Die Märkte geben eher Merkel Recht

Eines der Argumente im Aufruf der inzwischen mehr als 200 Ökonomen um Hans-Werner Sinn und Walter Krämer gegen die Beschlüsse des EU-Gipfels vom 28./29. Juni ist es, dass die Finanzmärkte über die Bereitschaft der Deutschen “jubelten”, noch größere Risiken für die Euro-Rettung einzugehen.

Auch in der Antwort Sinns und Krämers auf den Chor der Kritiker, die heute in der FAZ erschienen ist, heißt es wieder: “Der Jubel der Kapitalmärkte über die Bereitschaft Deutschlands, die Verluste mit seinem Geld auszugleichen, sollte die deutschen Bürger genauso sorgenvoll stimmen wie uns.” Wenn man allerdings einmal auf die Kursentwicklung für Bankaktien und Staatsanleihen schaut, dann fragt man sich: Welcher Jubel?

Die spontane Reaktion vieler Bankaktien war in der Tat sehr positiv. Aber nachdem die Märkte Gelegenheit hatten, die Gipfelergebnisse zu analysieren, sehen sie das Geschehen ganz anders. Bei Aktien südeuropäischer Banken ergibt sich ein uneinheitliches Bild. Während zum Beispiel die Aktie der italienischen Großbank im Vergleich zum Vor-Gipfel-Stand am 28. Juni um sieben Prozent gestiegen ist, ist die Aktie der ebenfalls italienischen Krisenbank Monte dei Paschi um ein Prozent gesunken.

In Spanien sind die Aktien von Santander um drei Prozent und die der vom Staat aufgefangenen Bankia sogar um sechs Prozent gesunken. Dabei müssten doch die südeuropäischen Banken davon profitieren, dass sie künftig Geld aus dem ESM bekommen können. Tun sie aber nicht, weil die Analysten und Anleger verstehen, dass dieses Geld – wie in der Gipfelerklärung gesagt – erst kommt, wenn es eine zentrale Bankenaufsicht gibt, und das kann noch Jahre dauern.

Noch weniger zu sehen vom “Jubel auf den Kapitalmärkten” ist,  wenn man sich die Renditen der Staatsanleihen anschaut. Sinn und Krämer stellen durchaus zu Recht fest, dass die Bedingungen, zu denen der ESM Geld verleiht, weiter aufgeweicht wurden, aber die Märkte werten die Gipfelergebnisse eher als Signal gegen eine weitere Vergemeinschaftung von Schulden.

Wie sonst könnte es sein, dass seit dem Gipfel die Renditen auf zehnjährige Anleihen der “AAA”-Staaten Deutschland, Frankreich, Finnland und Niederlande gesunken sind und nicht gestiegen, wie sie es bei einem höheren Vergemeinschaftungsrisiko hätten tun müssen? Die Rendite deutscher zehnjähriger Anleihen sank seit dem 28. Juni von 1,51 Prozent auf 1,32 Prozent, die französischer von 2,66 auf 2,38 Prozent, die niederländischer von 2,06 auf 1,73 und die finnischer von 1,85 auf 1,52 Prozent.

Gleichzeitig stiegen die Renditen südeuropäischer Staatsanleihen nach dem Gipfel und beruhigten sich erst zum Teil in den letzten Tagen wieder etwas. Die spanischen Zehn-Jahres-Renditen sanken so nur von 6,85 auf 6,72 Prozent, die italienischen von 6,17 auf 5,86. Und die portugiesischen stiegen sogar von 9,75 auf 9,87 Prozent. Jubel über eine weitere Vergemeinschaftung von Schulden sieht anders aus.

Es lässt sich also feststellen, dass die Kapitalmärkte nach eingehenderer Analyse finden, dass der Gipfel eher zugunsten der Deutschen ausgegangen ist als zugunsten der Südeuropäer. Im Urteil der Märkte sind die Unterschiede im Risiko zwischen AAA-Ländern und Krisenländern weiter gestiegen und nicht nivelliert worden.

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Alle Kommentare [13]

  1. Na so etwas …

    Herr Heilmann, ist Ihnen schon aufgefallen, dass der ESM erst einmal vom Verfassungsgericht geprüft wird?
    WEnn die Märkte jubeln, dann wohl erst nachdem das Gericht seinen Segen gegeben hat.

    Interessanter finde ich da schon, dass Herr Schäuble eben nicht Recht hatte. Er hatte Verwerfungen an den Märkten angekündigt wenn das Gericht nicht sofort Ja sagt. Und? Passiert ist nix oder sehen Sie irgendwo (außer vielleicht im Geldbeutel des Herrn Schäuble) diese Verwerfungen?

  2. Soll das eine akademische Analyse sein? ich hoffe nicht, denn da könnte man nur eine Note 6 geben. Die Tatsachenbeschreibung der Gipfelbeschlüsse und die daraus gezogenen Schlüsse haben in Wahrheit so viel gemeinsam wie Käse und Topfblumen …

    Fakt bleibt jedoch, dass die ehemals vereinbarten Maastricht-Regeln nicht mehr das Papier wert sind, auf das sie geschrieben wurden
    und das einzig und allein harte Strukturreformen verbunden mit einer substanziellen Verlust-Beteiligung der Anleihe-Gläubiger der Krisenstaaten sowie neue Einnahmen, zB von Vermögenden, die Krise in den Griff bekommen können. Sonderabgaben von Supper-Reichen sind aus einfachen Grund unerlässlicher Teil der Sanierungskonzepte: nur kürzen zerschiesst jedes BIP dieser Krisenländer.
    Sollte das gewährleistet sein, so können “Brückeninstrumente”, wie zB ein ESM unterstützend wirken. Sie können aber niemals aus sich heraus die Krise lösen, im Gegenteil, sie würden das ganze Europa ruinieren.

  3. Gerade die Märkte sollte man tatsächlich nicht als Instanz der Vernunft heranziehen: Wie oft wurden Spekulaionsblasen aufgeblasen, die dann in Sachen zusammenkrachten! Von seinem Hoch im Jahre 2007 (ca. 8000) purzelte der Dax auf 3750 im Jahre 2009 – als ob die deutschen Top-Unternehmen plötzlich nicht einmal mehr die Hälfte wert gewesen seien!

    Die Märkte sind Umverteilungsinstrumente, aber keine Bewertungsinstrumente.

  4. Der Morgenthau-Plan oder warum Europa verblutet.
    Die Euro- und EU-Verträge, von der deutsch-französische Achse entworfen und durchgesetzt, führen zu eine Art Morgenthau-Plan für die Peripherieländer der Währungsunion.
    Die wirtschaftlich schwache Euro-Länder werden, weil ihre Wirtschaft gegen die stärkere Wirtschaften nicht geschützt ist, immer schwächer. Dies führt dazu dass vielen jungen und gut ausgebildete Menschen aus diesen Länder keine andere Alternative bleibt als Europa den Rücken zu kehren und ihr Glück auf andere Kontinente zu suchen.
    Diese Hämorrhagie ist nicht nur eine menschliche Tragödie aber auch wirtschaftlich nachteilig für Europa. Der relativ harte Euro (im Vergleich zu Drachme, Lira usw.) erschwert diesen Ländern Exporte und bremst Importe nicht ab. Folge: Wirtschaftlicher Niedergang. Der führt dann zu geringeren Staatseinnahmen, die wiederum zu einer höheren Verschuldung, die wiederum zu höheren Zinsen für das Land und seine Wirtschaft.
    Niemand soll sagen, dass diese Dinge nicht absehbar gewesen seien – dass ist Ökonomie-Grundstudiums-Wissen.
    Was Europa braucht sind Vertragsänderungen die zu einer Wirtschaftskonvergenz innerhalb der Währungsunion führen und zu einer horizontalen Arbeitsteilung, Vertragsänderungen die den natürlichen Standortsnachteile der Peripherieländer entgegen wirken.

  5. Mich wundert, dass hier noch nicht die Entscheidung der EZB, die Zinsen auf Bankeinlagen bei ihr auf 0 zu senken, erwähnt wurde. Daher wohl diese negativen Zinssätze bei kurzfristigen Anleihen in D und F.

  6. @ O.Storbeck: Das überzeugt nicht, da bei dieser Narrative die gleiche Marktlogik wie in der Peripherie mit steigenden Bondyields gegeben wäre. Zudem widerspricht das “Argument” Ihrer Kommentar-Argumentation. Sie müssen sich schon entscheiden…

  7. Die Märkte wissen es auch nicht besser. Sie sind wichtig. Das ist ein großer Unterschied. Wieso glaubt zudem jeder dahergelaufene Journalist, dass er die Fähigkeit habe, die Finanzakteure zu lesen?

    Vielleicht haben die Märkte auch einfach nur mitgekommen, dass der ESM noch nicht ratifiziert wurde und Deutschland womöglich ein Volksabstimmung braucht. Who knows? A journalist? Don´t fool yourself.

    Aber das lässt man lieber weg, um seine Argumentation zu stützen.

  8. Der CDS-Markt zeigt ein gänzlich anderes Bild als der Bond-Markt ! D muss sich als AAA-Staat eine doppelt so hohe Ausfallprämie gefallen lassen als die USA und UK. Auch FRA hat seit gestern im 2-jährigen Bereich einen negativen Yield ggü einer nochmals doppelt so hohen CDS-prämie ggü D. Das CDS/Bond-Conondrum lässt sich wohl am ehesten durch 2 Überlegungen auglösen, die dem Papier der über 200 Ökonomen nicht zuwider laufen:

    1) Flight for AAA-Collateral dh weltweit zuwenig AAA-Material. Die steigenden Bond-Ausfallrisiken werden über steigende CDS-Prämienzahlungen abgesichert.

    2) Bzgl. D + FRA wähnen sich EURO-Ausländer in einer komfortablen latenten Aufwertungsposition, gerade wenn der Euro zerbricht und selbst wenn D + FRA dann teilweise mithaften, weil der verbleibende Kern-Euro bzw. Franc/DM stärker als der heutige Euro wären.

    1+ 2 gehen Hand in Hand !

    • @Seneca: Die hohen Prämien auf dem CDS-Markt könnte man aber auch mit den immer größeren Risiko eines unkontrollierten Auseinanderfliegens der Euro-Zone erklären, das massiven wirtschaftlichen Schaden auch und gerade für Deutschland anrichten könnte.

  9. In der Conclusio ist dem Verfasser recht leicht zuzustimmen, dass nämlich die Kapitalmärkte als erste Reaktion den Gipfel eher Deutschland als den PIIGS zuschlagen. Doch – die Frage sei erlaubt – wie verhält es sich mit dem Erkenntnisnutzen?!

    Capital markets myopia ist doch eine allseits validierte Eigenschaft. Und der übermächtige Einfluss der Bankeninteressen (Erwartungshaltung des unbedingten Bailouts, selbst auf Kosten von Steuerzahlern und der Versailles-gleichen Knechtschaft Deutschlands) auf die Kapitalmarktreaktionen des hier fokussierten Aktienmarktsegments ist doch gleichfalls evident. Überdies ist das Marktsegment Equities FI, insbesondere Bankaktien, inzwischen ein Zockersegment. Fair Values in den Bankbilanzen sind immerhin weit und breit nicht zu finden. Nur schwarze Löcher. Wie kann man da Börsenkurse in einer Analyse referenzieren wollen?! Von der Schwierigkeit der Deutung der Gipfelbeschlüsse (selbst EU-Politiker widersprechen sich diesbezüglich) will ich gar nicht anfangen. Ihre Erörterung also: A waste of time.

    Die interessantere Frage ist letztendlich, wann die Bondmärkte den Minsky-Moment antizipieren: Wann erkennen sie, dass die in postkultureller Dekadenz gefangenen PIIGS Deutschland ausbluten lassen und Deutschland seinen ohne Not eingegangenen Zahlungsverpflichtungen nicht bedienen können wird?!

    Es muss erst noch viel schlechter werden, bevor es besser werden kann.

  10. Die Märkte reagieren übertrieben – vor allem kurzfristig.

    So kurze Zeit nach einer Entscheidung, ein Beurteilung zu machen, über die Renditen, greift für mich zu kurz.

    Wie im Übrigen vieles was in den Medien geschrieben wird. Es ist nahezu alles viel zu hysterisch und kurzlebig. Vor allem, wenn es die Beurteilung von Ereignissen geht.

    Der ESM ist nicht installiert. Noch ist Italien nicht gefallen und Frankreich droht nächstes Jahr in sehr heißes Jahr zur werden. Darüber hinaus werden die spanischen Banken noch nicht direkt rekapitalisiert, da die Bankenaufsicht fehlt.

    Die große Frage ist, ob Frankreich bei sämtlichen Ratingagenturen in absehbarer Zeit das Toprating verliert. S&P ging bereits in Vorleistung.

    Man kann es auch so verstehen: Die Märkte könnten auch daran Zweifeln, dass Deutschland diese ganze Lasten, zusammen mit ein paar kleinen Partnern, wird stemmen können – auf Dauer. Deshalb preist die Märkte ihre Risiken ein. Ein Schuldenschnitt könnte nichtsdestotrotz kommen.

    Die Bankenkrise ist eine Krise, bei der es hauptsächlich um Frankreich und um franz. Banken geht. Das andere sind Nebenschauplätze. Die “Griechenlandrettung” war ein Freikaufprogramm auf Druck Frankreichs. Die ganze “Eurokrise” dreht sich in Wahrheit um Frankreich, das wirtschaftlich gewaltig den Anschluss an die Weltelite verloren hat.

    Lassen Sie uns mal in 3 Jahren schauen, dann wird man klarer sehen.
    Bei der Euroeinführung war ja auch alles super-toll. Die tatsächlichen (Neben)Wirkungen
    traten erst Jahre später zu Tage und bleiben bis dato gewollt ungelöst.

  11. eventeull hofft man ja auch das in D die vernünftigen sich dem wahnsinn entgegnstellen udn daher die sinkende rendite auf unsere papiere….

    keiner der Finanzaktiven würde den deal privat eingehn denn man von der BRD verlangt… geschweige den n auto so per so unklaren vertrag kaufen wie der ESM ….

  12. “Aber nachdem die Märkte Gelegenheit hatten, die Gipfelergebnisse zu analysieren, sehen sie das Geschehen ganz anders.”

    Vielleicht spielt auch gerade der Aufruf der 200 deutschen Ökonomen, der Merkel viel Gegenwind bringt, dabei eine Rolle,.
    Schon mal daran gedacht ?
    Man kann viel interpretieren.