Die ganze Wahrheit über Target2

Was steckt wirklich hinter den Target-Salden? Der Berliner Makroökonom Philipp Johann König, einer der auf dem Gebiet  führenden deutschsprachigen Wissenschaftler,   erklärt in einem Gastbeitrag für Handelsblatt.com, was wirklich hinter den Ungleichgewichten im Zahlungssystem der EZB steckt.

König hat sich  zusammen mit dem EZB-Volkswirten Ulrich Bindseil schon im vergangenen Jahr mit einem detaillierten Arbeitspapier in die Debatte eingeschaltet. Eine aktualisierte Version der Arbeit mit dem Titel “Target2 and the European Sovereign Debt Crisis” ist hier online verfügbar.

In seinem Gastbeitrag für Handelsblatt.com wirft König zahlreichen deutschen Medien vor, die Target2-Thesen von Hans-Werner Sinn ungeprüft zu übernehmen. Konkret nennt er die Kollegen von Spiegel Online, die FAZ und der Wirtschaftswoche. Dabei gebe es

“gute Gründe, Sinns Thesen kritisch zu hinterfragen. Sie sind teilweise inkorrekt und bisweilen sehr unscharf formuliert.”

König betont – wie auch der ehemalige Wirtschaftsweise Olaf Sievert letzte Woche  in seinem offenen Brief an Hans-Werner Sinn – dass es anders als von Sinn behauptet  keine „Target-Kredite“ gibt.

König:

“Es gibt Kredite des Eurosystems an Geschäftsbanken, stellvertretend vergeben durch die nationalen Zentralbanken und es gibt Zahlungsflüsse des so geliehenen Zentralbankgeldes über T2 innerhalb der Eurozone. Überschreiten Zahlungen die Landesgrenzen, dann tauchen sie nur aufgrund der separaten Bilanzierung in den Notenbankbilanzen auf.”

König stellt zudem klar, dass Geld nicht einfach gedruckt wird, “es wird Buchgeld gegen Sicherheiten verliehen”. Problematisch würden die Salden nur in dem Moment, wenn die Euro-Zonse auseinander brechen sollte.

“Sinns Hinweis auf diesen (bisher glücklicherweise sehr unwahrscheinlichen) Fall ist berechtigt. Aber Sinn unterstellt, dass dann alle T2-Forderungen als Verlust abgeschrieben werden müssten. Das ist mitnichten der Fall. Wie sich ein Auseinanderbrechen der Eurozone abspielen würde, wie mit ausstehenden Zentralbankkrediten und verfügbaren Sicherheiten umgegangen würde, ist überhaupt nicht geregelt.

Es ist wahrscheinlich, dass in so einem Fall langwierige politische Verhandlungen zwischen den beteiligten Ländern stattfinden würden, an deren Ende eine europäische Einigung über die gesamten Verluste eines solchen Zusammenbruchs stehen würde.”

Die Vorschläge von Sinn, die Target-Salden jährlich auszugleichen, würden alles nur noch schlimmer machen, argumentiert König:

“Um den deutschen Steuerzahler vor möglichen Verlusten zu schützen, schlägt Sinn eine jährliche Glattstellung der T2-Positionen durch Transfer von Gold oder marktfähigen Vermögenswerten vor.  Ihm ist offenbar nicht bewusst, dass dies die Währungsunion zu einem System fester Wechselkurse degradieren würde. Die innereuropäische Zahlungsfähigkeit eines Landes wäre durch die Reserven seiner Notenbank bestimmt (und nicht durch den Bestand an zentralbankfähigen Sicherheiten in den Händen des privaten Sektors).

Die Folge wäre wohl eine Zahlungsunfähigkeit der zwölf Länder mit T2-Verbindlichkeiten, ein Auseinanderbrechen der Eurozone und das Eintreten genau der Situation, vor der Sinn so eindringlich warnt.”

Der komplette Beitrag von  König ist hier bei Handelsblatt.com verfügbar.

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Alle Kommentare [7]

  1. hallo,

    wieso immer so allgemein diskutieren? kann man bitte mal eine aufstellung machen mit den konkreten sicherheiten, die hintelegt wurden und was operativ passiert bei der verbuchung von target2?

    ich meine richtig operativ, was macht der pc im bundesbankzentrum.

    grüße,
    ben

  2. Professor Sinn hat durch die von ihm angestoßene Targetdebatte höchst verdienstvoll das fehlende Fundament der europäischen Einheitswährung bloßgelegt. Dazu gehört entweder die Transferunion, die die deutsche Politik ihren Wählern noch nicht offen zumuten möchte oder aber die Geldschöpfungsfähigkeit und damit die Zahlungsfähigkeit der einzelnen Zentralbanken ist in der Tat durch die Reserven der jeweiligen Notenbank und die verfügbaren zentralbankfähigen Sicherheiten in den Händen des privaten Sektors des jeweiligen Landes begrenzt. Ein dritten Weg zu einem “free lunch” gibt es auf Dauer nicht.
    Schließt man die Transferunion aus, dann ist in der aktuellen Krise vor allem die Qualität der zentralbankfähigen Sicherheiten und in einem zweiten Schritten unter Sicherheitsaspekten auch deren rechtliche Zuordnung der Kern des Problems. Vor diesem Hintergrund ist es sicherlich unerträglich, daß die EZB die Anforderungen an die Qualität der zentralbankfähigen Sicherheiten so extrem gesenkt hat, daß nationale Notenbanken in der Tat fast nach Belieben “Geld drucken” und damit den vermeintlichen “free lunch” der eigenen nationalen Volkswirtschaft und damit auch die Kapitalflucht aus ihrem Land verlängern können.
    An dem Beitrag von Professor Sievert fällt auf, daß er den realwirtschaftlichen Aspekt der Entwicklung der Targetsalden völlig ausblendet. Wie lange soll denn seiner Meinung nach die Kapitalflucht aus den südlichen Euroteilnehmerländern über die Targetsalden finanziert werden? Die Geldschöpfungsfähigkeit in den Fluchtländern ist ja durch die gegenwärtige Politik der EZB praktisch unbegrenzt. Wie Professor Sinn zutreffend bemerkt hat, erhält die Bundesbank im Zweifel uneinbringliche Targetforderungen und die Flüchtenden erhalten in Deutschland Bankguthaben, Aktien und Grundstücke. Ein Korrektiv, wie fallende Grundstückspreise oder Aktienmärkte in den Fluchtländern, wie sonst üblich, wird durch die EZB-garantierte Geldschöpfung in den Fluchtländern verhindert.

    William

  3. Danke an König für die Richtigstellung einiger Details und die Bestätigung, dass Herr Sinn im Kern der Sache richtig liegt.

  4. Es sind ja nicht nur Risiken, die durch die ungleiche Besicherung steigern. Es wird auch eine Geldumverteilung auf diese Art und Weise vorgenommen – da die Krisenländer Geld drucken können denen keine adäquaten Sachwerte gegenüberstehen. Sie schaffen also mehr Geld als ihnen eigentlich zusteht.

    Auf diese Art und Weise entsteht ein Transfer von Kaufkraft nach Griechenland und Co. Lediglich zu behaupten, dass “Risiken” entstehen ist nicht hinreichend, da dies insuniert das derzeit noch keine Nachteile für Deutschland existieren, sondern nur in einem eventuellen Schadensfall eintreten. Dies ist aber nicht richtig: je mehr Griechenland Schrottgeld schöpfen kann, desto größer der griechischer Anteil an der Gesamtgeldmenge als er eigentlich sein dürfte.

    Transferunion durch die Hintertür, weil Griechenland längst pleite gegangen ist.

    Alex

  5. Sehr geehrter Herr Storbeck,

    ich finde es schade, daß Sie den für mich wichtigsten Absatz im Betrag von Herr König weder zitieren noch darauf eingehen.
    König schrieb:
    “Nach wie vor wird Geld nicht einfach „gedruckt“, sondern es wird Buchgeld gegen Sicherheiten verliehen. … Ist es schlimm, wenn sich Banken in Deutschland weniger Geld von der Zentralbank leihen? Nein! Durch die Zuflüsse aus den Krisenländern sind sie in einer komfortablen Position und weniger von der Zentralbank abhängig. Ist es schlecht, wenn sich die Kreditvergabe der Zentralbank hin zu Banken in Krisenländern verlagert? Das Eurosystem geht dadurch höhere Risiken ein. Die absolute Höhe der Kreditoperationen nimmt zu und die Notenbankbilanz ist weniger diversifiziert (weil beinahe nur noch Banken aus Krisenländern Kredite abrufen). Ferner wurde der Sicherheitenrahmen gelockert, wodurch die Kreditvergabe riskanter wird. Hätte das Eurosystem diese Risiken nicht eingehen sollen?”
    Herr König bestätigt also eindeutig die Auffassung von Herrn Weidmann.
    Für mich kann der Fall nicht nur beim Auseinanderbrechen der Eurozone, sondern bereits mit der Pleite eines Landes eintreten, da dann die nationale Notenbank ebenfalls eintritt. Die Frage ist dann, wie werthaltig sind die bei der nationalen Notenbank hinterlegten Sicherheiten. Was macht dann die EZB mit dem Buchgeld? Das Buchgeldloch mit neuem Buchgeld füllen.
    Die EZB kann jederzeit die Diskussion beenden, indem sie veröffentlich, welche “Sicherheiten” den Guthaben auf den Target2-Konten gegenüberstehen.

    • @braverBuerger: Danke für Ihren Kommentar. Dass durch die Lockerung der Sicherheiten in den geldpolitischen Operationen der EZB die Risiken bei der Geldschöpfung steigen, bestreitet niemand, ich auch nicht. Das hat die Bundesbank bereits im Februar letzten Jahres in ihrer ersten Pressemitteilung zu Sinns Target2-Äußerungen betont, und ich habe es immer wieder geschrieben. Die Debatte kreist im Kern darum, ob durch Target2 ZUSÄTZLICHE Risiken entstehen. Und das ist eben nicht der Fall, solange die Euro-Zone nicht auseinanderfliegt.

  6. Sinn hat sehr wohl Verdienste erworben – alleine dadurch, dass er auf Target2 hingewiesen hat. Nur ist das eigentliche Problem gar nicht der Zusammenbruch des Euro in diesem Zusammenhang.

    Das Problem ist die unterschiedliche Besicherung von Zentralbankkrediten, was sich dann über Fluchtgeld in den Target2-Salden wiederfindet. Als solches ist Target2 nämlich ein Indikator für diesen Prozess, dem Drucken von griechischem Schrottgeld.

    Dieser Vorgang vermindert die deutsche Kaufkraft zu Gunsten der Krisenländer, denn die Griechen können sich Geld drucken, dass sie normalerweise gar nicht haben dürfen. Und kaufen sich mit diesen “Blüten” dann noch hochwertige Immobilien in Deutschland.

    Siehe Target2.

    Wie kann man fordern, dass ein deutscher Euro noch wie ein griechischer Euro behandelt wird, wenn die Griechen aufgrund von höchst zweifelhaften Sicherheiten (griechische Staatsanleihen) theoretisch unbegrenzt Geld schöpfen dürfen?

    Sinn erklärt es lediglich nicht richtig, siehe hier:
    http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820706,00.html

    Alex