Über „Euro-Standard Bills“, „Euro-Safe-Bonds” und “Eurobills”

Die Ideen-Palette zum Thema Euro-Bonds ist seit gestern um einen Vorschlag reicher: In ihrem neuen Report hat die „European Economic Advisory Group“ (eine Gruppe von acht Forschern um Ifo-Chef Hans-Werner Sinn und KOF-Chef Jan-Egbert Sturm) sogenannte „Euro-Standard Bills“ zur Diskussion gestellt. Sie sollen es möglich machen, die positiven Merkmale der Euro-Bonds zu nutzen, die negativen aber zu vermeiden.

Zuvor hatten andere Forscher-Gruppen bereits ähnliche Vorschläge gemacht – und ihnen lustige Namen gegeben: So etwa Christian Hellwig/ Thomas Philippon mit ihren „Euro-Bills“ und Markus Brunnermeier et al. mit ihren „Euro-Safe-Bonds“.

Die Idee der Eurobonds unterscheidet sich fundamental von der derzeitigen Politik der Rettungspakete: So versucht man in der EU gerade, den angeschlagenen Staaten mit teuren „einmaligen“ Milliarden-Zuschüssen und –Bürgschaften zu helfen, ihre Zinsen zu senken – in der Hoffnung, danach wieder den Status Quo herstellen zu können, bei dem alle selbst für ihre Schulden verantwortlich sind. Mit Eurobonds würden dagegen alle gemeinsam – und auf Dauer – füreinander haften, indem sie gemeinsame Staatsanleihen ausgeben: Eine Politik, die erstmal billiger, aber in der Zukunft möglicherweise riskanter wäre – zumal die reichen Staaten nicht mehr die Möglichkeit hätten, die Reissleine zu ziehen.

Die Vorteile der Eurobonds:

  1. Die angeschlagenen Staaten müssten für neue Kredite viel weniger Zinsen zahlen – und hätten so eine Chance, sich zu sanieren.
  2. Staatsanleihen würden wieder zur sicheren Anlageklasse: Das fatale Problem, dass aus den Null-Risiko-Staatsanleihen vieler Staaten plötzlich hochriskante Zocker-Papiere geworden waren, wäre beseitigt. Letzteres hatte viele Banken in der Eurozone (größtenteils unverschuldet) erst illiquide und dann fast insolvent gemacht – weil große Teile ihrer Vermögenswerte aus Anleihen ihrer Heimatstaaten bestanden.

Die Nachteile:

  1. Wirtschaftlich solide Staaten wie Deutschland müssten für ihre Schulden höhere Zinsen zahlen.
  2. Staaten mit mangelnder fiskalpolitischer Disziplin könnten Trittbrett fahren – und weiterhin hohe Schulden anhäufen. Denn das wäre ja dann wieder billiger.

Die drei Vorschläge für modifizierte Euro-Bonds versuchen nun, einen Weg zu finden, zumindest den zweiten Nachteil auszuschließen. Dabei haben alle den gleichen Grundgedanken: Die Staaten sollen „gerechtfertigte“ Kredite zu niedrigen (EU-weit einheitlichen) Zinsen aufnehmen können, „ungerechtfertigte“ jedoch nur zu hohen. Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass laxe Disziplin bestraft wird, echte Anstrengungen aber gefördert. Vorgeschlagen wird jeweils, neue Europa-Anleihen gemeinsam als neue, sichere Anlageklasse anzubieten – und im Falle einer Staatspleite bevorzugt zu bedienen.

Wie so etwas umgesetzt werden könnte – und welche Schulden eigentlich gerechtfertigt wären und welche nicht – darüber gehen die Meinungen aber auseinander:

Euro-Safe-Bonds: Brunnermeier et al. empfehlen, dass eine gemeinsame Organisation den Eurostaaten Schulden im Wert von jeweils 60 Prozent der Wirtschaftsleistung abnehmen – und diese am Kapitalmarkt als neue Anlage anbieten soll. Für diese Anleihen (insgesamt 5,5 Billionen Euro) bürgen dann alle Staaten gemeinsam, so dass die Zinsen sinken (und die Ratingagenturen ein schönes „AAA“ draufkleben). Für alle Schulden, die die Staaten darüber hinaus haben, haften die einzelnen Länder dann alleine. Die Botschaft: Bis 60 Prozent ist alles in Ordnung, danach wird es teuer. Das dürfte die Staaten dann ausreichend disziplinieren, trotz gemeinsamen Bonds nicht Trittbrett zu fahren, so die Hoffnung.

Euro-Bills: Hellwig und Philippon schlagen vor, dass eine EU-Behörde zu einem bestimmten Stichtag beginnt, gemeinsame einjährige Anleihen auszugeben, deren Erlöse dann den Staaten zur Verfügung gestellt werden. Die Summe wird pro Staat auf zehn Prozent der Wirtschaftsleistung begrenzt – und alle Staaten, die nicht wie versprochen konsolidieren, werden an die kurze Leine genommen und im nächsten Jahr vom Handel ausgeschlossen. Die Staaten müssten den Rest ihrer Schulden dann teuer über eigene Langfrist-Anleihen finanzieren.

Euro-Standard-Bills: Die European Economic Advisory Group setzt ebenfalls auf Kurzfrist-Anleihen. Anders als bei Hellwig und Philippon sollen aber keine gemeinsamen, sondern weiterhin individuelle Anleihen ausgegeben werden. Diese sollen allerdings dadurch für Anleger attraktiv gemacht werden, dass sie strengen einheitlichen Regeln unterliegen sowie bevorzugt bedient, durch einen Pfand (Immobilien oder Steuereinnahmen) besichert und auf einen bestimmten Prozentsatz der Wirtschaftsleistung begrenzt werden. Abhängig von der Bonität der einzelnen Länder ergäben sich dann zwar trotzdem Unterschiede bei den individuellen Zinsraten, erwarten Sinn und seine Kollegen – doch anders lasse sich das Problem des Trittbrettfahrens nicht in den Griff bekommen.

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Alle Kommentare [7]

  1. Dass Menschen mit gesundem Menschenverstand so viel Unsinn ausdenken können, ist nicht vorstellbar – außer vielleicht die Euro-Standard-Bills vom geläuterten Realisten Sinn.

    Die einfachste Lösung ist ein Moratorium aller “Rettungsaktionen” und Geltendmachen des Art.125 AEUV Maastricht, der am 9.10.2010 auf Drängen der beiden Bankerfreunde IIF-Chef Josef Ackermann und Chefbanker Jean Claude Juncker für seinen Finanzplatz Luxembourg gebrochen wurde. Seitdem ist aus der ursprünglichen Leistungsunion eine Schuldenunion auf Kosten Deutschlands geworden.

    In den USA gilt der ART.125 seit hunderten von Jahren zwischen den Bundesstaaten gemäß der eisernen Regel

    BAILING OUT A STATE IS NOT AN OPTION !

    So war der Bundesstaat California zu Zeiten Arnie Schwarzeneggers wegen dessen unsolider Haushaltsführung zahlungsunfähig, ohne dass das Obama, Bernanke oder die anderen 49 Bundesstaats-Gouverneure gejuckt hätte. California liegt weltweit an achter Stelle nach seiner Wirtschaftsleistung. Niemand kam auf die bescheuerte Idee zu sagen, zerbricht der Dollar, zerbrechen die Vereinigten Staaten. Eine solche Politikerin hätte man in die Klappsmühle gesteckt.

  2. Also wer bis jetzt noch nicht das Spiel durchschaut hat, dass die Mäuse größer als die Katze sind, dem ist nicht zu helfen. Denn genau diese setzen weiter auf statistische Bezugsgrößen und lassen außer Acht, dass man keiner Statistik glauben sollte, die man nicht selbst gefälscht hat.

    Der Vorschlag Prof. Sinns ist der einzige der etwas Sicherheit bietet, wo aber selbstverständlich der Vertrag mit allen Zwischentönen äußerst genau gelesen werden sollte, denn bei den Erfahrungen bis jetzt ist die Gefahr groß, dass für italienische, griechische Anleihen möglicherweise deutsches, holländisches Pfand vereinnahmt würde. Ohne Scham.

    Ansonsten schließe ich mich Herrn Kraa an.

  3. Einer der Initiatoren der neuen Finanzierungs-Instrumente der “Europa-Union”, Prof. Sinn, hat in einem FAZ-Interview am 18.02.2012 gesagt, der Zug in Richtung Transferunion sei bereits abgefahren, und da hat er sicherlich Recht: Insbesondere dieser Staat, der im Hinblick auf demokratische Spielregeln den Charakter eines Hobbes´schen Leviathan hat, ist wohl wild entschlossen, sich jede Art der Mitwirkung der Menschen, die das alles mal bezahlen müssen, zu verbitten und voll auf Eurokraten, Export- und Bankenlobby und die großen Vermögensbesitzer in aller Welt abzufahren und sie haben dabei auch alle Zustimmung der ihr als bezahlte Hilfskräfte zur Verfügung stehenden sogenannten dritten Gewalt. Das gilt sowohl für die große Zustimmung für die Griechenland-Hilfspakete und das wird auch beim ESM so sein, auch wenn dort eine zwei Drittel-Mehrheit eingefordert wird und nicht bereits sieben Abgeordnete genügen. Alle übrigen Zeitgenossen, auch die Fachleute, zum Beispiel Jens Weidmann in der FAZ vom 01.02.2012, glauben nicht daran, daß die neu aufgelegten Fiskalpakte auch nur die Chance irgendeiner Realisierung haben werden (genau so wenig wie die bisher abgeschlossenen “Stabilitätspakte” der EU). Zurzeit veranstalten die PIGS-Staaten ein Schaulaufen vor den Eurokraten und der applaudierenden Weltöffentlichkeit (insbesondere aus USA, dem Schuldenland No.1 weltweit) und sind ängstlich bemüht, Maßnahmen zur Stärkung ihrer Wirtschaftskraft im Hinblick auf die ausstehenden globalen Finanzierungszusagen (ESM) in engen Grenzen zu halten (siehe auch Aussage Prof. Sinn im FAZ-Interview vom 18.02.2012)
    Die hier gemachten Vorschläge sind also ein Akt des Fatalismus, weil ja eigentlich die Falle, in der wir alle sitzen, bereits mit der Entscheidung für den Euro als Gemeinschaftswährung aufgestellt worden ist und wir alle schon um die Jahrtausendwende hineingetappt sind.
    Somit sind solche Vorschläge für mich jetzt nichts weiter als akademische Spielereien, bestenfalls der Ausdruck von Gewissensnotständen.

  4. Alle Vorschläge könnten praktikabel sein, wenn die eingebauten Bremsen auch ziehen würden. Dass sie das nicht machen, ist aus den bestehenden Verträgen hinreichend bekannt. Die Regierungen übernehmen wie gewohnt, was sie für richtig halten und dem Norden viel Geld kostet. Bremsen jeglicher Art gehören bekanntlich nicht dazu. Es würde also auch nur ein Fass ohne Boden.

  5. Euro-Safe-Bonds würden nichts anderes bewirken, als die Hemmschwelle für exorbitante Defizite 60 Prozent höher zu setzen. Um die Erfahrungen der jetztigen Krisenmechanismen reicher haben Pleitestaaten nicht wirklich viel zu befürchten, siehe LTRO, EMS, EFSF, PSI, PSO….die Glaubwürdigkeit ist längst abhanden gekommen, die vorgesehenen Strafen des Fiskalpaks (0,1% des BPI) liegen weit unterhalb der Kostenvorteile aus weiteren Schulden. Wenn man eins aus der Krise bislang gelernt haben sollte, dann den Umstand, das Hoffnungen deplaziert sind.

    Euro-Safe-Bonds und Euro-Bills laufen letztlich darauf hinaus, 3,2 Billionen Euro südeuropäischer Schulden zu vergemeinschaften.

    Lediglich die Euro-Standard-Bills von Prof. Sinn zeigen, dass hier kein Illusionist, sondern ein (geläuterter) Realist am Werke ist.

  6. Euro-Rata`s:
    Euro-Bonds, die a) von jedem Euro-Staat (ES) ausgegeben werden können, soweit das von einem Gremium der ES beschlosene Länder-Limit nicht überschritten wird, b) für deren Nennwert der ausgebende ES in Höhe des doppelten Prozentsatzes seines Prozentanteiles an der EZB haftet, c) für deren Zinsen der ausgebende ES alleinig haftet und d) für deren restlichen Nennwert alle ES strikt (fällt einer aus, geht das zu Lasten der Gläubiger) pro-rata haften.

    Vorteile für den ausgebenden ES: a) die Zinsen sind niedriger, als wenn er allein haftend Bonds ausgeben würde, b) obwohl die Zinsen höher als bei gesamtschuldnerischen Euro-Bonds sind, kann der ES sich mit Kurzläufern behelfen und für seine Reformerfolge zeitnahe Belohnungen des Marktes erhalten und c) da das Ausfallrisiko für Gläubiger – insbesondere bei Kurzläufern – bedeutend verringert ist (verglichen mit alten ES -Anleihen) ist der Kapitalmarkt wieder offen.

    Vorteile für die Kern-ES: a) Die bei gesamtschuldnerischen Euro-Bonds unmäßigen Haftungsrisiken für die derzeitigen AAA-Länder als Garantiegeber of last resort bleiben im vertretbaren Bereich, b) die sich ergebenden unterschiedlichen Zinssätze für die ES zerstören nicht die der jeweiligen Notlage geschuldete Motivation zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit und Reform des nachhaltig nicht vertretbaren Wirtschaftens und c) die alleinige Verantwortung des ausgebenden ES für die Zinsen schärft für diesen die Erkenntnis, dass ein Nachlassen in den Reformbemühungen zeitnahe Konsequenzen haben würde. Diese Lösung hat den Vorteil, dass Belohnung und Bestrafung weiterhin dem Markt überlassen ist und nicht durch ein politisches Einverständnis der ESen herbeigeführt werden muß.

  7. Der Vorschlag drei ist der einzig akzeptable.

    Der Vorschlag eins, enthält einen Gedankenfehler. Selbst, wenn nur für 60% gebürgt wird, so verschlechtert sich dennoch das Länderrating aller teilnehmenden Länder, da die Wahrscheinlichkeit stark setigt, dass diese gezogen werden. Außerdem gibt es aufgrund der fehlenden Regeln für Staatspleiten (von Insolvenz kann keine Rede sein) kaum realistisch zwischen den 60% sicheren Anleihen und dem darüber hinausgehenden Anteil zu trennen.

    Der Vorschlag zwei enthält ebenfalls die Fehlannahme, dass sich das Rating der wenigen Rest AAA-Staaten auf alle Teilnehmer überträgt. Das ist Quatsch. Vielemehr würde sich auch das Rating für die besseren Staaten verschlechtern und das des Gesamtpaketets deutlich unter dem der besseren Staaten liegen. Außer die Ratingagenturen pennen. Außderdem ist ein niedrigerer Zins für diei PIIGS-Staaten nicht hilfreich. Die PIIGS-Staaten haben bewiesen, dass sie sich nur durch hohe Zinsen für unbotmäßige Schulden abschrecken lassen. Es wäre auch ungerecht, wenn die seiöseren Staaten höheren Zinsen zahlen. Es ist schlkicht verfassungswidrig. Auf keine Fall dürfen diese Anleihen für PIIGS-Staaten begeben werden, sondern nur als solche, deren Zahlungsdienstfähigkeit unzweifelhaft ist.