Feuert die Dicke Bertha in die falsche Richtung?

Die Dicke Bertha, Version 1914 (Quelle: Wikipedia)

Ein Kernproblem im Euro-Raum ist, dass es in den Krisenstaaten einen gefährlichen Link gibt zwischen dem Bankensystem und den Staatsfinanzen dieser Länder.

Geldinstitute in Griechenland, Spanien, Irland und anderen Ländern stehen mit dem Rücken zur Wand und sind auf staatliche Hilfen angewiesen. Die Probleme im Bankensektor bedrohen die ohnehin angeschlagenen Staatsfinanzen in diesen Ländern und untergraben das Vertrauen der Investoren an den Finanzmärkten in die Solvenz der Staaten. Zugleich haben sich die Banken jeweils mit Staatsanleihen ihrer Heimatländer vollgesogen. Sollte zum Beispiel Spaniens Regierung in Zahlungsschwierigkeiten kommen, wäre das für die Banken des Landes fatal.

Ein Teufelskreis, der dringend durchbrochen werden müsste.

Tatsächlich aber  hat die  EZB das Problem  mit ihren “Long Term Refinancing Operations” (LTROs) möglicherweise noch weiter verschärft.

Im Dezember und Feburar verlieh die EZB im Rahmen der LTROs insgesamt rund eine Billion Euro an die Banken des Euro-Gebiets. Die Kredite, für die die Geldinstitute nur ein Prozent Zinsen zahlen müssen, haben die ungewöhnlich lange Laufzeit von drei Jahren – Mario Draghi spricht von der “dicken Bertha”.

Ein unausgesprochenes Kalkül hinter diesen Operationen war, dass die Banken luktrative Tausch-Geschäfte eingehen: Sie leihen sich für ein Prozent Geld bei der EZB, um damit dann Staatsanleihen der Problemstaaten zu kaufen, mit denen sie Zinsen von fünf Prozent und mehr verdienen können.

Offenbar ist dieses Kalkül aufgegangen, geht aus dem heute veröffentlichten Monatsbericht der Bundesbank hervor. Die Bundesbank sieht

“klare Evidenz dafür, dass Institute verzinsliche Wertpapiere, insbesondere von öffentlichen Emittenten, erwarben”

Im ersten Quartal haben die privaten Banken des Euro-Systems wieder kräftig Geld an die öffentlichen Haushalte verliehen: Saisonbereinigt stieg die Kreditvergabe der Banken an die öffentliche Hand laut Bundesbank in dieser Zeit um 100,5 Milliarden Euro. Das ist besonders bemerkenswert, weil die Kreditvergabe der Banken an die Staaten des Euro-Systems 2011 quasi komplett eingefroren war, wie die Bundesbank beschreibt:

“Im Jahr 2011 war der Nettozufluss bei den Wertpapierkrediten des MFI-Sektors an öffentliche Haushalte in Höhe von 149 Mrd € vollständig auf diese Käufe des Eurosystems am Sekundärmarkt zurückzuführen.”

Seit Anfang 2012 leiht jetzt wieder der private Bankensektor den Regierungen Geld. Allerdings gibt es ein Problem: Es sind  hauptsächlich Banken aus den Krisenländern, die in Staatsanleihen investieren. Und zwar hauptsächlich in Bonds ihrer Heimatländer. Der Anstieg um 100,5 Milliarden Euro ist laut Bundesbank

“weit überwiegend auf spanische und italienische Banken zurückzuführen, die fast ausschließlich heimische Staatsanleihen kauften”

Statt mit den LTROs den Umweg über die privaten Banken zu gehen, hätte die EZB meiner Meinung nach selbst weiter und in größerem Ausmaß  auf dem Sekundärmarkt Staatsanleihen aufkaufen sollen. Viele Ökonomen – darunter auch deutsche, zum Beispiel der Behrenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding – empfehlen, dass die EZB intervenieren sollten, wenn die Zinsaufschläge der Bonds der Krisenländer an den Finanzmärkten bestimmte Höchstwerte überschreiten.

Das widerspricht natürlich allen etablierten Grundsätzen der Geldpolitik und ist auf Dauer nicht ohne Gefahren. Meiner Meinung nach wäre es aber das kleinere Übel und für einen vorübergehenden Zeitraum vertretbar.

Es geht nicht darum, Staatsschulden mit der Notenpresse zu bezahlen – die Regierungen müssen ihre Schulden ja weiter bedienen, auch wenn die Anleihen bei der Notenbank liegen. Beim griechische Haircut, bei dem die privaten Gläubiger auf rund 80 Prozent ihrer Forderungen verzichten mussten, machte die EZB zum Beispiel nicht mit.

Und auch der Blick nach London zeigt, dass die Gefahren überschaubar sind:  Die Bank of England hat seit Beginn der Krise in großem Stil britische Staatsanleihen aufgekauft, ohne dass die Unabhängigkeit der Zentralbank  in Zweifel gezogen würde.

Es war vor allem der Druck aus Deutschland, der weitere direkte Staatsanleihekäufe verhindert hat. Und damit womöglich die gefährliche Bande zwischen kranken Banken und maroden Staatshaushalten weiter gestärkt.

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Alle Kommentare [9]

  1. Dr. Seltsam legt den Finger richtigerweise in die offene Wunde: Die Mittel der Geldpolitik sind erschöpft, die Notenbanker mit ihrem schmalen Latein am Ende. Weitere Schüsse aus der Dicken Berta werden ebenfalls in den schwarzen Löchern der Bankbilanzen versickern und als Spekulationskapital um den Globus schwappen. Ist man in einem Loch gefangen, sollte man zu allererst mit dem Graben aufhören.

    Maßnahmen stattdessen: Deutschland tritt aus dem Euro aus, gründet mit Österreich, Holland, Finnland einen Nordeuro, verstaatlicht die Banken (legt so endlich die Risiken in den Bankbilanzen offen), schreibt seine Forderungen gegenüber den PIIGS notgedrungen ab und verbrennt alle Brücken. Andernfalls verlieren wir unser letztes Hemd.

  2. lieber olaf – auch sehr spannend in dem zusammenhang: guck dir mal die eben veröffentlichten zahlen zur kreditvergabe im euroraum an… ein trauerspiel

    und wie war noch gleich die offizielle begründung für die dicke bertha? kreditklemme verhindern!

    kann mich noch erinnern wie draghi in davos etwas von ‘major credit crunch averted’ erzählt hat…

  3. Eine extrem kranke Entwicklung im Euroraum!!
    Still ist es momentan im Euroraum,doch nur an der Oberfläche.Darunter verschiebt sich so ziemlich alles zu Ungunsten Deutschlands.EZB Chef Draghis Beruhigungsworte überzeugen nicht.Zu viele faule Staats/Bankpapiere wurden als
    Sicherheiten angenommen,liegen nun als Kreditleichen im EZB Keller zu Lasten der Steuerzahler.Zu viele Billigkredite ca. 1 Billion Euro wurden zur Bankenrettung,dann so geplant zur der, der EZB verbotenen nun verdeckten Staatenrefinanzierung in den Markt gepumpt nach Vorbild der Feed.
    Herr Mario Draghi erinnert mich frappierend an Schillers Zauberlehrling,doch kriegen wir diesen europäischen Greenspan so schnell nicht wieder los.
    Wie bekommt der Zauberlehrling Draghi dieses fern jeglicher wirtschaftlicher Realitäten geschaffene wertlose Geld, bevor dieses spekulative Zocker inspiriert,inflationäre Tendenzen anschiebt, rechtzeitig in die berühmte Zahnpasta-Tube zurück?
    Herr Draghi sonnt sich noch in seinem vorübergehendem Erfolg,doch die Folgen der ohne wirtschaftliche Notwendigkeit 17 Ländern übergestülpten Einheits-Währung Euro inklusive der Maastricht-Vertragsbrüche durch Übernahme von Schulden anderer Staaten lassen sich mit noch so vielen Billionen nicht wegspülen,da diese Gigasummen das Gesamtrisiko in Europa nur verstärken.
    Im ganzen Euroraum spiegeln die Target2 Salden der Target2 Plus-Geberländer wie
    Deutschland,Holland Luxemburg,Finnland gegenüber den Target2 Minus-Nehmerländern wie Griechenland, Portugal,Spanien Italien, Frankreich, Irland die desaströsen Verwerfungen sowie Zahlungsbilanzkrisen im Euroraum wieder und es wird deutlich,wie wir Seitens der Bundesregierung mittels Nichtinformation ruhiggehalten werden und so die wahren die Verwerfungen im Euroraum nicht erkennen sollen.Schlichtweg werden wir mit Äußerungen über erfolgreiches Krisen-Management wie Fiskalpakt/Fiskalunion/ESM Rettungsschirm eingelullt und getäuscht,zumal die Ergebnisse dieser Marathonverhandlungen samt Unterschriften das Papier nicht wert sind,da sie jederzeit relativiert und ausgehebelt werden können.Zusammen mit den riesigen Rettungsschirmen,verlorenen Geldern an Griechenland und Portugal sowie kommende Risikoübernahmen für Spanien, Italien, Frankreich gleitet Europa,mit ihm Deutschland in eine äußerst ungewisse Zukunft ab,von wegen ,wie Zauberlehrling Draghi,die Finanz-Krise sei abgehakt.das dicke Ende kommt erst noch-wetten!
    Heiner Hannappel

  4. “Ansonsten: Sehr richtiger Hinweis in Ihrem Artikel, den Umweg über die Geschäftsbanken hätte man sich sparen sollen und müssen und über die darüber realisierten Gewinne redet derzeit keiner!”

    Naja, diese Gewinne waren doch als indirekte Subvention für die angeschlagenen Banken durchaus erwünscht. Man hoffte 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sowohl angeschlagene Staaten und Banken zu stützen und außerdem das sich weigernde Deutschland via Target2 doch noch in die Bürgschaft zu zwingen.

    Im übrigen sollte man es nicht zu einseitig sehen. Wenn Herr Storbek schreibt

    “Das widerspricht natürlich allen etablierten Grundsätzen der Geldpolitik und ist auf Dauer nicht ohne Gefahren. Meiner Meinung nach wäre es aber das kleinere Übel und für einen vorübergehenden Zeitraum vertretbar.”

    so offenbahrt sich genau das aus meiner Sicht verantwortungslos-illusionäre Wunschdenken, das die in das Schuldenschlamassel geführt hat: Die Hölle von morgen interessiert mich im Angesicht des Fegefeuers von heute nicht. Denn natürlich sind die vorgeschlagenen Operationen auf Dauer nicht nur “nicht ohne Gefahren” sondern führen mangels begrenzendem Korrektiv und ihrer seit 30 Jahren zu beobachtenden immanenten Ausweitung direkt in die Zerstörung des gegenwärtigen (Geld-)systems (was ja, sofern statt Chaos attraktive Alternativen bereit stehen, nicht unbedingt verkehrt sein muss ;-)

    Wenn die Gelddruckverfechter ein glaubwürdiges Korrektiv aufzeigen könnten welches als natürliche Gegenkraft zur Schuldenmacherei und nun Gelddruckerei die Dynamik von immer mehr Schulden und immer mehr ungedecktem Geld zu bremsen in der Lage ist, wäre auch ich bereit auf das einzige derzeit existierende Korrektiv -den Markt und seine Zinsen- zu verzichten. Die Vernunft und Verträge reichen ja offensichtlich nicht aus.

    Vielleicht sollte man die über 60% liegenden Schulden der Staaten in einen Euro-Lastentilgungsfond und ggfls. dafür zweckgebundenen Euro-Bonds auslagern und mit einer europäischen Vermögenssteuer abtragen. Diese sollte progressiv zum Vermögen und proportional zur BIP-Schuldenquote des Landes sein (Beispiel: Deutschland würde 30% des BIP in den Fond übertragen und z.B. 3% Vermögenssteuer, Italien bei 60% des BIP müsste dann 6% erheben) für den Rest der Schulden wird der Maastricht-Vertrag ergänzt um glaubwürdige Austrittsklauseln (also solche die das systemische Risiko direkt adressieren und Lösungen dafür bereithalten!) wieder in Kraft gesetzt. Dann kann jedes Land selbst bestimmen, welchen Weg es gehen möchte. Für den normalen Bürger wäre es auch gerechter, da die Einkommenssteuer (und somit auch deren verkappte Form Geldwert-Inflation) die Mittelschicht überproportional belastet, während die oberen zehntausend ihre Vermögen in Sachanlagen oder Steueroasen parkt (s. Griechenland).

  5. Zwar hat man tatsächlich die Unabhängigkeit der Bank of England in Folge der Operationen nicht in Zweifel gezogen. Hieraus Schlüsse für das Handeln der EZB zu ziehen ist jedoch bestenfalls verwegen.

    Die EZB hat unter Marktteilnehmern mittlerweile einen für eine Zentralbank fatalen Ruf, der irreversibel ist. Zwar kann auch ein wie hier immer wieder geforderter Kadavergehorsam diesen Ruf kaum noch verschlechtern, doch sollten wir angesichts der Irreversibilität und der zentralen Bedeutung eines funktionsfähigen Geldsystems für Deutschland langsam dahin kommen, in einer kühlen Kosten/Nutzen-Abwägung die richtigen Schlüsse zu ziehen. Schwere gesellschaftliche Verwerfungen werden sonst die Folge sein. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Euro-Mitglieder ist mittelfristig schlicht zu heterogen. Der politische Wille mag vorhanden sein, die wirtschaftliche Potenz jedoch nicht.

  6. wenn du wissen willst, was die dicke bertha bewirkt hat, schau dir einfach diese grafik an: http://www.thetrader.se/wp-content/uploads/2012/05/spitaly.gif

    die marschrichtung ist klar: um die flucht ausländischer investoren zu kompensieren, wurde den banken in den krisenländern geld in die hand gegeben und mit dem sarko-trade ein anreiz geliefert, die papiere aufzukaufen. ergo: die bondmärkte werden renationalisiert. selbst die ezb hat das in ihrem jahresbericht zur finanzmarktintegration festgestellt…

  7. >> Im Dezember und Feburar verlieh die EZB im Rahmen der LTROs insgesamt rund eine Milliarde Euro an die Banken des Euro-Gebiets. Die Kredite, für die die Geldinstitute nur ein Prozent Zinsen zahlen müssen, haben die ungewöhnlich lange Laufzeit von drei Jahren – Mario Draghi spricht von der “dicken Bertha”.<<

    Nur eine Korrektur zu der im oben zitierten Absatz genannten Zahl: Die EZB hat nicht eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt, sondern es waren zusammen eine Billion Euro, die über die EZB in das Bankensystem gepumpt worden sind ( 489,2 Mrd € im Dezember und 529,5 Mrd € im Februar mit der außergewöhnlich langen Laufzeit von drei Jahren), was auch plausibel erscheint, denn eine Milliarde Euro liegt bei den Banken mittlerweile unterhalb der Wahrnehmungsschwelle ;-)

    Ansonsten: Sehr richtiger Hinweis in Ihrem Artikel, den Umweg über die Geschäftsbanken hätte man sich sparen sollen und müssen und über die darüber realisierten Gewinne redet derzeit keiner!