War da was? Deutsche Ökonomen und der Elsevier-Boykott

Im Februar habe ich im Handelsblatt ausführlich über die akademische Protestbewegung gegen die Preis- und Abo-Politik des Elsevier-Verlags berichtet.

Ausgehend von einigen Mathematikern haben bislang mehr als 11.000  Forscher aus aller Welt (im Februar waren es 6000) erklärt, dass sie ihre Arbeiten nicht mehr in Fachzeitschriften von Elsevier veröffentlichen wollen.

Zu  Erfolgsaussichten des Protests schrieb ich damals:

“Dass der Boykottaufruf Elsevier und andere Verlage zum Umdenken bringt, bezweifeln Experten. „6000 protestierende Wissenschaftler klingt nach einer schönen Zahl, aber gemessen daran, wie viele Forscher jedes Jahr Aufsätze veröffentlichen, ist das wenig“, sagt ZBW-Experte Siegert.

Auch Haucap hat Zweifel: „Ich bin skeptisch, ob ohne koordiniertes Verhalten ein Boykott Erfolg hat.“

Eine interessante Umfrage der Kieler Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZWB) bestätigt diese Einschätzung jetzt. Die ZBW befragte  813 Ökonomen – und der Großteil von ihnen gab sich gleichgültig.

Gerade einmal acht Prozent hatten den Boykottaufruf gegen Elsevier unterschrieben. Weitere 46 Prozent hatten nicht von der Aktion gehört, schließt aber eine Teilnahme nicht aus.   39 Prozent hatten sich bewusst dagegen entschieden, acht Prozent hatten noch nicht davon gehört und interessieren sich auch nicht weiter für das Thema.

Es ist vor allem die Angst vor negativen Folgen für den eigenen beruflichen Werdegang, die für diese Lethargie verantwortlich ist. Aus der ZBW-Pressemitteilung:  

“Als Gründe für die Zurückhaltung gaben vor allem junge Wissenschaftler/innen an, dass sie negative Auswirkungen auf ihren weiteren Karriereverlauf befürchten. Einer der Befragten sagte beispielsweise: „Die Möglichkeit des Boykotts ist Professoren mit Lebenszeitstellen gegeben; als junger Wissenschaftler wäre es jedoch geradezu fahrlässig gegenüber der eigenen Zukunft, auf Publikationen in den teils sehr renommierten Zeitschriften von Elsevier zu verzichten.“

Die Umfrage zeigt auch, dass das Thema “Open Access” – also nicht-kommzerzielle, für jedermann im Internet kostenlos zugängliche Fachzeitschriften – in der deutschen Wirtschaftswissenschaft noch ein absolutes Nischendasein fristet:

73 Prozent unterstützen “grundsätzlich die Open-Access-Idee”, publizieren aber  mangels Alternativen vorwiegend in klassischen Subskriptionszeitschriften, weil diese oftmals über eine höhere Reputation und das bessere Ranking verfügen.” Und weiter:

“Nur 6 Prozent der Befragten veröffentlichen bereits in Open-Access-Journals. 6 Prozent der Wissenschaftler/innen dagegen halten dieOpen-Access-Idee nicht für tragfähig und veröffentlichen auch in Zukunft weiterhin in klassischen Subskriptions-Journals. Immerhin knapp 16 Prozent sympathisieren mit der Open-Access-Bewegung und sind an alternativen Publikationsmodellen interessiert.”

Das schöne ist ja, dass die Volkswirtschaftslehre auch gleich die Analyse-Instrumente für solch eine Situation mit sich bringt: das ganze ist eine klassische Lock-In-Situation….

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Alle Kommentare [2]

  1. Da kann ich mich meinem Vorredner nur anschließen. Es ist in der Tat ein Problem, als junger Wissenschaftler im Bereich der Wirtschaftswissenschaften rein auf Open Access zu gehen, wo, im Gegensatz zur Medizin oder den Naturwissenschaften allgemein, Peer-Review-Verfahren und hochgerankte Zeitschriften fehlen.

    Irgendwie muss Open Access auch finanziert werden und aufgrund der Tatsache, dass Discussion/Working Papers quasi Open Access sind, ist ein Großteil der Ergebnisse so oder so öffentlich.

    Trotzdem finde ich die Tendenz gut, Oligopole wie die von Elsevier zu “stören”, denn was hier teilweise mit öffentlichen Geldern gemacht wird, ist eine Sauerei: Die Abonnements werden Jahr für Jahr teurer (da kann unsere Bibliothekarin ein Lied davon singen) und das Peer-Review wird von den Leuten gemacht, die so oder so öffentlich finanziert werden. Das sind nämlich Leute aus der Wissenschaft, von Unis und Forschungseinrichtungen. Verstehe wirklich nicht, WAS so teuer daran ist.

    Es gibt nämlich genügend Zeitschriften von Vereinigungen und Uni-Verlagen, die ebenfalls sehr hochgerankte Zeitschriften anbieten, aber nicht die gleiche, horrende Preispolitik betreiben.

  2. Als junger Wissenschaftler kann man die Elsevier Journals leider nicht links liegen lassen, zumal auch viele top-field journals darunter sind.
    Natürlich ist das Ziel Top-5 oder 2-tier general interest journals, aber realistischerweise muss man sich die Option Elsevier offen lassen. Ich kann meine geringen Erfolgschancen nicht auch noch durch die Nichtberücksichtigung von Alternativen weiter minimieren. Das hat mit Lethargie sehr sehr wenig zu tun.

    Open-Access finde ich zumindest in der VWL absolut unnötig. Einerseits sind reine open-access journals nicht gerade high-quality bzw. fehlt die reputation. Andererseits sind alle Publikationen als Working paper verfügbar und das meist auf dem aktuellsten, also publizierten, Stand. Daher macht es auch keinen Sinn die “teure” open-access Option, die inzwischen von den meisten Journals angeboten wird, zu nutzen.