Wer Straßen sät, wird Staus ernten

Stau

(Bild: Osvaldo Gago via Wikipedia)

Gerade schaue ich das Inhaltsverzeichnis der aktuellen Ausgabe des “American Economic Review” durch – und stelle mit Freude fest, dass es der Aufsatz “The Fundamental Law of Road Congestion: Evidence from US Cities” der kanadischen Forscher Gilles Duranton und Matthew Turner in die Zeitschrift geschafft hat.

Es ist eine wirklich bemerkenswerte Studie: Die Ökonomen haben den Zusammenhang zwischen Straßenbau und Verkehrsaufkommen am Beispiel der Vereinigten Staaten empirisch untersucht. Mehr Straßen, so das Ergebnis der Studie, sind kein  Mittel zur Bekämpfung des Staus. Das Kernergebnis lautet:

“Eine Verdoppelung der Straßen verdoppelt den Verkehr.”

Ich habe schon  vor zwei Jahren – damals war die Studie noch ein unveröffentlichtes Arbeitspapier (kostenloser Download hier) -  im Handelsblatt über die Arbeit berichtet. Die Überschrift lautete damals Warum Straßenbau kein Mittel gegen Staus ist”.

Hier die zentralen Stellen des Artikels:

“Basis ihrer Studie ist umfangreiches, regional aufgeschlüsseltes Zahlenmaterial zu den Investitionen in den Straßenbau und der Entwicklung des Verkehrsaufkommens für die Jahre 1983 bis 2003. Diese Daten haben Duranton und Turner aus verschiedenen Perspektiven ausgewertet. So analysierten sie einerseits, wie sich im Zeitablauf Straßennetz und Verkehr in jeder Region entwickelt haben. Andererseits verglichen sie, wie sich Infrastruktur und Verkehrsaufkommen zwischen den einzelnen Regionen in einem gegebenen Jahr veränderten.

Beide Ansätze liefern sehr ähnliche Ergebnisse: Ein Ausbau des Straßennetzes um ein Prozent in einer Region führt dazu, dass der Autoverkehr dort um ein Prozent zunimmt – und zwar in weniger als zehn Jahren.

(…)

Dieses Ergebnis ist unabhängig vom Bevölkerungswachstum in der Region, von der wirtschaftlichen Entwicklung und von anderen sozioökonomischen Faktoren. Auch die Frage, wie gut und dicht das Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln ist, spielt für die Entwicklung des Autoverkehrs so gut wie keine Rolle, stellen die Forscher fest.

(…)

Aber woher kommt der zusätzliche Verkehr? Auch dieser Frage sind Duranton und Turner nachgegangen. Der wichtigste Faktor, so stellen sie fest, ist: Das Fahrverhalten der Menschen ändert sich. Sie fahren häufiger Auto, wenn das Straßennetz ausgebaut wird. Weniger Bedeutung hat, dass eine Region mit besserem Straßennetz mehr Menschen aus anderen Regionen anzieht oder dass sich der Verkehr verlagert.”

Ich sehe es immer als   schöne Bestätigung, wenn Studien, über die ich schreibe, wenn sie nur als Working Paper existieren, später in hochkarätigen Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Wenn es sich um solch politisch relevanten Arbeiten handelt, freue ich mich natürlich besonders.

Die Studie bestätigt eine Erkenntnis, die der  SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel schon 1972 hatte: “Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten.”

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence” und meine Facebook-Seite – ich freue mich über jedes “like”!

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Alle Kommentare [7]

  1. Der Lehrstuhl für Verkehrswesen, Planung und Managment, Prof. Dr. Ing.
    Justin Geistefeld an der Ruhr Uni Bochum (RUB) hat die Stausituation auf der
    Autobahn in NRW untersucht.
    Lesenswert. Er hat mehrere Auslöser beschrieben (Baustellen) und Änderungen empfohlen. Immerhin kein Autobahnneubau.

  2. Ihre Studie hatte ich im Handelsblatt gelesen und bereits im Nov. 2010 in der Auseinandersetzung meines Umweltverbandes mit Landtagsabgeordneten NRW verwendet. Besten Dank. Politiker glauben gewählt zu werden, wenn
    sie Versprechen Staus zu beheben. Im nächsten Wahlkampf können sie noch mal versprechen, die neu erzeugten Staus durch neue Straßen zu beseitigen, solange die Wähler es glauben oder das Geld reicht.
    Diskutiert wird hier die Übertragbarkeit der Studie auf Deutschland.

  3. Frage: Warum brauchen wir eigentlich noch eine Studie wenn:

    Die Studie bestätigt eine Erkenntnis, die der SPD-Politiker Hans-Jochen Vogel schon 1972 hatte: “Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten

    wenn wir die Erkenntnis schon vor nahezu 40 Jahren hatten.

    Keynessianische Beschäftigungspolitik :-)

  4. @jmg Stimme voll und ganz zu, Rückbau ist gut. Muss allerdings mit anderen Maßnahmen einhergehen: Keine weitere Ausweisung von Bauland im Umland von Städten als Gewerbegebiet zB, weil sich sonst der Verkehr aus der zur Fußgängerzone umgewandelten Innenstadt ins Umland verlagert.
    In USA hat das Autofahren ohnehin absurde Dimensionen angenommen. Die Leute fahren mit dem Auto, selbst um die Nachbarn an der nächsten Ecke zu besuchen. In vielen Suburbs gibt es keine Gehsteige mehr. Städte werden total auf motorisierten Individualverkehr ausgelegt (zB durch “Skywalks”)
    @Andi “Die Autofahrkapazitäten sind aber begrenzt (Anzahl Autos/Fahrer, Zeit zum Autofahren, Kosten des Autofahrens usw.)” das stimmt nur bedingt. Autofahren hat u. a. psychologische Aspekte, die rational nicht nachvollziebar sind: Pendler, die lieber täglich stundenlang im Stau stehen und für das Parken in der Innenstadt ordentlich zur Kasse gebeten werden, nutzen trotzdem lieber ihr Auto anstatt den öffentlichen Nahverkehr.

  5. Die Autofahrkapazitäten sind aber begrenzt (Anzahl Autos/Fahrer, Zeit zum Autofahren, Kosten des Autofahrens usw.). Bei einem Prozent mag das zustimmen, aber wenn deutlich mehr Kapazitäten an Straßen geschaffen würden dürfte sich das Verhätlnis verbessern.