Der indische Elefant und die Euro-Krise

Zwei Wissenschaftler lernen auf einer Indien-Reise einen dressierten Elefanten kennen. Das Tier kann Walzer tanzen und Porzellanteller kleben. Sie bringen es mit nach Europa, wo sie eines Tages mit dem Elefanten einen Porzellanladen aufsuchen. Das Tier beginnt einen Walzer zu tanzen und zerstört Teller und Tassen. Anschliessend klebt es die Scherben behände zusammen.

Befragt, warum sie den Elefanten in den Porzellanladen mitgenommen haben, antworten die Wissenschaftler, es sei die kostengünstigere Alternative, den Elefanten die Scherben kleben zu lassen.

Hätte jemand das Porzellan zerstört, der weniger geschickt ist, als der Elefant, dann würde das viel teurer:

“Verantwortungsbewusste Politik darf nicht darauf setzen, dass man vielleicht Glück haben kann.”

Das Geschäft müsse zwar für einige Jahre geschlossen werden, aber das Porzellan werde geklebt. Nach Abschluss der Umschuldungsverhandlungen erhole sich der insolvente Laden “oft überraschend schnell”. Daher: “Die Richtung stimmt”.

Harald Hau und Bernd Lucke betrachten die Rekapitalisierung der Banken als eine günstige Versicherung gegen die Folgen einer Bankenkrise.

Unter Verzicht auf den Rettungsschirm wäre es aber eine Versicherung gegen ein Ereignis, das man mit einer größeren Wahrscheinlichkeit herbeiführen würde. Denn die Märkte haben Italien schon im Visier. Das reine Rekapitalisierungsmodell ist mit hohen und wahrscheinlicheren Verlusten der Staaten verbunden.

Hau und Lucke haben aber völlig recht, daß es sich (anders als in dem Elefanten-Beispiel) lohnt, beide Szenarien durchzurechnen.

Mit ausreichendem Schirm gewinnen wir etwas Zeit, Italien zu einer sichtbaren Wende zu bewegen. Das schafft aber zusätzliche Risiken. Der Refinanzierungsbedarf Italiens bis Ende 2012 beträgt etwa 340 Mrd. Euro, für Spanien sind es etwa 160 Mrd. Euro. Wenn z.B. für diese Summe Garantien im Umfang von 25 % fällig würden, so kann es zu Verlusten von etwa 125 Mrd. Euro kommen.

Bei der dann folgenden Rekapitalisierung der europäischen Banken wären zusätzlich etwas niedrigere Beträge als im Hau-Lucke Szenario (dort läge der Rekapitalisierungsbedarf zur Wiederherstellung der Ausgangslage über 500 Mrd. Euro) anzusetzen, weil mittlerweile die Banken einen Teil der alten Anleihen gegen gesicherte Anleihen eingetauscht haben.

In beiden Szenarien gilt: der Rekapitalisierungsbedarf ist weit grösser als die Verluste der Staaten.

Allerdings: auch im Rekapitalisierungs-Szenario von Hau und Lucke müsste nach dem Haircut eine EU-Absicherung der neuen italienischen und spanischen Staatsanleihen in Betracht gezogen werden – verbunden mit neuen Risiken. Der Unterschied zwischen dem Szenario von Hau und Lucke und einem gescheiterten EFSF-Hebel ist deshalb gar nicht so groß, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Wir haben also die Wahl zwischen zwei Alternativen.

  1. 1. Die EFSF Hebelung zur Vermeidung einer Bankenkrise. Falls der Schirm doch versagen sollte ist das mit hohen Kosten verbunden.
  2. 2. Der Verzicht auf den EFSF Hebel und eine wahrscheinlichere Bankenkrise mit (hoffentlich) niedrigeren Kosten. Danach müsste Europa die Rekapitalisierung der Banken und die Absicherung der Kredite der Staaten gewährleisten, die im Default sind.

Die dritte Option, die EZB einfach weiter Anleihen kaufen zu lassen, ist eine Notlösung, die offenbar weder Harald Hau und Bernd Lucke noch mir behagt.

Das zu bewerten ist nun u.a. eine Frage der Wahrscheinlichkeiten und damit vor allem eine Frage nach der Bewertung der Lage Italiens.

Ich finde: Italien hat eine gute Chance, den Haushalt in den Griff zu bekommen. Die Dynamik der Schuldenstandsquote ist ungünstig aber handhabbar (übrigens kann man dieses Argument auch zugunsten des Verzichts auf den Rettungsschirm auslegen – wäre da nicht das Argument, dass verantwortliche Politik auch ungünstige Szenarien einbeziehen muss).

Im Umgang mit Italien helfen politischer Druck von außen, aber auch, angesichts des italienischen Refinanzierungsbedarfs, nicht noch höhere Zinsen und deshalb jetzt ein klares Commitment Europas. Dazu gehören – vor allem in Deutschland und Frankreich – Einigkeit und Entschlossenheit.

Ähnliche Beiträge

Alle Kommentare [6]

  1. Lieber Herr Grüner,
    ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, dass wir jetzt in Gleichnissen reden. Jedenfalls ist es offenbar gar nicht so leicht, ein gutes Gleichnis zu konstruieren.

    Denn halten Sie die Eurozone für einen Laden mit lauter heilem Porzellan?

    Augenscheinlich glauben Sie jedenfalls nicht, dass dieser auf festem Grund und Boden steht (wo Elefanten ihn üblicherweise zu betreten pflegen). Sondern er baumelt in der Luft an einem Rettungsfallschirm. Das finden Sie offenbar richtig, weil Sie glauben, dass Porzellanläden an Fallschirmen eine gute Chance auf eine weiche Landung haben. Stimmts?

    Ich fände es sinnvoller, wenn wir über Zahlen redeten, statt Bilder zu malen. Wie kommen Sie darauf, uns 500 Mrd zu unterstellen? In unserem Szenarium ist die gesamte sovereign exposure aller europäischen Banken noch nicht einmal halb so groß. Davon sind die Eigenkapitalpuffer in Abzug zu bringen. Sie können natürlich irgendwelche Annahmen über beliebig hohe Rekapitalisierungsquoten machen und damit praktisch jede mögliche Zahl produzieren. Aber das ist doch nicht sinnvoll, weil Sie ja kaum bestreiten werden, dass der Staat ab irgendeiner Schwelle im Gegenzug auch werthaltiges Vermögen erhält. Interessant ist die Schwelle und nur diese.

    Mit freundlichen Grüßen
    Bernd Lucke

  2. “So betrachtet ist ceteris paibus jede der genannten Alternativen zu teuer.”

    Aus der Regierungspolitik insbesondere der Jahre seit dem Lehman-Crash haben wir etwas anderes gelernt: Es gibt keine Alternative. Das berühmte Tina-Prinzip, das seit Maggie Thatcher immer wieder gern aus der Mottenkiste geholt wird: There is no alternative.

    Das Problem ist hausgemacht. Es gibt Alternativen. Oder es gab sie. Hätte sich Merkel damals hingestellt und öffentlich signalisiert, dass die Griechen natürlich selbstverständlich absolut unterstützt werden, statt auf die NRW-Wahl zu schielen, hätten wir die ganze Euro-Malaise so vielleicht nicht. Zu dieser Provinz-Politik gibt es immer Alternativen. Nicht nur die, die Wirtschaftswurm dargestellt hat.

    Als nächstes wird es die Hebel-Krise geben. Das Ybersinn-Orakel hat nämlich geweissagt – dieser satirische Einschub sei mir bitte gestattet -, dass der Hebel jetzt nicht kommen muss. Er kann kommen, aber er muss es nicht. Es ist ihm freigestellt, es nutzt ohnehin nichts.

    http://www.ybersinn.de/2011/10/25/orakelspruch-hebel/

  3. Ich finde, Alternativen zur Lösung der Schuldenproblematik ceteris paribus zu diskutieren, das heißt, ohne Maßnahmen zu erörtern und festzulegen, wie – pointiert ausgedrückt – das Finanzmarkt-Casino geschlossen werden kann, ist sinnlos. Denn diese Rechnung wurde seit Beginn der Griechenlandkrise regelmäßig gemacht und sie ist regelmäßig nicht aufgegangen, sprich die Finanzmärkte waren nie zufrieden mit einer Lösung, die Schuldenkrise hat sich trotzdem immer weiter verschärft und die finanziellen Risiken der Europäischen Retter haben sich sukzessive immer weiter erhöht.

    Außerdem ist ein nicht unbeträchtlicher Teil des Anstiegs der Staatsschulden auf die Rettung der Finanzmärkte und auf die kombinierte Finanzmarkt- und Weltwirtschaftskrise nach der Lehman-Pleite zurückzuführen.

    Und: Ein Schuldenschnitt löst das Problem krisenverschärfenden Verhaltens der Finanzmärkte nicht und es löst ebensowenig die grundlegenden wirtschaftsstrukturellen Probleme der Schuldenstaaten, so dass auch das Problem des fortlaufenden Anstiegs der Schulden ungelöst bleibt.

    So betrachtet ist ceteris paibus jede der genannten Alternativen zu teuer.

  4. Die Diskussion zwischen Hau/Lucke und Grüner krankt daran, dass nur die Alternativen Rettungsschirm und Rekapitalisierung betrachtet werden. Neben der Rekapitalisierung gibt es noch andere Wege der Bankenrettung, die viel billiger für den Steuerzahler sind. In meinem Blog Wirtschaftswurm habe ich sie vorgestellt: Die Fremdkapitalumwandlung und vor allem die “good bank”. Betrachtet man dieses Alternativen, zeigt sich erst recht, wie überteuert der Rettungsschirm ist.
    Ach ja, und das beste wäre gewesen, man hätte die südeuropäischen Dackel nicht solange gemästet, bis sie zu Elefanten wurden.