Das Versagen von Bayern München, ökonomisch erklärt

Ein Fußball (Foto: Anton via Wikipedia)

Der Ausgang des Champions-League-Finales ist nicht nur peinlich für die Bayern, sondern auch für mich persönlich.

Ausgehend vom Marktwert der Spieler hatte ich prognostiziert, dass Bayern gewinnen wird – weil die Mannschaft rund 30% mehr wert ist als die von Chelsea. Das DIW Berlin hat mit dieser Methode bereits dreimal die Sieger von Europa- und Weltmeisterschaften richtig vorhergesagt.

Die diesjährige Champions-League-Saison aber hat die Grenzen dieses rein ökonomischen Denkens aufgezeigt.

Das schöne an der Volkswirtschaftslehre ist allerdings, dass sie für fast alles einen Erklärungsrahmen liefert – nicht nur dafür, warum die Bayern eigentlich hätten gewinnen müssen sondern auch dafür, warum die Mannschaft gestern  drei von sechs Elfmetern verschossen hat.

Ein möglicher Grund dafür könnte sein, dass die Bayern im eigenen Stadion vor ihren eigenen Fans antreten mussten. Dafür jedenfalls sprechen die Ergebnisse einer Studie des Ökonomen Thomas Dohmen, Professor an der Universität Maastricht.

Dohmen hat bereits 2005 in einer empirischen Analyse mit dem Titel “Do Professionals Choke under Pressure?” die  Trefferquote von Bundesliga-Pr ofis bei Elfmetern untersucht.

Dohmen wollte herausfinden,  ob Menschen bei besonders hohem Stress zur Höchstform auflaufen oder ob die Leistung dadurch eher gehemmt wird.  Datengrundlage waren alle 3619 Strafstöße in der Bundesliga zwischen 1963 und 2003. 74,25 Prozent davon wurden verwandelt, 18,79 Prozent vom Torwart gehalten und 6,96 Prozent gingen am Tor vorbei.

(Schon diese nackten Zahlen machen übrigens  deutlich, wie schlecht die Trefferquote von 50% der Bayern gestern abend war.)

Der Forscher stellte fest: Beim Elfmeterschießen verkehrt sich der Heimvorteil einer Mannschaft offenbar nicht selten  in sein Gegenteil. Wenn Spieler vor ihren eigenen Fans zum Elfmeter anstreten müssen, macht sie das spürbar nervöser – Elfmeterschützen, die im eigenen Stadion antreten müssen, haben  eine  merklich geringere Trefferquote.

Besonders deutlich wird dies, wenn man betrachtet, wie viele Strafstöße durch das klare Versagen des Feldspielers verschossen werden – weil dieser am Tor vorbei schießt oder nur Pfosten oder Latte trifft. Auswärts passierte das bei 5,6 Prozent aller Elfmeter, zu Hause dagegen bei 7,5 Prozent.

Dohmen erklärt das so:

„Die Spieler wollen ihre Anhänger auf keinen Fall enttäuschen.  Im Extremfall können hohe Erwartungen der Fans eine Mannschaft lähmen.“

“Schweini” kann diese Theorie vermutlich bestätigen.

(Mehr zu Dohmens Studie und ähnlichen Arbeiten kann man in meinem Artikel “Der Strafraum als Labor” nachlesen, den ich 2006 vor der WM geschrieben habe.)

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Alle Kommentare [6]

  1. Wer die Bayern und die Münchner Medien lange vor dem Spiel verfolgt hat und und sich ein bischen mit Wettkampfpsychologie beschäftigt, dem fiel eines immer wieder deutlich auf: das Ziel der Bayern und offenbar auch der Medienmeute und letzlich auch der Fussball-Fans war, das Finale im eigenen Stadion zu erreichen. Das ist perfekt gelungen. Kein Mensch, und das machte mich schon früh stutzig, sprach vom Gewinn des Finales daheim. Selbst als der Sieg gegen Real feststand stellte sich keiner der Bayern-Verantwortlichen oder Bayern-Spieler hin und setzte das Ziel “Gewinn der Champions League” Niemand. Auch die Medien verlangten das nirgends explizit. Ist es denn auf diesem, auf dem allerhöchsten Wettkampfniveau , dann ein Wunder, dass man Zweiter wird?!! Ich habe die englische Presse nicht verfolgt, aber das dürfte bei Chelsea anders gewesen sein. Definitiv. Die wollten endlich mal einen Sieg, bevor ihre Seniorentruppe auseinanderfällt. Ums Verrecken. Das hat ihnen auch der Abramowitsch mit Sicherheit eingebleut.

  2. Hinterher kann alles erklärt werden ;) . Denke einzelne Spiele sind schwer vorhersehbar. Sport allgemein ist schwer einzschätzen mit solchen Überlegungen ala Marktwert.

    Als alter NBA Fan habe ich schon oft gesehen wie Manschaften mit mehreren Start untergingen. Warum? Es gibt auch andere Faktoren. Oft schaden Spieler, mit hohem Marktwert, sich gegenseitig. Keine will abgeben, jeder hat ein riesen Ego. In der Nba waren oft Manschaften mit den höchsten Gagen ( Knicks, Portland) die schlechtesten der Liga…

  3. Eigentlich verstand ich Fußball immer nur als reinen ZEITvertreib von Mannschaften, die gegen einander “spielen”. Gewiß, viele Dinge ändern sich im Zuge der Lächerlichkeiten im Leben. Warum sollte da eine wissenschaftliche Untersuchung mehr hergeben, als die legendären Worte von Sepp Herberger. Das Runde muß immer noch ins Eckige.

    Wenn so mancher Spieler fürs Auflaufen, besser gesagt fürs Warmlaufen schon die Prämie als “Spieler” kassiert, weisman nur, wer das alles bezahlt. Prost ihr Lloyds.

  4. Sehr schwach. Total beliebig. Mit dieser Studie kann ich jede Art von Elfmeterschießen erklären. Wo ist da die Ökonomie?

    Die schwache Leistung der Bayern beim Elfmeterschießen ist einfach psychologisch zu erklären. Sie haben es nach so einem Spielverlauf einfach nicht mehr auf die Kette gekriegt, denn Ball vom Punkt aus zu verwandeln. Zu diesem Zeitpunkt lag der psychologische Vorteil einfach klar bei Chelsea.

  5. Sorry, das überzeugt mich nicht (siehe auch meinen Blog-Beitrag für eine ausführlichere Begründung): Die Erklärungen sind beliebig (heute für Chelseas Sieg, Freitag fürs genaue Gegenteil), diese hier ist auch nicht ökonomisch (Nervosität, Lähmung) und sehr partiell nur hinsichtlich des Elfmeterschießens, welches wohl am besten der Zufall “erklärt”, während die teureren Bayern-Spieler laut der These vom Freitag doch schon vorher hätten gewinnen sollen.

    • @ Wirtschaftsphilosoph: Meine Güte, sind Sie wirklich so humorlos?
      Haben Sie nicht bemerkt, dass beide Beiträge augenzwinkernd gemeint sind? Die zentralen Gegenargumente gegen die Prognose auf Grundlage der Transferwerte – vor allem die hohe Relevanz des Zufalls – führe ich in meinem ersten Beitrag ja außerdem selbst an (etwas ausführlicher in der englischen Version). Nicht immer alles so verkniffen sehen!