Lug und Trug in der City

Wer derzeit versucht das International Centre for Financial Regulation anzurufen, der erreicht nur einen Anrufbeantworter, wer eine Mail schickt, der bekommt prompt eine Fehlermeldung zurück. Der angesehene Londoner Think Tank für die Reform der Finanzmärkte ist scheinbar nicht mehr zu erreichen, und das liegt daran, dass das ICFR mit seinem ganz eigenen Regulierungsproblem zu kämpfen hat.

Britische Medien berichten, dass das einst unter der Schirmherrschaft des damaligen Premierministers Gordon Brown gegründete Institut den Insolvenzverwalter ins Haus rufen musste, weil einer der Angestellten Geld unterschlagen hat. „Die Summen, die auf dem Spiel stehen, sind bedeutend genug, um Fragen über das weitere Bestehen der Organisation aufzuwerfen“, heißt es in einem Statement des ICFR.

Das ist mehr als eine hübsche ironische Anekdote - in der Geschichte des ICFR spiegeln sich die Probleme, mit denen die gesamte Londoner City zu kämpfen hat. Als das Institut 2007 gegründet wurde, sollten die Experten den Rest der Welt von den Vorzügen der lockeren britischen Variante der Finanzregulierung überzeugen, die damals unter dem Stichwort „Light Touch“ lief. Im Prinzip hieß das, dass sich die Aufseher so wenig wie möglich in die Geschäfte ihrer Schutzbefohlenen einmischten, und stattdessen auf die Selbstheilungskräfte des Marktes vertrauten. Dann kam allerdings die Finanzkrise und es zeigte sich, dass die korrekte Übersetzung für „Light Touch“ eigentlich „fahrlässig locker“ gelautet hätte. Nach der Krise zogen die britischen Regulierer die Zügel kräftig an, und auch der Auftrag des ICFR änderte sich. Die Experten sollten jetzt helfen, die Londoner City nach den Verfehlungen der Vergangenheit wieder auf den richtigen Weg zu führen. Allein die Regierung hat knapp drei Millionen Pfund in das ambitionierte Projekt investiert, das London zum Meinungsführer in der globalen Diskussion um das künftige Gesicht der Finanzbranche machen sollte. Weitere Millionen bekam das ICFR von der City of London und einer Reihe von Großbanken.

Jetzt ist das Geld offenbar zum großen Teil weg, zumindest wenn man den Medienberichten glauben darf. Genauso wie die 1,4 Milliarden Pfund, die der betrügerische Derivatehändler Kweku Adoboli im Londoner Handelsraum der Schweizer Großbank UBS verzockte, oder wie die zehn Milliarden Pfund, die die britischen Geldhäuser an ihre Privatkunden zurückgeben müssen, weil sie sie über den Tisch gezogen haben, oder wie die 290 Millionen Pfund Strafe, die Barclays für die systematische Manipulation des globalen Referenzzinses Libor bezahlen musste.

Genauso wenig wie die Regulierungsexperten des ICFR offenbar die Untreue im eigenen Hause verhindern konnten, konnte der Kulturwandel in der britischen Finanzaufsicht die Skandalserie verhindern, die seit diesem Sommer die City erschüttert und die die Reputation von Europas wichtigstem Finanzzentrum immer weiter untergräbt.

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Alle Kommentare [2]

  1. Kriminelles Fehlverhalten von Bänkern hat in den allerwenigsten Fällen einschneidende Konsequenzen für die Täter. Das muss in London nicht so bleiben. Im Tower steht noch der alte Holzblock.

  2. Das ist doch zutiefst logisch…Wenn das Geld verschwindet, kann es auch keinen Ärger mehr machen…