Bruno Freys publizistischer Amoklauf gegen die Uni Zürich

Es ist ein in der Geschichte der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre wahrscheinlich einmaliger Vorgang: Der Züricher Ökonomie-Professor Bruno Frey hat die öffentliche Hand in der Schweiz indirekt aufgefordert, seiner eigenen Fakultät den Geldhahn abzudrehen – weil die Forschung seiner Kollegen irrelevant sei.

Die Volkswirte der Universität Zürich hätten den Bezug zur Wirklichkeit verloren und lebten in einer abstrakten Modellwelt. Seine Kollegen würden unter Ausschluss der Öffentlichkeit forschen.

„Wann rebellieren die Steuerzahler?“, fragt Bruno Frey in einem vor wenigen Tagen in einem Gastbeitrag für den Schweizer „Tages-Anzeiger“. Die Forschung seiner Züricher Kollegen beeinflusse die Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik “sicherlich nicht”, schreibt er:

“Irgendwann dürfte dies auch den Steuerzahlenden auffallen, welche die Universität finanzieren.”

Der  Gastbeitrag ist nicht nur eine Generalabrechnung mit der modernen Volkswirtschaftslehre, Frey kritisiert explizit die Arbeit seiner Züricher Fakultätskollegen:

„Viele Universitätsökonomen streben nur danach, möglichst viel in den Fachzeitschriften zu veröffentlichen – was in der Wirklichkeit vorgeht, interessiert sie hingegen wenig bis gar nicht.

Aus diesem Grund finden sich nur noch wenige Ökonomen, die zu den wirtschaftlichen Problemen unseres Landes Stellung beziehen. Lobenswerte Beispiele dafür sind etwa Monika Bütler von der Universität St. Gallen oder Christoph Schaltegger von der Universität Luzern.

Die Nationalökonomen der Universität Zürich hingegen sind in den wirtschafts- und finanzpolitischen Debatten fast ohne Ausnahme absent.

Für sie sind nur die Publikationen in wissenschaftlichen Zeitschriften wichtig. Diese werden jedoch nur von wenigen anderen Wissenschaftlern überhaupt zur Kenntnis genommen – oft sogar von gar niemandem.“

Diese publizistische Amoklauf gegen seine unmittelbaren Kollegen zeigt: Das Tischtuch zwischen Bruno Frey und der Uni Zürich ist zerschnitten. Der Hintergrund dürfte vermutlich die Debatte um die wissenschaftliche Arbeitsweise Freys sein, die im vergangenen Sommer ausgebrochen ist.

Damals war bekannt geworden, dass Frey systematisch und seit vielen Jahren gegen wissenschaftliche Ethik-Standards verstoßen hat. Der Professor hat in zahlreichen Fällen quasi identische Arbeiten in mehreren Fachzeitschriften gleichzeitig veröffentlicht, ohne auf die anderen Arbeiten hinzuweisen.

In mehreren Fällen veröffentliche Frey wortwörtlich über weite Strecken identische Arbeiten unter anderen Titeln zweimal. (Einen detaillierten Vergleich verschiedener Studien gibt es in dieser Tabelle.)

Nach Ansicht vieler seiner Fachkollegen hat Frey so seine eigene Publikationsliste mit unlauteren Mitteln über viele Jahre künstlich aufgebläht hat.

Solch ein Vorgehen wird auch als “Eigenplagiat” bezeichnet und ist unter Wissenschaftlern verpönt – unter anderem, weil die Ressourcen der ehrenamtlich für die Fachzeitschriften arbeitenden Fachgutachter vergeudet werden. Weil der Platz in wissenschaftlichen Fachzeitschriften begrenzt ist, verdrängen doppelt publizierte Arbeiten zudem Aufsätze von anderen Forschern – bringen aber gleichzeitig keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn.

Wissenschaftliche Fachzeitschriften fordern in ihren internen Richtlinien daher in aller Regel, dass Forscher auf ähnliche Arbeiten verweisen. Sie verlangen zudem, dass die Forschungsergebnisse nicht schon woanders publiziert sein dürfen.

Das von Freys Eigenplagiaten betroffene “Journal of Economic Perspectives” hat ihn und seine Co-Autoren öffentlich hart kritisiert. Das “Journal of Economic Behavior and Organization” hat Frey offenbar auf eine schwarze Liste gesetzt und erklärt, in Zukunft keine Aufsätze von ihm mehr zu veröffentlichen.

Eine von der Universität Zürich eingesetzte Kommission, die den ersten bekannt gewordenen Fall – die Arbeiten zum Untergang der Titanic –  untersuchte, verurteilte das Vorgehen ebenfalls.

Die fehlenden Querverweise auf die anderen Arbeiten seien “unangemessen” und die Autoren sollten dafür gerügt werden. Weitere Maßnahmen seien aber nicht nötig, da zu erwarten sei, dass die fehlenden Querverweise zu den anderen Arbeiten ein “einmaliges Ereignis” blieben. (Diese Einschätzung ist angesichts der vielen anderen Fälle aus meiner Sicht ein Witz.)

Gerüchte besagen, dass die Universität Zürich daraufhin den Lehrvertrag, den sie mit Frey nach dessen Emeritierung geschlossen hat, in diesem Jahr auslaufen lässt. Die Universität Zürich lässt eine Anfrage des Handelsblatts dazu trotz Nachfragen seit mehreren Wochen unbeantwortet.

Unabhängig von den Motiven von Freys publizistischem Amoklauf gegen seine eigene Fakultät – sein Kritik geht an der Sache vorbeit. Der Vorwurf, die Arbeiten der Volkswirte der Uni Zürich seien abstrakt und würden nicht beachtet, ist schlicht absurd.

Das beste Gegenbeispiel ist Ernst Fehr – Freys Fakultätskollege ist einer der international einflussreichsten Experimental- und Neuroökonomen. Fehrs Arbeiten werden von Fachkollegen so häufig zitiert wie die von kaum einem anderen Volkswirten aus dem deutschsprachigen Raum, und auch das Handelsblatt und andere Zeitungen berichten regelmäßig über Fehrs Forschung.

Ein anderes Beispiel ist Josef Zweimüller – der Ökonom hat in mehreren faszinierenden empirischen Arbeiten die konkreten Folgen von Arbeitsmarktpolitik untersucht. So stellte er fest, dass Elterngeld-Zahlungen dazu führen, dass mehr Kinder geboren werden und dass Frührentner eher sterben.

Bizarr ist Freys Kritik auch vor dem Hintergrund, dass er selbst  seit 1977 an der Züricher VWL-Fakultät als Professor tätig ist. Lange Zeit war er dort einer der profiliertesten und einflussreichsten Köpfe. Es ist schwer vorstellbar, dass er in all der Zeit keinerlei Einfluss auf die Personalpolitik genommen hat. So gesehen muss Frey sich auch an die eigene Nase fassen, wenn er mit dem Kurs seiner Fakultät nicht zufrieden ist.

Zudem muss sich Bruno Frey die Frage gefallen lassen, inwieweit seine eigene Forschung die von ihm geforderten Relevanz-Standards erfüllt. Sicherlich, er hat sich nicht in abstrakten mathematischen Modellen verkünstelt. Aber waren seine eigenen Arbeiten wirklich immer so wirtschafts- und finanzpolitisch relevant, wie er es von seinen Kollegen einfordert?

Frey hat sich zuletzt unter anderem mit der Frage beschäftigt, wer den Untergang der Titanic überlebt hat, wie glücklich Pendler und Fernsehzuschauer sind und wie Benediktinerabteien aus ökonomischer Sicht aussehen.

Keine Frage, das sind interessante und amüsante Fragen – aber sind diese Arbeiten wirklich wirtschaftspolitisch relevant?

Was sind die besten Instrumente im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit? Was kann die Politik gegen Armut und Ungleichheit tun? Wie lässt sich das Finanzsystem krisenfest machen und Rezessionen vermeiden? Welchen Beitrag sollte die Geldpolitik zum wirtschaftlichen Wohlstand leisten? Antworten auf diese großen, wichtigen Fragen der Wirtschaftspolitik muss man in Freys Forschung mit der Lupe suchen.

Ich meine das gar nicht als Vorwurf. Bruno Frey soll selbst entscheiden, wozu er forscht und welche Themen er links liegen lässt. Seine Forschung ist oft kreativ und innovativ, ich habe oft im Handelsblatt über sie berichtet.

Aber Wissenschaft ist ein “trial and error”-Prozess, der von Pluralismus und vom Wettbewerb der Ideen lebt. Forscher müssen die Freiheit haben, sich ihre Fragestellungen selbst suchen zu dürfen – es muss ihnen erlaubt sein, auch Themen zu untersuchen, die nicht direkt erkennbar wirtschaftspolitisch relevant sind. Diese Freiheit steht Bruno Frey zu – aber auch all seinen Fachkollegen.

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Alle Kommentare [4]

  1. Das kann man wohl unter Nachtreten verbuchen, erinnert mich irgendwie an die Bitterkeit von Kohl, der sein Lebenswerk verkannt sah, da ihn die CDU nach der Schwarzgeld Affäre geschnitten hat. Frey hat in seinem offenbar grenzenlosen Streben nach Publikationen und akademischem Ruhm selbst alle moralischen Standards über Bord geworfen, er sollte erst einmal in sich gehen, solche Pamphlete sind angesichts seiner zweifelhaften Reputation mit Vorsicht zu genießen. Im Übrigen gibt es viele Top-Forscher der Uni Zürich, die sich zu wirtschaftlichen Themen in der Öffentlichkeit äußern und dank ihrer hohen wissenschaftlichen Reputation auch weit über Landesgrenzen hinaus gehört werden. Dies gilt zum Beispiel für Fabrizio Zilibottis Arbeit über den Einfluß demographischer Faktoren auf Rentensysteme oder Kinderarbeit. Makro-Finance Themen wie die aktuelle Finanzkrise gehören sicher zu den Themen, zu denen die meisten Züricher Professoren (genau wie die meisten deutschen Professoren) wenig Expertise vorweisen können, da ist es mir aber auch lieber, die Kollegen halten die Klappe, statt mit schnell zusammengesponnen Argumenten ihre Reputation (und die ihrer akademischen Kollegen) zu gefährden.

  2. Ich denke diese Reaktion von Frey lässt die Sanktion durch die Uni Zürich infolge der Selbstplagiats-Affäre vielleicht doch in einem anderen Licht erscheinen (auch wenn die Uni Zürich das vielleicht öffentlicher kommunizieren könnte).
    Wenn Frey sich jetzt so äussert, dann muss die Uni ihn empfindlich getroffen haben.
    Ausserdem ist Frey, gemäss Tagesanzeiger, nicht mehr Professor in Zürich. Insofern wendet er sich gegen seine ehemaligen Kollegen, und nicht gegen seine unmittelbaren Kollegen.

    • @Louis: Den Hinweis beim “Tages-Anzeiger”, dass Frey von 1977 bis 2012 Professor an der Universität Zürich “war”, habe ich glatt übersehen. Danke für den Hinweis. Das stützt die Gerüchte, sein Vertrag sei nicht verlängert worden. Weder auf Frey’s Webseite der Uni Zürich noch in seinem dort verlinkten Lebenslauf habe ich allerdings einen Hinweis auf die Beendigung der Zusammenarbeit gefunden. Und wie geschrieben: Die Pressestelle der Uni Zürich beantwortet meine Anfrage dazu seit Wochen nicht.

  3. … in der Tat kann man die Frage stellen, wie sich Forschung finanzieren sollte. Meines Erachtens über parallel angebotene und zahlungspflichtige Dienstleistungen; wie es beispielsweise auch die Physikalisch-Technische Bundesanstalt praktiziert, – allerdings noch unzureichend.