Über das Bloggen aus der Dunkelkammer

Die Beschäftigung mit sich selbst ist seit jeher eine der Lieblingstätigkeiten der Blogosphäre. Warum sollte das bei den Wirtschaftsbloggern anders sein?

Derzeit gibt es eine mitunter hitzig geführte Debatte über das Für und Wider des anonymen Bloggens. Angestoßen wurde sie durch meinen FAZ-Kollegen Gerald Braunberger. Braunberger, einer der Hauptautoren des noch jungen Fazit-Blogs der FAZ, monierte in einem Kommentar des anoymen Kantoos-Blogs, dass Kantoos selbst und sein regelmäßiger Gastautor Henry Kaspar

“aus der Dunkelkammer zu argumentieren (…)  aber sich gleichzeitig mit Personen abschätzig zu befassen, die wie ich ihren Namen offen nennen und die Sie gleichzeitig wie meinen Kollegen Patrick Bernau brauchen, um etwas aus der Anonymität besserwisserisch zu bekritteln. (…) Wer ein richtiger Mann ist, nennt seinen richtigen Namen.”

In einem PS schob Braunberger  nach:

“Wobei die vermeintliche Anonymität lächerlich ist, wenn man sich in seinen Beiträgen auch an Wirtschaftsjournalisten wendet, die wissen, wie man recherchiert. Es wäre für uns bei der F.A.Z. simpel, die Klarnamen von „kantoos“ und „hkaspar“ zu veröffentlichen. (Wir wissen z.B., wo sich „kantoos“ gerade aufhält.) Wir tun das nicht, weil wir deren Wunsch nach Anonymität respektieren. Was wir unabhängig davon halten, steht in Kürze bei FAZIT.”

Der “Wirtschaftsphilospoh”, ein ebenfalls anonymer Blogger, der von sich behauptet, Professor zu sein, hat dies  als “Drohung” empfunden, und Don Alphons schreibt:

“So kann man eventuell mal einen Praktikanten runterputzen, wenn man wirklich schlecht drauf ist, aber das hier ist das Internet, ein freier Markt, und ob ein FAZ-Redakteur recht hat oder ein Anonymling, liegt völlig im Auge des Betrachters, und der dürfte mitunter abgestossen sein.”

Ich muss gestehen: Auch ich habe gewisse Probleme mit anonymen Bloggern. Ich habe das Thema mit Kantoos und Henry Kaspar mehrfach per E-Mail diskutiert.

Es ist auf eine Art und Weise ein komisches Gefühl, selbst mit voller Identität im Netz vertreten zu sein und dabei mit anderen Leuten zu diskutieren bzw. sich auch mal heftig zu streiten,  von denen man überhaupt nicht weiß, wer dahinter steckt. Das ist eine komische Asymmetrie.

Seltsam ist zum Beispiel die Vorstellung, vielleicht mit Kantoos oder Henry Kaspar schon auf der ein oder anderen VWL-Konferenz geplaudert zu haben, ohne zu wissen, wer da vor einem steht.

Doch das sind  persönlichen Befindlichkeiten, über die ich inzwischen hinweg sehe. Denn Kantoos und Henry Kaspar haben gute Argumente dafür, warum sie ihre wahren Namen nicht nenne. Kantoos ist ein junger Wissenschaftler, der im akadmischen Betrieb sein Geld verdient – er fürchtet um seine Arbeitsmarktschancen an Hochschulen, wenn bekannt würde, dass er ein Blog betreibt.

Große Teile des wissenschaftlichen Establishments schauen  auf Blogs immer noch ziemlich hinab  – und sieht das Bloggen als Zeitverschwendung an. Das ist offenbar nicht nur ein deutsches Phänomen: Im Januar war Noah Smith, ein Phd-Student, der das Blog Noahpinion betreibt, auf der Jahrestagung der American Ecnomic Association auf Jobsuche. Im Economic Job Market Rumours Forum gab es eine intensive Debatte darüber, ob er trotz seines Blogs, in dem er sich immer wieder an der  etablierten VWL reibt, wohl überhaupt eine Chance auf dem akademischen Arbeitsmarkt habe.

Auch bei Henry Kaspar scheint es aus anderen Gründen  nicht mit dem Job vereinbar zu sein, parallel ein Blog zu schreiben. Er schreibt:

“Ich benutze ein Pseudonym nicht weil ich gern „aus der Dunkelkammer“ operiere, sondern weil ich es berufsbedingt nicht anders kann. Die Alternative fuer mich ist nicht unter Pseudonym oder Echtnamen zu schreiben, sondern unter Pseudonym oder gar nicht.”

Das Argument “echte Männer” würden ihre Namen nennen, geht daher  zumindest mit Blick auf Kantoos und Henry Kaspar aus meiner Sicht am Kern der Sache vorbei.

Unabhängig von ihrer Identität ist es die Kraft ihrer Argumente, mit der Blogger überzeugen müssen. Diese Hürde haben  Kantoos und Henry Kaspar problemlos gewonnen: Ihr Blog wird auch international viel beachtet und ernstgenommen. Paul Krugman und Brad DeLong, die regelmäßig in  Debatten mit den beiden einsteigen (zwei Beispiele),  scheinen keine Probleme mit der Anonymität von Kantoos und Kaspar zu haben.

Störend wird die Anonymität tatsächlich dann,  wenn man sich “aus der Dunkelkammer” heraus auf die vermeintlich bessere Ausbildung oder den Doktorvater beruft, wie  Stephan bei Wiesaussieht mit Blick auf Henry Kaspar und den Wirtschaftsphilosophen  gut herausarbeitet:

Aber die Argumentation vom Wirtschaftsphilosoph ist ein bisschen scheinheilig. Er schreibt: „Schließlich muss ich allein mit meinen Argumenten überzeugen, ohne Namen und Titel.” Alles schön und gut. Da stellt sich mir allerdings die Frage warum der Wirtschaftsphilosoph dann regelmäßig in Beiträgen und Kommentaren verlautbart: Hallo. Ich bin Professor.

Das ist ein ganz alter Trick, der in Deutschland besonders gut funktioniert. Kennt man auch als Appeal To Authority. In dem Sinne habe ich auch den Kommentar von Gerald Braunberger verstanden. Henry Kaspar winkt mit seinen ökonomischen akademischen Lorbeeren, aber niemand weiß Genaues. Mit anderen Worten: Der Wirtschaftsphilosoph hat recht. Wer unter Pseudonym schreibt muss nur mit seinen Argumenten überzeugen und auf Selbstbeweihräucherung a’la Appeal To Authority verzichten.

Ich persönlich habe Herny Kaspars Kommentar (“der Vergleich wer von uns qua Ausbildung und Arbeitsumfeld naeher dran ist an zeitgenoessischer Oekonomik bereitet mir keine Sorgen”) als nicht so tragisch empfunden; und hatte auch vorher nicht das Gefühl, dass Kantoos und Henry Kaspar häufig mit ihren wissenschaftlichen Lorbeeren winken.

Außerdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Kantoos und Henry Kaspar Kritik an ihrem auch aus meiner Sicht manchmal etwas schroffen Diskussionsstil sehr ernst nehmen. Ob jemand anonym bloggt oder nicht, ist für mich daher nicht mehr der entscheidende Faktor: Auf den persönlichen Diskusssionstil, auf den Respekt vor den Argumenten und den Personen kommt es an.

Und da gibt es durchaus große Unterschiede in der deutschen Ökonomie-Blogsphäre. Es gibt durchaus  anonyme Blogger, deren  Überheblichkeit und ihre hartnäckige Neigung zum  An-Argumenten-Vorbeiargumentieren mich ziemlich nervt. Aber die versuche ich so gute es geht zu ignorieren.

Und nein, ich nenne jetzt hier keine Namen. Noch nicht mal Pseudonyme.

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence” und meine Facebook-Seite – ich freue mich über jedes “like”!


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Alle Kommentare [10]

  1. @ Handelblog-Gutfinder

    >Wie Gerold Braunberger schon sagte: Die Identität der Kantoos-Blogger ist relativ leicht herauszufinden.>

    Wird auch nur eine einzige Aussage richtig oder falsch, wenn man die Identität herausfindet?

  2. Es gibt gewiss gute Gründe, anonym zu bloggen. Dazu gehört auch der Shitstorm, der im Internet unversehens über einen hereinbrechen kann.

    Es gibt freilich auch nicht ganz so ehrenhafte Motive für das Versteckspiel mit dem Nick: Man kann schon mal straflos gegen einen Mitdiskutanten austeilen. So schrieb ein prominenter Kantoos-Blogger andernorts: “Erst schwätzen, dann denken. Wenn Sie damit Schwierigkeiten haben, suchen Sie Hilfe.”

    Überdies lässt sich in der Anonymität leicht raunen, welch wissenschaftliche Meriten der Blogger doch erworben habe. In Wahrheit ist er dann bestenfalls Fachhochschullehrer in der schwäbischen Provinz, arbeitsloser Lehrbeauftragter oder Stellv. Assistenz-Chefvolkswirt in einem mittelständischen Unternehmen.

    Ich denke, es gibt drei Typen von Foren, an denen Experten beteiligt sind:

    1. Laien fragen Experten um Rat. Dann müssen die Fachleute sich offen zu erkennen geben. Aber dies dürfte eher in Medizin- als VWL-Foren der Fall sein.

    2. Wissenschaftler diskutieren mit Wissenschaftlern. Auch dies sollten sie besser mit Klarnamen tun, damit es in der realen Welt nicht unverhofft zu peinlichen Überraschungen kommt.

    3. Offene Diskussionen, an denen jedermann teilnehmen kann und darf. Hier würde ich empfehlen: Wissenschaftler, die sich auf ihre fachliche Autorität berufen, sollten mit offenem Visier bloggen. Wer jedoch die Anonymität bevorzugt, sollte sich davor hüten, vom Katheder herab zu dozieren. Sonst läuft er Gefahr, plötzlich bloß gestellt zu werden.

    Wie Gerold Braunberger schon sagte: Die Identität der Kantoos-Blogger ist relativ leicht herauszufinden.

  3. Gewisse Themen wie meine Situation als Privatinsolvent kann man nur anonym ansprechen. Daneben behandle ich in meinem Blog auch Themen wie Internetfilter gegen Kinderpornographie oder Kindermisshandlungen … Schon um meine Familie zu schützen ist es nicht möglich das unter meinem Realnamen von mir zu geben.
    Natürlich sind in Blogs und Foren auch viele Lobbyisten, Ignoranten und Trolle unterwegs. Das ist zwar ein Nachteil. Die Vorteile der Wahl zwischen Anonym und Realnamen wiegen das aber bei weitem auf.

  4. Konstruktive Diskussionen wären technisch vermutlich realisierbar.
    Auch Anonym und Pseudonym.

    Z.b. durch gegenseitiges Bewerten. Heise zeigt, wie es eher kaum funktioniert. Aber wenn man zufällige Sätze aus anderen Postings auf “ok” “böse” “illegal” bewerten soll, könnte es funktionieren. Freigeschaltet werden nur Sätze die für gut befunden wurden oder noch mal von der Redaktion überprüft wurden.

    Aktuell sind Diskussionen oft nur Zeitverschwendung weil immer dieselben Argumente kommen und nächste Woche von denselben Fanbois wieder vergessen wurden als ob die Lernbefreit wären oder im Ministerium für Desinformation in irgendeiner Diktatur sitzen und jede Woche ausgetauscht werden oder Ausländer die dadurch Deutsch lernen sollen für den Tag wenn die Firmen günstig aufgekauft werden können. Das kommt DENEN natürlich entgegen wie man täglich in der Zeitung über steigende Armutsrente und noch mehr Gehaltserhöhungen für manche Gruppen nachlesen kann.

    Da man seine Karriere nicht gefährden will, programmiere ich sowas nicht obwohl ich es kostenlos allen Gewerkschaften, Parteien oder Interessengruppen schenken würde. Da die mich aber nicht schützen, hat man weiter fanboi-durchsetzte zeitstehlende “Diskussionen”.
    Konstruktive wirksame effiziente legale demokratische Diskussionen wären vermutlich recht einfach möglich. Man muss es nur wollen. Und man muss es nur dürfen und dafür nicht schikaniert werden… .

    Die 400-Euro-Front oder Discounter-Mitarbeiter wollen reden und sich per Internet organisieren, wie man aktuell an den Interviews mit der Schlecker-Betriebsrätin sehen kann und von ihr auch hört, das bei den anderen Discountern oder großen Ketten andere häufiger zu hörende Unzufriedenheiten herrschen und jede Firma ihre eigenen Organisations-Metheoden hat (Samsung ist ja gerade in der Presse). Die Presse berichtet oft genug nur hinterher. Die Gewerkschaften und Parteien (Piraten sind gemeint) nutzen die Technologie nicht zur Organisierung der Klein-Aktionäre (Handelsblatt-Kunden !!!!!!!!!!!!!!), “kleinen” Arbeitern in schrumpfenden Branchen (letzte(?) Woche eine Druckerei, diese Woche eine Tageszeitung) und kleinen Renten-Empfängern. Und wir alle bezahlen das täglich überall mit.

  5. Es kommt doch nicht auf die Marke an, die auf dem Brief klebt, sondern auf den Inhalt, der drin steckt.

    Und der besteht, wenn es um Klärung und nicht Unterhaltung geht und er diskussionsfähig sein soll, darin:

    Aussagen zu Sachverhalten mit – wünschenswert – Begründungen dafür, warum diese Aussagen richtig bzw. andere falsch sein sollen.

    Im vorliegenden Fall hat Henry Kaspar konkret nachvollziehbar geliefert.

    G. Braunberg ist anderer Meinung als H. Kaspar.

    In einem solchen Fall darf man von Menschen, die mit Erfolg eine Hochschule durchlaufen haben, zu Recht erwarten, dass sie wiederum mit Aussagen und Begründungen für Ihre Meinung – sich auf die konträre, als falsch angesehene beziehend – gegen diese argumentieren.

    Von G. B., der zu diesen Menschen gehört, kam nichts Derartiges, auch nichts von P. Bernau, auf dessen Beitrag sich H. Kaspar bezog.

    Stattdessen das bekannte Spektakel mit einer von mir nicht für möglich gehaltenen intellektuellen Selbstverstümmelung.

    Fazit:

    Wert des Debattenbeitrags von G. Braunberg 0,0.

  6. Ich blogge zwar mit Pseudonym, aber nicht anonym. Ein “komisches Gefühl” bei Diskussionen mit Anonymen hat sich trotzdem bei mir nie eingestellt. Vielleicht liegt das daran, dass ich nun schon 14 Jahre im Netz unterwegs bin. Da ist man nichts anderes gewohnt.

    • Ich bin – privat – auch schon deutlich länger und unter Pseudonym im Netz unterwegs, vor allem in diversen Foren. Das komische Gefühl entsteht durch die Asymmetrie, wenn man selbst nicht-anonym ist, die Leute, mit denen du diskutierst aber nicht.

  7. es ist verpöhnt, weil es den akademischen diskurs banalisiert. nicht nur, dass jeder depp mitreden kann, was durchaus anstrengend ist.. es senkt auch die verbale hürde zum einstieg in den diskurs.

    wird diese hürde gesenkt, setzt dies einen der markantesten abgrenzungsmechanismen außer kraft, den die betroffene wissenschaft sich als erhabenheitsmerkmal gesetzt hat. das wird gerade im expertenhörigen deutschland vehement verteidigt… stellt euch nur mal vor was los wäre, wenn man dieses hochkomplizierte thema in allgemeinverständlichen worten ausdrücken könnte… puh.

    die negative seite dieses abgrenzungsverhalten sind mE solch typen wie dirk müller. was aber auch zeigt, dass es nicht wirklich sinn macht, sicht abzugrenzen, weil das feld gerade dann, den banalen überlassen wird.

    mfg
    mh

  8. Sehr Feiner Beitrag über die Gründe der Anonymität von Bloggern im Internet. Das sollte vielleicht Anlass sein, sich nicht über Kantoos oder den Wirtschaftsphilosoph zu ärgern, sondern die Frage zu stellen, warum im Wissenschaftsbetrieb Blogs eigentlich noch verpönt sind.

    Übrigens gilt dies nicht nur für den Wissenschaftsbetrieb, sondern auch für die Wirtschaftspraxis. Ich habe meinen Blog damals ebenfalls anonym begonnen, um erst einmal ein Gefühl über die Wirkung zu erhalten. Ich fand das allerdings schnell zu mühsam und habe noch kurzer Zeit meine Pseudonym aufgegeben. Geschadet hat es nicht.

  9. Ich bekomme lieber von @mh120480 nützliche Hinweise, als von NN einen Haufen Unfug. Trolle gibt es mit und ohne Klarnamen. Viele bekannte Blogger lassen sich ohne ihr Pseudonym – ihr Markenzeichen! – gar nicht finden. Sachverstand hängt nicht von der Bezeichnung ab.