“The Italian Job” – Die EZB und ihre Lebenslüge

Die Nationalität des EZB-Führungspersonals hat messbaren Einfluss auf die  geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank, zeigt  eine neue Studie. Die Ergebnisse sind so brisant, dass die Forscher wichtige Details der Arbeit unter Verschluss halten.

Mario Draghi

Der neue EZB-Chef Mario Draghi (EZB-Pressebild, Fotograf: Dirk Michael Deckbar)

Heute ist der erste Arbeitstag des neuen EZB-Chefs Mario Draghi.  Neben Draghi sind ab heute zwei weitere Italiener im EZB-Rat, dem wichtigsten Führungsgremium der Bank, vertreten: Lorenzo Bini Smaghi und Ignazio Visco, Draghis Nachfolger an der Spitze der italienischen Notenbank,

Keine anderes Land der Euro-Zone hat damit derzeit so viel Einfluss auf die geldpolitischen Entscheidungen wie Italien – pikanterweise ausgerechnet das Land, das im Mittelpunkt der Schuldenkrise steht.

Mein “Welt”-Kollege Holger Zschäpitz schrieb dazu gestern auf Twitter:

“Ab morgen wird #EZB von 3 Italienern und damit jenen dominiert, die monetäre Rettungstruppe aus FFM am meisten brauchen.”

Welche Rolle spielt die Nationalität der Entscheidungsträger für die Geldpolitik in Europa tatsächlich? Gar keine – das zumindest ist die offizielle Lesart der EZB. Die Mitglieder des EZB-Rates würden in ihrem Amt ihre Pässe gedanklich abgeben und hätten nur noch das Interesse der gesamten Euro-Zone  im Blick.

Aber stimmt das?

Die beiden Ökonomie-Professoren Harald Badinger (Wirtschaftsuniversität Wien) und  Volker Nitsch (TU Darmstadt) sind dieser Frage in einer bemerkenswerten Studie nachgegangen – und entlarven eine Lebenslüge der EZB. Denn die Nationalität der Entscheidungsträger spielt sehr wohl eine Rolle für ihre geldpolitischen Entscheidungen, zeigen die Forscher.

Sie haben mühevoll – und offenbar zum Entsetzen der EZB – im Detail recherchiert, wie die verschiendenen Nationalitäten in den Führungsgremien der Notenbank repräsentiert sind. Für 190 der 210 Führungskräfte, die die EZB zwischen 1999 und 2010 ernannt hat, haben sie die Nationalität ermitteln können.

Die Ergebnisse der vor wenigen Wochen veröffentlichten Arbeit mit dem Titel “National Representation in Multinational Institutions: The Case of the European Central Bank” sind  brisant – so brisant, dass Badinger und Nitsch den interessantesten Teil der Studie unter Verschluss halten.

Denn die Ökonomen stellen fest: Hochrangige EZB-Vertreter holen bevorzugt ihre Landleute in die Notenbank – das führt dazu, dass sich nationale Netzwerke in der EZB gebildet haben. Und diese Netzwerke beeinflussen die geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank nachweisbar – die Zinspolitik orientiert sich laut Studie spürbar an den ökonomischen Bedürfnissen der Länder, die stärker in der EZB vertreten sind.

Badinger und Nitsch beschreiben ihr Ergebnis so:

“Looking at the European Central Bank, we show that nationality is indeed relevant for both hiring and decision-making.  (…) There is evidence for the existence of national networks between adjacent management layers. Finally, monetary policy decisions seem to be linked to national representation in the core business areas of the ECB.”

Wie messen die Ökonomen denn Einfluss der nationalen Repräsentanz auf die Geldpolitik? Grundlage ist eine gängige Faustregel zur Bestimmung der optimalen Geldpolitik, die so genannte Taylor-Regel. Darin fließen neben der erwarteten Inflation und dem Inflationsziel der Notenbank auch der so genannte “Output Gap” ein – ein Indikator für die Konjunkturlage.

Badinger und Nitsch vergleichen die Ergebnisse von zwei verschiedenen Taylor-Regeln:  Sie berechnen sie einerseits auf Grundlage der tatsächlichen ökonomischen Gewichte der einzelnen Länder der Euro-Zone  – andererseits verwenden sie statt der realen ökonomischen Gewichte die Anteile, die die verschiedenen Länder innerhalb der EZB-Führungsgremien haben.

Sie stellen fest: Die zweite Variante der Taylor-Regel beschreibt die tatsächlichen geldpolitischen Entscheidungen der EZB deutlich besser als die erste. In der Studie liest sich das so:

“there is convincing evidence that the empirical fit of the Taylor rule based on national representation weights in the management of the ECB clearly exceeds the fit of the rule that is observed for euro area aggregates based on economic weights.”

Den interessantesten Teil der Ergebnisse veröffentlichen die Forscher allerdings leider nicht: Welche Länder sin in der EZB überrepräsentiert, welche kommen zu kurz? Welche Ländern haben von den verzerrten geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank profitiert, für welche passte die Geldpolitik nicht?

Antworten auf diese Fragen sucht man in der Studie leider vergeblich. Ich habe Volker Nitsch, der mir die Arbeit vor einigen Wochen gemailt hat, lange bearbeitet – er hat sich mit seinem Koautoren Harald Badinger beraten und sich dann dagegen entschieden, diese Detail-Ergebnisse zu veröffentlichen.

Zu groß ist die Sorge der Forscher, die Medien könnten ihre Ergebnisse in den falschen Hals kriegen und eine Kampagne gegen die EZB fahren.

Zwischen den Zeilen war auch herauszuhören, dass die Ökonomen es sich nicht mit der EZB verderben wollen. Für die Notenbank ist offenbar das Paper schon in der jetzigen Form eine ziemliche Zumutung – auf Konferenzen, wo die Volkswirte die Arbeit vorgetragen haben, haben EZB-Vertreter offenbar entsetzt auf das Papier reagiert.

Mir persönlich machen die Ergebnisse der Studie – und die starke italienische Präsenz in der EZB – ja eher Hoffnung. Denn meiner Meinung nach hat die EZB bislang zu wenig getan, um die Schuldenkrise in der Euro-Zone unter Kontrolle zu kriegen – weil konservative Notenbanker aus Deutschland und anderen nordischen Ländern großen Einfluss hatten und aggressivere Aktionen blockiert haben. Vielleicht ändert es das jetzt. Ich würde es begrüßen.

Update: Bernd Hayo (University of Marburg) and Pierre-Guillaume Méon (Universität Brüssel) haben jüngst eine Arbeit mit einer ähnlichen Fragestellung veröffentlicht – unter dem Titel  “Behind closed doors: Revealing the ECB’s Decision Rule”. Hier ist der Abstract:

“This paper aims at discovering the decision rule the Governing Council of the ECB uses to set interest rates. We construct a Taylor rule for each member of the council and for the euro area as a whole, and aggregate the interest rates they produce using several classes of decision-making mechanisms: chairman dominance, bargaining, consensus, voting, and voting with a chairman. We test alternative scenarios in which individual members of the council pursue either a national or a federal objective. We then compare the interest-rate path predicted by each scenario with the observed euro area’s interest rate. We find that scenarios in which all members of the Governing Council are assumed to pursue Euro-area-wide objectives are dominated by scenarios in which decisions are made collectively by a council consisting of members pursuing national objectives. The best-performing scenario is the one in which individual members of the Governing Council follow national objectives, bargain over the interest rate, and their weights are based on their country’s share of the zone’s GDP.”

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Alle Kommentare [41]

  1. @ salman

    Sie zeichnen ein falsches Bild von Italien. Siehe Entwicklung, der Leistungsbilanzdefizite, Nettoauslandschulden, Arbeitslosigkeit usw. . Italien, befindet sich genau wie Griechenland bis Frankreich leider auf dem Abflug nach unten, welches leider nur durch billige Nettokapitalimporte verdeckt worden ist. Seit 2007 wollte der Kapitalmarkt, dieses nicht mehr. stattdessen hat die EZB diese billigen Kapitalimporte von Deutschland in diese Länder organisiert. Nun geht dieses Spiel unweigerlich zu Ende. Nunmehr stehen die Werthaltigkeit und Höhe der aufgelaufenen Eurozonenkredite der deutschen öffentlichen Hand, insbesondere akkumuliert bei der Bundesbank, im Vordergrund.

  2. @ Blickensdörfer

    “Voraussetzung dafür sind Daten,…..”

    Missverständnis. Ich verlange und erwarte keine neue Wirtschaftstheorie, sondern lediglich die Beachtung der unumstößlichen Saldenmechanik. Die Schulden des einen sind Guthaben von anderen, der Leistungsbilanzüberschuss des einen sind Defizite des anderen und dass bei zu großen, permanenten Ungleichgewichten das Wirtschaftssystem vorübergehend zusammenbrechen muss
    .

  3. @ salman

    “Hat sich schon mal jemand die Mühe gemacht aufzuschlüsseln ob die Entscheidungen der Bundesregierung von der landespolitischen Herkunft der Parlamentarier in den verschieden Entscheidungsgremien abhängt und ob diese Bayern, NRW oder Hessen bevorzugen ???”

    Genau weil dieses so ist, sind die Machtverhältnisse in Bundesrat und Bundestag und zueinander genau austariert, damit nicht einer von den anderen über den Tisch gezogen werden kann. Nur in der EZB sollen sich lauter hehre Europäer versammeln? Diese Übermenschlichkeit kann keiner erwarten und wird auch nicht erfüllt.

  4. @Bernd Klehn, 04.11.2011
    Eine verständliche auf den Widerspruch des Verstehens von “Geldpolitik” und “Finanzpolitik” hinweisende Erläuterung.
    Aber:”Der EZB-Rat hat dieses mit seiner Geldpolitik verursacht, er hätte auch anders gekonnt.”? Voraussetzung dafür sind Daten, mit denen die notwendige Geldmenge (Menge gleicher Geldeinheiten in Euro) bestimmt werden konnten und konnen. Das war und ist mit dem “weltweit anerkannten Regelwerk für Politik und Analyse” (SNA, ESVG 95) nicht möglich. Auch Nobelpreisträger mussten jetzt kleinlaut zugeben, dass das “analytische Rahmenwerk viele falsche Dinge enthält”. Die “falschen Dinge”, das so Genannte, sind Ausdruck des herrschenden Verständnisses von Politik und Ökonomie und deshalb auch von “Geldpolitik” und “Finanzpolitik”, das sich im Verstehen der “Konstruktion” des “Eurosystems” widerspiegelt. Eine Beurteilung als “falsch” oder “richtig” für Etwas, das auch als System bezeichnet werden kann, sollte dann vermieden werden, wenn diese Beurteilung nicht auf einen feststellbaren historisch, kausalen Zusammenhang des “Systems” zu anderen begründet werden kann.

  5. Das unter deutschen Zeitungslesern, speziell in der sog. “Italien-krise” (aber nicht nur in dieser) eine gezielte Desinformation steckt, erkennt man an Kommentaren wir jenen von “Auslandsdeutscher”, dem es wahrscheinlich herzlich egal ist, dass Draghi eben nicht hinter den Aufkäufen italienischer Staatspapiere steckt, sondern dass dadfür andere die Verantwortung tragen.
    Auch ist der Titel des Artikels (abgesehen vom “Italian Job” = damit kann man j aleben, wen man dies als Anspielung auf die Nationalität Draghis nimmt) aber “die Lebenslüge der EZB” würde bedeuten, dass auch die BRD auf einer Lebenslüge basiert: Hat sich schon mal jemand die Mühe gemacht aufzuschlüsseln ob die Entscheidungen der Bundesregierung von der landespolitischen Herkunft der Parlamentarier in den verschieden EntscheidungsGremien abhängt und ob diese Bayern, NRW oder Hessen bevorzugen ???
    Im Übrigen gilt dies dann ebenso so für alle weitere internationalen Gremien gelten und Leuten die mit diesen zu tun haben erzählt man mithin keine Neuigkeit.

    Aber zu ernsthafter Geldpolitik:
    Wissen die Leser des Artikels, dass die italienische Industrie (nach der deutschen) den grössten Erfolg im Export hat?
    Wissen die Leser, dass in den französischen Banken mehr “Schrottpapier”, nämlich griechische, liegen als in den italienischen Banken?
    Wissen die Leser dieses Forums, dass ital. Familine im Schnitt ein Sparguthaben von 129.000 € haben (BRD=105.000)?
    Wissen die Leser dieses Forums, dass Italien eine defizit in Höhe von 120% seines PIL seit 1994 mit sich herumschleppt, ohne dass dies eine Krise in der Finanzwelt ausgelöst hätte – Im Gegenteil, im vollen Bewußtsein der Lage wurde für Italien eine Ausnahmeregelung für die Aufnahmekriterien zur Eurozone geschaffen !!!
    Heute sollen jedoch die Italiener für eine Krise zahlen, für die sie keine Verantwortung zahlen.
    hat jemand in diesem Forum die Artikel zu den “Systemrelevanten Banken” (welch herrlicher Ausdruck!!!) gelesen und daraus die folgerichtigen Schlüsse gezogen – falls nicht – es wäre an der Zeit sich zufragen, was man mit solchen Banken machen sollen, die gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren, wie wäre es denn mit einer sofortigen Verstaatlichung, ddann wissen die Bürger wenigstens direkt, dass sie für die schiflage der Banken zur Kasse gebeten werden.
    MfG
    Salman

  6. @Machiavelli
    Das Umfeld ist nicht vergessen. Es ist subsumiert unter der Begrifflichkeit athmosphärisch. Ein Umfeld, auch das einer Stadt, hat immer eine Atmosphäre, die sich von anderen Umfeldern also Städten unterscheidet. Inwieweit sich die Athmosphäre einer Stadt auf zu treffende Entscheidungen auswirkt, ist wissenschaftlich noch nicht untersucht worden.

  7. @Bernd Klehn vom 04.11.2011:
    Eine auf den Widerspruch “Geldpolitik” – “Finanzpolitik” und dem herrschenden Verständnis dazu hinweisende Erläuterung!
    Aber: “Der EZB-Rat hat dieses mit seiner Geldpolitik verursacht, er hätte auch anders gekonnt.”? Dann hätte er über Daten verfügen können, mit denen die notwendige Geldmenge zu bestimmen ist. Nachweislich war und ist das mit den weltweit “anerkannten” Rahmenwerek(en) für “Analyse und Politik” (SNA, ESVG 95) nicht möglich. Selbst Nobelpreisträger mussten kleinlaut zugeben, dass dieses Rahmenwerk “viele falsche Dinge” enthält. Die “falschen Dinge” sind Folge des herrschenden Verständnisses von Politik und Ökonomie, mit dem auch das Verstehen von “Geldpolitik”, “Finanzpolitik” beherrscht wird.

  8. Abwarten…Erste Ergebnisse sehen wir erst in 1-2 Jahren dann kann man darüber diskutieren ob die”Neue” EZB ihre Arbeit gut gemacht hat.

  9. Alle Verantwortlichen, insbesondere der Italiener Draghic sind doch schlichtweg überfordert, egal an welcher Schraube die drehen es wir dabei nichts sinnvolles im wirtschaftlichen Sinne herauskommen.

    Die sollten mal in den Geschichtsbücher nachsehen wie das der Vater der sozialen Marktwirtschaft Ludwig Erhard dem Schöpfer des deutschen Wirtschaftswunders gemacht hat (um wenigstens einen Ansatz zu finden), ihm ist es eben gelungen die ganze Deutsche Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen, mit Europa müsste das doch auch gehen.

    Blickensdörfer sagt:
    November 2, 2011 um 8:27 am

    Da kann ich nur zustimmen.

  10. Der Berater :

    Bevor es vergessen wird sollten wir uns alle erinnern an die Rolle des Goldman Sachs Beraters Mario D.
    Zitat aus dem Artikel des renommierten Heise Verlags vom 26.6.11 :

    ” Zudem wird mit Draghi ein gestandener Neoliberaler das Amt übernehmen. Dass der Wirtschaftsprofessor ausgerechnet in seiner Zeit bei der US-Investmentbank Goldman Sachs Griechenland dabei geholfen haben soll, einen Teil seiner Staatsschulden zu verschleiern, weist ihn ebenfalls nicht als geeigneten Kapitän eines Schiff aus, dass sich leckgeschlagen in der stürmischen See befindet.”

    Link: http://www.heise.de/tp/blogs/8/150046

  11. @ Auslandsdeutscher,
    Dass die Entscheidung zur Zinssenkung einstimmig war scheint hier unterzugehen.
    Am Gegenteil, wenn man manche Kommentare liest versteht man warum die NSDAP damals so leicht stärkste Partei werden konnte. In keinem anderen Land gibt es so viele primitive und hasserfüllte Kommentare über die Eurokrise wie in Deutschland, ganz besonders im HB. Dabei hat am meisten vom Euro profitiert. Es zeugt von einer gefährlichen Unreife des Prekariats in Deutschland, begleitet von Gehässigkeit, verursacht durch Minderwertigkeitskomplexe wegen der verlorenen Kriege, beeinflusst zu sein scheint. Armleuchter massenweise. Am Wesentlichen vorbei reden und Hasstirade zu schreiben scheint hier die Parole zu sein. Begleitet von einer nicht unterdrückbarer Schadenfreude.

  12. Wir reden immer von der EZB anstatt vom Eurosystem. Dieses gibt ein absolut schiefes Bild. Das Eurosystem besteht aus der EZB, mit 8% Anfangskapital (Gold und Devisen) der Mitglieder ausgestattet und den nationalen Zentralbanken, die die restlichen 92% halten und deren Eigentümer und Besitzer geblieben sind. Im Eurosystem sind mittlerweile etliche nationale Zentralbanken und die EZB pleite. Sie sind mit Forderungen durch andere Systemmitglieder konfrontiert, die sie mit eigenen Mitteln (Gold, Devisen usw.) nicht erfüllen können. Diese Schieflage innerhalb des Eurosystems ist durch Nettokapitalbewegungen (übermäßiges Gelddrucken, Target2), welche durch das Eurosystem organisiert worden sind, entstanden. Ich sehe keine Möglichkeit, dass die EZB und etliche nationale Zentralbanken jemals ihre Bilanzen wieder in Ordnung bringen können. Sie sind und bleiben pleite. Auslandsschulden der Krisenländer sind via Eurosystem bei der Bundesbank und Co. gelandet. Die Schuldner haben keine Möglichkeit und keine Mittel diese jemals zurückzuführen. Es sind keine Liquiditätsknappheiten via Eurosystem gestützt worden, sondern ungedeckte Nettoauslandsschulden und Leistungsbilanzdefizite. Die prozentual größten Nettoschuldner der Welt sind Portugal, Irland, Spanien und Griechenland. Diese Länder sind lange pleite, dieses ist durch das Eurosystem , welches nun unwiderruflich an die Grenzen seiner Möglichkeiten stößt, bis zum scheinbar überraschenden Knall verdeckt herbeigeführt worden. Dieses ist die eigentliche Tragik des Eurosystems. Der EZB-Rat hat dieses mit seiner Geldpolitik verursacht, er hätte auch anders gekonnt. Die Situation hat ihre Grundlage in kurzfristigen, kurzsichtigen nationalen Interessen innerhalb des EZB-Rates. Dieses will selbstverständlich keiner wahrhaben und schon lange nicht offen aussprechen, da diese Tatsache den hehren Zielen der EU und des Eurosystems widerspricht. Das Eurosystem ist falsch konstruiert, Keynes Bancor Plan hätte die Vorlage sein sollen.

  13. Mit Draghi den Bock zum Gärtner gemacht -
    Da besteht die erste Amtshandlung des Italieners Draghi in der EZB aus italienischer Konjunkturpolitik (Stützungskäufe von Italo-Schrottanleihen und dem Anwerfen der Druckerpressen mit Zinssenkung zugunsten der Banken) und Sie fordern Vertrauen und Geduld?

    Der Italiener Draghi hat bereits mit seinem Einstieg jegliches Vertrauen verspielt. Anstatt sich ausschliesslich um die Stabilität des EUR zu kümmern, heizt er die Inflation (derzeit schon über 3%) weiter an und bunkert – ohne parlamentarische Legitimation Deutschlands – weiteren Italo-Schrott in der EZB zu Lasten Deutschlands.
    Das BVG hat festgestellt, dass jede europäische Massnahme mit haushaltsrechtlicher Konsequenz für Deutschland, vom BT genehmigt werden muss. Draghi erhöht einfach mal eben Deutschlands Schulden um einige Mrd EUR am BT vorbei. Ein Aufschrei des Entsetzens hätte die Reaktion in D sein müssen. Statt dessen nur seichte Demut. Armes Deutschland.

  14. @ Ondoron,
    Es bleibt Deutschland frei den Euro samt EU zu verlassen und wenn andere Länder zusammen mit Deutschland eine neue Währungsunion und Wirtschaftsunion gründen wollen habe ich nicht dagegen, deswegen gibt es für mich auch nicht zu verstehen. Das Problem ist dass Deutschland das nicht machen wird. Daher Plan “B” Wirtschaftskonvergenz innerhalb der heutigen Eurozone. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Der heutige Zustand führt zur Katastrophe, die Selbstmordrate in Griechenland ist, seit Anfang der Krise und wegen der Sparmaßnahmen, enorm gestiegen. Das sind Fakten und Taten. Den Merkozy weiter sagen, bitte!

  15. Eine überflüssige Studie. Denn es ist doch klar, dass die EZB eine Kompromisspolitik machen muss. Der Euro ist ein Korsett – und je nach Blickwinkel werden die einen oder anderen Interessen gewahrt.
    Der Euro ist das Problem als solches. Dass die EZB-Manager gutmenschlerisch die angeblich schwächeren Mitgliedsländer päppeln wollen auf Kosten der vernünftig wirtschaftenden, sollte nicht wirklich überraschen.
    @Arminius: Sie haben nicht verstanden, warum die Südländer den bisherigen Euro behalten sollten und Henkel den Nord-Euro vorschlägt, zu dem auch Frankreich nicht gehören würde! Lesen Sie noch mal nach!

  16. Es ist schon erstaunlich wie Monetaristen glauben, durch Geldpolitik strukturelle Schwierigkeiten beseitigen zu können. Geldflutung ist lediglich gut bei konjunkturellen Schwankungen, schädlich aber, wie wir jetzt sehen, bei strukturellen Problemen. Die Eurokrise kann nur durch Leistungssteigerung der Krisenländer überwunden werden. Die EZB-Geldpolitik hat dieses seit 2007 verhindert und durch einen Griff in die Gemeinschaftskasse ersetzt. Ich bin gespannt auf die neuen Zahlen von Target2 und die Staatsanleihenaufkäufe im Oktober.

    Übrigens, dass man mittels Taylor-Regel eine vernünftige, optimale Geldpolitik bestimmt werden kann, ist auch so eine Illusion, die auch bald nach dem Ausbruch der nächsten Weltwirtschaftskrise auf den Müllhaufen der Geschichte geschmissen wird. Dass aber in der EZB heftige nationale Geldpolitik betrieben wird, darüber besteht kein Zweifel, sonst hätten die Target2-Salden nicht auflaufen dürfen und ein Aufkauf von Staatsanleihen nicht erfolgen dürfen. Eine Rückführung dieser Tatbestände ist ohne Umrubelung in deutsche öffentliche Schulden nicht möglich. Diese Last wollten Weber und Stark einfach nicht mehr tragen.

  17. Die jetztige EURO-Krise, die von Deutschland abgegebenen Bürgschaften, der Verlust des deutschen Einflusses in der Geldpolitik bestärkt meine Meinung, dass die Aufgabe der DM die dümmste deutsche Entscheidung seit dem deutschen Einmarsch in Polen (1939) ist.

  18. @Machiavelli
    So, sind Ihrer geschätzten Meinung nach auch die athmosphärischen klimatischen und Wetterverhältnisse einer Stadt und eines Standorts mitentscheidend für die Geldpolitik der EZB? Ein ganz neuer Ansatz, den es wissenschaftlich zu untersuchen gälte.

  19. “weil konservative Notenbanker aus Deutschland und anderen nordischen Ländern großen Einfluss hatten und aggressivere Aktionen blockiert haben. Vielleicht ändert es das jetzt. Ich würde es begrüßen.”

    Was würden sie den bitte daran begrüssen? Das würde mich ja wirklich mal interessieren!

  20. @Volker Nitsch: Macht es keinen Sinn, einfach sowohl die BIP-gewichteten Daten als auch die EZB-gewichteten Daten in eine Regression zu werfen und dann Parameterrestriktionen auf die EZB-gewichteten Variablen zu testen? Sollte es gute Gründe geben, das nicht zu tun, dann gibt es durchaus statistische Verfahren, solch nicht-geschachtelte Modelle miteinander zu vergleichen.

    Ich verstehe nicht, warum der Vergleich der Zinssätze unter den beiden von Ihnen vorgeschlagenen Modellen irrelevant sein sollte. Hier geht es schlicht um die ökonomische Signifikanz der Unterschiede. Haben Sie schon einmal versucht, die Modelle zu benutzen, zwei Zinspfade zu generieren und gegeneinander zu plotten? Da bekäme man schnell einen Eindruck davon, wie anders die EZB-Zinspolitik gewesen wäre, wenn diese nach BIP gewichtet hätte.

    Zuletzt würde mich interessieren, wie sie – nehmen wir mal an, die Unterschiede seien tatsächlich statistisch signifikant – ausschließen können, dass die EZB aus anderen, vielleicht durchaus sinnvollen Gründen die Performance anderer Länder bei der Bestimmung des Leitzinses über- oder untergewichtet.

  21. War doch schon immer so. Siehe EADS (Nat: Franz), UNESCO (Nat: Indien)… Ist daher keine grosse Überraschung. Meine Erfahrung zeigt aber das ein Laden mit dem richtigen Mix am besten funktioniert. Ich könnte nie in einem “rein” Deutschen Unternehmen arbeiten.

  22. Es sieht so aus, dass die EU es geschafft hat, eine von den Völkern unkontrollierte Schattenregierung zu installieren, die mächtiger ist, als die einzelnen Regierungen und die EU Leiterriege. Wer Italien gut kennt, hat den bei allen Volksschichten besonders starken Nationalismus feststellen müssen. Italien bringt Kultur und Zivilation in die Welt seit Jahrtausenden, ist der Tenor. Von daher ist il Signor Mario ein ein hochkarätiger Italiener in seinen Entscheidungen und bedingt ein Europäer.

  23. Nach Volker Nitsch und Tobias Schmidt kann ich mir das beabsichtigte Lesen der “Studie” ersparen.
    Mit keinem Test, auch keinem statistischen, kann man “übrzeugen”, was “in unseren Augen (!) plausibel”, was “für uns . . . weitgehend (!) irrelevant” sei. Gleich gar nicht mit einem Test “prüfen” (beantworten), was Tobias Schmidt zu bedenken gegeben hat.
    Es geht bei einer wissenschaftlichen Tätigkeit nicht um “Überzeugung” mittels einer Studie zu quantitativen Vergleichen, sondern um das Erkennen historisch, logischer kausaler Zusammenhänge.
    Das setzt (zum Beispiel hier) die Auseinandersetzung mit dem herrschenden Verständnis von “Geldpolitik”, “Zinspolitik” voraus, und nicht, dass diese Verständnis “überzeugend” sei.
    Sinn und Wollmershäuser hatten wohl auch erkannt, dass dieses Verständnis nicht “überzeugend” ist, und in ihrer Auseinandersetzung zu “Target” (in 2011!) damit begonnen zu definieren, was allgemein (und auch unter vielen “Wissenschaftlern”) – zwar beliebig – als “überzeugend” verstanden werde.
    Dagegen ist “überzeugend” verständlich, dass eine “Studie”, in der auch etwas “Geheimes” enthalten sei, sich gut verkaufen lässt.

  24. Vielen Deutschen gehen die Aktionen der EZB viel zu weit, vielen anderen – nicht nur südeuropäischen – Ökonomen ist die EZB-Politik viel zu dogmatisch. Die Zinspolitik an sich wird von niemandem als zu lasch empfunden, während die begrenzten Interventionen an den Kapitalmärkten für Einige schon untragbar waren. All dies scheint eher darauf hinzudeuten, dass keine Interessengruppe übermäßigen Einfluss hat, sondern die (geld)-politischen Entscheidungen – wie in internationalen Gremien üblich – Kompromissergebnisse sind.

  25. Erstaunlich wäre gewesen, wenn die Untersuchung von Badinger & Nitsch ein anderes Ergebnis gezeigt hätte. Was man aus der Einschätzung der Psyche von Nationalpolitikern heraus aus sehr wahrscheinlich anehmen durfte, wurde somit auf ökonomischen Weg bestätigt.

    Die Folgerung daraus läßt sich viel weiter spannen: Die EU, die Eurozone und alle damit verknüpften Institutionen und Vereinbarungen dienen in erster Linie der Verfolgung nationaler Ziele. Dann kommt ein Bretterzaun und dann erst diese schöne Fiktion von einem friedlichen und vereinten Europa.

    Es sind nur Worthülsen, Opium für Volk. Wenn es hart auf hart kommt, denkt jedes Land erst einmal nur an sich. That’s policy stupid!

  26. Auch der Standort der EZB spielt eine Rolle, besser wäre wenn der Standort der EZB nicht in Deutschland wäre. Der Einfluss Deutschland ist, aufgrund der Wirtschaftskraft Deutschlands und der deutsch-französischen Achse, überproportional in Verhältniss zu anderen Euro-Länder.

  27. Dass die EU eine Kern-Euro-Zone braucht sehe ich ein, wozu die zweite “Peripherie-Zone” gut sein soll ist mir ein Rätsel. Richtig wäre gewesen eine Euro-Zone zu schaffen nur mit den 6 Gründerländer zu schaffen und innerhalb dieser Länder eine Wirtschaftskonvergenz zu schaffen. Nach und nach wären andere Länder dazu aufgenommen worden. Eine Peripherie-Zone würde unnötigerweise die Sache kompliziert machen und es gäbe keine Garantie dass die Wirtschaftsdivergenzen, die eigentlich die heutige Euro-Krise verursacht haben, in dieser Peripherie-Zone nicht wieder auftreten würden. Die Henkels Lösung ist absoluter Nonsens.

  28. @Tobias Schmidt: Vielen Dank fuer Ihr Feedback zu unserem Papier. Der quantitative Vergleich der R2 ist in unseren Augen plausibel – auch ohne statistischen Test (mit welchem Test koennten wir sie ueberzeugen?). Die in Basispunkten bemessene Differenz der Zinssaetze ist z.B. fuer den von uns gemachten Punkt weitgehend irrelevant. Bertrand und Schoar (QJE 2003) verwenden im uebrigen einen aehnlich gelagerten Ansatz fuer die Analyse des Einflusses von Managern in Unternehmen.

  29. Sowieso beinah unlösbar für einen so komplexen Wirtschaftsraum wie der Euro-Zone innerhalb der EU, eine optimale Geldpolitik zu machen, die jeder einzelnen Volkswirtschaft gerecht wird und angemessen ist. Einer oder eine Gruppe hat immer das Nachsehen. Dass Politik, auch Geldpolitk, immer interessengeleitet ist ,muß dabei nicht wundern. Illusorisch zu glauben, jeder EZB-Banker würde bei Eintritt seine Nationalität ablegen und vergessen und nur einem, noch nicht einmal ausreichend definierten Gesamtinteresse dienen. Dass Herr Weber und Herr Stark das Handtuch geworfen haben,war ein Signal, wie es deutlicher nicht sein konnte.
    Olaf Henkel hat recht, die EU braucht zwei Währungszonen, eine Kern-Euro-Zone und eine Peripherie-Zone, deren Geldpolitiken, den jeweiligen Bedürfnissen der beteiligten Länder angemessen sind.

  30. “Hochrangige EZB-Vertreter holen bevorzugt ihre Landleute in die Notenbank – das führt dazu, dass sich nationale Netzwerke in der EZB gebildet haben….

    Den interessantesten Teil der Ergebnisse veröffentlichen die Forscher allerdings leider nicht: Welche Länder sind in der EZB überrepräsentiert, welche kommen zu kurz? Welche Ländern haben von den verzerrten geldpolitischen Entscheidungen der Notenbank profitiert…..” (wichtig empfundene Zitate)

    Die nationalen Netzwerke dürften sich besonders bei den südeuropäischen Nationen mit franz. Führungsanspruch relativ stark in der Vergangenheit ausgebildet haben. Damit ist gleichzeitig die “Überrepräsentierung” geklärt. Der Einfluß durch manche bestimmte nationale Politik in der EU wird dadurch auch evident. Es heißt ja ” Geld regiert die Welt”- entsprechend hier müßte es heißen, die “EZB regiert die EU ganz allein”.

  31. “…weil konservative Notenbanker aus Deutschland und anderen nordischen Ländern großen Einfluss hatten und aggressivere Aktionen blockiert haben.”

    Und wegen des großen Einflusses der Hardliner treten diese Zurück während die Vertreter der Krisenländer die Politik der EZB unterstützen und loben? Ich denke die derzeitige Politik der EZB (Anleihenenkauf, Target-Salden) legt die Vermutung nah, dass Südeuropa überrepräsentiert ist.

    Grüße

  32. Ohne die Studie in allem Detail gelesen zu haben: Ob sich die Zinspolitik der EZB mehr nach den Gewichten der Mitgliedslaender im Euro-BIP richtet oder nach der Zusammensetzung der Entscheidungsgremien der EZB wird in dem Papier nirgens statistisch getestet (es werden schlicht die R^2 mehrerer Regressionen verglichen ohne je zu pruefen, mit welcher Wahrscheinlichkeit die gefundenen Unterschiede dem Zufall geschuldet sind). Es wird auch nicht geprueft, ob andere Gewichtungen der Euro-Laender, die nichts mit der Zusammensetzung der EZB-Gremien zu tun haben, vielleicht die Unterschiede erklaeren koennen. Zuletzt ist ueberhaupt nicht klar, wie stark sich die zwei Taylor-Regel-Zinspfade, die getestet werden, ueberhaupt voneinander unterschieden haetten. Vielleicht geht es hier um Unterschiede von wenigen Basispunkten.

    Aus diesen Ergebnissen gleich einen kausalen Zusammenhang abzuleiten halte ich deshalb fuer arg gewagt.