Rettet die Banken, nicht die Staaten

In der vergangenen Woche hat der Mannheimer VWL-Professor Hans Peter Grüner hier im Handelsblog einen Vorschlag seiner Kollegen Harald Hau und Bernd Lucke zur Lösung der Schuldenkrise auseinandergenommen. Hau und Lucke hatten in einem Gastbeitrag für die FAZ vorschlagen, statt den Staaten die Banken zu retten. Grüner hält diesen Ansatz für falsch. Jetzt haben Hau und Lucke auf Grüners Kritik reagiert:

Hans-Peter Grüners vermeintliche Kritik an unserem Vorschlag ist zunächst einmal eine Bestätigung unserer zentralen These: Es gibt eine Alternative zum Rettungsschirm.

Statt deren Existenz zu leugnen (wie die Bundesregierung dies tut), sollten die Zahlen auf den Tisch: Was kostet eine Rekapitalisierung der Banken und was kostet der Rettungsschirm?

Hans-Peter Grüner nimmt diese Debatte ernst und leistet seinen Beitrag dazu. Die Kosten verschiedener Strategien kann man nur evaluieren, wenn man einen geeigneten Referenzpunkt setzt. Für Grüner lautet dieser Referenzpunkt: Der Rettungsschirm funktioniert.

Die überschuldeten Staaten werden sich unter seinem Schutz erholen und nicht insolvent werden – außer vielleicht Griechenland. Auf diesem Szenario fußt seine Kritik.

Aus unserer Sicht ist das ein ungeeigneter Referenzpunkt. Und die wissenschaftliche Literatur stützt das: In historischen Analysen wird naiver politischer Optimismus der verantwortlichen Regierungen als wiederkehrender Grundzug von Schuldenkrisen ausgemacht.

Verantwortungsbewusste Politik darf nicht darauf setzen, dass man vielleicht Glück haben kann. Deshalb haben wir das ungünstige Szenario einer großen Krise unterstellt. Aber dies ist keine willkürliche Setzung. Sie folgt aus dem Postulat, dass die Politik auch den ungünstigen Fall noch beherrschen können muss.

Der erwähnte Krisenoptimismus hat zudem schon jetzt seine Gefährlichkeit offenbart. Die hochgesteckten Erwartungen des Rettungsschirmes vom Mai 2010 haben sich nicht erfüllt: Vermeidung von Ansteckungseffekten und Begrenzung der Krise auf Griechenland. Deshalb muss der Referenzpunkt eine Ausweitung der Krise auch auf andere Staaten berücksichtigen.

Was kostet den deutschen Steuerzahler dann der Rettungsschirm? Was kostet alternativ eine Bankrekapitalisierung?

Geht man davon aus, dass es auch unter dem Rettungsschirm zu Staatsinsolvenzen kommen kann, dann fallen Risikopositionen, die der Staat bereits übernommen hat (aus dem Rettungsschirm oder aus Bankbeteiligungen) unter beiden Szenarien an – das macht also keinen Unterschied.

Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass bei einer Bankrekapitalisierung nur die Verluste der systemrelevanten Banken, nicht aber, wie beim Rettungsschirm, die Verluste aller Anleger vom Staat aufgefangen werden.

Da Hans Peter Grüner ebenfalls die Daten der EBA-Stresstests analysiert hat, hätten wir ein paar konkrete Zahlen erwartet. Z. B. folgende: Die EBA gibt an, dass die deutschen Banken (staatliche und private zusammen) bei einer partiellen Insolvenz Griechenlands, Portugals, Irlands, Spaniens und Italiens direkte Verluste von knapp 20 Mrd Euro zu erwarten haben.

(Die von Grüner angemahnten Verluste des Staates durch seine Bankbeteiligungen sind da also bereits drin). Die indirekten Verluste z. B. aus Credit Default Swaps werden netto von der EBA mit weniger als 1 Mrd Euro beziffert.

Man mag diese Zahlen im Detail kritisieren können, aber wir sehen nicht, wie man sie zu Größenordnungen aufblasen kann, die auch nur annähernd den dreistelligen Milliardenbeträgen entsprechen, die Deutschland im Rahmen der Rettungsschirme riskiert.

Harald Hau, Universität Genf
Bernd Lucke, Universität Hamburg und Indiana University, Bloomington

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Alle Kommentare [9]

  1. Also ich denke, man kann es nicht so einfach pauschalisieren. Es muss die goldene Mitte gefunden werden, um die Wirtschaft effizienz zu retten.

  2. Ich finde die Bankenrettung recht amüsant: Mit welchem Argument wird eine Rekapitalisierung jetzt als sinnvoll betrachtet? Damit meine ich nicht die oben angeführten, sondern jene, die dahinter stehen. Das too big to fail Prinzip oder weil man jene, die durch ihre Handlungenden Karren in den Dreck gefahren haben jetzt weiter füttern möchte?

    Prinzipiell sehe ich die Rekapitalisierung als den besseren Weg an, anstatt wieder Millardengarantien zu geben.

    Aber: Keine Rekapitalisierung, wie von Hau / Lucke angedacht, sondern viel einfacher, man mag es populistischer nennen: Die Banken werden einfach verstaatlicht! Das spart eine Menge unnötiger “Zwischenhändler” ein, da die Banken sowieso nur durch Steuergelder gedeckt werden und durch die Absicherung der Finanzmärkte wieder Milliarden verdienen! Denn auch mit der letzten Rettungsaktion haben nur wieder Banken und Spekulanten verdient.

    Also: Statt Steuergelder ohne Gegenleistung zu verschwenden und nur am Verlustrisiko zu beteiligen, kann man den ganzen “Verein” auch gleich verstaatlichen. Dann ist eine Rekapitalisierung / Garantie hinfällig, da ohnehin der Staat bei einer Pleite in der Pflicht wäre (was er auch so ist, Stichpunkt systemrelevant). Sobald man wieder in der Gewinnzone ist: Reprivatisierung mit Abtrennung der Investmentsparte, natürlich nur dann, wenn der Staat dadurch noch ordentlich Gewinne einfährt.

    Und bitte nicht wieder mit dem “Kommunismus” Müll ankommen – in den wahrlich unkommunistischen USA hat der Staat durch die Zwangsannahme der Anleihen mal eben 6 Milliarden US Dollar Gewinn mit der Risikobeteiligung der Steuerzahler am Bankengeschäft gemacht. Nur bei uns muss das scheinbar anders laufen…

  3. Man hört, die Banken brauchen Geld. Warum haben sie denn keines mehr? Wegen der nicht handelbaren griechischen Staatsanleihen – oder weil sie seit Jahren schon das Geld dort anlegen, wo es höhere Renditen bringt. Im asiatischen Raum z.B. oder wie die deutsche Bank, die einige Milliarden in einem Spielerparadies quasi verspielt.
    Wenn ich mir die Ursachen der Krise überlege, dann bin ich nicht der Meinung. dass es mit dem Zinseszins zu tun hat. Ich kenne die Rechnung, dass wenn man vor 2000 Jahren eine Münze erworben hätte, diese bei einer kleinen Verzinsung heute den Wert von mehreren Weltkugeln in Gold hätte. Das würde nur stimmen, wenn das Gold sich nicht im Wert verändert hätte. Gold ist aber ein sehr spekulativer Rohstoff und hat sich selbstverständlich auch immer an die Währungen angepasst. Man nehme einen geschlossenen Kreislauf eines Dorfes in dem alle Dienstleistungen und Vermögen 100 € sind. Wenn durch Zins die Geldmenge in einigen Jahren sich um 100 € erhöht, dann verteilen sich die Werte eben auf diese 200 € .Es ist also alles teurer geworden, was aber nicht automatisch heisst, dass die Leute jetzt ärmer sind.
    Dass der € kaputt geht glaube ich nicht. Eine Währungsreform hat es in Deutschland 2x im letzten JH gegeben. Jeweils nach den Kriegen, d.h. in Zeiten, in denen der vorhandenen Geldmenge plötzlich keine Werte mehr gegenüber standen (durch Reparationen, bombardierte Städte, zerstörte Industrie usw.)
    Unser Land ist aber reich. Viele, viele schmucke Neubauten. moderne Maschinen und schöne Autos. Erst wenn plötzliche Werte aus irgendeinem Grunde nur noch die Hälfte wert sind wird es gefährlich. Das kann aber nur mit spekulativen Werten passieren wie eben mit Immobilien, aus diesen Grunde hatten wir ja die Krise in 2008.
    Dass die Ami diese Krise befeuert hatten um damit noch einen ordentlichen Reibach zu machen ist ein anderes Kapitel.
    Wenn man die Ursachen der derzeitigen Krise anschaut, dann bin ich der Meinung. dass dies von vornherein abzusehen war. GR, P und IR liegen alle an der Peripherie des Euroraumes. Das Hinterland dieser Länder ist entweder der Atlantik oder die Türkei.
    Damit kann man keine Gesachäfte machen. Die Türken sind die Intimfeinde der Griechen. Nehmen Sie die Tschechei, hat auch 10Mio Einwohner und ist ungefähr gleich gross. Hier floriert die Wirtschaft. Aber die CZ liegt in Zentraleuropa. Wenn ein Autobauer ein neues Werk baut, dann in Mitteleuropa und nicht am Rande, eben wegen der Transportwege. Auch D liegt in Zentraleuropa. das alleine ist schon ein riesiger Vorteil. Des weiteren besteht GR zu 80% aus Gebirgen. Was bleibt ist ein bisschen Agrarland und hauptsächlich Fremdenverkehr. Das war natürlich schon vor zehn Jahren so. Warum hat man dann so ein Land überhaupt in den €-Raum genommen. Ganz einfach. Um mit ihnen Geschäfte zu machen. Dass diese am Ende nur als Verlierer dastehen werden, ist den grossen Firmen doch egal. Nehmen Sie mal folgendes: Die deutsche Telekom geht nach GR um dort das staatliche Telefonunternehmen zu kaufen. Was wird als erstes gemacht? Durchrationalisiert! Nicht rentable Filialegeschlossen,die
    Verwaltung zentralisiert, ein Haufen Leute entlassen. Wenn in Neuanlagen investiert wird, bekommt den Auftrag auch ein deutsches Unternehmen (Siemens?), weil es in GR kein entsprechendes Hightech gibt. Am Ende macht Telekom die große Kohle und GR hat mehrere Hunderte Arbeitslose mehr. So funktioniert das. Natürlich kann das stimmen mit der ineffektiven Verwaltung, mit Korruption mit nichtsteuerzahlenden Grossunternehmen aber die gibt es ja hierzulande auch. Man hätte eben vor 10 Jahren mit anderen Absichten in das Land gehen sollen um dort in Industrie und Infrastruktur zu investieren und nicht nur um Reibach zu machen. Das Geld das die Griechen/Banken jetzt brauchen ist natürlich alles schon geflossen. Aber wo ist es? Es ist dort, wo die besseren Renditen zu holen sind. In Asien, in den Schwellenländern, oder eben in den Sand bei Las Vegas gesetzt.

  4. Tja, das Problem ist so geartet, die Wirtschaftswissenschaften sind in streng naturwissenschaftlichem Sinn wohl eher keine Wissenschafte, da im Experiment nicht verifizierbar sodern wie die Paraphychologie im Grunde eine Glaubensangelegenheit und hochspekulativ. Der populäre Schluß der aus dieser Erkenntnis kann nur lauten, niemand weiß nix Genaues und “hart im Raume stoßen sich die Dinge”. Aber das ist schon Philosophie und die ist bekanntlich auch nicht exact, dafür aber erhellend.

  5. Zwar mag ich den rechnerischen Weg der Professoren nicht folgen können, wobei ich das mehr auf fehlendes Datenmaterial zurück führe, doch sollte zumindest eine alternative Lösung in Betracht gezogen werden anstatt stumpf politische Alternativlosigkeit zu proklamieren. Schade eigentlich.

  6. Die Beiträge der Professoren führen zu nichts, denn die Argumente gehen am Thema vorbei. Es geht um den “Systemfehler” Zind, dieser bedingt, dass die Verschuldung steigt. Am “Ende” schlägt die Exponentialfunktion brutal zu!
    Die Krise der Wirtschaftswissenschaften:
    Im nachfolgenden Text wird Friedrich Schneider, Chef der größten deutschen Ökonomenvereinigung in einem Interview vom 2. März 2009 zitiert. Er spricht über die Krise der Wirtschaftswissenschaften im Interview mit Ulrike Heike Müller von „Financial Times Deutsch-land (FTD)“: FTD: „Herr Schneider, Ihre sonst so selbstbewussten Kollegen sind in der Krise ruhig geworden. Was ist los mit den Nationalökonomen?“
    Schneider: „Ich sehe unsere Zunft in einer beträchtlichen Krise. Manche Kollegen verneinen das noch immer. Ich finde das zynisch. Dabei zeigt sich gerade jetzt, dass Wirtschaftswissenschaftler auf viele Fragen unzureichende Antworten haben. Oft können wir gar nichts Konkretes sagen. Zum Beispiel fällt es Öko¬nomen schwer, die tatsächlichen Ursachen der Finanz- und Wirt¬schaftskrise sowie deren Interaktion zu analysieren. Ganz zu schweigen von Vorschlägen, wie wir sie lösen können.“ … Aha! Also jetzt sind die Wirtschaftswissenschaftler also wieder da…. Ursachenforschung tut Not! Erst wenn das Problem eindeutig erkannt ist, nämlich der Zins, dann wird sich etwas ändern…
    Lösungen wie “Transparenz” und die Vorstellung eines neuen Wirtschaftssyatems finden sich im Buch “spielgeld-ein neues Wirtschaftssystem”

  7. Sehr gutes Thema. Ich finde auch dass man mehr in die Banken investieren solle. Denn so kann sich doch ein Staat praktisch selbst retten.