Herr Brüderle und die “asozialste Steuer”

Im  Handelsblatt schreibt FDP Wirtschaftsexperte Rainer Brüderle über die Verteilungswirkung der Inflation. Seine Anmerkungen zu diesem Thema verdienen eine nähere Analyse.

Es gibt Themen, die so wichtig sind, daß eine differenzierte Betrachtung angebracht ist. Dazu gehört auch die drängende Frage nach der Verteilungswirkung der verschiedenen Lösungsmöglichkeiten für die Schuldenkrise. Denn die Verteilung der Lasten der Schuldenkrise wird über die politische Zukunft Europas mitentscheiden.

Nach Rainer Brüderle ist Inflation nun die “asozialste Steuer, die man sich vorstellen kann”. Er meint damit vermutlich, daß sie arme Leute stärker belastet als reiche. Aber stimmt das?

Bei der Verteilungswirkung muß man zunächst zwischen erwarteter und unerwarteter Inflation unterscheiden. Erwartete Inflation lässt sich vorab in Zinsen und Lohnabschlüsse einpreisen. Unerwartete Inflation hat hingegen eine viel stärkere Verteilungswirkung. Sie reduziert das reale Vermögen von Gläubigern. Bezieher hoher Einkommen haben häufig aber auch mehr Vermögen. Damit sind gerade sie es, die oft durch unerwartete Inflation Verluste erleiden.

Inflation führt zur “kalten Progression” – das betrifft vor allem mittlere Einkommen. Zugleich senkt Inflation den realen Vermögensertrag nach Steuern wenn – wie in Deutschland – der nominale Ertrag besteuert wird. Gegen überraschende Inflation sollten also durchaus auch vermögende Menschen etwas haben.

Die Bewertung der Verteilungswirkung von Inflation als Ausweg aus der Schuldenkrise erfordert aber vor allem auch die Analyse der Verteilungswirkung der Alternativen.

Zum Beispiel: Eine italienische Vermögensteuer zum Abbau italienischer Schulden ist sicher sozialer als Inflation. Europaweite Kürzungen im Sozialbereich qualifizieren sich dagegen kaum als soziale Alternative.

Auch die internationale Verteilungswirkung sollte man sich einmal näher ansehen. Eurobonds wären zum Beispiel ein Umverteilungsmechanismus von Nord- nach Südeuropa. Inflation entwertet hingegen die langfristigen Staatsanleihen aller Europäer (also zum Beispiel auch die vermögender Griechen) und auch nicht-europäischer Gläubiger.

Es gibt wichtige andere Gründe, Inflation abzulehnen, als die Verteilungswirkung. Inflation als Ausweg aus der Schuldenkrise verändert die Inflationserwartungen. Sollte die EZB weiterhin bedrängt bleiben, Inflationsrisiken aufzubauen, so wird es immer schwerer, die Inflationserwartungen auf niedrigem Niveau zu verankern. Ohne glaubwürdige Zentralbank kann die fiskalische Disziplin gänzlich verloren gehen. Die nominalen Zinsen neuer Staatsanleihen werden steigen und die Verzerrungen durch Inflationsunsicherheit werden zunehmen.

Ein Abbau der Inflation ist dann ein langer und ineffizienter Prozess, der nur gelingen kann, wenn die strukturellen Probleme der Haushalte gelöst werden. Das ist der eigentliche Grund, weshalb es essentiell ist, die Probleme Südeuropas anders zu lösen, als über eine hohe Inflation.

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Alle Kommentare [13]

  1. Inflation ist wirklich eine hochgradig assoziale Steuer. Eben weil sie sich erbarmungslos auf die Grundbedürfnisse der unterdurchschnittlich Verdienenden auswirkt

    Aber ebenso assozial ist eine Mehrwertsteuer auf Lebendsnotwendiges wie Lebensmittel, Medizin, Mobilität usw. Das ist die reine Umverteilung. Gemindert um den bei der Umverteilung anfallenden Bürokratieanteil. Aber genau mit einer Partei, die diese assoziale Steuer hochgeschraubt hat, packtiert Herr Brüderle.

    Leider sind wir durch die hohen Steuersätze und Zwangsabgaben für Rente und Krankenversicherung wie Sklaven an diesen Staat gebunden.

  2. grob gesagt entwertet Inflation Bargeld und Sichtguthaben als auch Forderungen ; wer unten in der sozialen Hierarchie steht wird alles drei nicht haben. Unternehmer haben Ihr Vermögen im Unternehmen stecken,
    Inflation gibt Ihnen Preiserhöhungen mit denen Sie wiederum die höheren Preise der Lieferanten und steigende Löhne bezahlen können , also ein Nullsummenspiel, bei Immobilieneigentümern wird es nicht möglich sein die Mieten so schnell der Inflation anzupassen, aber die Substanz bleibt erhalten. Banken werden Ihre Zinsen auf der Einlageseite anpassen müssen, werden aber auch die Zinsen für die Ausleihungen erhöhen, Sie leben von der Spanne und die bleibt erhalten. Also ich stimme BUBA zu, keine Angst vor einer moderaten Inflation.

  3. soso… wer an ewiges bzw. exponetentielles Wirtschaftswachstum glaubt ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom. (zitat)
    Irgendwann gehts einfach nicht weiter nach oben…und Zinseszins ist ein Bug von vielen.

  4. Inflation ist dann sogar sozial gerecht, wenn das Steuersystem sowie Lohn- und Rentenerhöhungen inflationsindexiert sind. Die Eigentümer großer Geldvermögen werden hingegen besteuert. Knackpunkt sind die Eigentümer von Mietimmobilien, weil sie die Miete ebenfalls indexieren können. Eigentümer von Edelmetallen sind sogar völlig inflationsverschont.

    Mit ihrer deflationären Geldpolitik hat die Bundesbank in den 80ern und 90ern mutmaßlich technologischen Wandel und die Schaffung von Arbeitsplätzen behindert. Insofern ist eine moderate Inflation gut, wenn denn die Wirtschaft wachsen soll.

  5. Auch wenn man 9 von 10 Porsches wegnimmt, dann wird dadurch nicht die Produktivität der Gesellschaft verbessert, und man wird die Fahrzeuge im Hungerfall auch nicht aufessen können.

    Wenn man hingegen 5 von 10 Beamten dazu zwingt, nicht mehr Tag für Tag nur Papier umzudrehen und die Bevölkerung am Broterwerb zu behindern, und wenn diese 5 Beamten dann etwas Richtiges, Produktives arbeiten müssen, dann kommen wir ein Stück weiter in die richtige Richtung.

  6. Sehr geehrter Herr Grüner,
    der Blog ist Ihre Reaktion auf Hr. Brüderles Äußerungen. Ich frage mich: sind die eine solche Äußerung wert? Einer der Parameter dieser Krise (über deren Bedeutung und Einfluss man gerne streiten kann) ist m.E. die Konzentration auf “Einzelparameter” wie z.B. Inflation, ohne dabei den Kontext zu berichten. Aber genau dieses ceteris paribus bringt nicht weiter in einer solchen Situation. Wahr ist, dass Inflation Einkommen- und Geldvermögen reduziert. Wahr auch, dass insbesondere, vermutlich ausschließlich Vermögende die Möglichkeit haben und nutzen, in relevantem Umfang in Sachvermögen zu investieren. Selbst wenn sich darunter mal eine Staatsanleihe befinden sollte, bedeutet sich aufgrund gekonnter Streuung der berauftragten Vermögensverwaltung nicht den Ruin. Anders eben die Mittelschicht, die treuherzig all die empfohlenen Versicherungen abschließt, die nicht gerade die prickelndste Wertentwicklung hat, und in Fonds investiert, die sich auch nciht mit Ruhm bekelchert haben. Die, die ihr Einkommen für den Konsum einsetzen müssen, bekommen weniger für ihr Geld. Und nun? Was ist daraus zu folgern? Geschenkt.
    Ohne Berücksichtigung von gesetzlichen Rahmenbedingungen ist m.E. aus dme Schlagwort “Inflation” kein nahrhaftes Diskussionsthema zu machen. Sorry.

  7. Das große Problem ist doch, dass in Deutschland die Reichen zu sehr priviligiert werden. Es wird immer von 50 Milliarden Euro für Hartz IV geredet. Die Wahrheit ist aber doch, dass die Subventionen für die deutsche Wirtschaft mit 200 Milliarden Euro noch viel höher liegen. Dazu kommen 50 Milliarden insbesondere von den Reichen praktizierte Steuerhinterziehung jährlich. Da diese Oberschicht am Ende nicht mehr weiß, wohin mit dem Geld, produziert sie auch noch Blasen im Bereich Aktien, Derivate, Immobilien und ähnliches und destabilisiert die Volkswirtschaften damit noch weiter. Es wird Zeit dieser Art von Menschen mit kraftvollen Abschöpfungssteuern einen Teil ihres die Gesellschaft destabilisierenden Finanzspielzeugs wegzunehmen und dieses Geld sinnvoll in Infrastuktur, darunter auch den ökologischen Umbau unserer Gesellschaft, Bildung, die Stabilisierung der Alterssicherungssysteme und -auch wenn Teile der deutschen Linken jetzt wieder schreien werden- die Steigerung der deutschen Geburtenrate durch Förderung junger Familien zu stecken. Aber dafür ist Herr Brüderle als Mitglied der kaltherzigen,neoliberalen FDP ja nicht zu gewinnen. Stattdessen steht bei der FDP nur die Absenkung des insbesondere die Reichen belastenden Solis auf dem Programm.

  8. @orwell
    Ich kann es micht mehr hören. Das tolle “Primat der Politik” hat uns in dieses Schlamassel gebracht und gilt nach wie vor. Die Finanzmärkte haben die Politik nicht gezwungen eine vollständig verantwortungslose Schuldenpolitik zu betreiben oder einen nicht-idealen Währungsraum zu einer Währungsunion zu verschmelzen.

  9. “Bezieher hoher Einkommen haben häufig aber auch mehr Vermögen. Damit sind gerade sie es, die oft durch unerwartete Inflation Verluste erleiden. ”

    Eben nicht, wenn große Teile des Vermögens in Aktien, Immobilien, Rohstoffen stecken ;)

    Das ist doch die Tragödie der Linken.. “Geld ist nicht wichtig, es muss nur da sein. Und wenn es nicht da ist, dann drucken wir es”
    Und von der Geldmengenausweitung profitieren nun mal die am meisten, die ihr Geld in oben genannten Assetklassen angelegt haben.

    Wenn man Pech hat, und das hatten wir die letzten 10 Jahre, dann bilden sich in diesen Assetklassen durch die Geldmengenausweitung auch noch Blasen.. (dotcom-Blase, Immobilien-Blase, Rohstoff-Blasen)

    Geld muss nunmal knapp sein – auch wenns weh tut.

  10. DIE ALTERNATIVE IST OFFENSICHTLICH

    Es muss zunächst schlicht darum gehen, das Primat der Politik wiederherzustellen.

    Eine wirklich das Volk vertretende Regierung würde dann – endlich – dem Grosskapital die Schranken setzen und von Superreich zum 99%igen Rest der Bevölkerung umverteilen.

    Das ist mehr als überfällig – das Geld ist vorhanden,wie die Artikel “Die Deutschen werden immer reicher” im HB zeigen.

    Die Wiederherstellung einer gerechteren Einkommens- und Vermögensverteilung, die sicherlich immer noch leistungsbezogene Unterschiede aufweisen wird und auch darf, aber nicht so extrem ist wie dato, wird für die wirtschaftliche Gesundung der Deutschen (in der Breite) und letztlich auch für die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und des Friedens entscheidend sein.

    So kann es auf jeden Fall ganz offensichtlich nicht weiter gehen.

  11. Ich glaube der entscheidende Punkt, warum Inflation asozial ist, ist der, dass Unter- und Mittelschicht stark von nominalen Vermögen und Zahlungsflüssen abhängen und vergleichsweise wenig Ausweichmöglichkeiten haben. Außerdem macht es einen Unterschied, ob ich jemanden 2 seiner 10 Porsche wegnehme oder jemanden 20% seiner durch verschobenen Konsum also Sparen selbst aufgebauten Altersvorsorge streiche.

  12. “Ohne glaubwürdige Zentralbank kann die fiskalische Disziplin gänzlich verloren gehen.”

    Welche glaubwürdige Zentralbank meinen sie denn bitte? Wohl kaum die EZB nach dem heutigen Griechenbond Swap, oder?

    Die EU, die EZB und das Eurosystem brechen jede Regel, jedes Gesetz, überdehnen ihre Bilanzen bis ins Unendliche, nur um diese systemisch kranke Währung namens Euro noch einen Tag weiter am laufen zu halten.

    Wie gut der Inflationsausgleich in Deutschland seit der Euroeinführung geklappt hat, kann man sich ja bei der Reallohn Entwicklung anschauen. Dann von geplanter also guter Inflation zu sprechen find ich schon bemerkenswert. Die EZB plant doch schon die “gute” Inflation mit ihrem 2% Inflationsziel. Und zentrale Planwirtschaft funktioniert ja wie bekannt immer perfekt. Zumindest solange, wie man die Statistiken fälschen kann.

    Meiner Meinung nach, kann man doch nicht das ganze Geldsystem der staatlichen Gier nach mehr Schuldgeld unterordnen.

  13. Das ist nicht was Bruderle meint. Er meint Inflation ist ein Geldvermehrungsprozess was durch den modernen Kreditvergabesystem entsteht. Erste Nutznießer sind natürlich Bankkaufleute, zweite Nutznießer sind Kreditempfänger. Arme Menschen bekommen gar keine Kredite. Viele Menschen bekommen keine richtige Anpassung des Lohns an der Inflation außer Beamten. Von arme Rentner reden wir mal gar nicht.