Die Ökonomie des Schenkens

Weihnachtsgeschenke. Bild: dpa

Zu Weihnachten geht es nicht ums Tauschen, sondern ums Schenken. Bild: dpa

Wir haben uns angewöhnt, Ökonomie als eine Lehre vom Tauschen zu verstehen. Bis weit in Grenzgebiete hinein: Die politische Ökonomie untersucht, wie man Politik als Tauschgeschäft auffassen kann. Alternative Auffassungen kommen eher aus anderen Disziplinen, von Soziologen, Philosophen oder Anthropologen, von Franzosen wie Marcel Mauss, Jacques Derrida und Michel Serres oder dem Franzosenfreund Peter Sloterdijk, von David Graeber, einem Initiatior der Bewegung “Occupy Wall Street”: häufig Leute, die selbst in ihrer eigenen Wissenschaft oder politisch besehen eher Außenseiter sind.

Was sind die Alternativen zum Tausch, einem zweiseitigen Akt? Das sind vor allem zwei einseitige Akte: der Raub, der hier auch für jede andere Form der Aneignung wie Diebstahl oder Betrug stehen soll – und das Geschenk oder jede andere Form der Gabe ohne Gegengabe. Und damit sind wir bei Weihnachten angelangt. Ist es nicht merkwürdig, dass die Weihnachtszeit, in der es ums Schenken geht, die wichtigste Periode für unsere angeblich auf dem Tausch beruhende Wirtschaft ist?

Was also fehlt, ist eine Ökonomie des Schenkens. Vielleicht gibt es so etwas auch und ist mir bisher noch nicht begegnet. In den einschlägigen Lehrbüchern steht jedenfalls nichts davon. Für eine Ökonomie des Schenkens gäbe es mehrere Ansätze. Einmal wäre es möglich, systematisch die wirtschaftlichen Voraussetzungen, Folgen und Zusammenhänge einseitiger Akte wie Raub und Geschenk zu untersuchen. Es gibt ganze Ökonomien, die darauf beruhen, etwa die Piraten-Ökonomie an der Küste Somalias. Es gibt Kutluren, in denen das Geschenk eine ungeheure Rolle spielt – etwa bei uns an Weihnachten. Es gibt Teile der Gesellschaft, in denen einseitige Akte die Hauptrolle spielen, etwa in der Beziehung zwischen Bürger und Staat: Steuern sind ebenso einseitig wie Sozialleistungen. Aber auch innerhalb von Familien – und in traditionellen Gesellschaften kann damit ein großer Personenkreis gemeint sein - gibt es eine Ökonomie der einseitigen Akte: Wer Geld hat, ist verpflichtet, davon abzugeben.

Außerdem könnte eine Ökonomie des Schenkens versuchen, den umgekehrten Weg zu gehen wie die Ökonomie des Tausches. Die Ökonomie des Tausches sucht überall den Tausch, auch dort, wo er scheinbar nicht gegeben ist. Die Beziehung zwischen Staat und Bürger wird dann als Tausch analysiert: Der Bürger gibt etwas, zum Beispiel Geld, und möchte etwas dafür haben, zum Beispiel Sicherheit. Auch Geschenke werden als Tausch analysiert: Der Schenker gibt etwas, zum Beispiel Gastfreundschaft, und möchte etwas dafür haben, zum Beispiel Ansehen, oder die Verpflichtung des Gastes, sich auf andere Weise zu revanchieren.

Eine Ökonomie des Schenkens, die zugleich immer auch eine Ökonomie des Raubs sein müsste, würde den umgekehrten Weg gehen. Sie würde analysieren, wie in scheinbar zweiseigen Akten oft auch ein einseitiger Akt steckt. Nur ein ideales Geschäft wird zwischen zwei gleich starken Partnern abgeschlossen. In der Realität ist meist ein Partner stärker – etwa der Arbeitgeber gegenüber dem Arbeitnehmer, der Anbieter gegenüber dem Kunden (es kann auch jeweils umgekehrt sein). Die Ökonomie der einseitigen Akte würde untersuchen, wer der stärkere Partner ist und wie er sich über den Tausch hinweg einseitig etwas aneignet.

Nehmen wir doch Microsoft und Bill Gates, den ich durchaus bewundere, als Beispiel. Die Firma hat es geschafft, immer wieder Monopole oder Quasi-Monopole aufzubauen. Sie hat damit auch einseitig genommen: von den Konkurrenten Marktanteile, von den Kunden den Monopolgewinn. Und mit der Gates-Stiftung geben Bill und seine Frau Melinda sehr viel davon zurück – und üben damit, im Bereich der NGOs und zum Teil auch der Schwellenländer, mitunter einen erheblichen wirtschaftlichen Einfluss aus. Eine Ökonomie des Schenkens hätte hier reichlich Anschauungsmaterial, aus jeder Richtung.

Natürlich ist nicht jedes Weihnachtsgeschenk willkommen, manches landet auch auf dem Müll. Vielleicht wäre das auch noch ein eigenes Gebiet: eine Ökonomie des Wegwerfens, oder der Vernichtung. Sie würde in vielen Fällen genau da ansetzen, wo die klassische Ökonomie nicht hinschaut: bei externen Kosten (oder auch Gewinnen).

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Alle Kommentare [7]

  1. Marcel Mauss’ Essay über “Die Gabe” und Michel Serres’ “Der Parasit” gehen davon aus, dass Schenken und Schmarotzen die ursprünglichere und üblichere Form der Wirtschaft seien.

    Eine systematische soziologische Übersicht findet sich bei etwa in Frank Adloff und Steffen Mau “Vom Geben und Nehmen – Zur Soziologie der Reziprozität” und Christian Stegbauer “Reziprozität – Einführung in soziale Formen der Gegenseitigkeit”. Lesenswert auch der Wikipedia-Artikel “Schenkökonomie”.

    Ich finde es auch schade, dass (klassische) Wirtschaftswissenschaftler das Thema Schenken den Soziologen, Anthropologen, Psychologen und fanatsichen Eigenbrötlern überlassen.

    Nach meiner Schätzung haben Schenken, Schmarotzen (ist umfassender als Rauben) und Umverteilen auch in unserer Gesellschaft eine viel größere wirtschaftliche Bedeutung, als manche Wirtschaftswissenschaftler vermuten würden. :-)

  2. Solange Herr Wiebe die Ökonomie des Schenkens auf Weihnachten bezieht, bleibt er im Bereich des Tausches und der Gewinnmaximierung. Dieser Wirtschaftszweig boomt, denn wer hat heutzutage noch Zeit, zum Selbermachen?
    Die Geschenkökonomie funktioniert auch nicht a deux, sondern innerhalb von Gruppen oder Gemeinschaften, hier geht es darum, den, der am wenigsten hat, mit enem Geschenk zu stärken. Das Geschenk ist bedingungslos, der Schenker will weder besser dastehen, noch Gegenleistungen, vielmehr gibt er aus freien Stücken, weil er mehr als genug hat. Man könnte auch von Teilen sprechen.
    Beispiel: In einem Stamm von Jägern und Sammlern wird die Jagdbeute geteilt. Diejenigen, die niemanden haben, der für sie jagt, werden beschenkt.
    Heute regeln wir die Versorgung über Steuern, Sozialabgaben und Hartz IV, vielleicht fällt es leichter, solche Abgaben zu zahlen, wenn wir diese als Geschenke betrachten….

  3. Echt schade, dass das HB und leider auch Sie, lieber herr Wiebe, es nicht schaffen, sich die Eigentumsökonomik von Heinsohn/Steiger zumindest mal anzuschauen! Da bin ich ja froh, dass das bereits ein weiterer Leser anmerkt!
    Die Tauschökonomie ist reine Fiktion und sie hat es realiter auch in der Geschichte nie gegeben. Peter Sloterdijk, den Sie hier nennen, weiss das und empfiehlt, wo immer er kann, die Eigentumsökonomik als Wirtschaftstheorie, die diesen Namen wirkluch verdient!
    Ganz herzlich
    Ihr
    FCH

  4. Sehr geehrter Herr Wiebe,

    uebersenden Sie mir Ihre Postaddresse, dann schenke ich Ihnen ein Werk des Herrn Professor Gunnar Heinsohn ( Steiger) , welches Sie eines besseren belehren wird.

    Der unsaegliche Bloedsinn der TTS – Theoretiker (Originalton Paul C Martin) versperrt die Sicht auf die tatsaechliche Oekonomie.
    Kaufen hat nichts mit Schenken oder Tauschen zu tun!

    Mit freundlichen Gruessen,

    Ingo Klein

  5. Ich dachte, dass der Artikel interessant wird, weil ich in meinem VWL Studium gerade davon gehört habe und dann kommt, dass sich angeblich noch nie jemand Gedanken um dieses Thema gemacht hat. Die Schenk-Ökonomie ist sehr instabil. Das erkennt man alleine aus dem Beispiel, dass man sich gegenseitig ein kleines Geschenk macht, wenn man sich zu Beginn kennen lernt. Man will nicht zu viel von sich geben und hält seine Kosten gering. Danach steigert sich die ganze Sache, weil wir Menschen auf Steigerung programmiert sind. Beim ersten Date reicht eine Rose beim Hochzeitstag ist es ein Rosenstrauss und zur Silbernen Hochzeit müsste es dann folglich ein Feld voller Rosen sein. Jedoch wissen wir, dass die Geschenke schnell ausarten können. Ein reicher Mensch könnte einer jungen Frau ein schnelles Auto kaufen, sie kann den Gegenwert nicht aufwiegen und ist im Dilemma. De facto ist die Schenkökonomie also keine Neuerfindung einer Idee, die man mal hinterfragen sollte, sondern streng genommen unsinnig, weil jeder weiß, dass Weihnachten mit der Zeit in den Familien fallen gelassen wird, weil der Aufwand den Nutzen überwiegt und man sich nicht durch Komunikation auf ein Maß geeinigt hat. Daher ist der Artikel mehr als daneben.

  6. es gibt sie. die philosophie der bedingten und unbedingten geschenke bei derrida.
    ich überschaue den ansatz von j. derrida nicht so sehr. sloterdijkt bemängelt in “zeilen und tage”, das derrida sich mehr dem bedingten als dem unbedingten geschenk zugewandt habe und damit die philosophiosch interessantere Seite des unbedingten geschenks vernachlässigt habe. aber sicherlich gelingt es intuitiv eine erste differenz zwischen beiden festzumachen, nämlich die der gegenleistung: wie kann ich -unbedingt- jemandem ein geschenk machen, ohne den andere direkt /indirekt zur gegengabe zu verpflichten und / oder in ihm eine scham über die gefühlte unfähigkeit zur gegengabe anzustoßen. der königsweg des schenkens läge dann gar darin, dass der beschenkte und der schenker am ende bereichert wären. leicht zu erkennen, das wir uns weigern sollten, letzteres mit der klassischen ökonomie in verbindung zu bringen. es sei denn, wir öffneten der Diskussion über eine alternative ökonomiesierung unseres tun und handelns immer weitere tore.

    Denn dann “ergeben sich immer wieder die spirituellen Chancen, die uns noch immer als die höheren und höchsten Möglichkeiten des Menschen faszinieren: Dazu rechnet
    eine nichtgöttliche form von glauben
    eine nicht religöse form von hoffnung
    eine nicht methaphysische form von erlösung
    eine nicht-ökonomische Form von Reichtum;
    eine nicht aristrokratische Definition des Vornehmen
    eine nicht athletische Definition von Spitzenleistung
    eine nicht herrschaftliche Form von Oben
    eine nicht asketische Form von Vollkommenheit
    eine nicht militärische form von Tapferkeit
    eine nicht bigotte Definition von Weisheit und Treue” P.Sloterdijk

    das wünsche ich mir zu weihnachten. Das wäre die geburt eines neuen kindes unter einem großen stern.

  7. Hier etwas zur Ökonomie des Schenkens von Rudolf Steiner vor 90 Jahren: Nationalökonomischer Kurs und Nationalökonomisches Seminar: Vierzehn Vorträge, gehalten in Dornach vom 24. Juli bis 6. August 1922 für Studenten der … in Dornach vom 31. Juli bis 5. August 1922