Herr Riecke schießt über das Ziel hinaus

Im Handelsblatt vom 2. März kritisiert Torsten Riecke scharf die EZB und die Euro-Länder („Europas Kanoniere schießen über das Ziel hinaus“, online: “Weidmanns Mahnung ist richtig”).

Bei ihren Rettungsmaßnahmen hätten sie „jedes Maß verloren“. Herr Riecke errechnet als Beleg eine Gesamtsumme des Europäischen Hilfsvolumens von 3000 Mrd. Euro. Es lohnt sich, seinen Rechnungen auf den Grund zu gehen.

Zunächst einmal zählt Herr Riecke die beiden Long Term Refinanacing Operations (LTROs) aus den Monaten Dezember und März als Hilfspaket. Tatsächlich handelt es sich aber um Kredite, für die Sicherheiten gewährt werden. Über die Qualität dieser Sicherheiten lässt sich trefflich streiten, aber man sollte sie nicht unerwähnt lassen.

Bei den etwa 480 Mrd. Euro von Dezember und den etwa 500 Mrd. Euro von März handelt es sich zudem um Bruttobeträge, von denen man die Beträge zur Erneuerung auslaufender Refinanzierungsgeschäfte abziehen sollte.

Anschließend addiert Herr Riecke die Taget II Salden zu dieser Summe. Das hat wenig Sinn. Zunächst einmal gilt auch hier: wo ein Target Saldo entsteht, hat die nationale Notenbank, die hier (z.B. von der Bundesbank) im Zusammenhang mit einem Auslandsgeschäft einen Kredit aufnimmt, zugleich eine Forderung an einen meist inländischen Target II – Teilnehmer.

Entweder, diese Forderung wird von diesem Teilnehmer direkt beglichen, oder es wird ein Kredit aufgenommen. Genau das kann im Zuge einer LTRO geschehen. Herr Riecke zählt Beträge also doppelt.

Ein Beispiel: Ein Italiener überweist 1000 Euro von seinem italienischen auf sein neues deutsches Girokonto. Die Überweisung verläuft über die Kette Banca d’Italia – EZB – Bundesbank. Seine italienische Bank verfügt nicht über das Zentralbankgeld, um die Überweisung zu finanzieren.

Sie reicht deshalb ein Wertpapier bei der Banca d’Italia ein, um einen Kredit im Rahmen der LTRO zu erhalten. Mit den Mitteln aus diesem Kredit begleicht sie die Forderung. Damit entsteht zugleich eine LTRO über 1000 Euro und ein Target Saldo von 1000 Euro. In der Rechnung von Herrn Ricke werden daraus 2000 Euro.

Die Analyse der Politik der Euro-Länder und der EZB verdient wegen ihrer Bedeutung Genauigkeit.

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Alle Kommentare [3]

  1. Werter Herr Grüner,

    irgendwie habe ich mit Ihren Ausführungen ein Problem. Bereits vor den LTRO in 12/11 und 03/11 hatten einige Zentralbanken (wie z.B. die Deutsche Bundesbank) aus Target II Forderungen gegen andere Zentralbanken. Diese waren in voller Höhe besichert durch Wertpapiere, diese WP sind also bereits verwertet.

    Nunmehr hat die EZB mittelfristige Tender (drei Jahre sehe ich persönlich nicht als ‘long’ an) an die Zentralbanken ausgegeben – worin bestehen denn die Sicherheiten dafür? Das sind zusätzliche Wertpapiere, die mit den Papieren aus Target II meiner Meinung nach nichts zu tun haben.

    Es geht doch wohl im Kern um die Frage, was die Zahlungszusagen am Ende wert sind.

  2. Lieber Herr Grüner,
    natürlich verlangt die EZB Sicherheiten. Nur über die Qualität dieser Sicherheiten wird gerade trefflich gestritten (siehe Weidmann-Brief). Bei der Brutto-/Nettorechnung der Refinanzierungsgeschäfte bin ich nicht ganz bei Ihnen. Da es sich um eine dreijährige Laufzeit handelt, müssen die im Dezember aufgenommenen Kredite durch die Banken noch nicht wieder abgelöst werden. Bei den Target-Salden scheint es zumindest unterschiedliche Sichtweisen zu geben. Wie sonst könnte Hans-Werner Sinn die „lokale Gelddruckerei“ in Italien und Frankreich anprangern? Ich sehe aber, dass es hier durchaus zu Doppelzählungen kommen kann. Doch selbst wenn man etwaige Dopplezählungen berücksichtigt, bleibt das Volumen gigantisch.
    Torsten Riecke