Die dürre Bertha

Hans Werner Sinn hat Ende März ein neues ausführliches Target 2 Papier verfasst*, das seine Thesen zusammenfasst und auf einige neue Aspekte eingeht – ein Kommentar.

Mehrere deutsche Ökonomen kritisieren die Target Salden innerhalb des ESZB, die sie als „Target Kredite“ bezeichnen. Beginnen will ich mit Hans Werner Sinns Kernaussage:

“Target Kredite bedeuten wie öffentliche Rettungsschirme, dass das deutsche Sparkapital mit dem Geleitschutz der Staatengemeinschaft, faktisch vor allem mit dem Geleitschutz des deutschen Steuerzahlers, wieder aus Deutschland ins Ausland gelockt wird, damit es dort statt hier Arbeitsplätze schafft.”

Jörg Krämer kommt zu einer ähnlich negativen Einschätzung:

“Sie (die EZB) finanziert mittlerweile die Leistungsbilanzdefizite der hochverschuldeten Peripherieländer und bürdet damit den Kernländern der Währungsunion hohe Risiken auf.”**

Beides ist wenigstens in Teilen richtig, aber es ist nur ein Ausschnitt der Lage, der bei alleiniger Betrachtung falsche politische Schlüsse nahelegt.

Tatsächlich gibt es in Italien und den anderen GIIPS der Eurozone schon lange Zeit Leistungsbilanzdefizite. Diese Leistungsbilanzdefizite sinken aber in letzter Zeit leicht (vergleiche hierzu diesen sehr nützlichen Beitrag von Bornhorst und Mody ebenso wie Sinns eigene Abbildung 9 – bei der man allerdings die Steigung der Kurve der kumulierten Leistungsbilanzdefizite betrachten muss).

Was sich verändert hat, ist das Verhalten der Investoren. Deutsche Investoren sind weniger bereit, in den GIIPS Ländern zu investieren und die Investoren dieser Länder legen ihr Geld u.a. in Deutschland an.

Wir sehen uns also einer Kapitalflucht und einem Ausstieg ausländischer Investoren gegenüber, der dadurch begrenzt wird, dass die Gemeinschaft der Eurozonenländer die Erneuerung von Krediten an die Banken der GIIPS Länder nun über die EZB verbürgt.

Wie das zu bewerten ist können wir erst verstehen, wenn wir uns die Alternative vor Augen führen. Wenn die EZB der Kapitalflucht untätig zugesehen hätte, hätte es zum spontanen Ausverkauf südeuropäischer Anleihen kommen können, weil den Banken gezwungen gewesen wären, die Aktivseite ihrer Bilanzen rasch zu verkürzen.

Eine Kreditklemme oder sogar die Liquidation von Banken in Südeuropa wäre möglich gewesen. Im Zuge einer solchen Krise hätten deutsche Anleger einen großen Teil ihres dort eingesetzten Kapitals und deutsche Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren können.

Wenn wir die Liquiditätsbereitstellung der EZB – deren Folge die Target Salden sind – im Vergleich zu diesem Szenario bewerten, dann liegt eine andere Interpretation nahe, als die meines Kollegen Sinn.

Target Salden entstehen, weil deutsches Kapital durch den Geleitschutz der Staatengemeinschaft vor Verlusten durch einen Ausverkauf von Wertpapieren durch Banken in den GIIPS Ländern geschützt wird.

Die damit verbundenen Risiken sollen vertragsgemäß von allen Staaten der Eurozone als Anteilseigner der EZB getragen werden. Allerdings ist das bei einigen dieser Staaten nicht glaubwürdig weil ein insolventes Land nichts zu einer Kapitalerhöhung der EZB beitragen könnte.

Dieses Vorgehen der EZB bürdet den Steuerzahlern in großen Teilen der Eurozone ein Risiko auf. Wegen des Inflationsrisikos im Fall eines Scheiterns der Reformbemühungen in Italien und Spanien gibt es auch ein Risiko für Anleger in nicht-indizierten Anleihen. Zugleich sinkt der Anpassungsdruck auf die Leistungsbilanzen der GIIPS Länder.

Wir müssen in Alternativen denken, wenn wir Politik bewerten. Die heile Welt ist selten als Alternative verfügbar. Das gilt auch für die Politik der EZB. Die Alternative einer dürren Bertha, d.h. einer spärlichen Liquiditätsversorgung bei den LTROs, hätte für Europa – auch für Deutschland – verheerend enden können.

Die Politik der großzügigen LTROs und die Ausweitung der zugelassenen Sicherheiten haben sicherlich nicht das Ziel, Arbeitsplätze von Nord nach Süd zu verlagern. Sie geben der italienischen und der spanischen Regierung Zeit, den Konsolidierungskurs fortzusetzen ohne eine Rezession auszulösen. Durch die Vermeidung einer tieferen Krise werden Arbeitsplätze in Deutschland zunächst gesichert.

Dabei will ich nicht die möglichen Nebenwirkungen kleinreden, die auf der Hand liegen. Die Anpassung der Faktorpreise in Südeuropa wird möglicherweise erschwert und eine Fehlallokation von Ressourcen wird insbesondere durch die wenig überzeugende Nationalisierung der Besicherungsstandards begünstigt.

Die LTROs und die Nationalisierung der Besicherungspolitik beinhalten für Deutschland wie für andere Länder der Eurozone Risiken, die zu den staatlichen Rettungspaketen hinzukommen. Es wird also ein Risiko – das des Bankrotts italienischer Banken – durch ein anderes – das einer dauerhaften Reformverweigerung in Italien und Spanien – ersetzt.

Nur liebe Kollegen: was genau wäre – abgesehen von höheren Zinsen – die Alternative?

—–

* Hans Werner Sinn „Die Target Kredite der deutschen Bundesbank“, Ifo Schnelldienst.

** FAZ vom 26.3.2012. Ich finde die Bezeichnungen Kern und Peripherie hier übrigens nicht wirklich passend. Deutschland und Holland grenzen an die Nordsee, und Finnland grenzt an die Halbinsel Kola, was diese Länder zu Peripherieländern der Eurozone macht. Andorra, Luxemburg und der Vatikanstaat sind dann die Kernländer der Eurozone.

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Alle Kommentare [15]

  1. Es ist der Verdienst von Hans-Werner Sinn, und mit ihm ist auch Timo Wollmershäuser zu nennen, das Verstehen von Zusammenhängen, die „Rettungsschirme“ bestimmen, einer brei-ten Öffentlichkeit zu ermöglichen. Öffentliches Interesse an diesem Verstehen wurde vor al-lem dadurch befeuert, dass Sinn auf die wachsenden Target-Salden und die daraus entstehen-den Risiken für die Geberländer von „Target-Krediten“ hinweist.
    Dass ab einer bestimmten Größe von Schulden, zwar nicht das formale, aber das tat-sächliche Abhängigkeitsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner umkehrt, ist nichts Neues. Eine solche Umkehrung, solche Risiken, werden also weder durch einen Mechanismus zur Abwicklung von grenzüberschreitenden Zahlungen“ („Target“) verhindert noch durch diesen verursacht. Deshalb beschreibt Sinn nur Scheinbares, wenn er in der Möglichkeit, Target-Kredite aufzunehmen, einen wesentlichen und systemgefährdenden Konstruktionsfehler des Euro-Verbunds sieht. Denn es ist nicht ein Konstruktionsfehler dieses „Mechanismus“. Freilich, um in dessen Detail den Teufel entdecken zu können, bedarf es schon einer Auseinandersetzung damit, wie in einem RTGS-System das Problem des Liquiditätsrisikos in Gestalt knapper bzw. unzureichender Teilnehmerliquidität entsteht und gelöst werden soll. (hierzu zum Beispiel Gerald R. Riedl – 2002 – Business & Economics). Wenn Sinn gegenüber der Meinung der Bundesbank: „Die Salden stellten kein eigenes Kreditrisiko dar, das über die Risiken der Refinanzierungsgeschäfte hinausgehe“ zu bedenken gibt, dass die Target-Salden aber eine Zusatzkreditvergabe messen, „die in exorbitantem Um-fang über die normale Geldversorgung eines Staates hinausgeht“, klärt er nicht auf, worin die Meinungen sich unterscheiden. „Exorbitanter Umfang“ ist kein Maß, sondern ermöglicht al-lenfalls, darüber zu debattieren. Meinungen mit beliebigen Begründungen darüber auszutau-schen, wie wohl die „Würfel fallen“ werden. Vielleicht auch deshalb hat Sinn unterlassen, „normale Geldversorgung“ zu definieren. Mit „Geldbasis“ oder „M0“ ist es nicht getan, selbst wenn deren Menge, als Menge gleicher Geldeinheiten, als abhängige Größe der „Realwirtschaft“ verstanden wird. Denn mit den „vie-len falschen Dingen im analytischen Regelwerk“ für „Analyse und Politik“ (SNA, ESVG95) bleiben auch die damit erfassten und dargestellten Leistungsbilanzen, und was „sicher wert-haltig“ ist, was „echte, marktgängige Vermögensobjekte“ lediglich debattierbar.
    Und auch „normale Geldversorgung eines Staates“ bedeutet nicht, dass sie nicht auf Kreditbasis beruht, und der Umfang dieses Kredits nicht auch als „exorbitant“ bezeichnet werden könnte. Klein-Europa Deutschland mit seinen Ländern, von denen sich einige als „Freistaaten“ bezeichnen, ist dafür beispielhaft. Und nicht nur durch sein „Finanzausgleich“. Der „Konstruktionsfehler“ ist also das Erkenntnissen widersprechende herrschende Verständnis von „Geldbasis“, mit dem „Geldpolitik“ für den Euro-Raum mit dem Ziel kon-struiert wird, M0 des Euro-Raumes müsse gleich der Summe M0 der Euro-Länder sein. Die Konsequenz daraus ist also nicht, „Ungleichgewichte“ zwischen den Ländern (z.B.) durch „Target-Kredite“ zu überwinden. Sondern damit, entweder das Gleichgewicht in jedem Land zwischen seiner (normalen) Geldversorgung der und aus der „Realwirtschaft“ wieder herstellbar zu gestalten, oder, wenn es nicht möglich ist, den jeweiligen Staat eines Landes aufzulösen.

  2. Habt ihr immer noch nicht verstehen wollen, dass es keinen objektivierten zu rechtfertigenden Zins gibt? Alles nur Theaterspiel – selbst A.Weber hat das in der BuBanklektüre für Schüler bereits eingestanden. Und hier geht es auf “theoretisch” höherem munter weiter.
    Fristenkongruenz – habe ich bereits darauf hingewiesen – es geht um so hohen wie so schnellen Zinsertrag – am besten im Highfrequenzrhythmus.
    Der Saldo auf dem Kontoauszug muss stimmen.

  3. “Wie das zu bewerten ist können wir erst verstehen, wenn wir uns die Alternative vor Augen führen. Wenn die EZB der Kapitalflucht untätig zugesehen hätte, hätte es zum spontanen Ausverkauf südeuropäischer Anleihen kommen können, weil den Banken gezwungen gewesen wären, die Aktivseite ihrer Bilanzen rasch zu verkürzen.

    Eine Kreditklemme oder sogar die Liquidation von Banken in Südeuropa wäre möglich gewesen. Im Zuge einer solchen Krise hätten deutsche Anleger einen großen Teil ihres dort eingesetzten Kapitals und deutsche Arbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren können.”

    Wenn die Banken in Südeuropa die Fristenkongruenz beherzigen, dann kann die Passivseite eigentlich gar nicht so bedrohlich für die Aktivseite sein. Liquidation von Banken sehe ich deshalb eher nicht, Ausverkauf und Kursverfall südeuropäischer Staatsanleihen aber schon.

    Letzlich ist doch die Frage, was ist der angemessene Zins für einen Schuldner und wann ist ein Schuldner insolvent. Scheinbar ist das sehr schwierig, weil das die Geschäftsbanken in den südeuropäischen Boomjahren ja offensichtlich auch völlig falsch eingeschätzt haben. Jetzt kommt von den ausländischen Geschäftsbanken kein Cent mehr, nicht mal für hohe Zinsen. Jetzt haben die EZB und die Regierungen (über den ESM)die Entscheidungshoheit an sich gerissen, welcher Zins angemessen ist und wann ein Staat pleite ist. Letzteres wird der ESM vermutlich nie zulassen – wenn das wahr ist, dann irrt auch er zwangsläufig.

    Wie kann also nun objektiviert werden, welcher Zins gerechtfertigt ist?

  4. @ Alle
    Alle scheinen sich hier einig zu sein, dass man die Ungleichgewichte im Euroraum, wie sie sich in den Target-Salden ausdrücken, abbauen muss. Dissens herrscht über das Tempo der Anpassung. Es gibt zwei Extreme: Eine Cold-Turkey Politik, die über einen “Sudden-stop” der Target-Kredite die Krisenländer zu einer sofortigen Anpassung ihrer Leistungsbilanz zwingt. Ich befürchte das führt zu einer ausgewachsenen Deflation in diesen Ländern, die über die real ansteigende Schuldenlast das reale BIP dieser Länder kollabieren lässt.
    (Dazu der immer noch lesenswerte Klassiker von Irving Fisher: fraser.stlouisfed.org/docs/meltzer/fisdeb33.pdf)
    Zweites Extrem ist eine permanente Finanzierung der Leistungsbilanz-defizite über die Target-Kredite der EZB (eine heimliche Fiskalunion, bei der der Steuerzahler die Risiken trägt).
    Dazwischen befindet sich der Vorschlag von Prof. Sinn, der den explosionsartigen Anstieg der Target-Salden abbremsen will, indem er einen Teilausgleich der Targetschulden zu bestimmten Terminen
    wie im Fedwiresystem in den USA einführen will.
    Der Effekt dieser Neujustierung des Targetsystems kann allerdings konterkariert werden, durch die von den Finanzmärkten eingeforderte Austeritätspolitik in den Krisenstaaten. Die Finanzmärkte reagieren bis dato auf den unvermeidlichen, mit der strikten Austeritätspoltik inhergehenden, BIP-Rückgang mit einem Verkauf der Bonds dieser Länder, was die Zinsen nach oben treibt, die Konsolidierung erschwert, die Target-Salden erhöht und die Länder zu teuren Hilfeempfängern der diversen Rettungsschirme macht, weil die Schuldenstandsquote nach oben schnellt und Panik auf den Märkten auslöst. Um diese “perverse” Marktreaktion zu vermeiden hat der IWF (Fiscal Monitor, Chefökonom Blanchard) und Andres Velasco (Links unten) kürzlich vorgeschlagen, dass diese Länder etwas weniger in der Gegenwart und nahen Zukunft sparen sollten bei gleichzeitiger Einführung einer glaubwürdigen fiskalpolitischen Regel, die die unvermeidbare Konsolidierung weiter in die Zukunft verlagert. Auch diese Strategie hat ihre Risiken, vor allem die Frage wie vertrauenswürdig die zukünftige Einhaltung der Regel ist, aber in der vertrackten gegenwärtigen Situation gibt es keine risikolosen Lösungen mehr.
    Es geht nur noch um Risiko- und Schadensminimierung.

    LINKS:
    http://ineteconomics.org/conference/berlin/all-videos-day-3 (Velasco)
    http://www.imf.org/external/pubs/ft/fm/2012/01/pdf/fm1201.pdf (IWF)
    http://blog-imfdirect.imf.org/2012/04/17/mediocre-growth-high-risks/ (Blanchard)

  5. Ich finde Herr Sinns Ausführungen in weiten Teilen stringent und äußerst plausibel. Und seine Kritiker sind häufig schlecht informiert oder reduzieren bewußt ins Verfälschende hinein.

    Beispiel:
    http://www.youtube.com/watch?v=OGGDl_eJte8
    6:00 bis 9:01
    Es gibt hier keinen Widerspruch zu Herrn Grüners Darstellung der Leistungsbilanzdefizite.

    Was Herr Grüner aber stattdessen hier vorschlägt, das läuft darauf hinaus, dass deutsche Sparer oder Steuerzahler Griechenland weiter den Import deutscher Produkte zum Wohle der deutschen Exportwirtschaft finanzieren sollen, also die bestehenden Leistungsbilanzdefizite zu perpetuieren. Mit dem signifikanten Risiko eines erneuten Kreditausfalls. Ob Herr Grüner seine Alterssicherung irgendwo in Griechenland verpfänden würde? Unwahrscheinlich.

    Eine Auflösung der bestehenden Leistungsbilanzdefizite kann nur darin bestehen, dass die Krisenländer weniger deutsche Produkte importieren, *falls* sie nicht in der Lage sind ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit entsprechend zu steigern. In der Tat sind diese Länder nun lediglich im Begriff auf das Niveau zurückzufallen, dass sie eigentlich (ohne die vormalige übermäßige Kreditfinanzierung) hätten haben sollen. Natürlich ist ein finanzieller Abstieg auf ein gewisses Niveau immer viel schmerzhafter als ein Aufstieg auf das gleiche Niveau.

    Wenn die Wirtschafskraft Europas im letzten Jahrzehnt zum Teil auf faulen Krediten basierte, dann sind rezessive (und damit korrektive) Tendenzen nahezu unvermeidlich. Genau diese notwendige Korrektur nach unten wollen aber interessierte Kräfte vermeiden. Stattdessen soll der auf Luftnummern basierte Status Quo erhalten werden. Da das internationale Kapital zu Recht(!) fernbleibt (Griechenland hat sich in den letzten Jahren als nicht vertrauens- und als nicht kreditwürdig erwiesen) und das Leistungsbilanzdefizit nicht entschieden zurückgefahren werden darf (Rezession muss um *jeden* Preis vermieden werden!) wird die Notenpresse hochgefahren – dank ELA und niedriger Besicherungsstandards bei der Geldschöpfung. Damit ist aber ein Euro längst nicht mehr ein Euro. Ein Euro der gegen eine AAA-Besicherung geschöpft wurde, ist ein anderer Euro als ein Euro der gegen eine griechische Staatsanleihe geschaffen wurde. Die hässlichen Worte vom “Schrottgeld” und von “Blüten” machen bereits die Runde – insbesondere wenn mit dem selbstgedruckten Schrottgeld via Fluchtgeld echte (Sach-)Werte in Deutschland erstanden werden.

    Nun ist es so, dass die Euro-Retter um jeden Preis den Status Quo erhalten und jede Art von Unbillen für jedermann vermeiden wollen. Was aber als humanes Ansinnen daherkommt, das ist in Wahrheit die gleiche Art von kurzfristigem Denken, dass uns Schröders Bruch der Maastricht-Kriterien gebracht hat: Um kurzfristige wirtschaftliche Schwierigkeiten zu umschiffen werden grundlegende Prinzipien mir-nichts-dir-nichts gebrochen – mit der Konsequenz das man langfristig in schwerste Turbulenzen gerät.

    Wer nur auf Sicht fährt, der darf sich nicht wundern, wenn er (oder sie) sich plötzlich in einer Sackgasse wiederfindet aus der es keinen Weg zurück gibt.

    Alex

  6. “Wir sehen uns also einer Kapitalflucht und einem Ausstieg ausländischer Investoren gegenüber, der dadurch begrenzt wird, dass die Gemeinschaft der Eurozonenländer die Erneuerung von Krediten an die Banken der GIIPS Länder nun über die EZB verbürgt.”

    Nein. Die Kapitalflucht wird nur durch eben diese Liquidität möglich. Ohne Liquidität keine Kapitalflucht, sondern die Insolvenz. Durch die Insolvenzverschleppung, die Insolzenz wird das private Kapital bei über 100% Nettoauslandsschulden so oder so herbeiführen, erfolgt nur die Ersetzung der privaten Gläubiger durch die öffentlichen Hände der solventen Europartner.

  7. Lieber Herr Grüner,

    keine grundsätzlichen Einwände, nur ein Kommunikationsproblem. Wieso weisen Sie umkleidet in die Aussage, das sei eine andere Meinung als meine und die von Jörg Krämer, darauf hin, dass die Leistungsbilanzdefizite auch schon vor der Krise groß waren.(„ Tatsächlich gibt es in Italien und den anderen GIIPS der Eurozone schon lange Zeit Leistungsbilanzdefizite.“) Wollen Sie mir unterstellen, ich hätte gesagt, dass diese Defizite durch die Target-Kredite entstanden seien? Das wäre sicherlich falsch, denn meine Grundthese ist doch, dass der billige Kredit der Vorkrisenzeit Blasen bildete und die Leistungsbilanzdefizite geschaffen hat. Dazu habe ich mir die Finger wund geschrieben. Nur versagte sich in der Krise das private Kapital, und deshalb mussten die Defizite mit der Notenpresse weiterfinanziert werden. Das kann man nun wirklich nicht missverstehen. Und wieso ist Krämer falsch, wenn er sagt, dass die Target-Salden die Leistungsbilanzdefizite finanzieren? Sie sagen doch genau dasselbe! Ich stehe jetzt wirklich „auf dem Schlauch“. Vielleicht können Sie mir weiterhelfen. Das versiegende Kapital zu ersetzen ist doch genau dasselbe wie das Leistungsbilanzdefizit zu finanzieren! Der Unterschied liegt nur im Semantischen, nicht im Faktischen, denn wir reden über eine Budgetbeschränkung. Das Leistungsbilanzdefizit muss mit Kapitalimporten oder Target-Krediten finanziert werden. Wenn die Kapitalimporte runter gehen, müssen die Target-Kredite raufgehen, oder das Leistungsbilanzdefizit geht auch runter. Mehr Möglichkeiten gibt es nicht.

    Zu Ihrer Frage, was die Alternative wäre: Wenn es schwieriger wäre, an den EZB-Kredit heranzukommen, wären die Zinsen im Süden höher, und die notwendige reale Abwertung, die wir bislang in den Daten über den BIP-Deflator vergeblich suchen, fände wenigstens ein bisschen statt. Meinen Sie wirklich, die Eurozone kann bestehen bleiben, wenn wir beliebige Kreditbeträge zu einem einheitlichen Zins, der die Risiken nicht abdeckt, durch das EZB-System schleusen. Wir bekämpfen doch keine akute Krise, sondern ein Dauerproblem. Die EBZ finanziert die Leistungsbilanzdefizite nun schon teilweise im fünften Jahr. Wie lange wollen sie den öffentlichen Kreditfluss noch an die Stelle des privaten setzen. Der Übergang zur Zentralverwaltungswirtschaft kann auch schleichend passieren.

    Mit freundlichem Gruß
    Ihr Hans-Werner Sinn

  8. “Target Salden entstehen, weil deutsches Kapital durch den Geleitschutz der Staatengemeinschaft vor Verlusten durch einen Ausverkauf von Wertpapieren durch Banken in den GIIPS Ländern geschützt wird.”

    Ich glaube nicht, dass dies den Kern der Problematik trifft. Target2-Salden entstehen schlichtweg dann, wenn innerhalb dieses Systems mehr oder weniger Geld aus dem Ausland in ein Teilnehmerland überwiesen wird als umgekehrt. Die EZB leistet Geleitschutz für diese Überweisungen. Ohne die als “Garantiegeber” zwischengeschaltete EZB wäre wahrscheinlich die Summe der Überweisungen aus den GIIPS nach Deutschland deutlich niedriger.

    Insofern haben die Kritiker recht, wenn sie darauf hinweisen, dass Target2 Leistungsbilanzungleichgewichte (zunächst) verlängert und Kapitalflucht begünstigt. Allerdings profitiert Deutschland davon auf zweierlei Weise. Zum einen sind die deutschen Exporte in die GIIPS nicht dramatisch eingebrochen. Die deutsche Exportindustrie profitiert also vom Target2-System. Zum anderen findet eine massive Kapitalflucht in Richtung Deutschland statt, die bei uns das Zinsniveau senkt und tendenziell wachstumsfördernd wirkt. Schon deshalb ist das obige Zitat von Sinn reichlich absurd. Und dass über das Target2-System kein Kredit gewährt wird, hat ja schon Olaf Sievert klargestellt. Durch Target2 wird kein Geld geschöpft, sondern verbracht. Den Totalausverkauf in den GIIPS hat die EZB deshalb mit ihrer unkonventionellen Geldpolitik, den LTROs und der Absenkung der Anforderungen für Sicherheiten verhindert.

    Dass die Kapitalflucht aus den GIIPS zu einem Abbau der Leistungsbilanzungleichgewichte beitragen kann, wird von den Kritikern ebenfalls übersehen. Wenn – wie schon erwähnt – die Kapitalflucht nach Deutschland via niedriger Zinsen das Wirtschaftswachtum fördert, dann steigen ggfs. auch die Importe aus den GIIPs. Zudem wirkt sich der Kapitalzufluss auf die relativen Preise bzw. effektiven Wechselkurse aus. Z.B. wenn in Deutschland Mieten steigen, wenn Ausländer die Immobilienpreise nach oben treiben. Oder weil die Löhne infolge des höheren Wachstums stärker steigen als im Ausland. Diese Argumentation ist nichts anderes als eine moderne Auslegung der Böhm-Bawerk’schen Zahlungsbilanztheorie (siehe hierzu ausführlich Robert B. Verkamp (2005): Theorie flexibler Wechselkurse bei heterogenen Erwartungen, S. 102 ff.).

  9. Die Alternative wäre, Markt und Verantwortlichkeiten freien Weg zu geben, damit in kurzen, auch tiefen vor allem aber reinigenden marktgemäßen Reaktionen die Fehler der Beteiligten aufgearbeitet werden könnten.
    Das ist angesichts der quasi-sozialistischen Quengelei von Politik- und anderen Funktionären leider nicht geschehen, was zu dramatischen Folgen führte, die sich gegenwärtig angesichts weiteren falschen Verhaltens aufschaukeln.
    Am Ende ist es tatsächlich alternativlos, alle Fehler samt ihren Kosten dem Steuerzahler für die nächsten zehn Generationen überzuhängen. Der reinste Irrsinn – die höchste Stufe von Politik.

  10. “Target Salden entstehen, weil deutsches Kapital durch den Geleitschutz der Staatengemeinschaft … geschützt wird.
    Richtig. Die Herren von der EZB, die ansonsten immer das hohe Lied der Marktwirtschaft singen (besonders wenn es um den Arbeitsmarkt geht), betreiben nun schon seit geschlagenen fünf Jahren
    eine Subventionspolitik für dumme, inkompetente Banker (die nicht in der Lage waren Kredite an Leute und Institutionen zu vergeben, die es auch zurückzahlen können[ureigene Aufgabe einer Bank!]) auf Kosten der Steuerzahler (die die Risiken tragen) und der Sparer (die mit niedrigen Zinsen abgespeist werden). Die EZB wurde nicht gegründet, um marode, insolvente Zombie Banken bis an den Sankt Nimmerleinstag zu finanzieren.
    Das ist ein eklatanter Missbrauch einer europäischen Institution, die deren Glaubwürdigkeit auf den Status einer Lobbygruppe für Bankerinteressen herabsetzt.

  11. Konkurse von Unternehmen sind für die betroffenen Gläubiger immer bitter. Das ist für Banken ebenso zutreffend wie für Autobauer oder Versandhäuser. Wir können deswegen aber nicht generell den Schluß daraus ziehen, daß wir Banken um jeden Preis retten müssen bzw. derartige Unternehmen niemals insolvent werden lassen dürfen.

    Wichtig und richtig wären Maßnahmen, um die Gläubiger von Banken bei einer Pleite besser abzusichern. Wichtig und richtig sind auch Maßnahmen, um in diesem Fall auch den weiteren Zahlungsverkehr aufrecht zu erhalten.

    Was haben denn die bisherigen Kredite, Garantien und Bürgschaften in den Südstaaten des Euroraums tatsächlich in der Realwirtschaft bewirkt? Da stimme ich jmg zu, die Rezessionen sind dennoch da. Das Loch zwischen geschaffenenem Einkommen und verwendeten Einkommen läßt sich nicht länger durch Kredite stopfen.

  12. Die Alternative ist das Ende des Euro. Die deutschen Steuerzahler haften nicht direkt, aber indirekt für die Target Salden, wovon die südeuropäischen Länder noch nicht einmal wirklich etwas haben.

  13. “Sie [die LTROs, jmg] geben der italienischen und der spanischen Regierung Zeit, den Konsolidierungskurs fortzusetzen ohne eine Rezession auszulösen.”

    Spanien hat eine Arbeitslosenrate von 23 Prozent. Alle Prognosen für das Jahr 2012 sagen eine Rezession voraus, von einem Niveau aus, das vom Vorkrisenniveau weit entfernt ist. Bei der Industrieproduktion geht es steil abwärts, bei Immobilienpreisen und Einzelhandelsumsätzen ebenfalls.
    Italien befindet sich schon in einer Rezession (2 aufeinanderfolgende Quartale mit negativem BIP Wachstum). Die Arbeitslosenrate steuert auf 10 Prozent zu. Industrieproduktion ebenfalls im Sinkflug (-6.8 Prozent year-to-year im Februar). Italien und Spanien landen mit ihren Austeritätspolitiken in der gleichen Teufelsspirale wie Griechenland. Die Zinsen für die beiden Länder steigen, weil die Finanzmärkte den von Merkel, Schäuble und Co. verordneten restriktiven fiskalpolitischen Kurs nicht für geeignet halten die wirtschaftlichen Probleme von Spanien, Italien und der gesamten Eurozone zu lösen.
    Die Zeit ist abgelaufen.

  14. Die Alternative wäre Kapitalexport in die PIIGS-Staaten, zum Beispiel durch etwas Marshallplan-ähnliches. Solarkraftwerke in Spanien helfen Europa und den Target-Salden mehr als Immobilienblasen in Deutschland.