Anfang Februar ist in der Fachzeitschrift “Science” eine bemerkenswerte Studie erschienen: Die beiden US-Ökonomen Allen W. Wilhite und Eric A. Fong leuchten aus, wie sehr wissenschaftliche Fachzeitschriften versuchen, ihre Reputation zu manipulieren.
Im Kern geht es um die folgende Frage: Wie sehr werden Wissenschaftler, die eine Arbeit bei einer Fachzeitschrift einreichen, von den Herausgebern dazu genötigt, Arbeiten zu zitieren, die sie eigentlich gar nicht zitieren wollen?
Wilhite und Fong haben für ihre Studie mit dem Namen “Coercive Citation in Academic Publishing” fast 6700 Wissenschaftler nach ihren Erfahrungen damit befragt.
Das heißeste Eisen der Studie ist ganz am Ende des Online-Anhangs versteckt: Die Schwarze Liste mit den Namen der Fachzeitschriften, bei denen das nach Angaben der Befragten besonders häufig vorkommt.
- Journal of Business Research – 49 Nennungen
- Journal of Retailing – 43 Nennungen
- Marketing Science – 29 Nennungen
- Journal of Banking and Finance- 24 Nennungen
- Information and Management – 19 Nennungen
- Applied Economics – 18 Nennungen
- Academy of Management Journal – 14 Nennungen
- Group and Organization Management – 13 Nennungen
- Journal of Consumer Psychology – 9 Nennungen
- Psychology and Marketing – 8 Nennungen
Fachzeitschriften und auch Einzelforscher können mit erzwungenen Zitaten ihre wissenschaftliche Reputation schönen – denn der Einfluss und die Qualität von Forschung wird heute stark daran gemessen, wie oft andere Forscher die Arbeiten aufgreifen.
Es gilt die Faustregel: Je häufiger eine Studie zitiert wird, desto einflussreicher ist sie. Und je häufiger Artikel aus einer bestimmten Fachzeitschrift zitiert werden, desto stärker wird sie beachtet.
(Auch die VWL- und BWL-Forscherrankings des Handelsblatts funktionieren im Kern nach diesem Prinzip – die Impact Faktoren der Journals bestimmen das Gewicht, dass ein Aufsatz aus dieser Zeitschrift im Ranking erhält.)
Das gibt den Herausgebern der Fachzeitschriften Macht gegenüber Wissenschaftlern, die darin veröffentlichen wollen. Sie können Aufsätze ohne große Begründung ablehnen – oder den Autoren einen Kuhhandel anbieten. Nach dem Motto: Wenn du ein, zwei Arbeiten, die in unserem Journal erschienen sind, erwähnst, dann würden wir den Artikel drucken.
Die Forscher schildern zwei Beispiele:
“Recently a friend had an article accepted for publication. Two weeks after that
acceptance the editor sent another letter asking the author to add citations from his journal. Specifically the editor wrote, “you only use one (name of my journal) source which is unacceptable. Please add at least five more relevant-(name of my journal) sources.”Another colleague had a similar experience at the submission stage; the editor
asked her for three more citations to his journal before he would send her
manuscript out for review. Note, these citation requests did not mention omitted content or shortcomings in the manuscript’s analysis; they simply asked authors to cite related articles in the editor’s journal.”
Wilhite und Fong stellen fest, dass es sich dabei längst nicht nur um Einzelfälle handelt. Ihr Fazit lautet:
“We find that coercion is uncomfortably common and appears to be practiced opportunistically. As editors game the system and authors acquiesce, the integrity of academic publications suffers. (…)
Additionally, some editors seem to target specific articles and authors. (…)
Without action, the situation is likely to deteriorate,”
Besonders stark verbreitet ist diese Praxis offenbar in der Betriebswirtschaftslehre – dort kommt es deutlich häufiger vor als in der VWL, der Soziologie und der Psychologie.
Die ganz große Mehrheit der befragten Wissenschaftler (86%) hält die Zitate-Nötigung für unangebracht, und 81 % sind überzeugt: Darunter leidet auf Dauer das Prestige einer Fachzeitschrift.
Dennoch würden 57% sich auf das Spielchen einlassen und im Fall der Fälle eigentlich überflüssige Zitate einbauen. Und nur 7% erwartet, dass sich die Kollegen einem Nötigungsversuch widersetzen würden.
Die beiden Forscher empfehlen, dass Wissenschaftsverbände wie die “American Economic Association” einschreiten sollten:
“Academic associations could help by officially condemning the practice. Their action would raise the cost of coercion to editors and might help persuade organizations that promote impact factors to remove self-citations from those calculations, which would eliminate the coercive motive.”
Alles in allem sind die Ergebnisse der Studie wirklich beklemmend – sie stützen eindeutig die These des IfW-Chefs Dennis Snower, der jüngst in einem Interview mit mir harsche Kritik am derzeitigen Publikationsprozess übte:
“Das traditionelle Verfahren gibt den Herausgebern der Journale und den Gutachtern zu viel Macht – diese Leute können Gott spielen. Die ethischen Werte, die für Wissenschaftler zentral sein sollten, sind uns abhanden gekommen. (…)
Im traditionellen Gutachterverfahren fehlt die Transparenz. Herausgeber, die eine Studie aus welchen Gründen auch immer persönlich nicht mögen, können sie ganz bewusst an Gutachter schicken, von denen sie sehr genau wissen, dass sie die Arbeit ablehnen werden. Viele Gutachter arbeiten auch unglaublich langsam und schreiben unfaire Reports. Das hat vermutlich jeder Ökonom schon mehrfach erlebt. Neue Ideen haben es dadurch sehr schwer.”
Als PDF kann man die Studie “Coercive Citation in Academic Publishing” übrigens hier herunterladen.
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Ein Kommentar zu “Das schmutzige Geschäft mit Zwangszitaten”
Die Ergebnisse dieser Studie sind ja ein echter Hammer. Das Online-Reputation manipuliert wird, wie heute im Handelsblatt zu lesen war (http://www.handelsblatt.com/technologie/it-tk/it-internet/web-bewertungen-der-propagandakrieg-im-internet/6239550.html) ist ja schon nicht mehr so überraschend. Dass nun aber auch im sonst so seriösen Wissenschaftsbetrieb in diesem Ausmaß so gearbeitet wird, das finde ich ausgesprochen bedrückend.
Selbst wenn die betroffenen Fachzeitschriften, die das vermutlichen abstreiten werden, Konsequenzen ziehen, kann ja nur eine Folge sein, dass wir künftig stärker auf Inhalte und Überprüfbarkeit von Aussagen achten, als darauf, wie oft und von wem die Aussagen zitiert werden.
Die Studie liefert aber auch ein weiteres Argument gegen den Veröffentlichungsfetichismus in den “renomierten” Fachjournalen.