“Schaden für das Ansehen unseres Fachs”

Normalerweise liegen sie wirtschaftspolitisch meilenweit auseinander – Michael Hüther vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft und Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut Makroökonomie und Konjunkturforschung. Auch der Wirtschaftsweise Peter Bofinger und der HWWI-Chef Thomas Straubhaar sind selten der gleichen Meinung.

Umso bemerkenswerter ist es, dass sie alle eine vom Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürup initiierte Replik zum gestern in der FAZ erschienenen Ökonomenaufruf unterzeichnet haben.

In der Stellungnahme, die wir in der heutigen Ausgabe des Handelsblatts exklusiv veröffentlicht haben, gehen die Unterzeichner ungewöhnlich hart mit ihren Kollegen ins Gericht. Sie werfen ihnen vor,

“… mit Behauptungen, fragwürdigen Argumenten und in einer von nationalen Klischees geprägten Sprache die Öffentlichkeit durch einen Aufruf weiter zu verunsichern. So werden in diesem Text insbesondere Ängste und Emotionen vor einer Bankenunion geschürt, ohne dass dies mit den erforderlichen Fakten unterlegt wird.”

Weiter heißt es:

“Der Aufruf baut ein Schreckgespenst auf und schürt Furcht. Der Öffentlichkeit, die nach Orientierung verlangt, und der Politik, die in schwierigen Entscheidungssituationen Kurs zu halten sucht, wird damit nicht geholfen.

Es wird Schaden angerichtet für die politische Gestaltungsfähigkeit wie für das Ansehen unseres Fachs. Wirtschaftswissenschaftler sollten vielmehr bereit sein, mit konstruktiven Lösungsvorschlägen ihre Bringschuld gegenüber Gesellschaft und Politik zu erfüllen.”

Ganz ähnlich haben auch zahlreiche Nichtunterzeichner reagiert, die die Kollegen von der “Financial Times Deutschland” gestern befragt haben:

“Ich bin entsetzt. Dieser Aufruf ist eine Schande”,

gestand zum Beispiel der belgische Volkswirt Paul de Grauwe den Kollegen. Und Daniel Gros sagte:

“Der Aufruf ist befremdlich.  Der Ton erscheint mir vollkommen unangebracht. Sie hatten mich um eine ökonomische Einordnung gefragt. Dies fällt mir schwer, denn der Aufruf enthält keine richtigen ökonomischen Argumente.”

Dass ich das genauso sehe, habe ich bereits am Mittwoch zum Ausdruck gebracht.

Aus meiner Sicht haben sich die Unterzeichner des in der FAZ erschienen Aufrufs in mehrfacher Hinsicht diskreditiert und bis auf die Knochen blamiert. Zum einen, weil sie mit falschen Argumenten argumentieren – die sich abzeichnende Bankenunion bringt eben keineswegs eine gemeinsame Haftung für die Schulden sämtlicher Banken mit sich.

Es geht um eine gemeinsame Einlagensicherung, eine zentrale Rekapitalisierung und eine gemeinsame Bankenaufsicht.  Würde ein Student in einer Klausur so oberflächlich argumentieren, wie es die Herren Professoren in ihrem Aufruf gemacht haben, würde er mit Recht durch die Prüfung fallen. Mein Zeit Kollege Mark Schieritz hat die Argumentation der Professoren im Herdentrieb zutreffend als “groben Unfug” bezeichnet.

Hinzu kommt ein Tonfall, der aus meiner Sicht für aufgeklärte Hochschullehrer schlicht unwürdig ist und mehr an eine Hetzkampagne als an eine wissenschaftlich fundierte Argumentation erinnert. Das haben die Initiatoren offenbar in letzter Minute auch noch gemerkt und ihren Text an einigen Stellen noch ein bisschen entschärft.

Mein FTD-Kollege Mathias Ohanian hat kommtiert die Änderungen in einem lesenswerten Blogbeitrag und kommt zu dem Schluss:

“Ein Vergleich von Prototyp und Endprodukt offenbart den Dilettantismus unserer VWL-Elite erst so richtig. Fremdschampotenzial: maximal hoch.”

Der DIW-Vizepräsident Georg Weizsäcker weist noch auf einen weiteren kritischen Punkt im Ökonomenaufruf hin: Der Aufruf war ein politischer Akt unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit. Weizsäcker:

“Besonders bedenklich ist, dass der Aufruf die “lieben Mitbürger” auffordert, aktiv zu werden und sich an ihre Abgeordneten zu wenden, um die Ziele der Verfasser des Aufrufs zu erreichen. Spätestens hier wird klar: Der Aufruf ist ein unmittelbar politischer Akt.

Liebe Mitökonomen, darf ich erinnern: Wir sollten die Politik beraten, nicht selbst die Politik machen.”

.

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence” und meine Facebook-Seite – ich freue mich über jedes “like”!

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [26]

  1. Liebe Mitbürger,

    wir, Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftswissenschaftlerinnen der deutschsprachigen Länder sind überzeugt, dass eine Invasion Außerirdischer unmittelbar bevorsteht. Die mangelnde Vorbereitung der Bundesregierung sehen wir mit größter Sorge.

    Der Jupiter ist fast dreimal so groß wie die Erde. Nach Berechnungen des Münchner Ufo-Instituts passen zwischen 9 und 57 Billionen Euro in ein einziges schwarzes Loch. Es ist schlechterdings unmöglich, die Steuerzahler, Rentner, Sparer, Kassiererinnen, Krankenschwestern, Opelaner und Möbelpacker der bislang noch soliden Länder Europas für die Absicherung dieser Summen in die Haftung zu nehmen.

    Außerirdische trinken kein Weizenbier und spielen keinen Fußball. Sie haben keinen Humor und riechen schlecht, sie belästigen unsere Frauen und mogeln beim Skat. Und alles, woran sie interessiert sind, sind die hart erarbeiteten Ersparnisse der Deutschen.

    Die Politiker mögen hoffen, die Summen durch eine strenge Kontrolle begrenzen zu können. Das wird ihnen aber nicht gelingen, da die Außerirdischen über subtile Methoden zur Beeinflussung unserer Willenskraft verfügen. Noch unsere Kinder und Enkel werden darunter leiden.

    Wir bitten Sie, dieses Thema sehr ernst zu nehmen und es mit den Abgeordneten Ihres Wahlkreises zu diskutieren.

  2. Solange in GL die dortige Notenbank tàglich fleißig Euros druckt (ELA)um die
    Banken mit Geld zu versorgen, solange wird die Bevölkerung ihr Sparguthaben
    abheben und unters Kopfkissen legen bis die Drachme kommt. Wir haben in GL
    schon längst ein Bankenrun,denn das meiste Geld ist schon längst abgehoben.
    Und dann eine europ. Bankenunion zu schmieden ist ein Skandal (unser Einlagesicherungsfonds wäre dann auch vergemeinschaftet). Bitte mal im HB
    ausführlich darüber berichten!

  3. Guter Herr Storbeck,

    in welcher Welt leben sie denn eigentlich, wenn Sie uns auffordern uns mit Lügenvorwürfen an die Politik zurückzuhalten. Politiker lügen seit Jahrhunderten aus Staatsraison oder wegen der eigenen politischen Karriere. Griechenland hat sich in die Währungsunion im klassischen Sinne hineingelogen und findet es heute noch sexier bei uns Deutschen
    Geld einzufordern als die Steuerhinterziehung seiner Reichen endlich abzustellen. In italienischer Denkweise zählt nach Macchiavelli der
    aus Staatsraison täuschende Politiker sogar zum guten Ton. Warum also soviel weltfremde Politikerverehrung?

  4. Auch die Citybank bezeichnet übrigens die deutschen und andere Vertreter die den ESM konstruiert haben expressis Verbis als Lügner

    “Damit wird klar: Die Steuerzahler werden über einen wesentlichen Bestandteil des ESM bewusst getäuscht. Die Väter des ESM-Vertrages haben ihren Völkern ein Dokument vorgelegt, in dem die Steuerzahler glatt belogen werden. Es gibt keine Seniorität der europäischen Steuergelder im juristisch einklagbaren Sinn. Gäbe sie es, würde der Bond-Markt in derselben Sekunde, wo der ESM in Kraft tritt, zusammenbrechen. Damit wäre die europäische Staatsfinanzierung hinfällig.”

    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/07/04/juristische-analyse-enttarnt-esm-vertrag-als-taeuschung-der-steuerzahler/

    Ich habe mich nur der inzwischen allgemein angewandten Retorik bedient.

  5. Sehr geehrter Herr Storbecks,

    gestern haben Sie mich abgemahnt, dass ich nicht behaupten soll dass die Politiker der Eurostaaten Lügen, es wäre laut Ihrer Interpretation ein Irrtum und nicht eine Lüge.

    Können Sie mir bitte erklären wieso heute die finnische und holländische Regierung Monti der Lüge bezichtet, genau das gleiche Thema betreffend. Selbstverständlich können Sie mich aus der Diskussion ausschließen, aber bei allen blogs und Diskussionsforen stelle ich fest, dass fast alle blogger der gleichen Meinung sind.

    http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2012/07/07/gipfel-beschluesse-finnland-bezichtigt-mario-monti-der-luege/

    Und das Griechenland damals die Beitrittskriterien nicht erfüllte wußten die deutschen Politiker, also konnte es kein Irrtum sein.

    Mit freundlichem Gruß

    • @joergel: “gestern haben Sie mich abgemahnt, dass ich nicht behaupten soll dass die Politiker der Eurostaaten Lügen, es wäre laut Ihrer Interpretation ein Irrtum und nicht eine Lüge” – wenn das so gemeint war, habe ich Sie missverstanden. Ich hatte Sie so verstanden, dass Sie mich bzw. das Handelsblatt (“hier wird ununterbrochen gelogen”) der Lüge bezichtigen. Es mag sein, dass ich mich irre, aber ich lüge nicht. Deswegen finde ich es nicht lustig, wenn mir das unterstellt wird.

      Allerdings bitte ich Sie, sich mit solchen Vorwürfen gegenübern Politikern hier im Blog zurückzuhalten.

  6. Also, Herr Storbeck, vom Abschaffen von Banken kann keine Rede sein. Allerdings ist allen Banken dringend zu empfehlen, sich auf die ureigensten Aufgaben von Kreditinstituten – dieses Wort definiert die Aufgaben von Banken ganz eindeutig – zu konzentrieren. Kurz das Einsammeln von Geld der Anleger und die Vergabe von gesicherten Krediten an Investoren. Das bedeutet nicht anderes als den Verzicht auf viele Geschäftsfelder, die man besser niemals begonnen hätte. Die fatale Absicht mit immer spekulativeren Produkten, die vielmals nicht nachvollziehbar sind, höhere Gewinne und damit den Wettbewerb der Banken untereinander gewinnen zu wollen, ist gründlich daneben gegangen. Manche Bank ähnelt doch eher einer Wettbude oder ist bestenfalls ein Spielcasino. Mein Tipp: Alle, wirklich alle diese Produkte verbieten und den Vertrieb unter Strafe stellen. Auch wenn zu befürchten ist, dass nicht alle weltweit mitmachen werden, und die Spekulanten weiterhin diese Produkte nachfragen werden, so ist es eben strafbar, wenn man liefert. Schließlich kann sich ein Drogendealer nicht mit der Nachfrage seiner Kunden rausreden. Aus gutem Grund ist daher der Handel mit und der Besitz von Drogen in Deutschland verboten und strafbar.

  7. Sehr geehrter Herr Storbeck,

    mit großem Interesse las ich Ihren sowie anderer Kollegen Aufruf. Dazu habe ich einige Fragen, die Sie mir sicherlich beantwortet werden können.

    Zitat aus Ihrem Aufruf:

    Frage 1:
    Welche „Durchgriffsrechte“ sollen das konkret sein? Auf welcher gesetzlichen Grundlage soll das geschehen?

    Weiteres Zitat:

    Wie ist dies gedacht? Ablösung der Anteilseigner durch Umwandlung von SCHULDEN in KAPITAL?
    Aus Stroh Gold dreschen? Wie in Grimms Märchen „Rumpelstilzchen?“….Ein Müller behauptet von seiner schönen Tochter, sie könne Stroh zu Gold spinnen…
    http://www.udoklinger.de/Deutsch/Grimm/Rumpelstilzchen.htm
    Sorry, wenn es polemisch klingt, ich möchte es wirklich gern VERSTEHEN.

    Weiteres Zitat:

    Daraus folgt Frage 2: Welche Art „EINGRIFFSRECHTE“ sollen das sein, bzw. wie kann von europäischer Ebene aus in sämtlichen BANKEN sämtlicher SOUVERÄNER NATIONALSTAATEN „eingegriffen“ werden?

    Frage 3: Welche €-Länder würden sich Ihrer Meinung nach dazu verpflichten? Einmal von der Bundesrepublik abgesehen. — Frankreich? Italien? Spanien? Österreich? Luxemburg? Finnland? Niederlande?

    Und somit komme ich zur letzten Frage:

    Zitat aus Aufruf:

    Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass, falls die (Re)finanzierung der Banken nach Abkopplung der Staaten gelingt, sich die €-Zone aus sich selbst heraus finanziert, also ohne frisches Kapital von außen? Da den internationalen Investoren dieser Vorgang (Stichwort: Hütchenspiele) ja nicht verborgen bleibt?

    Der Beantwortung meiner Fragen sehe ich mit großem Interesse entgegen und danke im Voraus.

  8. Hallo Herr Storbeck,

    ich beziehe mich auf die Antwort von Ihnen:

    Genau das haben ja unsere 170 Wut-Ökonomen in ihrem Aufruf in Abrede gestellt.

    Dinge, die unwahr sind, sollten Sie nicht wiederholen. Sie werden dadurch nicht wahrer oder richtiger.

    Herr Sinn & Co. sind keine Wut-Ökonomen. Halten Sie Ihre Emotionen im Griff. Es steht Ihnen frei mit Fakten dagegen zu argumentieren. Kern von dem Brief sind Pressionen.

    Es geht also um den Teil, dass trotz Abreden und Vereinbarungen der Druck so groß ist,
    trotzdem nachzugeben, weil Deutschland eine Minderheitsmeinung vertritt und stark zu Hilfen gedrängt wird – TROTZ anderslautender Vereinbarungen mit den Euroländern.
    Darüber hinaus informieren die Autoren über die Risiken, die bei den Banken liegen, sollte eine Bankenhaftungsunion kommen. Die andere Seite vermochte es nicht, die Risikosumme zu verkleinern, noch den Fakt zu entkräften.

    Die große Frage, die im Raum steht: Was ist eine funktionierende Bankenregulierung mit weitreichenden Kompetenzen… ?

    Ich bitte Sie sehr, auch Sie können nicht in Abrede stellen, dass die Problemländer hierzu ein ganz anderes Interesse haben (werden) als Deutschland. Wie im Europäischen Rat (der Regierungschefs), im EZB-Rat, kann sich eine Minderheitsmeinung nicht durchsetzen.

    Die Ökonomen sehen darin eine große Gefahr, die sukzessive Deutschland immer weiter in höhere Haftungsrisiken treiben könnte. Was mit dem Fiskalpakt vereinbart wird, wurde bereits mit dem Maastrichter Vertrag (EU-Konvergenzkriterien) vereinbart. Und was ist aus den Vereinbarungen geworden? Auf Grund von Pressionen wurden Positionen aufgegeben, Schritte eingeleitet, die den Verträgen völlig entgegenstehen – TROTZ der Versprechen deutscher Politiker vor Euroeinführung. Vielleicht erinnern Sie sich daran?
    Schlussendlich floss immer Geld und die Zusagen (Geld gegen Kontrolle) wurden später von der Politik aufgeweicht. Am Ende zahlte Deutschland immer mehr und hat eben keine Kontrolle.

    Führen Sie sich bitte die Situation von Hr. Sarkozy und Frau Merkel am Strand von Deauville, im Oktober 2010, vor Augen. Deutschland wollte partout nicht französische Banken freikaufen. Daraufhin wollte Frankreich aus dem Euro aussteigen – wie im Übrigen auch Italien und Spanien Ende Juli dieses Jahres. Auch Sie können diese Erfahrungen nicht ignorieren. Im Grunde haben bereits die Eurokritiker vor mehr als 10 Jahren genau vor dem gleichen Problem gewarnt, wie es heute Herr Sinn & Co mit Blick auf die Bankenhaftungsunion tun. Damals wurden die Ökonomen ebenfalls als rechtsradikale Spinner hingestellt – z. B. von Presseleuten wie Ihnen. Und wer ist heute im Recht?

    Genau vor der gleichen Situation stehen wir heute. Es ist exakt die gleiche Weichenstellung. Man hat in Europa schon viel im Vertrag festgehalten und abgesprochen.
    Am nächsten Tag war es nichts mehr wert.

    Ich bezweifel, wie die 190 Ökonomen, stark, dass sich Deutschland mit seinen Vorstellungen (über Kontrolle und Durchgriffsrechten) kurz- wie auch langfristig wird durchsetzen können. Die andere Frage ist, wird Deutschland in dem Apparat ausreichend vertreten sein? Ein Blick in die EZB von heute lässt erahnen – wie es in 10 Jahren in der europäischen Bankenaufsicht aussehen wird.

    Sie machen es sich mit Ihrer Kritik schon ein bisschen einfach.
    Ich möchte die harten Verhandlungen und Vereinbarungen sehen, sollte z. B. BNP anklopfen. Man würde bedingungslos bezahlen. KEIN Deutscher würde sich nachsagen lassen, er hätte Frankreich über den Jordan gehen lassen. Genau davor warnt Herr Sinn.
    Ist erst einmal die Türe offen, komm Deutschland aus den Hilfezusagen nicht mehr heraus.

    Die ganzen Bankenrettung geht seit 2010 nur um französische Banken.

    http://graphics.thomsonreuters.com/11/04/EZ_BNKMP0411_SB.html

    http://graphics.thomsonreuters.com/11/06/EZ_BNKEXP0611_SB.html

    Es wäre durchaus gut, Sie könnten Ihre Meinung sachlich darlegen.
    Bis jetzt habe ich (von Ihnen und anderen Pro-Bankenretter) nichts gelesen, was die Faktenlage ändert. Im Kern sind sich die 190 + 15 Ökonomen einig: Keine Bankenhaftungsunion.

  9. Was heißt denn hier “funktionierende Bankenaufsicht” Deutschland hat seit Jahrzehnten angeblich eine nicht zu toppende Bankenaufsicht. Und was ist passiert: IKB-Pleite, HRE-Pleite, Rettung Commerzbank, diverse Landesbanken pleite usw, usw. Was erwarten Sie dann von einer europäischen Bankenaufsicht die zudem noch nach Länderproporz und politischen Interessen zusammengesetzt ist. Können Sie sich noch an den europäischen Stresstest für Banken erinnern? Noch Fragen? Also bitte dem Volk nicht weiter Sand in die Augen streuen und ausschließlich über Tatsachen berichten! Den “alles wird gut Sagern” glaubt doch schon lange Niemand mehr.

    • @Thomas Karpowicz: Die Lehre daraus kann doch nur sein, zu versuchen, die Bankenaufsicht und die Bankenregulierung zu verbessern. Oder was sollte man ihrer Meinung nach tun? Banken abschaffen?

      Und wer sagt ihnen, dass die europäische Bankenaufsicht nach Länderproport und politischen Interessen zusammengesetzt ist? Wie bereits geschrieben: Die EBA verlang deutlich größere Eigenkapital-Puffer als die nationalen Regulierer, und zieht sich da unter anderem den Zorn der deutschen Banken und Politiker zu. Und nochmal: Das Beispiel EZB zeigt, dass solche supra-nationalen Organisationen im großen und ganzen ganz ordentlich funktionieren können. (Ja, ich weiß, ich selbst habe über eine Studie berichtet, nach der nationaler Proporz bei der EZB eine Rolle spielt – aber wenn Sie sich die Geldpolitik der EZB und deren Ergebnisse anschauen, kann niemand ernsthaft behaupten, die Geldpolitik wäre systematisch politischen Interessen einzelner Länder gefolgt.)

  10. Soso, eine vom honorigen Herrn Prof. Rürup initiierte Replik will uns Herr Storbeck als der Weisheit letzter Schluss verkaufen.

    Man darf dann wohl erwarten, dass die Herren Ökonomen für die Idee der Währungs-/Haftungsunion mit ihrem Privatvermögen in Vorlage treten?! Put your money where your mouth is…

  11. Die in der FTD zitierte Kritik von Illing & Co. am Ökonomenaufruf bewegt sich, wie ich dort in einem (momentan noch nicht freigegebenen) Leserkommentar detailliert belegt habe, auf Stammtischniveau.

    Wenn z. B. (von Ihnen zitiert) der Euhaftungsfetischist Paul de Grauwe sagt “Ich bin entsetzt. Dieser Aufruf ist eine Schande”, dann ist das 1. kein ‘Geständnis’ (sondern nicht überraschend) und 2. keine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Aufruf.

    Wer sich, wie Sie, darauf beruft, versucht von “Autoritäten” profitieren. Aber mit dieser Methode diskreditiert er zugleich seine eigene Kritik am Aufruf.

    Und dass die Kritiker um Rürup nicht unterscheiden zwischen Rekapitalisierung über ESM und zusätzlichen Haftungskanal via Bankenunion, steigert nicht gerade meine Hochachtung vor diesen Figuren.

    Mit TARP wurden große Banken gerettet; eine große Zahl von kleinen haben die USA (zu Recht) in die Pleite geschickt. Wer das verschweigt, ist für mich eher das Sandmännchen von Schwarzen Kanal als ein ehrlicher Makler, der mir alle “erforderlichen Fakten” präsentiert!

  12. leider haben Sie meine Frage nicht beantwortet. Wenn Diplomaten aus Brüssel sagen, dass nach Ihrem Verständnis Deutschland haftet, wie kann es sein das Deutsche Politiker dies abstreiten?

    Monti feiert es als Sieg über Deutschland lautstark.

    Eine Lüge ist, wenn man nicht die Wahrheit sagt. Uns wurde gesagt wir müssen nicht für die Schuleden anderer Saaten aufkommen. Sind wir beim griechischen Schuldenschnitt für deren Schulden aufgekommen, wurde hier die Wahrheit eingehalten?

    Uns wurde versprochen, dass es eine Schuldenobergrenze gibt die die Staaten einhallten müssen. Wievielen tun dies? wurde hier die Wahrheit gesprochen? Ich könnte so glaube ich Seiten füllen.

    Und wenn Herr Schäuble heute sagt wir haften nicht für die Schulden ausländischer Banken, Diplomaten aus Brüssel in der gleichen Zeitung sagen das Deutschland für die Schulden haften muß, wie würden Sie es dann ausdrücken?

    • @joergel: Eine Lüge ist, wenn man BEWUSST die Unwahrheit sagt. Das andere nennt man Irrtum.

      Der Artikel, auf den Sie verweisen (klick), zeigt doch in erster Linie eins: Eine direkte Rekapitalisierung von Banken durch den ESM wird es erst geben, wenn es eine funktionierende Bankenaufsicht gibt:

      “Einem EU-Diplomaten zufolge kann die dafür vereinbarte Voraussetzung einer gemeinsamen Bankenaufsicht für das Währungsgebiet nicht vor der zweiten Hälfte des kommenden Jahres geschaffen werden. Er sage freimütig voraus, dass die schärfere Kontrolle noch nicht in der ersten Jahreshälfte 2013 voll funktionsfähig sein werde … Bis zu einer gemeinsamen Bankenaufsicht muss der Bedarf der angeschlagenen Institute über die herkömmlichen Programme gedeckt werden.”,

      Genau das haben ja unsere 170 Wut-Ökonomen in ihrem Aufruf in Abrede gestellt.

      Was den zweiten Teil der Aussage mit Blick auf die Haftung betrifft: Ich habe nicht mit dem Diplomaten gesprochen und weiß nicht, was er meint genau meint.

      Ich vermute ,dass der Mann folgendes meinte: Wenn der ESM direkt Banken direkt rekapitalisiert, bekommt er im Gegenzug Anteile an ihnen – so, wie es sonst die Nationalstaaten tun würden, wenn sie eine Bank rekapitalisieren. Der ESM würde dann also Miteigentümer der Bank, und in diesem Umfang haftet er solcher natürlich auch. So, wie es der Einzelstaat machen würde, wenn er selbst eine Bank rekapitalisiert. (Natürlich nur in dem Ausmaß, in dem er Anteile an der Bank übernommen hat. Käme es zu Verlusten, würden diese beim ESM anfallen und dann vermutlich auf die Kapitalgeber – darunter Deutschland – verteilt.)

      Der entscheidende Unterschied zu dem Aufruf der 170 ist, dass in dem Text der Eindruck erweckt wird, mit einer Bankenunion würde automatisch die vollständige kollektive Haftung für sämtliche Bankschulden übernommen. Das ist schlicht und ergreifend sachlich falsch. Deutschland hat 2008/2009 die Commerzbank rekapitalisiert und im Gegenzug (viel zu wenig) Anteile bekommen – das heißt aber ja auch nicht, dass die Bundesregierung pauschal für sämtliche Bankschulden aller Institute haftet.

      (Übrigens ist der Artikel nicht von uns, sondern stammt von der Nachrichtenagentur Reuters, können Sie an dem Kürzel “rtr” am Ende erkennen).

  13. sehr geehrter Herr Storbeck,

    lesen Sie ab und zu auch andere Artikel des Handelblattes? Unter der Überschrift “Spanien muß seine Banken wohl selber retten” werden heute Diplomatenkreise zitiert, und es geht um eine ferne Bankenunion und die Haftung. Da wird Brüssel mit folgenden Worten zitiert:

    “Wenn wir in einer sehr fernen Zukunft eine gemeinsame Euro-Zonen-Aufsicht haben, die alle Banken kontrolliert, und wenn wir dann eine direkte Banken-Rekapitalisierung haben: Würden wir auch dann noch eine Garantie des Staates brauchen? Nach meinem Verständnis würden wir das nicht”, sagte er. Auf die Frage, auf wen dann die Haftung übergehe, verwies er auf die kapitalgebenden ESM-Staaten – und damit allen voran Deutschland.

    Damit sagen Diplomaten aus Brüssel schon heute, dass Deutschland für marode ausländische Banken in Haftung genommen werden. Alles was gestern und heute an Dementi aus der Politik kam waren schamlose Lügen. Und wenn ich sehe was uns am Anfang der gemeinsamen Währung versprochen wurde, nichts von den Euroverträgen hat mehr Gültigkeit. Die EZB druckt Geld wie zu besten Italienzeiten und kauft Ramschanleihen,…

    Wissen Sie was wir unseren Kindern aus alten Märchen erzählen?

    Wer einmal lügt dem glaubt man nicht….

    Hier wird ununterbrochen gelogen. In ein paar Jahren werden Sie sich schwere Vorwürfe machen diese Betrüger auch noch verteidigt zu haben.

    • @joergel: Wenn Sie hier noch in Zukunft mitdiskutieren wollen, verkneifen Sie sich bitte Unterstellungen wie “hier wird ununterbrochen gelogen” und Formulierungen wie “diese Betrüger”. Vielen Dank!

  14. Schlimm, wie hier einem erwiesenermaßen untauglichen ökonomischen Dogmatismus gehuldigt wird. Ist doch gerade der politisch motivierte Keynesianismus kausal für die Schuldenkrise. “Wer soll das bezahlen?”, diese Frage konnten die Phantasten noch nie beantworten.

    Herrn Storbecks Agitation in allen Ehren, er regt ja immerhin zur Diskussion an. Es wäre jedoch dringend erforderlich, dass das Handelsblatt auch die andere Seite präsentiert. Der geneigte Leser mag in der Zwischenzeit im Reuters-Blog die Beiträge von Laurence Copeland goutieren, der die hold up-Konstellation zwischen Deutschland und den PIGS bzw. den Eurokraten erfrischend pragmatisch beschreibt und korrekt schlussfolgert.

  15. Es ist der alte Streit: Neoklassizismus vs. Keynes und Außenstehende, die nach dem Artikel von Sinn und Co meinen, sie wären Heilsbringer.
    Viele von ihnen sind selbst Unternehmer und Verfachter einer freien radikalen Marktwirtschaft.
    Aus der Krise von 1929 haben diese Herren nichts gelernt.

  16. Wenn der ursprüngliche Brief nur von Universtitätsprofessorinnen und -professoren unterschrieben ist (Fachhochschulprofessoren wurden meines Wissens zum Unterschreiben des Aufrufs gar nich erst gefragt), so soll dies natürlich suggerieren, dass (annähernd) der gesamte führende volkswirtschaftliche wissenschaftlich Sachverstand dahinter steht. Was denn sonst? Herrn Storbeck anzugreifen, weil er darauf verweist, schießt weit über das Ziel hinaus. Bitte sachlich bleiben und Argumente kritisieren. Nicht aber zutreffende Argumente schon deshalb diskreditieren, weil sie von bestimmten Personen kommen. Dies widerspricht jeglichen wissenschaftlichen Gepflogenheiten.

  17. Hüther, Horn, Bofinger, Straubhaar – Herr Storbeck, berufen Sie sich tatsächlich auf diese Herren? Es handelt sich bei diesen Ökonomen um die usual suspects, die die Politik mit Gefälligkeitsgutachten und akademischer Pseudoseriosität versorgt. In deren Händel soll das deutsche Volk seine Zukunft legen?

    • @Hans Vorderwuelbecke: Stimmt, Sinn, Zimmermann und Co. sind ja zum Glück nicht die Usual Suspects. Wäre mir übrigens neu, dass wir unsere Zukunft in die Hände der Unterzeichner von Ökonomenaufrufen legen – ich dachte, dafür haben wir den Bundestag….

  18. Wo wird der offene Brief denn als Wissenschaft verkauft? Es wird nie behauptet der Brief sei Wissenschaft

    Und noch problematischer ist es, wenn Journalisten sich auf die Wissenschaft berufen aber davon jedoch keinerlei Ahnung haben wie man anhand dieses Blogs sieht.

  19. Nur eins: Natürlich ist der Aufruf ein “unmittelbar politischer Akt”, kein wissenschaftlicher Fachbeitrag. Ist das jetzt schon ein Vorwurf, dass Staatsbürger sich politisch engagieren?

  20. Sie müssen uns immer noch erklären bei welcher Versicherung sie für ihr bereits brennendes Haus noch eine Gebäudebrandpolice erhalten. Genau das ist eine europäische Einlagensicherung nämlich.
    Der Schadensfall ist in Südeuropa bei vielen Einlagen de facto schon da.