Über “zauberhafte Täubchen” in Griechenland und die Alt-Herren-Häme der FAZ

Die Printausgabe der FAZ bekomme ich seit meinem Umzug nach London nur noch selten zu Gesicht. Heute war so ein Tag.

Dank der Lufthansa, die schon in der 7.10-Uhr-Maschine ab Heathrow die aktuelle Ausgabe verteilt.

An sich bin ich großer Fan des Fotos und der Bildzeile auf Seite eins. Heute morgen ist mir aber, wie man in meiner alten Heimat, dem Ruhrgebiet, so schön sagt, der Kitt aus der Brille gefallen.

Ich bin mir nicht sicher, was mich mehr ärgert: Die überhebliche Häme gegenüber den Griechen, oder das altherrenhafte Wortspiel mit den “zauberhaften Täubchen”.

(Oder bin ich der einzige, der dabei an die “herrlich lachende Griechin” denken muss?).

Keine Frage, die wirtschaftspolitische Bilanz der griechischen Regierungen fällt nicht gerade rosig raus. Aber  den Kollegen, die bestimmt auch noch stolz sind auf ihre vermeintlich amüsanten und geistreichen Zeilen auf der ersten Seite von einer der wichtigsten überregionalen Zeitungen Deutschlands, sei mal ein Blick in den aktuellen Fiscal Monitor des IWF empfohlen.

Da würdet ihr auf Seite 63 in Tabelle 3 erfahren, dass Griechenland seit dem Jahr 2010 seine Staatsausgaben um mehr als 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückgefahren hat. So konsequent hat kaum ein anderes Industrieland in so kurzer Zeit seinen Staatshaushalt zusammengeschrumpft. Wenn das in Deutschland  passieren würde, möchte ich nicht wissen, was im Land loswäre, und ob nicht auch Deutschland “heillos zerstritten” wäre.

Vollkommen unabhängig davon, wie man zu Griechenland und der Wirtschaftspolitik dort steht – das FAZ-Seite-1-Foto von heute finde ich einfach nur zutiefst respekt- und geschmacklos.

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Alle Kommentare [14]

  1. Hier geht es ja wohl in erster Linie um die Frage, ob der griechische Staat die Ausgaben gesenkt hat und – wen ja – in welchem Umfang. Das lässt sich ohne zusätzliche Informationen weder an Staats- oder Defizitquoten ablesen. Maßgeblich sind die absoluten Staatsausgaben. Die kann man bei Eurostat abfragen (bis 2010) bzw. (für 2011) über die Formel Staatsausgaben = Staatsquote*BIP selber berechnen. Hier die Ergebnisse (vorläufige Werte in Mrd. Euro):

    2007: 106,1
    2008: 117,9
    2009: 124,6
    2010: 114,2
    2011: 107,8

    Quellen: http://appsso.eurostat.ec.europa.eu/nui/setupModifyTableLayout.do, http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tec00023&plugin=1, http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/refreshTableAction.do?tab=table&plugin=1&pcode=tec00001&language=de

    Die Zahlen zeigen einen deutlichen Anstieg der Staatsausgaben bis 2009. Ab 2010 wurde jedoch kräftig gekürzt. Im Jahr 2011 lagen die Gesamtausaben des griechischen Staates um 13,5 % unter denen des Jahres 2009 und nur noch geringfügig über dem Wert von 2007.

    Das ist an sich schon eine enorme Sparleistung. Hinzu kommt, dass eigentlichen öffentlichen Aufgaben noch stärker zurückgefahren mussten, weil die Zinsausgaben Griechenlands aufgrund höherer Schulden und Zinsen von 2007 und 2011 um etwa 3 Mrd. Euro gestiegen sind. Folglich sanken die Primärausgaben (Staatsausgaben ohne Zinsen) von 2009 bis 2011 sogar um 17 % (von 2007 bis 2011 um ca. 1 %).

    LG veblen

  2. Im Artikel steht:
    ” dass Griechenland seit dem Jahr 2010 seine Staatsausgaben um mehr als 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückgefahren hat”

    In der Antwort schreibt Storbeck:
    “listet das um Konjunkturschwankungen bereinigte Haushaltssaldo auf, also das strukturelle Haushaltsdefizit. Das lag in Griechenland 2009 bei 17% des BIP und ist bis 2012 auf 4,6 % des BIP geschrumpft, also um 12,4 Prozentpunkte”

    Im Artikel schreibt er von Staatsausgaben, mein aber das “strukturelle” haushaltsdefizit.
    Im Artikel schreibt er von “Prozent” meint aber “Prozentpunkte”

    Ist das Journalismus ? man will die Leute für dumm verkaufen oder gibt der Autor zu, einfach schlampig gearbeitet zu haben ?

    • @RD1: Sie haben Recht, die Formulierung in meinem Blogpost, Griechenland habe seine Staatsausgaben um mehr als 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückgefahren, war unsauber. Richtig ist, dass Griechenland sein Haushaltsdefizit in diesem Ausmaß reduziert hat. Das kann über reduzierte Staatsausgaben und/oder über höhere Steuereinnahmen erfolgt sein (theoretisch auch über höheres Wirtschaftswachstum, aber das griechische BIP ist ja geschrumpft in dem Zeitraum), aber darüber gibt die von mir angeführte Statistik keine Aussage. Präzise hätte ich schreiben müssen, dass Griechenland seinen Staatshaushalt – oder sein strukturelles Haushaltsdefizit – um 12 Prozent des BIP reduziert hat. Sorry, habe den Blogpost abends in ziemlicher Hast runtergeschrieben.

      Ihren zweiten Kritikpunkt zu den Prozentpunkten und Prozent ziehe ich mir allerdings nicht an. Die Angaben in der Statistik sind ja in % des BIP. Wenn das Haushaltsdefizit 2009 bei 17 % des BIP lag und 2012 bei 4,6 % des BIP, dann wurde der Staatshaushalt um 12,4 % DES BRUTTOINLANDSPRODUKTS (so wie ich es im Artikel geschrieben habe) saniert. Zugleich ist die Defizitquite um 12 Prozentpunkte – oder, bezogen auf das Niveau von 2009 um 72,9 Prozent – reduziert.

  3. @ Herbert “Strukturelle Defizite” kann man nicht messen, sondern nur konstruieren.
    Ja, dieser offensichtliche Unsinn (im wahrsten Sinne des Wortes) von einem „strukturellen Defizit“ kann nur Gedankenkonstrukt sein. Mag sein, dass es allgemein verstanden wird, aber nicht deshalb kann es auch erklärt werden .
    Zum Beispiel: Hat welches Defizit eine eigene (welche) Struktur und /oder ist es ein Defizit, das in einer (welcher) Struktur (wo und wann) festzustellen ist und zwar als Ausdruck welcher Unterschiede von welchen Elementen mit welchen ihren Zusammenhängen dieser Struktur?
    “Strukturelle Defizite”, “automatische Schwankungen”, “falscher Eigenkapitalausweis” usw. – mit “Ökonomie neu denken” hat das nichts zu tun.

    • @Blickensdörfer: Nun mal halblang. Sie geben sich hier alle Mühe, die Begriffe bewusst missverstehen. Gemeint ist mit dem Begriff “strukturelles Defizit” ein Defizit, das aus strukturellen Gründen (im Gegensatz zu konjunkturellen Gründen) da ist. Stellen Sie sich eine Volkswirtschaft vor, die sich einen übermäßig aufgeblähtem Beamtenapparat, ein zu großes Militär und einen zu generösen Sozialstaat leistet, und deren Steuereinnahmen in wirtschaftlich normalen Zeiten nicht aussreichen um all das zu bezahlen. Diese Volkswirtschaft hat ein struktruelles Haushaltsdefizit. Nehmen wir weiter an, dass es in diesem Land wegen des Aufkommens einer neuen Technologie namens Internet mehrere Jahre eine gewaltige Spekulationsblase auf dem Aktienmarkt gibt und viele Leute mit Aktiengeschäften viel Geld verdienen. Dadurch sprudeln die Steuereinnahmen aus der Kapitalertragsteuer vorübergehend prächtig, das gleicht das Haushaltsdefizit aus. Das ist dann aber nur konjunkturell bedingt und ändert nichts am struktruellen Defizit.
      Umgekehrt ist es, wenn ein Land mit per se ausgeglichenen Haushalten in einen Abschwung kommt, zum Beispiel weil der Welthandel lahmt. Weil dann die Steuereinnahmen sinken und die Staatsausgaben steigen (mehr Ausgaben für Arbeitslosengeld usw.), hat dieses Land konjunkturelle Haushaltsdefizite.
      Die Unterscheidung zwischen konjunkturellen und strukturellen Defiziten ist sehr wichtig, weil die wirtschaftspolitischen Schlussfolgerungen ganz ander sind.

      Richtig ist der Einwand von Herbert, dass man die Höhe der strukturellen und der konjunkturellen Defizite nicht direkt messen kann. Es handelt sich um eine unbeobachtbare Größe, die man nur mit statistischen Methoden schätzen kann.

  4. @Olaf Storbeck:

    1. Ihr obiger Artikel bezieht sich auf die STAATSquote, Ihre Tabelle aber auf die DEFIZITquote. Beide haben wenig miteinander zu tun.

    2. Ich orientiere mich an Fakten statt an modelltheoretischen Konstruktionen, wie sie der IMF zusammenbiegt. Lesen Sie einmal den IMF-Bericht über Griechenland aus 2010 – wie dort alles wunderbar ins Lot kommen wird! “Strukturelle Defizite” kann man nicht messen, sondern nur konstruieren.

    • @ Herbert und andere, die nach den Zahlen im IWF Fiscal Monitor gefragt haben. Die Tabelle, auf die ich verwiesen habe (“General Government Cyclically Adjusted Overall Balance”) listet das um Konjunkturschwankungen bereinigte Haushaltssaldo auf, also das strukturelle Haushaltsdefizit. Das lag in Griechenland 2009 bei 17% des BIP und ist bis 2012 auf 4,6 % des BIP geschrumpft, also um 12,4 Prozentpunkte.
      Die um Konjunkturschwankungen nicht bereinigte Staatsquote, die Herbert anführt, sagt nicht viel aus, weil sie durch die Konjunktureffekte massiv verzerrt wird. Das griechische BIP ist seit Ausbruch der Krise um 20% gesunken – selbst für eine konstante Staatsquote hätte das Land also massiv seine Staatsausgaben kürzen müssen. Durch die schwere Rezession sinken aber parallel automatisch die Steuereinnahmen, während die Staatsausgaben durch höhere Sozialausgaben steigen. Selbst sehr konservative Ökonomen sind der Meinung, dass es keinen Sinn macht, dieses “automatischen” Schwankungen hinterherzusparen, weil der Staat ansonsten den Abschwung nur noch weiter verschärfen würde. Daher ist es gängiger Standard unter Ökonomen, sich auf die strukturellen, um Konjunktur-Effekte bereinigten Haushalsdefizite zu konzentrieren.

  5. Stimme dem Autor voll und ganz zu!

    “… darf ein Land, das solche zauberhaften Täubchen sein eigen nennt, sterben?”

    Das ist einfach geschmacklos. Und sexistisch. Ich lebe seit 12 Jahren im Ausland und bin immer wieder schockiert wie wenig sensible die Deutschen sexueller Diskriminierung gegenüber sind. Da sind die UK, USA, Australien, und Kanada deutlich weiter. (Besonders deutlich wird das, wenn man mal die Leserkommentare zu Artikeln über Geschlechterquoten list. Einfach Abscheulich. Und dass man eine Herdpremie in Deutschland überhaupt ersthaft diskutiert ist mir einfach schleierhaft).

  6. “Da würdet ihr auf Seite 63 in Tabelle 3 erfahren, dass Griechenland seit dem Jahr 2010 seine Staatsausgaben um mehr als 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zurückgefahren hat.”

    Also wenn ich mir diese Tabelle noch mal in Ruhe anschaue, dann kann ich dort bei Griechenland keine Reduzierung der Staatsausgaben um 12 % des GDP erkennen. Das müssen Sie mir schon erklären, wie Sie darauf kommen. Dort ist von “balance” die Rede, also Einnahmen minus Ausgaben also Veränderung des Überschusses bezüglich des GDP.
    Wie Sie aus den Zahlen dieser Tabelle (2010: -10,1; 2011: -6,8;2012: -4,6) auf eine Reduzierung der Staatsausgaben um 12% seit 2010 kommen müssen Sie schon erklären.

    Wie Hans Fritsch schon gesagt hat, man macht sich schnell
    lächerlich.

    Bin mal gespannt, ob schon wieder zensiert wird.

  7. Sehr geehrter Herr Storbeck,
    die Überschrift der von Ihnen zitierten Tabelle lautet:

    General Government Cyclically Adjusted Overall Balance (Percent of potential GDP)
    Ich bin jetzt kein Statistiker, aber vielleicht wollen Sie Ihren lesern erklären was diese Begriffe bedeuten. z.B. potential GDP und was wurde “adjusted” ?

    Und bitte diesesmal nicht wieder zensieren.

  8. Die gleiche überhebliche Häme konnte man gestern den RTL Nachrichten entnehmen, als über die Entfachung des olympischen Feuers berichtet wurde. Ich finde die Berichterstattung zu Griechenland sehr ungerecht. Deutschland macht sich im europäischen Ausland immer unbeliebter.

  9. Gibt es irgendeinen Grund für die Annahme, diese Bildunterschrift wäre von einem Mann oder gar einem alten Herren? Wenn nein, so ist ihre Annahme, dass dem so sei (weil alte Männer eben sexistisch sind und deshalb solche Häme produzieren), nichts weiter als Sexismus ihrerseits. Und haben sie sich eigentlich auch in dieser Weise aufgeregt, als griechische Zeitungen Merkel mit Hakenkreuzarmbinde gezeigt haben?

  10. Werter Herr Storbeck,
    bitte erst denken und dann schreiben: Andernfalls macht man sich schnell lächerlich. Man hat nicht etwa Staatsausgaben in herkömmlichem/volkswirtschaftlichen Sinne zurückgefahren, sondern korrumptive Transferzahlungen eingeschränkt, da man den status quo des verfilzten griechischen Beamtenversorgungsstaates wegen internationalen Drucks nicht aufrecht erhalten konnte.