Schwere Vorwürfe gegen Mannheimer BWL-Professor Ulrich Lichtenthaler

Als erstes haben zwei englischsprachige Wissenschaftsblogs  vor einigen Tagen über den Fall berichtet: Zwei Fachzeitschriften haben seit Anfang Juli drei Aufsätze des Mannheimer BWL-Professors Ulrich Lichtenthaler zurückgezogen. Zwei waren in “Research Policy” erschienen, einer in “Strategic Organization”.

Ich habe heute im Handelsblatt – und, noch ausführlicher, in meinem englischen Blog – über die Vorwürfe berichtet.

Die Herausgeber von “Research Policy” haben auf ihrer Webseite eine ausführliche Begründung ihrer Entscheidung veröffentlicht. Demnach gab es drei unterschiedliche Probleme:

  1.  Eigenplagiate: Querverweise zu sehr ähnlichen Arbeiten fehlten. Hätte es diese Verweise gegeben, wären die Artikel wohl nicht zur Veröffentlichtung akzeptiert worden, weil nicht originell genug. Dieser Aspekt des Vorgangs erinnert an die Bruno-Frey-Affäre des vergangenen Jahres.
  2. Ungereimtheiten beim Umgang mit Variablen: Die Argumentation in den jeweilgen “Schwesterpublikation” ist nicht stimmig, sondern widersprüchlich. Variablen, die in einer Arbeit als wichtig erklärt werden, werden in der anderen igoniert und umgekehrt. Das stellt nicht nur die Ergebnisse der beiden Reseach-Policy-Paper in Frage, sondern auch vier weitere Arbeiten, die in “R&D Management”, dem “Journal of Product Innovation Management”, “Strategic Organization” und in “Organization Science” erschienen sind.
  3. Fehler in der Statistik: Ergebnisse, die nicht statistisch signifikant waren, wurden dennoch als solche ausgegeben. Auf dieses Problem, das nur bei einem der beiden Research-Policy-Paper besteht,  hat Lichtenthaler die Herausgeber selbst hingewiesen. Der gleiche Fehler führte dazu, dass das Paper in “Strategic Organizsation” zurückgezogen wurde.

Von mehreren Leuten, die mit den Details der Vorwürfe gegen Lichtenthaler vertraut sind, habe ich gehört, dass all das nur die Spitze es Eisbergs sei. Eine Reihe von weiteren Journalen stehe kurz davor, Aufsätz von ihm zu widerrufen, unter anderem wohl  “Industrial and Corporate Change” und  “Strategic Management Journal” .

Das Sekretariat von Ulrich Lichtenthaler schickte mir gestern folgende Stellungnahme von ihm:

“Prof. Dr. Lichtenthaler hat die Hochschulleitung der Universität Mannheim schon vor Wochen umfassend über die unbeabsichtigten Fehler informiert, die er sehr bedauert.

Herr Lichtenthaler möchte betonen, dass die Fehler nicht bewusst entstanden sind.

Die Universität Mannheim hat daraufhin entsprechend ihrer Richtlinien ein Verfahren zur Untersuchung dieses Sachverhalts eingeleitet. Herr Lichtenthaler hat selbst ein großes Interesse daran, alle Aspekte zügig zu klären.

Im nächsten Schritt wird eine Kommission den Sachverhalt prüfen. Die Untersuchung wird einige Zeit in Anspruch nehmen, und Herr Lichtenthaler kann sich zu diesem laufenden Verfahren nicht detailliert äußern. Hierfür bittet Herr Lichtenthaler um Verständnis.”

All das wirft kein gutes Licht auf die Forschungslandschaft in der deutschen Wirtschaftswissenschaft. Zum zweiten Mal innerhalb von nur einem Jahr muss sich einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler gegen massive Vorwürfe wehren. Im letzten Jahr der Züricher Volkswirt Bruno Frey, jetzt der Mannheimer Betriebswirt Ulrich Lichtenthaler, über den wir vor drei Jahren im Handelsblatt ein Porträt mit der Überschrift “Der Junge, der alles richtig macht” veröffentlicht haben.

Beide Fälle werfen die Frage auf, inwieweit man Top-Forschern wirklich noch vertrauen kann. Eine Lehre ist vermutlich: Karrieren, die so aussehen, als wären sie zu gut um wahr zu sein, sind oftmals auch zu gut um wahr zu sein.

Die Universität Mannheim – und die WHU Vallendar, wo Lichtenthaler promovierte, habilitierte und bis 2011 beschäftigt war, müssen die Vorwürfe vollständig und rückhaltlos aufklären. Die Wissenschaftler, die Lichtenthalers Arbeiten analysierten und “Research Policy” auf die Spur stetzen, haben offenbar sehr viel Belege für weitere Problem-Paper und sind sicherlich zu jeder Mithilfe bereit.

Wie die   Universität Mannheim bislang mit den Vorwürfen gegen Lichtenthaler umgeht, macht allerdings nicht gerade Mut. Die Hochschule hat zwar ein Untersuchungsverfahren in Gang gesetzt, aber die zuständige Kommission hat ihre Arbeit noch nicht aufgenommen.

Dabei weiß die Hochschule schon seit rund sechs Wochen über die Vorwürfe Beischeid: Nach meinen Informationen hat Lichtenthaler selbst die Hochschule am 8. Juni informiert. Der Brief, in dem die “Research Policy”-Herausgeber die Uni informierten, ist auf den 6. Juni datiert und trägt den Posteingangsstempel des  11. Juni .

Wann die Mannheimer Kommission das erste Mal zusammenkommen wird, ist noch offen, angeblich soll das in den nächsten drei Wochen passieren.  Sollte das wirklich so lange dauern, wären zwei Monate vergangen zwischen dem Hinweis und dem tatsächlichen Beginn der Untersuchung.

Das deutet nicht gerade auf großen Eifer hin, den Vorgang aufzuklären. Noch nicht entschieden ist offenbar auch, ob externe Gutachter eingeschaltet werden (aus meiner Sicht ein absolutes Muss, wenn man das seriös aufklären will) oder ob das universitätsintern geregelt werden soll.

Update: Aus der Universität höre ich, dass die Kommission wohl am kommenden Donnerstag zum ersten Mal tagen wird – und mit hoher Wahrscheinlichkeit  externe Gutachter bestellen wird.

Andere Unis zeigen, wie es geht: Zürich hat, als 2011 die Vorwürfe gegen Frey aufkamen, innerhalb von wenigen Stunden entschieden eine externe Kommission einzuberufen (allerdings war der Arbeitsauftrag zu eng und das Ergebnis ein Witz – immerhin wurde Freys Vertrag, der nach einer Emeritierung weiter als Professor beschäftigt wurde,  dann aber  nicht verlängert).

Auch die WHU Vallendar hat schneller und entschlossener gehandelt als Mannheim. Die Privatuni hat bereits eine externe Kommission einberufen, die ihre Arbeit laut WHU-Rektor Frenkel schon aufgenommen hat.

Mannheim ist derzeit die führende Fakultät für Wirtschaftswissenschaften in Deutschland. Sowohl die Volks- als auch die Betriebswirte* liegen in allen möglichen Rankings vorne. Sollte auch nur der Spur eines Zweifels bleiben, dass die Universität die Vorwürfe gegen Lichtenthaler nicht entschlossen und rückhaltlos aufklärt, wird droht der gesamten Hochschule ein massiver Reputationsschaden.

Im September wird das neue Handelsblatt-Betriebswirte-Ranking veröffentlicht. Wir diskutieren derzeit intensiv, wie wir darin mit Ulrich Lichtenthaler verfahren. Wir tendieren derzeit dazu, ihn  mindestens bis zum Abschluss sämtlicher Ermittlungsverfahren komplett aus dem Ranking herauszunehmen.

Update: Zopolan hat einen sehr lesenwerten Kommentar zu dem Fall geschrieben, dem ich vermutlich leider zustimmen muss: “Der Fall Lichtenthaler als Sympton?”

 

* Hinweis:  Ich wurde per Email darum gebeten, nicht Mannheimer VWL und die Mannheimer  BWL in einen Topf zu werfen und darauf hingewiesen, dass beide Disziplinen nicht in der gleichen Fakultät organisiert sind. Das stimmt, und das war auch nicht meine Absicht. Allerdings denke ich, dass  – sollte der Vorgang nicht zügig und rückhaltlos aufgeklärt werden – der Reputationsschaden auf die gesamte Mannheimer Wirtschaftswissenschaft fall.

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Alle Kommentare [16]

  1. @ Olaf: 6. Juni war ein Mittowch, 8. Juni ein Freitag, 11. Juni ein Montag. Das stinkt…möglicherweise hatte man besagten Prof. noch 2 Tage Zeit gegeben, um selber aktiv zu werden – was dann zu seinem Gunsten ausgelegt werden würde (‘Selbstanzeige’)

  2. Nähkästchen: Wir arbeiten selbst seit einigen Jahren mit einem sehr großen Längsschnittdatensatz und wir haben so ca. 7 oder 8 Artikel (alle in Top-Journals erschienen) auf Basis dieser Daten geschrieben.

    Im Methodenteil haben wir immer eine Standardformulierung drin, mit welcher wir auf die anderen Artikel verweisen (während des Blind-Review ist der Hinweis allgemein und nach Annahme werden die Artikel dort konkret genannt). Bei der Einreichung bekommen die Herausgeber einen Hinweis und wir fügen alle sonstigen Artikel aus dem Projekt der konkreten Einreichung bei.

    Einmal hat eine Super-Top-Journal von uns folgendes verlangt und dies fand ich sehr cool: Tabelle, horizontal alle Artikel (Artikel 1, Artikel 2 usw.) und vertikal alle Variablen zu allen Messzeitpunkten (also z.B. Innovationsbereitschaft t1, Innovationsbereitschaft t2 usw.). Dann Kreuze machen, wann und in welchem Artikel man welche Variablen bereits eingesetzt hat). Damit hat man auch selbst sehr schnell einen Überblick.

    Den Herausgebern war immer sehr wichtig, dass wir so transparent sind, aber wirklich in die Bewertung hat dies nie einer einbezogen. Auch eher kleine Variationen reichten als Mehrgewinn (und dies bei TOP Zeitschriften, IF 2-3,5).

  3. Hallo an alle! Ich bin ein deutscher Managementforscher, der in den USA lebt und arbeitet. Ich habe die Debatte mit Interesse verfolgt und finde die Kommentare sehr interessant. Ein paar Anmerkungen:

    Ich stimme mit Lulu insofern ueberein, dass dieses Ereignis Neider befluegelt und dazu verleitet, die Gesamtleistung Lichtenthalers etwas zu schnell als Scharlatanerie abzutun. Die Reviewverfahren von Top-Journals sind i.d.R. sehr rigide und genau – da durchzukommen (in dieser kurzen Zeit) ist auf jeden Fall eine Leistung.

    Allerdings sehe ich das ‘Versaeumnis von Zitaten’ etwas kritischer. Es geht ja nicht nur darum, ob er anstaendig zitiert hat, sondern darum, ob jeder seiner Artikel einen signifikant neuen und wichtigen Beitrag leistet – zu Recht ein Kernkriterium fuer Publikationen in Top Journals. Haette er seine parallelen Submissions zitiert, waere rausgekommen, dass er dieses Kriterium eben NICHT erfuellt (das war ja der Ausgangspunkt fuer die Retractions in Research Policy) – mal abgesehen von den recht erheblichen Maengeln in der Datenanalyse.

    Und ich muss leider sagen: Die Aussage von Herrn Lichtenthaler, dass ‘die Fehler nicht bewusst entstanden sind.’ ist eine ziemliche Frechheit. Man weist eine Variable nicht einfach ‘aus Versehen’ als signifikant aus – insbesondere wenn damit das Hauptergebnis steht oder faellt. Und man versaeumt auch nicht ‘aus Versehen’ auf andere Studien hinzuweisen, wenn man weiss, dass jeder Beitrag einen signifikanten Eigenwert haben sollte. Dieses Kriterium ist in jeder Submission Guideline zu lesen und wird auch von Reviewers i.d.R. betont.

    In wieweit Herr Lichtenthaler allein verantwortlich ist bzw. in wieweit seine Gutachter und Institutionen ihn darin – mehr oder weniger aktiv – unterstuetzt haben, ist eine ganz andere Frage. Insofern kann ich den derzeitigen Aktionismus der WHU gut verstehen. Das Bestreben deutscher Unis mit aller Gewalt nachzuholen und im internationalen Konzert mitzuspielen ist sicherlich ein Faktor.

    Aber ist es nicht auch ein gutes Zeichen, dass das internationale Publikationssystem – trotz seiner Maengel – solches Fehlverhalten erkennt und bestraft? Also mein Glaube an das System ist durch diese Affaere eher bestaerkt worden.

  4. @ lulu: Sicher, Forschungsökonomie ist ein berechtigten Anliegen. Aber trotzdem muss doch noch ein Delta Neu vorhanden sein – und hier hat er es, wie Du schreibst, schlicht “etwas übertrieben” – und damit gegen die Richtlinien der üblichen Zeitschriften wie auch gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis nach DFG verstoßen.

    Ein Grund, weswegen er (und andere auch) damit so lange durchkam, liegt nun m.E. schlicht darin, dass wir das veröffentlichte Zeug überhaupt gar nicht mehr lesen, nicht mal im Ansatz – und aufgrund der Menge auch gar nicht lesen könnten. Wenn man’s aber versucht, dann bin ich schon von Leuten genervt, die eine Art wissenschaftliche Schnitzeljagd veranstalten und einen von einem Paper zum nächsten leiten. Wenn man dann aber sogar die Hinweise unterlässt, dann geht’s dem Veröffentlicher um Vieles, aber sicher nicht mehr um den Leser.

    Noch ärgerlich wird es aber, wenn man gegen so jemanden in einem Berufungsverfahren antritt oder einen solchen Kandidaten so begutachten hat, weil man eigentlich schauen müssten, wieviel bei seinen brutto sehr zahlreichen VÖ denn netto tatsächlich übrig bleibt, nach dem die heiße Luft, d.h. Redundanz, herausgelassen worden ist…

  5. Laut Deutschlandfunk hat der Rektor der Universität Mannheim die Prüfungskommission aufgrund eigener Informationen einberufen: “Professor Hans-Wolfgang Arndt, Rektor der Uni Mannheim, hat die Mitglieder der Uni-Kommission für wissenschaftliches Fehlverhalten unverzüglich aus dem Urlaub zurückberufen, nachdem er von einem britischen Professor und Herausgeber einer Fachzeitschrift über das mögliche “Auto-Plagiat” informiert worden ist.” (http://www.dradio.de/dlf/sendungen/campus/1816957/) Dies wäre ein Widerspruch zu der bisherigen Schilderung, dass Herr Lichtenthaler die Uni Mannheim selber (und als erster aus eigenem Antrieb) informiert hätte.

    • @ Innovationsforschung: Es gibt da keinen Widerspruch. Nach meinen Informationen der der Brief, mit dem die Herausgeber einer Fachzeitschrift (“Research Policy”) die Uni Mannheim über die Probleme informiert haben, auf den 6. Juni datiert, er trägt den Posteingangsstempel vom 11. Juni. Am 8. Juni hat Lichtenthaler die Unileitung informiert.

  6. magellan: Was würde ein Astrophysiker hier sagen? Der vorhandene Datensatz wird solange ausgewertet bis nichts mehr geht. Dies ist nicht verwerflich, sondern ökonomisch sinnvoll. Das Problem bei Lichtenthaler ist, dass er versäumte in einer Fußnote im Artikel (oder in dem Coverletter) auf die anderen Artikel hinzuweisen.

    Dies ist ganz interessant, da doch Lichtenthaler aufgrund des persönlichen Impacts (Zitationshäufigkeit der eigenen Artikel) ein besonders hohes Interesse daran gehabt haben müsste, dass die anderen Artikel in dem betreffenden Manuskript zitiert werden. Ein Hinweis: “Dieses Manuskript ist Teil eines Forschungsprojekts (siehe Lichtenthaler XXX, XXX)” und er könnte jetzt ruhig schlafen. Es ist meiner Ansicht nach sehr unwahrscheinlich, dass ein Herausgeber einen Artikel wegen so einem Hinweis ablehnt.

    Warum hat er diesen Hinweis versäumt? Vielleicht hat er einfach den Überblick verloren. Bei 10 veröffentlichten internationalen Zeitschriften Aufsätzen pro Jahr muss er so um die 30 Artikel ständig auf dem Schreibtisch haben. Eine extrem hohe Zahl. Womöglich waren die anderen Artikel noch gar nicht erschienene und ebenfalls in der Begutachtung. Aber eine definitive Antwort auf diese Frage wird wohl erst die Untersuchungskommission bringen.

  7. Die Fragen sind vermutlich sehr leicht zu beantworten: Sie haben das Zeug überhaupt nicht gelesen, konnten sie auch gar nicht: es war ja viel zu viel! Das ist nämlich die Kehrseite von lulus Argument: Die Paper-Wissenschaft führt zu einer enormen Aufblähung von Publikationen, da jede Idee, jeder Datensatz immer weiter verhackstückt wird, bis hin zu sprichwörtlichen “least publishable unit” – oder auch darüber hinaus wie bei Lichtenthaler.

    Mich erinnert das ein wenig die Kapitalmarktkrise, die ja u.a. auch dadurch entstand, das immer komplexe Kapitalmarktprodukte entstanden sind, in die die Käufer gar nicht mehr reingeschaut haben, vielleicht auch, weil sie den Inhalt gar nicht mehr verstanden hätten.

    Ich bin auch vom Fach und war auch schon in reichlich Berufungskommissionen drin und ich kann sagen: Im Bereich BWL ging’s dabei viel um Publikationsanzahl, Wertigkeit der Journale, Drittmittelvolumnia, aber kaum um Ideen. Die Aufsätze werden – wenn überhaupt – nur von den Gutachtern gelesen – jedoch nicht alle, sondern nur 3, 4 ausgewählte. Die sind dann natürlich vorselektiert und sollen eine gewissen Bandbreite aufzeigen, werden also gerade keine Selbstplagiate sein.

    Insofern ist das wie bei der Kapitalmarktkrise: Solange keiner genau hinschaut, geht’s geht gut, aber wehe wenn…

  8. 2 Fragen sind fuer mich hier offen:

    1. Warum kam die WHU im Rahmen des Habiltitionsprozess / bei der Berufung auf dieses Vorgehen nicht drauf – Professoren die in der Habilitations/Berufungskomisison sitzen muessten sich ja mit den wissenschaftlichen Artikeln beschaeftigt haben? Die WHU hat stark von Lichtenthaler profitiert – hat niemand dem Jungwissenschaftler gesagt, dass sein Vorgehen in der Wissenschaft ethisch nicht korrekt ist? Ist es wirklich niemanden aufgefallen, dass ein Jungforscher solch eine enorme Anzahl an Publikationen (die meisten allein publiziert) pro Jahr allein aus logistischen Gruenden nie schaffen kann?

    2. Hat sich die Universitaet Mannheim bei der Berufung nicht mit den wissenschaftlichen Artikeln beschaeftigt? Sie muessten ja bei der Begutachtung der Kandidaten die Artikel genau gelesen haben um sich ein qualifiziertes Urteil zu bilden? Ich hoffe, dass dieser Fall hilft das akademische System im deutschsprachigen Raum zu verbessern.

  9. Vorneweg, ich bin vom Fach und kenne mich in der Thematik sehr gut aus. Lichtenthaler ist ohne Frage ein überragender Forscher, viele Neider im wirklichen Sinne und wissenschaftliche Versager kommen jetzt aus ihren Löchern und freuen sich, dass dieser Forscher eins auf den Deckel bekommt. Das Problem von Lichtenthaler ist einfach, er hat ein verrücktes System auf die Spitze getrieben und dabei ein wenig übertrieben.

    Der Reihe nach: Die Wirtschaftswissenschaften haben sich in den letzten 10 bis 20 Jahren von einer Hinterweltwissenschaft zu einer forschenden und in internationalen Zeitschriften veröffentlichenden Wissenschaft entwickelt. Immer mehr Betriebswirte stellen sich dem internationalen Vergleich und veröffentlichen in englischsprachigen Zeitschriften mit Blindreview Verfahren. Die alte Garde hat Bücher geschrieben, dort wenn man Glück hatte Theorien und Forschungsergebnisse aus den USA übersetzt und sich ansonsten ganz auf den Glanz und die Autorität ihres Professorentitels verlassen.

    In internationalen Zeitschriften weht ein anderer Wind und es kommt nicht auf den Titel der Person an, sondern auf die Güte der Publikation. Gefragt sind nicht ständig neue Theorien, neue Erkenntnisse und neue Ideen, gefragt sind dort: Untersuchungen zu sehr spezifischen Fragestellungen, die an aktuelle Arbeiten anknüpfen. Mit Publikation und Publikation bearbeitet man diese Fragestellungen Schritt für Schritt weiter. Beleuchtet die Fragestellungen einmal aus der einen Perspektive, einmal aus der anderen, fügt im nächsten Paper eine Variable hinzu usw.

    Folglich sind die einzelnen Veröffentlichungen sehr ähnlich – bei Lichtenthaler leider zu ähnlich. Dies ist sein Fehler und dafür wird er jetzt auch bestraft. Aber mir ist 100 mal ein Lichtenthaler lieber als diese nicht-publizierenden Eminenzen. Wobei diese, da sie nichts machen, auch nichts falsch machen.

  10. Als Mannheimer Student erscheint einem so etwas doch mehr als fragwürdig. Es wird keine Gelegenheit ausgelassen, uns zu predigen, mit welchen Konsequenzen wir zu rechnen haben, wenn wir auch nur minimal gegen Copyrights verstoßen (was ich absolut befürworte). Dann solche Fälle zu lesen, tut schon weh und ist -sollte sich der Fall bewahrheiten- beschämend für unsere Uni und das deutsche Bildungssystem. Allerdings sollte auch hier trotz allem das Prinzip in dubio pro reo gelten, woran man die deutsche Presse ja eigentlich nicht oft genug erinnern kann.

  11. Dieses BWL-Professoren-Verhalten, die Gedanken anderer zu ver-wenden, ohne die Fremdrexte für jederman erkennbar zu zitieren,
    ist kein aktuelles Problem. Die betriebs- und volkswirtschaftliche Wissens- und Forschungskompetenz warund ist in Deutschland nie vorhanden. War immer nur eine Abschreibtruppe.
    Bis in die 90er Jahre erfolgte ein ‘Wissentransfer’ aus den USA, in dem die Erkenntnisse namhafter amerikanischer Volkswirte in hiesigen
    Publikationen ‘eingedeutscht’ wurden, um dann als ganz neue Ansätze (z.B. Monetarismus) verkauft zu werden. Ganze Heerscharen von
    Assistenten haben sich hablititiert, in dem Sie sich an Erkenntnisse amerikanischer Auroren drangehängt haben. Das Niveau der Beriebs-
    und Volkswirtschaft ist bis heute noch schlechter geworden, da publiziert wird, was andere vorgedacht haben. Mit desen wie üblich ‘abgeleiteten Erkenntnissen’ aber in intenational anspruchsvolle Publikationen zu gehen, das kommt schon einem persönlichen Harakiri gleich. Aber wir werde sehen, schuld sind in dem genannten Fall die ‘Zuarbeiter’ des Herrn Professors, der nur eine lange Tradition forzsetzt.

    • @Dr.Chr.Graf von Stillfried: Sie schreiben “Dieses BWL-Professoren-Verhalten, die Gedanken anderer zu ver-wenden, ohne die Fremdrexte für jederman erkennbar zu zitieren, ist kein aktuelles Problem.”

      Der Vorwurf, fremde Gedanken verwendet zu haben, ohne die Quelle zu nennen, wird Lichtenthaler gar nicht gemacht. Es geht (unter anderem) um Eigenplagiate – also die multiple Veröffentlichung nahezu identischer Studien durch den GLEICHEN Autoren in mehreren wissenschaftlichen Journalen, ohne auf die anderen Arbeiten zu verweisen.

  12. Hier haben sehr viele gefehlt: vor allem Lichtenthaler, diejenigen die ihn zu gutem wissenschaftlichen Arbeiten hätten anleiten sollen, die offenbar arglosen Gutachter und die Herausgeber die ja letztlich für die Veröffentlichung seiner Arbeiten zuständig sind.

    Die ganze Angelegenheit wirft kein gutes Licht auf unsere

    Für mich stellt sich zudem noch die Frage, inwieweit Erbsenzählereien wie das Handelsblatt-Ranking solche Praktiken nicht noch begünstigen.