Weltexlusiv: Die einzig wahre Urfassung des Aufrufs der 172 Ökonomen

Einem  Handelsblog-Leser mit dem Pseudonym “kicker” haben wir es zu verdanken, dass endlich die ursprüngliche Fassung des Ökonomenaufrufs der 172 ans Licht der Öffentlichkeit gelangt ist, der in der vergangenen Woche in schwer redigierter Form in der FAZ erschienen ist.

“Liebe Mitbürger,

wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder sind überzeugt, dass eine Invasion Außerirdischer unmittelbar bevorsteht. Die mangelnde Vorbereitung der Bundesregierung sehen wir mit größter Sorge.

Der Jupiter ist fast dreimal so groß wie die Erde. Nach Berechnungen des Münchner Ufo-Instituts passen zwischen 9 und 57 Billionen Euro in ein einziges schwarzes Loch. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner, Sparer, Kassiererinnen, Krankenschwestern, Opelaner und Möbelpacker der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Summen in die Haftung zu nehmen. » weiterlesen

“Sehr geehrter Herr Professor Doktor Sinn…”

Im Devisenmarktbericht der Bremer Landesbank haben die beiden Volkswirte Folker Hellmeyer und Moritz Westerheide heute “Ansätze eines offenen Briefs” an Hans-Werner Sinn veröffentlicht, den ich hier im Folgenden dokumentieren möchte:

“Prof. Dr. Sinn und sein Freundeskreis bemühen sich, die Stimmung in der deutschen Bevölkerung vollständig europafeindlich zu gestalten.

• Sie verweigern jedwede Anerkenntnis der strukturellen Reformerfolge in ihrem Pamphlet. Ohnehin sind wir in Bremen anscheinend der letzte Hort sachlicher Analyse, wenn es um diese Erfolge geht.

• Sie verheimlichen die potentiellen Folgen einer Desintegration der Eurozone für die deutschen Beschäftigten, für den deutschen Steuerzahler, für die Stabilität der deutschen Demokratie, für die Zukunft Europas. Wer war der größte Verlierer 2009 an der Konjunkturfront? Wessen Geschäftsmodell ist exportseitig gestrickt? » weiterlesen

Die Highlights des SVR-Sondergutachtens (Teil 1 von 2)

Licht und Schatten liegen in der deutschen Volkswirtschaftslehre derzeit eng zusammen. Am vergangenen Donnerstag erreichte die Diskussionskultur in der deutschen VWL mit dem schrillen Aufruf der 172 einen vorläufigen Tiefststand.

Einen Tag später dann schlug das Pendel in die andere Richtung, und zwar gleich doppelt. Erst distanzierten sich Volkswirte – inzwischen mehr als 100 – in einer exzellenten Stellungnahme von der dumpfen Pauschalkritik ihrer Kollegen an einer Bankenunion. Und dann veröffentlichte der Sachverständigenrat am späten Nachmittag ein Sondergutachten zur Euro-Krise.

Ich halte dieses Gutachten für eine Sternstunde des Sachverständigenrates und der deutschen Wirtschaftswissenschaft. Es ist eines der besten Papiere, die mir in Sachen Euro-Krise bislang über den Weg gelaufen sind und sollte Pflichtlektüre für jeden sein, der sich mit der Euro-Krise beschäftigt. (Mein ZEIT-Kollege Mark Schieritz sieht es übrigens ähnlich.)

Hier der erste Teil einer Übersicht über die wichtigsten Punkte des Sondergutachtens (die Themen Bankenunion und Schuldentilgungspakt behandele ich morgen noch separat).

Konsolidierungsanstrengungen der Krisenländer

Viele Beobachter, vor allem in Deutschland, erwecken den Eindruck, der Hauptgrund für die derzeitigen Probleme sei, dass sich die Krisenländer mit Blick auf Spar- und Reformbemühen nicht genug anstrengen. Diesem Eindruck widerspricht der Sachverständigenrat – mit sehr guten Argumenten. Auf nationaler wie auf europäischer Ebene seien “mutige Schritte zur Konsolidierung der öffentlichen Finanzen” eingeleitet worden. » weiterlesen

Gipfelbeschlüsse “gehen in die richtige Richtung”

Es gibt einen zweiten Gegen-Aufruf von deutschen Ökonomen zur Bankenunion – erfrischend nüchtern, sachlich und fundiert.

Update: Bis Sonntag, 8. Juli  haben mehr als 100 Volkswirte dieses Aufruf unterzeichnet, wie aus diesem Dokument hervorgeht.

Hier der Wortlaut:

Stellungnahme zur Europäischen Bankenunion

Die Krise im Euroraum hat fatale Konstruktionsfehler der Währungsunion offenbart. Sie kann nur durch eine entschiedene Kursänderung bewältigt werden. Die Politik hat nun die Chance, die Weichen in die richtige Richtung zu stellen.

Ein wesentlicher Teil des Problems ist die enge Verknüpfung zwischen der Verschuldung des Finanzsektors und des Staates auf nationaler Ebene. Staatshaushalte müssen für die Refinanzierung ihrer systemrelevanten Banken einstehen. Umgekehrt halten die Geschäftsbanken in großem Umfang Schuldverschreibungen ihrer eigenen Staaten. Dadurch wird jede Bankenkrise zu einer Staatsschuldenkrise und umgekehrt – das Misstrauen schaukelt sich gegenseitig immer weiter hoch. » weiterlesen

“Schaden für das Ansehen unseres Fachs”

Normalerweise liegen sie wirtschaftspolitisch meilenweit auseinander – Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft und Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut Makroökonomie und Konjunkturforschung. Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger und der HWWI-Chef Thomas Straubhaar sind selten der gleichen Meinung.

Umso bemerkenswerter ist es, dass sie alle eine vom Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürup initiierte Replik zum gestern in der FAZ erschienenen Ökonomenaufruf unterzeichnet haben.

In der Stellungnahme, die wir in der heutigen Ausgabe des Handelsblatts exklusiv veröffentlicht haben, gehen die Unterzeichner ungewöhnlich hart mit ihren Kollegen ins Gericht. Sie werfen ihnen vor,

“… mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und in einer von nationalen Klischees geprägten Sprache die Öffentlichkeit durch einen Aufruf weiter zu verunsichern. So werden in diesem Text insbesondere Ängste und Emotionen vor einer Bankenunion geschürt, ohne dass dies mit den erforderlichen Fakten unterlegt wird.”

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Die zwei Versionen des Ökonomenaufrufs

Nachdem der Ökonomenaufruf zum EU-Gipfel gestern vom IMK-Chef Gustav Horn vorab lanciert wurde, haben ihn die Kollegen von der FAZ heute auf ihrer Internet-Seite veröffentlicht.

Interessant ist, dass sich der bei der FAZ veröffentlichte Aufruf in einigen Nuancen von der Vorab-Version unterscheidet – offenbar hat es hinter den Kulissen noch ein ziemliches Ringen um die Formulierungen gegeben, das dann dazu führten, dass der Aufruf an einigen Stellen ein bisschen entschärft wurde.

Ein Vergleich der beiden Versionen ist nicht uninteressant. (Die Kollegen von der  FTD haben ebenfalls einen sehr lesenswerten Beitrag dazu geschrieben.)

Vorabversion:

“Die Entscheidungen, zu denen die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen wurden, waren falsch.”

Endfassung:

“Die Entscheidungen, zu denen sich die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen sah, waren falsch.”

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Deutschlands Ökonomen sinken auf Tsipras-Niveau

Langsam mache ich mir wirklich Sorgen um Deutschland und die deutschen Ökonomen.  In der morgigen Ausgabe der FAZ erscheint offenbar folgender Aufruf, in dem mehr als 150 deutsche Volkswirte den  Beschluss des Brüsseler Gipfels von letzter Woche heftig kritisieren.

Hier ist er im Wortlaut:

Liebe Mitbürger,

die Entscheidungen, zu denen die Kanzlerin auf dem Gipfeltreffen der EU-Länder gezwungen wurden, waren falsch.

Wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder, sehen den Schritt in die Bankenunion, die eine kollektive Haftung für die Schulden der Banken des Eurosystems bedeutet, mit großer Sorge.

Die Bankschulden sind fast dreimal so groß wie die Staatsschulden und liegen bei den fünf Krisenländern im Bereich von 9 Billionen Euro. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner und Sparer der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Schulden in die Haftung zu nehmen, zumal riesige Verluste aus der Finanzierung der inflationären Wirtschaftsblasen der südlichen Länder absehbar sind.

Wenn die Schuldner nicht zurück zahlen können, gibt es nur eine Gruppe, die die Lasten tragen kann: die Gläubiger selber, denn nur sie verfügen über das notwendige Vermögen und sind das Investitionsrisiko bewusst eingegangen.

Die Politiker mögen hoffen, die Haftungssummen begrenzen und den Missbrauch durch eine gemeinsame Bankenaufsicht verhindern zu können.

Das wir Ihnen aber nicht gelingen, da die Schuldnerländer über die strukturelle Mehrheit im Euroraum verfügen. Wenn die soliden Länder der Vergemeinschaftung der Haftung für die Bankschulden grundsätzlich zustimmen, werden sie immer wieder von neuem Pressionen ausgesetzt sein, diese Summen zu vergrößern. Streit und Zwietracht mit den Nachbarn sind vorprogrammiert. Noch unsere Kinder und Enkel werden darunter leiden.

Weder der Euro noch der europäische Gedanke als solcher werden durch die Erweiterung der Haftung auf die Banken gerettet; geholfen wird vor allem der Wall Street, der City of London und einer Reihe maroder ausländischer Banken, die nun weiter zu Lasten der hart arbeitenden Bürger anderer Länder, die mit all dem wenig zu tun haben, ihre Geschäfte machen dürfen.

Wir bitten Sie, dieses Thema sehr ernst zu nehmen und es mit den Abgeordneten Ihres Wahlkreises zu diskutieren.”

Mir stehen die Haare zu Bege. Abgesehen davon, dass ich inhaltlich komplett anderer Meinung bin, finde ich den Duktus dieses Briefes schwer zu ertragen. » weiterlesen

“Nationalistisch angehauchte Demagogie” von Hans-Werner Sinn?

Es ist nicht das erste Mal, dass Ifo-Chef Hans-Werner Sinn mit seinen Thesen bei Kollegen aneckt.

Doch selten ist die Reaktion so heftig ausgefallen wie die des IMK-Chefs Gustav Horn, der Sinn  auf seiner Facebook-Seite der “nationalistisch angehauchten Demagogie” beschuldigt und schreibt:

“Er  (Sinn) will offenbar den Euro zerstören.”

Anlass für Horns heftige Reaktion ist das Interview, dass meine Kollegin Dorit Heß mit dem Ifo-Chef geführt hat. Darin sagt  Sinn unter anderem mit Blick auf die Euro-Rettung:

„Es wurde ein Kesseltreiben veranstaltet. Um an unser Geld zu kommen, hat man Deutschland imperiale Gelüste vorgeworfen und uns den Hass der Völker prophezeit.”

Horn kommentiert Sinns Äußerungen auf seiner Facebookseite so: » weiterlesen