem Öffnungskurs gegen die Hardliner in der Arbeiterpartei durchsetzen kann. (Anders gesagt: Hoffentlich findet ihn seine hübsche junge Frau nicht eines Tages vergiftet vor.) Jetzt kommt es für ihn darauf an, die Genossen zu überzeugen und mitzuziehen. Auch dieses Kunststück kann ihm mit Hinweis auf China gelingen: Die Kommunistische Partei ist heute dort nicht nur enorm mächtig – sondern auch stinkreich. Dank der Reformen.

Wenn Nordkorea nun zur Vernunft kommt und den Lebensstandard steigert – dann kann 2013 tatsächlich ein erstaunlich gutes Jahr für die Bewohner des stalinistischen Landes werden.

 

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Alle Kommentare [3]

  1. Irgendie störe ich mich massiv an der Bezeichnung “Baby-Diktator”, denn das verharmlost so ungemein. Der Mann ist ein Diktator und vermutlich einer der gefährlichsten der Welt. Und wenngleich noch recht jung, so macht ihn das nicht weniger gefährlich bzw. unberechenbar…

  2. Wenn es dann so kommt, wird es für die Wirtschaft in Europa noch schwieriger werden. einmal Südkoreanische Firmen in Nord-Korea noch billiger produzieren lassen, als es z. B. in China Bangladesch oder sonst irgendwo auf der Welt möglich ist. Das „know-how“ hat sich ja Südkorea schon lange aus den USA und Europa geholt bzw. sogar aufgedrängt bekommen.

  3. Als ich gestern den Bericht im Fernsehen sah, war ich doch sehr erstaunt über die Worte von Kim Jong Un. Eine Annäherung mit Südkorea fände ich mehr als erfreulich. Ich hoffe dahinter steckt nicht nur heiße Luft. Es wär ein wichtiger Schritt, damit dieser Planet ein bisschen besser wird.