Was die EU mit meinen Rückenschmerzen zu tun hat

Die EU erhält den Friedensnobelpreis? Zugegeben, als ich die erste Vorabmeldung dazu gesehen habe, habe ich mich auch gefragt: Soll das ein Witz sein? Ist heute der 1. April?

Aber wenn man einen Moment lang unvoreingenommen über diese Nachricht nachdenkt, ist es tatsächlich eine angemessene Entscheidung. Die offizielle Begründung aus Oslo trifft den Nagel auf den Kopf:

„The union and its forerunners have for over six decades contributed to the advancement of peace and reconciliation, democracy and human rights in Europe.”

Auf Twitter haben einige Leute dieses Argument als „politische Korrektheit“ abgetan. Diese Sicht offenbar eine absolute Ignoranz gegenüber der europäischen Geschichte. Innerhalb von 70 Jahren gab es zwischen 1870 und 1940 drei blutige Kriege zwischen Deutschland und Frankreich, wie das Nobelpreis-Komitee in seiner Begründung hervorhebt – heute ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen beiden Ländern undenkbar.

Das Erstaunen und die Kritik an der Osloer Entscheidung zeigt, wie sehr wir uns an den riesigen Nutzen, den die europäische Integration spendet, gewöhnt haben – wir nehmen die gewaltigen Vorteile, die die EU spendet, gar nicht mehr wahr.

Unser Verhältnis zur EU ist so wie meines zu meinen Rückenschmerzen. Vor einem Jahr hatte ich – zum ersten Mal überhaupt – so heftige Rückenschmerzen, dass ich mich kaum noch bewegen konnte. Mit größter Mühe habe ich mich zu einer befreundeten Physiotherapeutin geschleppt, die mich massiert hat. Nach zwei Tagen war alles wieder weg – und ich so dankbar und glücklich wie schon lange nicht mehr. Es hat vielleicht eine Woche gedauert, und ich hatte meine Rückenschmerzen und den Segen, dass sie verschwunden waren, wieder komplett vergessen. So ähnlich ist es mit dem großen Nutzen, den uns die europäische Integration bringt.

Eine andere, kleine Gedächtnisstütze liefert jede Reise von und nach London. Weil die Briten sich dem Schengener Abkommen verweigern, steht man sich jedes Mal am Flughafen die Beine in den Bauch. Einmal ist ein ungeduldiger Engländer wegen der ewigen Wartezeit in London Luton fast ausgerastet. „Just join Schengen“, habe ich ihm gesagt – und einen ziemlich verständnislosen Blick geerntet.

„Weird sense of timing to give EU prize as the biggest project is failing and support for integration is falling“, kommentierte der „Charlemagne“-Kolumnist des britischen „Economist“ die Entscheidung auf Twitter. Auch diesen Kommentar geht absolut daneben. Genau das Gegenteil ist richtig.

Gerade, weil der Euro ins Wanken geraten ist und in vielen Ländern die Euro-Skepsis steigt, kommt der Friedensnobelpreis für die EU zum genau richtigen Zeitpunkt. Angesichts all der Probleme Europas und den Fehlern, die gemacht wurden, ist es richtig und wichtig, an den Kern der Sache, an die wirklich wichtigen Dinge zu erinnern. In den Worten des Komitees:

„The EU is currently undergoing grave economic difficulties and considerable social unrest. The Norwegian Nobel Committee wishes to focus on what it sees as the EU’s most important result: the successful struggle for peace and reconciliation and for democracy and human rights. The stabilizing part played by the EU has helped to transform most of Europe from a continent of war to a continent of peace.“

Keine Frage, Brüssel ist ein bürokratischer Apparat, der oft ineffizient funktioniert, für Außenstehende schwer zu durchschauen ist und sich von den wahren Bedürfnissen der Menschen oft entfernt hat. Die verpfuschte Einführung des Euros war rückblickend vermutlich ein Fehler, der uns allen teuer zu stehen kommt, und die Erweiterung um neue Mitgliedsstaaten war möglicherweise überhastet. Sicherlich müssen wir diskutieren, ob die Integration an einigen übertrieben wurde.

Aber wir sollten sie nicht grundsätzlich in Frage stellen.

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Alle Kommentare [7]

  1. Sie haben Recht. Das vereinte Europa sollte nicht in Frage gestellt werden, wenngleich sicherlich noch genug Raum für Optimierungen vorhanden ist. Dennoch halte ich die diesjährige Friedensnobelpreisvergabe zumindest für hinterfragenswert. Es ist meiner Ansicht nach nicht Verdienst der EU dass wir mittlerweile weit über ein halbes Jahrhundert Frieden innerhalb der EU Mitgliedsstaaten haben. Die Schweiz hat schon viel länger keine Kriege, auch keine Auslands(Friedens?)-Einsätze. Da wäre, wenn schon, der Friedensnobelpreis mit deutlich höherer Berechtigung hingegangen.

    Wenn der Nobelpreispreis allerdings als Verpflichtung an die EU Politiker verstanden wird, den Weg der europäischen Vereinigung weiter zu beschreiten, dann hat er wenigstens einen guten Zweck erfüllt.

  2. Eine wirklich schöne bildhafte Beschreibung mit den Rückenschmerzen.
    Dass die EU doch mehr für jeden einzelnen tut als man aus der beschriebenen Gewohnheit denkt, wird einem da erst wieder bewusst.

  3. Es stimmt, wir hatten in den EU-Staaten in den vergangenen 60 Jahren keinen Krieg. Aber wir hätten auch ohne EU keinen Krieg gehabt.

    Es gibt etliche Länder auf der Welt, die nicht in der EU sind und schon lange keinen Krieg mehr führten – selbst nicht im Ausland (Afganistan).

    Ach ja – Persien (Iran) führt schon genauso lange keinen Krieg.

  4. Rückenschmerzen haben die Kinder heute weil die EU einfach den Durschnitt genommen hat für Stühle ind Tische in Schulen.Der kleine Italiner sitzt heute also auf dem selben Stuhl wie der grosse Schwede.
    Alle sind gleich!Damit war zwar vor dem Gesetz gemeint das hat man aber durch die Gehirnwäsche schon längst vergessen.

  5. Was für ein ausnehmend sonderbarer Kommentar ist das denn bitte?

    Wenn ich mir aus einer mehr als 1000jährigen Geschichte beliebige Jahre heraussuche, finde ich in jedem Land und jeder Kultur blutige Kriege.

    Ist das wieder der untauglich und grenzdebile Versuch, den Frieden in Europa mit dem Euro zu erklären, der damit aber auch wirklich gar nichts zu tun hat? Wenn ich diesen grenzwertigen Beitrag lese, dann glaube ich auch, dass wir den 1. April haben müssen.

    Weder die EU noch der Euro sind verantwortlich für den Frieden in Europa. Grund ist die Einsicht der Völker und nicht die ihrer Politiker!

    Der Euro wird die Zusammengehörigkeit in Europa nicht fördern, sondern ruinieren wie sich selbst.

  6. Der Frieden in Europa ist nicht die Folge der EU und der Zentralisierung politischer Entscheidungen auf einer kaum noch kontrollierbaren Ebene. Frieden und Freiheit ist das Resultat der Politik europäischer Staatsmänner, die aus der Geschichte gelernt haben. Ein Nobelpreis an Adenauer und de Gaulle, von mir aus, aber bitte nicht an die Brüsseler Eurokraten.

  7. Schön.

    Die Wandlung vom “WTF-Moment” zum “Na-gut-für-Vergangenheit-ja-OK” zum “werten wir den preis mal als Motivation” habe ich heute auch öffentlich auf Twitter durchgemacht.

    Da bleibt nur zu hoffen, dass sich die EU politisch und demokratisch und der Euro wirtschaftlich weiterentwickeln.