Die Bilanz der Vermögensübertragungen

Eine Antwort auf Hans Werner Sinns Kommentar zu meinem Beitrag „Die Dürre Bertha“.

Lieber Herr Sinn,

Ich möchte die Wahl, vor der wir stehen, noch einmal mit Blick auf alle drei Hauptkomponenten der Zahlungsbilanz (Leistungsbilanz, Bilanz der Vermögensübertragungen, Kapitalverkehrsbilanz) beschreiben.

Neben der Leistungsbilanz und der Kapitalverkehrsbilanz gibt es die Bilanz der Vermögensübertragungen. Erst die Salden dieser drei Bilanzen und der Betrag, der den statistisch nicht aufgliederbaren Transaktionen zugewiesen wird, addieren sich zu Null. In normalen Zeiten spielt die Bilanz der Vermögensübertragungen praktisch keine Rolle. Im vorliegenden Fall sehe ich das anders.

Wenn sich das private Kapital aus den GIIPS Ländern zurückzieht, und wenn die EZB nicht einspringt, dann passen sich die Handels- und Dienstleistungsströme nicht zwingend genau so an, dass die Kapitalströme ausgeglichen werden. Stattdessen kann es zu einem teilweisen Schuldenerlass kommen. Der wird dann nicht in der Leistungsbilanz, sondern in der Bilanz der Vermögensübertragungen erfasst.

Stellen wir uns einmal vor, die EZB hätte im Herbst 2011 nicht eingegriffen. Europa kam beim EFSF nicht voran. Was wäre dann angesichts der Kapitalflucht aus den GIIPS Ländern mit den Leistungsbilanzen in Europa passiert? Vermutlich wären die GIIPS-Importe von Waren und Dienstleistungen zurückgegangen. Aber auch die Exporte nach Deutschland hätten zurückgehen können, wenn dort die Nachfrage eingebrochen wäre.

Einer Verringerung der privaten Forderungen an die GIIPS Länder kann auch ein Forderungsverzicht gegenüberstehen, der dann in der Bilanz der Vermögensübertragungen ausgewiesen wird. Das Risiko des Forderungsverzichts gehen wir ein, wenn wir den Kreditfluss über die EZB nun massiv erschweren. Herr Krämer hat Recht, dass die EZB Politik mit Risiken verbunden ist. Es ist aber nur ein Teil der Story. Worauf ich hinweisen will, sind unsere Risiken, wenn die EZB nichts tut.

Ich verstehe Sie so, dass es das Ziel der Politik der EZB sei, Arbeitsplätze aus Deutschland in die GIIPS Länder zu verlagern. Ich halte eine solche Arbeitsplatzverlagerung nicht für das wahrscheinliche Ergebnis der EZB Maßnahmen. Ich gehe vielmehr davon aus, dass die Kreditvergabe der EZB trotz all ihrer Nebenwirkungen Arbeitsplätze in ganz Europa bewahrt hat und weiter bewahren wird.

Diese Währungsunion hat ein gemeinsames Problem: die beachtliche Verschuldung Italiens bei gleichzeitig hoher durchschnittlicher Verschuldung der gesamten Eurozone. Als Italien aufgenommen wurde war Helmut Kohl noch Bundeskanzler, als die Standards verwässert wurden Gerhard Schröder.

Das Problem lässt sich durch nachträgliches Vertrauen auf Marktzinsen nicht mehr ohne erhebliche Risiken lösen, weil die italienische Lage zu kippelig ist. Risiken gibt es dann auch für die Preisstabilität.

Die besten Grüsse, Ihr Hans Peter Grüner

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Alle Kommentare [14]

  1. Verehrter Herr Grüner,

    wollen Sie wenigstens erläutern, warum Sie sich anmaßen, meinen Beitrag zu “Blickensdörfer” vom 26.04 2012 fort zu zensieren?
    Sollte es Ihnen zu peinlich sein, darauf zu antworten, sagen Sie es einfach.

    Gruß
    k.h.a.

  2. Die Bundesstaatler stehen jetzt mal in der Pflicht eine recht genaue Vision von einem *funktionalen* (funktionalen!) Bundesstaat zu liefern. Ich kann nicht erkennen, wie dieser auf Dauer funktional sein kann ohne europäische ABC, CBS, CNN, NBC-Analogons. Diese Medienplattformen sind eine Notwendigkeit zum Funktionieren eines kontinentalen Politikbetriebes.

    Damit wird aber die Axt an die Vielfalt der europäischen Kultur gelegt; es darf keine Vereinigten Staaten von Europa geben. Ganz zu schweigen davon, dass das, was wir heute Nationalismus nennen, in 200 Jahren dann Kontinentalismus oder Europäismus heissen wird und das Gleiche (nur in größerem Maßstab) sein wird.

    Alex

  3. Der Streit der beiden Denkschulen , eigentlich dreier Denkschulen, nämlich Staatenbund, Staatenverbund und Bundesstaat ist noch nicht wirklich ausgetragen, geschweige denn entschieden. Die Anhänger eines Staatenbundes souveräner Einzelstaaten, die ihre Interessen jeweils definieren und ausbalancieren können, wie zu EWG und EG_Zeiten, gut auch mit nationalen Währungen leben.Die Möglichkeit der Abwertungen von Währungen aus Wettbewerbsgründen ist gegeben und hat zu Zeiten der EWG auch ohne sehr große Probleme funktioniert.
    Der Staatenverbund mit gemeinsamer Währung, allerdings längst nicht aller EU-MItglieder, funktioniert wie wir erkennen mussten, nur sehr bedingt, wenn möglicherweise sogar überhaupt nicht, da der Währungsraum ein suboptimaler ist, aufgrund der sehr verschiedenartigen Stärke der Subjekte der Währungsunion.
    Wohin zielt, nicht mittel- aber längerfristig die EU? So wie es aussieht, immer noch in Richtung “Vereinigte Staaten von Europa,” also zu einem bundesstaatlichen Gebilde. Das kann aber nur im Konsenz aller Völker und souveräner oder teilsouveräner Staaten der EU passieren. Damit ist nicht zu rechnen. Schon die Nicht-Euro Länder haben keinerlei Interesse mehr, vielleicht mit Ausnahme Rumäniens, der kranken Euro-Zone beizuteten.
    Die Abwicklung des Euro wieder zurück zu den nationalen Währungen oder zumindest zu einem Nordeuro, der dann einem Südeuro gegenüberstände ist wegen der Target2 Problematik mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten und Risiken verbunden.
    Das Beibehalten des Euros bedeutet mindestens genau so große Risiken, wenn nicht bedeutend größere, ist aber die wahrscheinlichere Variante.
    Behalten wir den Euro, wird er inflationieren, das ist es ,was man mit einiger Gewissheit am deutlichsten erkennen kann.
    Es ist die berühmte Falle,von der Sinn sprach und in der wir stecken.

  4. @ Alex

    “Staatenbund” – Staatenverbund: Der Unterschied “inhaltsleer” oder von welchem Verständnis von “Staat” abhängig ?
    Der Begriff „Staatenverbund“ ist für ein Mehrebenensystem, in welchem die Staaten enger zusammenarbeiten als in einem Staatenbund, jedoch im Gegensatz zu einem Bundesstaat die staatliche Souveränität behalten. Der Begriff wird in Deutschland zur Beschreibung der Europäischen Union gebraucht und hat keine Entsprechung in anderen Sprachen
    In der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Vertrag von Lissabon vom Juni 2009 (Lissabon-Urteil) wurde der Begriff des Staatenverbundes dann auch von höchstrichterlicher Seite definiert. Danach erfasst der Begriff eine enge, auf Dauer angelegte Verbindung souverän bleibender Staaten, die auf vertraglicher Grundlage öffentliche Gewalt ausübt, deren Grundordnung jedoch allein der Verfügung der Mitgliedstaaten unterliegt und in der die Völker – das heißt die staatsangehörigen Bürger – der Mitgliedstaaten die Subjekte demokratischer Legitimation bleiben.

  5. @Blickensdörfer

    Wiederum ist Ihr Beitrag argumentfrei und mehr oder minder inhaltsleer.

    Ja, es hat in den letzten Jahrhunderten Verlust von Vielfalt gegeben. Es wäre aber Irrsinn darauf aufbauend zu extrapolieren oder gar zu fordern, dass dies so weiter gehen möge.

    1. Es ist keine echte Notwendigkeit zu erkennen, warum Europa über einen Staatenbund hinausgehen muss. Man kann einen funktionalen Staatenbund implementieren, der Zwang zu einem Bundesstaat ist nicht zu erkennen und entspricht lediglich einem Scheinfortschrittsgedanken.

    2. Zur Herstellung dieses nicht benötigten Bundesstaates ist kultureller Verlust nötig, wie bereits festgehalten.

    Damit sind die Vereinigten Staaten von Europa unter dem dem Strich ein Nettoverlustgeschäft.

    Sagen Sie den Deutschen, dass sie ihre Sprache werden opfern müssen (nach ihrer Währung) für das europäische Projekt. Oder sagen sie es den französischen Wählern. Aber das wird nicht gesagt, weil die Strategie der Bundesstaatler im Kern hinterhältig ist und die Haltung der Menschen im Heute zu leben schamlos ausnutzt.

    Alex

  6. @ Blickensdörfer

    Die verschiedenen Gesellschaftsebenen, von der Kommune bis zur Eurozone sind keine Artefakte, sondern Grundlage menschlicher Entwicklung. Innerhalb und zwischen den Ebenen müssen, für eine gedeihliche Entwicklung, die Stocks and Flows unter Kontrolle gehalten werden. Jede Nation hat dieses genaustes, von der Familie, den Kommunen, Ländern und dem Bund geregelt und justiert dieses permanent neu. Zwischen den Eurozonenmitgliedern sollen aber die Stocks and Flows nur Artefakte sein? Deswegen werden diesen auch vom Eurosystem keiner Beachtung gewürdigt, siehe Eurosystembilanz und –monatsberichte, die wahrscheinlich in voller Absicht, als toller Ausdruck des Europagedankens, nicht auf nationale Ebene heruntergebrochen werden, sondern deren Interdependenzen verschleiert werden. Nur über die Nationalen Zentralbanken bekommt man diese wieder aufgedröselt, dabei ist es, will es sich nicht selber gefährden, primäre Aufgabe des Eurosystems die Stocks and Flows zwischen den Mitgliedern, auch via differenzierter Geldpolitik, unter Kontrolle zu halten. Wirkt es nicht in diese Richtung, zerstört es sich zwangsläufig selber. Keiner kann dem Eurosystem diese Regulierungsaufgabe abnehmen, dieses ist der Preis für die Abschaffung der flexiblen Wechselkurse, die ansonsten eine bestimmte Wirkung auf die Stocks and Flows entfalten.

  7. @ Alex
    Ja, Alex, Ihre Schlussfolgerung ergibt sich mit dem herrschenden Verständnis von “Staat”, “Kleinstaat”. Setzten Sie sich damit auseinander, dann kämen Sie mindest zu dem Schluss, es müsse nicht jeder sich diesem herrschenden Verständnis unterordnen, er müsse nicht in dessen Kommentar
    dieses herrschende Verständnis zum Ausdruck gebracht haben.
    Im übrigen haben die letzten dreihundert Jahre nicht nur “Kleinstaatereien” aufgelöst, ob die Notwendigkeit dafür erkannt wurde oder nicht, sondern “zwangsläufig” erfolgte auch eine “Nivellierung von kultureller Vielfalt” auch in Ländern mit einer gemeinsamen Sprache.

  8. @Blickensdörfer

    ‘Des Pudels Kern ist deshalb nicht die Frage, welche Opfer, sondern sich der Erkenntnis zu erinnern, dass der “Fortschritt” die Überwindung der “Kleinstaaterei” bedingt. Dazu muss ein hinreichendes herrschendes Verständnis hergestellt werden, um für die Wege und Mittel einen hinreichenden Konsens erreichen zu können’

    Ihr Beitrag ist völlig inakzeptabel:

    1. Sie setzen axiomatisch den Bundesstaat als wünschenswert voraus. Das ist aber nur Ihre Ansicht und bleibt im Weiteren völlig unbegründet.

    2. Sie bedienen sich dabei der Sprache (man möchte sagen “Slogans”) derer die verächtlich über die derzeitige “Kleinstaaterei” herziehen und ihre eigenen Ideen von *scheinfortschritt* als modern verkaufen möchten. Die Propaganda, die dabei verwendet wird, erinnert in der Regel der Verkauskunst von Staubsaugervertretern – und ist ungefähr so glaubwürdig.

    3. Eine Notwendigkeit die Kleinstaaterei zu überwinden ist nicht erkennbar. Im Gegenteil: Erst die Kleinstaaterei sichert Einheit in Vielfalt. In einem Bundesstaat *muss* es zwangsläufig früher oder später zu einer *Vereinheitlichung von Sprache* kommen – spätestens dann, wenn die nächste Krise vor der Tür steht. Der damit verbundene Verlust von kultureller Vielfalt ist aber rundweg indiskutabel.

    Darum ist meine Losung: Nieder mit den Vereinigten Staaten von Europa, es lebe der Staatenbund! Keine Macht den Scheinfortschrittspropheten, die ihren Mangel an Argumenten hinter modern klingenden Phrasen und Slogans verstecken wollen!

    Wir können uns gerne weiter auf der Ebene von Slogans streiten, ich würde aber gerne lieber auf eine inhaltliche Ebene zurückkommen. Da ist bei Ihrem Beitrag aber nichts. Gar nichts. Wenn ich Ihren Beitrag noch einmal so überfliege erscheint er mir immer noch inhaltsleer, das Einzige, was zu erkennen ist, ist die Formulierung des Ziels der Durchsetzung Ihrer eigenen Positionen zu Europa.

    Alex

  9. @ alex:
    “Des Pudels Kern ist doch wohl die Frage, welche Opfer man bereit ist zu zahlen für das Projekt europäische Integration.” Es sind nicht nur und werden nicht nur sein die zu zahlenden Opfer.
    Des Pudels Kern ist deshalb nicht die Frage, welche Opfer, sondern sich der Erkenntnis zu erinnern, dass der “Fortschritt” die Überwindung der “Kleinstaaterei” bedingt. Dazu muss ein hinreichendes herrschendes Verständnis hergestellt werden, um für die Wege und Mittel einen hinreichenden Konsens erreichen zu können
    “Den gibt es nicht zwischen den Debattanten und daran krankt die Diskussion (u.a.).”

  10. @ alex:

    Recht gut zusammengefasst – meine Rede seit Langem.

    Abgesehen vom Wollen – bleibt die Frage wer es denn wollen muß:
    die Bevölkerungen aller beteiligten 17 sowie der vor der Türe stehenden 10 nämlich.
    Vor den verfassungsrechtlich nötigen Souveränitätsabgabe-Volksbefragungen haben sämtliche Regierenden die Hosen zu Recht gestrischen voll. Sie wissen, daß die Zustimmung ausbleiben wird.

    Auch daher ist nur ein einziger Weg gangbar: die Rückabwicklung des Euro.

  11. “Einer Verringerung der privaten Forderungen an die GIIPS Länder kann auch ein Forderungsverzicht gegenüberstehen, der dann in der Bilanz der Vermögensübertragungen ausgewiesen wird.”

    Dieses greift zu kurz. Die ausgewiesenen Vermögensübertragungen sind unbedeutende Posten. Zur Transparenz müssen neben den Flussgrößen die Bestandsgrößen herangezogen werden. Hier schlagen die Abschreibungen oder Finanzmarktgewinne der Auslandsinvestitionen auf. Entgegen der Kumulation der Strömgrößen, inkl. Vermögensübertragungen und nicht aufgliederbaren Transaktionen weisen z.B UK nur 14% und USA 17% Nettoauslandsschulden aus. Diese beiden Länder sind nur deswegen nicht pleite, weil die privaten Auslandsinvestoren in UK und USA erhebliche Abschreibungen vornehmen mussten, bzw. deren Privatinvestoren erhebliche Wertsteigerungen ihrer Anlagen in Deutschland und co verbuchen konnten. Im Gegensatz hierzu sind die Länder Portugal, Spanien Irland und Griechenland mit über 100% Nettoauslandsschulden und den zu erwartenden Strömgrößen pleite. Diese Pleite wird nur durch die öffentlichen Gelder der solventen Euroländer via Target2 Staatsanleihenaufkäufe und Rettungsschirme hinausgezögert. Somit wird im Gegensatz zu UK und USA, das über die Verhältnisse Leben der Eurokrisenländer, siehe Strömgrößen, anstatt von Privatinvestoren, die sich ja dank der öffentlichen Liquiditätszufuhr vom Acker machen konnten, bei der unvermeidlichen Insolvenz durch die Steuerzahler der solventen Euroländer bezahlt werden müssen. Es gibt keine andere Lösung, die Privatinvestoren werden nie freiwillig vor einer Insolvenz in diese Länder zurückkehren, um dann dort wie in UK und USA die Quittung zu bezahlen.

  12. @ Alex

    >…. ist das alles keine Frage der Ökonomie, sondern dann ist zu klären wie erstrebenswert die Vereinigten Staaten von Europa wirklich wären.
    Zuerst muss man hinreichenden Konsens über Ziele und Strategie herstellen. Den gibt es nicht zwischen den Debattanten und daran krankt die Diskussion (u.a.).>

    Sie haben es auf den Punkt gebracht.

    Immer wieder wird mit – selbstverständlich – unverzichtbarem Sachverstand argumentiert, dass an dieser oder jener Schraube gedreht werden müsse, damit sich dieses oder jenes Ergebnis einstellt oder vermieden wird.

    Auf dieser Argumentationsbasis wird quasi nebenbei die Frage unterlaufen, warum wir was wollen sollten – so als ob sich diese Frage aufgrund eines Gott gegebenen Sachverhalts überhaupt nicht stellte.

    Das wird der grundsätzlichen Bedeutung der Situation und weitreichender, vermutlich auf lange Zeit irreversibler Weichenstellungen nicht gerecht.

    Es ist eine zutiefst unpolitische Argumentationsbasis.

  13. Eine Reihe von Punkten:

    1. Des Pudels Kern ist doch wohl die Frage, welche Opfer man bereit ist zu zahlen für das Projekt europäische Integration. Da ich einen europäischen Bundesstaat mittlerweile für eine Dystopie halte (kein Bundesstaat kann ohne gemeinsame Sprache auf Dauer funktionieren, was dann *zwangsläufig*eine Nivellierung von kultureller Vielfalt zur Folge hat), lautet meine Antwort: gar nichts. Herr Sinn mag (oder mag nicht) das etwas anders sehen als ich und wäre vllt. bereit etwas mehr draufzuzahlen, Herr Grüner und andere sind augenscheinlich eher zu einem hohen Opfer bereit. Wenn dies des Pudels Kern ist, dann ist das alles keine Frage der Ökonomie, sondern dann ist zu klären wie erstrebenswert die Vereinigten Staaten von Europa wirklich wären.

    Zuerst muss man hinreichenden Konsens über Ziele und Strategie herstellen. Den gibt es nicht zwischen den Debattanten und daran krankt die Diskussion (u.a.).

    2. Schuldenerlass: Der ist eigentlich dringend fällig. Die europäischen Finanzinstitute haben sich kräftig verzockt. Die kleinen Sparer, deren Guthaben müssen geschützt bleiben, aber die Anteilseigner – die müssten eigentlich dafür mit ihren Anteilen haften. Es ist völlig inakzeptabel hier Schutz zu gewähren, nur damit es nicht zu weiteren Verwerfungen kommt. Das ist doch schon wieder ein Schrödersches ‘Was kümmert mich das morgen, ich habe heute eine Krise zu lösen’.

    3. Forderungsverzicht, Exporteinbruch, Risken wenn die EZB nichts tut: Das sind wiederum alles nur kurzfristige Risiken. Es geht den Euro-Rettern immer nur um das Fahren auf Sicht, die Bewältigung des heute. Nie wird auf langfristige Risiken hinreichend eingegangen bzw. sie werden verschleiert, weil bei den Euro-Rettern die Ansicht vorherrscht: Wir gehen jetzt halt mal durch einen Sturm, der legt sich irgendwann, wenn wir ihn mit genug Geld zuschütten und irgendwann pendelt sich Normalität wieder ein und dann geht es weiter mit unserem Euro-Gemeinschaftsprojekt.

    Wieviel kostet uns ein Platzen des Euros? Und nach wieviel Jahren hat sich das Ganze durch entfallende offene oder verdeckte Transferleistungen für uns amortisiert?

    4. Ziel der EZB: Ich habe eine Reihe von youtube-Videos von Vorträgen von Herrn Sinn studiert und ich kann Ihre Interpretation nicht teilen, Herr Grüner. Meinem Verständnis nach sagt Herr Sinn nicht, dass dies das Ziel der Politik der EZB sei, sondern das in Kauf genommene Resultat. Das Ziel der EZB ist es wohl eher irgendwie den Zustand der Jahre 2003, 2004, 2005 herzustellen – aber möglichst ohne die tickende Bilanzen-Zeitbombe, die wir jetzt a-posteriori zur Kenntnis nehmen mussten [meine Interpretation der EZB].

    5. “Ich gehe vielmehr davon aus, dass die Kreditvergabe der EZB trotz all ihrer Nebenwirkungen Arbeitsplätze in ganz Europa bewahrt hat und weiter bewahren wird.”
    Kurzfristig. Um welchen langfristigen Preis geschieht dies und warum sind Sie bereit ihn zu zahlen?

    “Das Problem lässt sich durch nachträgliches Vertrauen auf Marktzinsen nicht mehr ohne erhebliche Risiken lösen, weil die italienische Lage zu kippelig ist. Risiken gibt es dann auch für die Preisstabilität.”

    Kurzfristig! Kurzfristig. Das altbekannte Schema. Im Übrigen hätte man Griechenland, Irland und Portugal fallenlassen und den Märkten signalisieren können Italien (und eventuall Spanien) werden um *jeden* Preis gehalten. Man amputiert halt so weit wie man muss um den Körper zu retten. Wollte man aber auch nicht. Wehe, wenn diese Retterei am Ende irgendwann schief geht – dann ist nicht nur Europa diskreditiert, sondern auch die Volksparteien. Die Euro-Retter sind gezwungen den Einsatz zu erhöhen, um Griechenland und all die Krisenländer im Euro zu halten. Aber wenn das kracht, dann geht es um alles – auch um die Legitimation unseres politschen und ökonomischen Establishments insgesamt.

    Der Euro oder die Euro-Mitgliedschaft der Problemländer ist mir diese Art von Pokerspiel nicht wert. Sorry.

    Alex

  14. Herr Grüner übersieht, daß durch die zurückliegenden, aktuellen und notwendig künftigen Verstöße der EZB, der Mitglieder der Währungsunion und auch des IWF gegen Verträge zur Gründung, der Entwicklung und der Rettung des Eurosystems nicht allein global das Vertrauen gegen Null erodiert sondern in Wirklichkeit alle (in Wirklichkeit auch nur angeblichen) Fundamente des Eurosystems zusammengebrochen sind.

    Gesetze, Verträge, Vereinbarungen, alles andere, was damit zusammenhängt, ist desolat. Es ist nichts wert.

    Das kann sich nicht ändern durch derart naive Versuche wie den tatsächlich unverbindlichen Fiskalpakt sowie andere (juristisch-geistige) Verkleisterungen der politischen Art.

    Nicht allein für den Juristen stellt sich die Währungsunion dar als ein von vorneherein untauglicher Versuch, etwas schaffen zu wollen ohne dafür auch nur ein einziges taugliches Instrument in Händen zu halten.

    Ein trauriger und teurer Fehlschlag – vornehmlich für das (noch) halbwegs solvente deutsche Volk.
    Immerhin ließe sich der Unglücksfall Euro zurückabwickeln in die je nationalen 17 Währungen – entgegen all der unbelegten Schwarzmalerei vergleichsweise preiswert.
    Lieber ein Ende mit Schrecken, als der andauernde Schrecken ohne jedes Ende.