Die Kehrtwende, die keine war – die Bundesbank und Target2

Die Geschichte von Target2 ist eine Geschichte von Missverständnissen. Die Forscher, denen als erste die Ungleichgewichte im elektronischen Zahlungssystem der EZB aufgefallen sind, haben selbst lange nicht verstanden, was wirklich dahinter steckt (manche tun sich meiner Meinung nach bis heute schwer), zudem fühlten sie sich von von vielen ihrer Kritiker immer wieder missverstanden.

Einiges deutet darauf hin, dass zuletzt auch die Sicht der Bundesbank zu den Target-Salden missverstanden wurde – und die mysteriöse Target2-Kehrwende der Notenbank, über die ich mich letzte Woche gewundert habe, so womöglich gar nicht stattgefunden hat.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte Anfang März unter Berufung auf einen Brief, den Bundesbank-Chef Jens Weidmann an EZB-Präsidenten Mario Draghi geschrieben hatte, berichtet: Die Bundesbank fordere, dass die Target-Verbindlichkeiten der Peripherie-Länder mit zusätzlichen Sicherheiten unterlegt werden sollten. Und die Kollegen von “Eurointelligence” spitzten dass dann noch ein bisschen weiter zu: Weidmann habe an Draghi geschrieben, die Target2-Ungleichgewichte seien ein “major concern”.

Wenn dem wirklich so gewesen wäre, wäre das eine kleine Sensation – denn vorher hatte die Bundesbank ein Jahr lang betont, durch Target2 entstünden keine zusätzlichen Risiken. Die Risiken entstünden einzig und allein durch die geldpolitischen Operationen der Notenbank.

Volkswirte, die früh vor vermeintlichen Gefahren durch Target2 gewarnt hatten, fühlten sich bestätigt – wenn selbst Weidmann Sorgen vor den wachsenden Target-Ungleichgewichten äußere, dürfe die Politik das Thema nicht länger igorieren, argumentierten sie.

Allerdings: Einiges spricht dafür, dass der Brief von Weidmann an Draghi in Sachen Target2 deutlich missverstanden wurde. Die Meinung der Bundesbank zu Target2 habe sich  unter dem Strich nicht geändert, haben mir Leute erklärt, die es wissen müssen.

Ähnliches berichtete mein Kollege Mark Schieritz von der “Zeit”, der das Target2-Thema im Herdentrieb-Blog als einer der ersten Kommentatoren aufgriff,  in der vergangenen Woche in der Printausgabe der “Zeit”.

Laut Schieritz komme in Weidmanns Brief an Draghi

“zum Ausdruck, dass auch die Bundesbank eine Begrenzung skeptisch sieht. Weidmann zufolge rühren die Risiken für die Bilanz der EZB daher, dass die Notenbank sehr viel Liquidität bereitstelle, die im Euro-Raum »ungleich verteilt« sei.

Er spricht sich aber lediglich dafür aus, dass »weiter analysiert« werde, inwieweit die Risiken durch Änderungen des Target-Systems gemindert werden könnten – zum Beispiel durch das »Verpfänden oder Abtreten von Vermögenswerten an die EZB« um die Kredite der Notenbank abzusichern.

Sinnvoller sei, wenn die EZB von vornherein weniger riskante Kredite an die Banken ausreiche. » Wir dürfen diese Situation wachsender Risiken nicht durch Entscheidungen des Zentralbankrats perpetuieren«, schreibt Jens Weidmann.”

Auch Weidmanns heutiger Gastbeitrag in der FAZ bringt nicht zum Ausdruck, dass der Bundesbank-Chef die Unterlegung der Target-Salden mit (zusätzlichen) Sicherheiten fordert.

Von einem “Verpfänden oder Abtreten von Vermögenswerten an die EZB” ist in dem Text überhaupt keine Rede. Weidmann schreibt:

“Wäre die Geldpolitik im Euroraum bei der EZB zentralisiert, gäbe es zwar keine Target2-Salden, dies würde aber für sich genommen noch nichts an den Risiken aus der Liquiditätsbereitstellung ändern. (…)

Die Zunahme von Target2-Salden kann (..)  durchaus Ausdruck einer Geldpolitik sein, die im Rahmen ihres Mandats entstehenden Liquiditätskrisen Rechnung trägt. Die Kritik an den Salden per se ist insofern – und dies hat die Bundesbank immer wieder betont – nicht sachgerecht. Für mich stellen die Target2-Forderungen der Bundesbank auch kein eigenständiges Risiko dar, weil ich ein Auseinanderbrechen der Währungsunion schlichtweg für absurd halte.

Ob und wie stark Verluste aus der Liquiditätsbereitstellung auf die Bundesbankbilanz durchschlagen, hängt nicht von der Höhe der Target2-Forderungen der Bundesbank ab.

Dies gilt auch für den hypothetischen und in der Öffentlichkeit breit diskutierten potentiellen Austritt eines Landes mit negativen Target2-Salden.

Auch in einem solchen Fall, von dem ich nicht ausgehe, ist das Risiko ursächlich in der Art und dem Umfang der Liquiditätsbereitstellung begründet. Hierbei könnte es zu teilweisen Forderungsausfällen bei der EZB kommen. Verluste der EZB wären aber gegebenenfalls von allen Notenbanken des Eurosystems zu tragen – unabhängig von deren Target2-Saldo.”

Weidmann macht in seinem Beitrag auch deutlich,  dass die Versorgung von kriselnden Banken durch die EZB nicht ewig weiter gehen kann und dass die EZB die geldpolitischen Zügel früher oder später wieder anziehen muss.

Das bezieht sich aber nicht auf Target2, sondern auf diese Punkte, die Weidmann selbst in seinem Gastbeitrag nennt:

“Liquidität wurde gegen Sicherheiten in unbegrenztem Umfang (Vollzuteilung), zu einem niedrigen Zins und zu deutlich längeren Laufzeiten bereitgestellt. Außerdem wurden die Anforderungen an die geforderten Sicherheiten, unter anderem Ratingschwellen, spürbar abgesenkt.”

Unter dem Strich spricht daher meines Erachtens viel dafür, dass es bei der Bundesbank keine Kehrtwende mit Blick auf Target2 gegeben hat – sondern alles ein großes Missverständnis war, das kräftig aufgebauscht wurde.

Update: Kluge Worte auch von Mark Schieritz im Herdentrieb zur Bundesbank und ihrer Target2-Haltung. Volle Zustimmung auch zu seinem Fazit:

“Ich glaube, die Ideologisierung der eigentlich methodischen Debatte rührt daher, dass sie ihren Ursprung in dem Versuch hat, durch den Nachweis eines vermeintlichen geheimen Geldkreislaufs, einer heimlichen Umverteilungsmaschine irgendwo tief unten in der Bilanz der EZB versteckt die Politik der Notenbank zu diskreditieren und einen Skandal aufzudecken.

Dieser Versuch ist gescheitert. Er führte nur zu einer Mystifizierung einfachster geldpolitischer Sachverhalte. Es gibt keine zusätzlichen Risiken und keine zusätzliche Umverteilung durch Target 2. Es gibt nur die ganz normalen Risiken und die ganz normale Umverteilung durch die Geldpolitik. Über die kann und muss man streiten. Das sollten wir tun, und uns nicht in Nebenkriegsschauplätzen abgeben. Das gilt natürlich auch für mich.”

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Alle Kommentare [10]

  1. Hallo Herr Storbeck,
    wissen sie schon, dass sie zusammen mit Professor Whelan zur verbalen Zielscheibe des bayerischen Steuerzahlerbundes geworden sind.
    LINK: http://www.target-2.de/up/datei/an_ftd_12_03_2012_zu_storbeck_whelan_kuehnlenz_ftd_06_03_2012.pdf
    Seit wann arbeiten sie eigentlich für die FTD?

    Den Stein ins Rollen gebracht hat wohl dieser Beitrag von Andre Kühlenz
    LINK: http://wirtschaftswunder.ftd.de/2012/03/06/700-mrd-target-forderung-der-bundesbank/

    Da der Steuerzahlerbund immer mehr Medienpräsenz erhält (Heute z.Bsp. auf der Welt Website mit dramatischer Überschrift,
    LINK: http://www.welt.de/wirtschaft/article13941256/Bundesbank-verharmlost-eine-finanzielle-Atombombe.html) würde mich ihre Ansicht zu dem Vorgang interessieren.
    Da Professor Whelan, wahrscheinlich ohne sein Wissen, auch angegriffen wird, sollte man ihn ebenfalls informieren.
    Vielleicht hat er ja Interesse an einer Replik im Handelsblatt. Zur Einstimmung können sie ihm ja das folgende Pamphlet des Steuerzahlerbundes (auf Englisch) zukommen lassen:
    http://www.target-2.de/up/datei/target_2_pilferage_of_the_deutsche_bundesbank_22.02.2012.pdf

    Und hier noch den LINK zur Target2 Website des bayerischen Steuerzahlerbundes:
    LINK: http://www.target-2.de/dokumente

  2. @Ole Maidag

    Schon die Hälfte des deutschen Auslandsvermögens ist durch diese im Ernstfall abzuschreibenden Targetforderungen ersetzt. Sie haben recht, dass über Umschichtungen in dieser Größenordnung der Souverän, also der deutsche Bundestag, entscheiden müßte.

    Ich halte deshalb die Forderung von Herrn Prof. Sinn, nach amerikanischem Vorbild einen jährlichen Ausgleich der Target-Salden zu verlangen, auch verfassungsrechtlich für geboten.

    Solche Umschichtungen im deutschen Volksvermögen können doch nicht dem EZB-Rat (in seiner problematischen Zusammensetzung) ohne Begrenzung übertragen sein. Man sollte das Bundesverfassungsgericht anrufen.

  3. Sollen mit dieser Haarspalterei hier Nebelkerzen geworfen werden, um was zu verschleiern? Die desolate Wirtschafts- und Finanzpolitik dieser Regierung und der europäischen Eurokraten? Alles nicht so schlimm? Herr Prof. Sinn hat behauptet, daß die Target-Forderungen der Bundesbank bei der EZB zum Auslandsvermögen gehören, die, wenn wir sie mal benötigen, wahrscheinlich nicht zurückgezahlt werden können, also abgeschrieben werden müssen, weil sie ohne jede Sicherheiten sind. Das hat jetzt der Notenbank-Chef Weidmann getan und verdienstvoller Weise an Schäuble nur 700 Mio. statt 2 Mrd. Euro überwiesen, damit der das nicht auch noch in den deutschen Schuldenaufbau steckt. Und noch eines: Was die EZB seit langem macht, ist das Gegenteil einer Stabilitätspolitik: Sie pumpt in einen maroden Euro-Körper, nämlich die PIIGS+F Staaten Geld und ermöglicht damit eine Fortsetzung der Schuldenpolitik (siehe z.B. Spanien) und einen Stopp von eventuell angedachten Maßnahmen einer Stärkung der Wirtschaftskraft der PIIGS+F Staaten, die allein die desolate Situation dort verändern könnte. Das mag alles gerechtfertigt sein, um unbedingt die politische Illusion, daß man eine politische Union durch eine Währungsunion doch erzwingen kann, aufrecht zu erhalten, koste es was es wolle. Europa und dem europäischen Gedanken sowie den Menschen aller europäischen Länder erweist man damit aber einen Bärendienst – meines Erachtens hart am Rande einer kriminellen Handlung.

  4. @Olaf Storbeck

    hier ist er mit Absicht undeutlich. Nur wenn es keine NZBs und keine nationalen Volkswirtschaften mehr geben würde, wäre die Verfolgung der Kapitalbewegungen zwischen den Nationen sinnlos, weil es die Nationen im klassischen Sinne sie einfach nicht mehr gäbe. Ansonsten irrt er genauso wie Sievert. Selbst wenn nur die EZB-Zentralbankgeld herausgäbe, müsste dennoch deren Verbleib nach Geschäftsbank und Nation verfolgt werden, um neben den Geschäftsbankbilanzen auch die nationalen Bilanzen aufstellen zu können.

  5. @Olaf Storbeck

    Taget2-Salden sind Teil der nationalen Kapitalbilanzen. Auf diese Kapitalimporte oder -exporte werden Zinsen in Höhe des Hauptrefianzierungsatzes des Eurosystems verrechnet, fernerhin sind sie Teil der öffentlichen volkswirtschaftlichen Forderungen oder Verbindlichkeiten einer Nation.

    • @ Bernd Klehn: Um es mit Jens Weidmann zu sagen:

      “Wäre die Geldpolitik im Euroraum bei der EZB zentralisiert, gäbe es zwar keine Target2-Salden, dies würde aber für sich genommen noch nichts an den Risiken aus der Liquiditätsbereitstellung ändern. “

  6. Sie rätseln offenbar immer noch daran herum, was sich dahinter verbirgt. Dabei ist es doch so einfach! Verstehe nicht, wieso man diesen ganzen Wortschwall braucht. Wurde Zeit, daß Weidmann mal darauf hinweist, daß mit diesem Verfahren die Notenbanken Transfers durchgeführt haben, die nicht Ihnen sondern nur dem Souverän zustehen. Mal sehen, was jetzt passiert.

    • @ Ole Maidag: Mit Target2 werden weder von den “Notenbanken Transfers durchgeführt, die nicht Ihnen sondern nur dem Souverän zustehen” noch hat Weidmann darauf hingewiesen.

  7. Übrigens wer behauptet, dass die Target2-Salden kein eigenständiges Risiko darstellen, möge darlegen, wie denn innerhalb der Währungsunion , wenn die Streichung eines Teils der Nettoauslandsschulden der Eurokrisenländer erforderlich ist, insbesondere nachdem sich die ausländischen Privatanleger vom Acker gemacht haben, die erforderlichen Abschreibungen erfolgen können und sollen, wenn nicht durch Auflösung der Target2-Salden?

    Die Übernahme von Verlusten einer NZB durch die EZB durch Beschluss der Kapitalsmehrheit. Das Eurosystem kann der EZB natürlich nicht Verluste aufdrängen, die die EZB in die Pleite treibt oder Kapitalerhöhungen erforderlich machen. Im Pleitefall helfen diese ganzen juristischen Überlegungen nicht weiter, sondern in dem Fall geht es nur um die Frage, wer hat Forderungen, den schwarzen Peter, gegenüber dem Gläubiger und muss diese zwangsläufig abschreiben. Ein anderer wird im Pleitefall diese nicht freiwillig übernehmen und zuschieben kann ihm die Forderungen keiner. Noch und nochmals Portugal Spanien, Irland und Griechenland sind mit über 100% Nettoauslandsschulden und Leistungsbilanzdefiziten pleite.

  8. “Für mich stellen die Target2-Forderungen der Bundesbank auch kein eigenständiges Risiko dar, weil ich ein Auseinanderbrechen der Währungsunion schlichtweg für absurd halte.”
    Was soll man dazu noch sagen?
    Keine Ahnung auf welchem Planet dieser Mensch zuhause ist. Target2 bringt Deutschland in Geiselhaft.
    Und das wurde von der Bundesbank scheinbar auch so gewollt.
    Die Bundesbank hat für mich jede Kredibilität verloren.