Können wir wirklich fünf EU Länder pleite gehen lassen?

Harald Hau und Bernd Lucke finden, daß eine Rekapitalisierung der Banken eine kostengünstige Alternative zur jetzigen Politik sei. Ich teile diese Einschätzung nicht.

In einem kürzlich erschienenen Zeitungsartikel legen Harald Hau und Bernd Lucke nahe, daß ein Default Griechenlands, Italiens, Spaniens, Portugals und Irlands durch eine Rekapitalisierung der Banken für Europa verkraftbar sei.

Hau und Lucke sehen die Rekapitalisierung und den dann möglichen Default als Alternative zur Ausweitung des EFSF. Die Bankenrekapitalisierung sei „kostengünstiger und effektiver“ als die „gegenwärtige Politik“. Deshalb sei die Politik der Bundesregierung nicht alternativlos.

Der Aufsatz der beiden verfolgt den (in seiner Anreizwirkung nützlichen) Ansatz, die Eigentümer der Banken zunächst weitgehend mit Eigenkapital haften zu lassen. Bei der Rekapitalisierung stünden den eingesetzten Mitteln dann die Assets der Bank gegenüber, so daß hier keine Verluste auftreten müssen. Zu recht argumentieren Hau und Lucke, daß jeder Bailout der Investoren gerade auch vermögende Anleger verschont. Dennoch bin ich überzeugt, daß die beiden in ihren Schlussfolgerungen zu weit gehen.

Grundlage der Analyse von Hau und Lucke sind die Daten des Stresstests der European Banking Authority (EBA). Wir haben uns diese Daten in den letzten Wochen in einem Seminar an der Universität Mannheim ebenfalls vorgenommen. Detaillierte Anmerkungen zum Zahlenmaterial finden sich in einem Vorab-Papier von Daniel Müller.

Die Analyse von Herrn Müller hebt einige entscheidende Fakten hervor. Die wichtigsten Punkte aus dem Müller Papier sind:

  1. Hau und Lucke sprechen nur von einem Verzicht privater Gläubiger. Die Verluste der EU Staaten beschränken sich auf (Teile der) Verluste der zu rekapitalisierenden Banken. Das legt nahe, daß Hau und Lucke keinen Beitrag der Staaten erwarten, die jetzt schon Kreditgeber sind. Einen Beitrag der EZB schließen sie ausdrücklich aus. Dann wäre aber die Entlastung Griechenlands, Italiens, Spaniens, Portugals und Irlands kleiner als angenommen.
  2. Verluste der Banken, die im Staatsbesitz sind, sind direkt als Verluste des Staates zu verbuchen. Stattdessen rechnen Hau und Lucke diese Verluste den Kosten der Rekapitalisierung zu, denen auch neu hinzugewonnene Assets gegenüberstünden. Dieses Vorgehen ist bei privaten Banken angebracht. Ein Großteil der Verluste deutscher Banken fällt aber bei staatlichen Banken an. Dort handelt es sich um reine Verluste des Staates, da die Aktiva der Bank ja schon dem Staat gehören.
  3. Die EBA Daten, die Lucke und Hau benutzen, vernachlässigen Staatsanleihen, die in Bad Banks ausgelagert sind. Dort entstehen ebenfalls zusätzliche Verluste für den Staat.
  4. Die Berechnungen des Rekapitalisierungsbedarfs beziehen sich nur auf die Wiederherstellung der Ergebniszahlen für die Common Equity des EBA Stresstest. Nicht enthalten sind die Verluste, die im Bankensystem mittelbar durch die Haircuts ausgelöst werden.

Natürlich ist bei allen vier Punkten entscheidend, welches Szenario als relevante Alternative zu Default und Rekapitalisierung angesehen wird. Geht man ohnehin von einem späteren Haircut bei allen fünf Ländern (nach Fortsetzung der Programme von EFSF und EZB) aus, so fielen die zuvor genannten zusätzlichen Verluste allemal an.

Ziel der jetzigen Stützungsmassnahmen ist aber gerade, Italien und Spanien Zeit zu geben, glaubhaft zu konsolidieren. Geht man von diesem zweiten Szenario aus, so unterschätzen Hau und Lucke die Verluste der Staaten, die entstehen können, wenn wir insbesondere Italien sich selbst überlassen.

Zu diesen am EBA Zahlenmaterial orientierten Problemen kommen einige weitere wichtige Punkte hinzu (siehe auch diesen Beitrag von Mark Schieritz).

  1. Harald Hau und Bernd Lucke schreiben, daß es sich bei der Rekapitalisierung um eine „Umschichtung von Staatsvermögen“ handele. Das wäre richtig, wenn der Staat zur Finanzierung der Rekapitalisierung Vermögenswerte veräußern würde. Die umfangreichen Mittel für die Rekapitalisierung der Banken müssten aber ebenso wie die Mittel für die fälligen Garantien und die für eine Rekapitalisierung der EZB am Kapitalmarkt aufgenommen werden.
    Dieser erhöhte Finanzbedarf der EU Staaten müsste kurz vor dem zu erwartenden Default mehrerer EU Länder gedeckt werden. Im besten Falle würde es sich um etwa 220 Milliarden Euro handeln. Mit Zusatzeffekten kann der Betrag weit höher liegen. Hinzu kommt, daß die betroffenen Länder möglicherweise für mehrere Jahre vom Kapitalmarkt abgeschnitten sind. Sofern die Umschuldung nicht zugleich die Laufzeiten der verbleibenden Kredite pauschal ausdehnt, müsste Europa für die betroffenen Staaten über Eurobonds oder den EFSF bürgen. Beide Punkte könnten das Kreditrating Frankreichs und vielleicht sogar Deutschlands gefährden und so zu weiteren Mehrkosten führen.
  2. Es gibt globale Effekte eines Defaults mehrerer europäischer Länder, die mit dem EBA Daten nicht erfasst werden. Alle Berechnungen von Hau und Lucke nutzen ausschließlich europäische Daten, obwohl europäische Bonds auf der ganzen Welt von Banken gehalten werden.
  3. In der Aufzählung der Verluste von Hau und Lucke fehlen zusätzliche Verluste, die durch Credit Default Swaps im Bankensystem entstehen. Diese Verluste entstehen netto, wenn Banken Kreditversicherungen an nicht-Banken verkaufen.

Nochmal: Der Ansatz von Harald Hau und Bernd Lucke, das Problem der Schuldenkrise sozusagen direkt anzugehen, finde ich eigentlich unter Anreizgesichtspunkten sinnvoll, und ich fordere selbst einen Haircut für Griechenland (aber auch nur Griechenland) seit Anfang 2010.

Die Analyse von Hau und Lucke kann aber bei den Euroskeptikern in der Regierungskoalition den Eindruck erwecken, die zögerliche Haltung Deutschlands beim Erweitern oder Hebeln des EFSF sei unproblematisch.

Ich sehe das anders.

Ein Haircut bei Ländern, die über eine machbare Konsolidierung zu einem soliden Kurs zurückfinden würde, würde Deutschlands Steuerzahler im Vergleich zu einer gelungenen Überbrückung durch EFSF und EZB massiv belasten.

(Eine Replik von Hau und Lucke auf diesen Beitrag ist hier verfügbar.)

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Alle Kommentare [7]

  1. Komisch ich hatte vor ein paar Tagen einen Kommentar zu dem Thema abgegeben. Ich sehe diese Kommentar nirgendwo? Ist er der Zensur zum Opfer gefallen? Herr Sorbeck? MfG

    • @Alexkonfu Kann sein. Ein paar unsachliche Kommentare habe ich nicht freigeschaltet, sondern in den Papierkorb verschoben. Allerdings finde ich da nichts mit ihrer E-Mail-Adresse, und geleert habe ich den Papierkorb seit dem 8.10. nichtmehr. Das nennt man übrigens nicht Zensur, sondern Moderation.

  2. Folgende Replik schickte der Hamburger Ökonom Bernd Lucke.

    Hans-Peter Grüners vermeintliche Kritik an unserem Vorschlag ist zunächst einmal eine
    Bestätigung unserer zentralen These: Es gibt eine Alternative zum Rettungsschirm. Statt
    deren Existenz zu leugnen (wie die Bundesregierung dies tut), sollten die Zahlen auf den
    Tisch: Was kostet eine Rekapitalisierung der Banken und was kostet der Rettungsschirm?
    Hans-Peter Grüner nimmt diese Debatte ernst und leistet seinen Beitrag dazu.
    Die Kosten verschiedener Strategien kann man nur evaluieren, wenn man einen geeigneten
    Referenzpunkt setzt. Für Grüner lautet dieser Referenzpunkt: Der Rettungsschirm
    funktioniert. Die überschuldeten Staaten werden sich unter seinem Schutz erholen und nicht
    insolvent werden – außer vielleicht Griechenland. Auf diesem Szenario fußt seine Kritik.
    Aus unserer Sicht ist das ein ungeeigneter Referenzpunkt. Und die wissenschaftliche Literatur
    stützt das: In historischen Analysen wird naiver politischer Optimismus der verantwortlichen
    Regierungen als wiederkehrender Grundzug von Schuldenkrisen ausgemacht.
    Verantwortungsbewusste Politik darf nicht darauf setzen, dass man vielleicht Glück haben
    kann. Deshalb haben wir das ungünstige Szenario einer großen Krise unterstellt. Aber dies ist
    keine willkürliche Setzung. Sie folgt aus dem Postulat, dass die Politik auch den ungünstigen
    Fall noch beherrschen können muss.
    Der erwähnte Krisenoptimismus hat zudem schon jetzt seine Gefährlichkeit offenbart. Die
    hochgesteckten Erwartungen des Rettungsschirmes vom Mai 2010 haben sich nicht erfüllt:
    Vermeidung von Ansteckungseffekten und Begrenzung der Krise auf Griechenland. Deshalb
    muss der Referenzpunkt eine Ausweitung der Krise auch auf andere Staaten berücksichtigen.
    Was kostet den deutschen Steuerzahler dann der Rettungsschirm? Was kostet alternativ eine
    Bankrekapitalisierung?
    Geht man davon aus, dass es auch unter dem Rettungsschirm zu Staatsinsolvenzen kommen
    kann, dann fallen Risikopositionen, die der Staat bereits übernommen hat (aus dem
    Rettungsschirm oder aus Bankbeteiligungen) unter beiden Szenarien an – das macht also
    keinen Unterschied. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass bei einer
    Bankrekapitalisierung nur die Verluste der systemrelevanten Banken, nicht aber, wie beim
    Rettungsschirm, die Verluste aller Anleger vom Staat aufgefangen werden.
    Da Hans-Peter Grüner ebenfalls die Daten der EBA-Stresstests analysiert hat, hätten wir ein
    paar konkrete Zahlen erwartet. Z. B. folgende: Die EBA gibt an, dass die deutschen Banken
    (staatliche und private zusammen) bei einer partiellen Insolvenz Griechenlands, Portugals,
    Irlands, Spaniens und Italiens direkte Verluste von knapp 20 Mrd Euro zu erwarten haben.
    (Die von Grüner angemahnten Verluste des Staates durch seine Bankbeteiligungen sind da
    also bereits drin). Die indirekten Verluste z. B. aus Credit Default Swaps werden netto von
    der EBA mit weniger als 1 Mrd Euro beziffert. Man mag diese Zahlen im Detail kritisieren
    können, aber wir sehen nicht, wie man sie zu Größenordnungen aufblasen kann, die auch nur
    annähernd den dreistelligen Milliardenbeträgen entsprechen, die Deutschland im Rahmen der
    Rettungsschirme riskiert.
    Harald Hau, Universität Genf
    Bernd Lucke, Universität Hamburg und Indiana University, Bloomington
    20.10.11

  3. Nirgends wird berichtet wie Groß die Volkswirtschaften dieser Länder wirklich sind. Der Vergleich der Wirtschaftskraft Hessens mit Griechenland lässt erahnen, dass evenutell auch der “Ausfall” mehrer Länder von der EU verkraftbar sei, wie es im Kommentar heisst. Das Wort verkraftbar bedeutet hier : von Steurzahlern zu bezahlen. Von den Steuerzahlern zu bezahlen die diese Steuern noch bereit sind zu bezahlen und da gibt es in Deutschland und Griechenland bekanntlich Lücken.

  4. Der Kommentar ist hervorragend. Wie weit allerdings überhaupt eine Rekapitalisierung von Banken notwendig oder möglich ist, halte ich für diskutabel, da die Banken sehr unterschiedlich dastehen und noch dazu, wie das Müller-Papier wohl zeigt, vor allem die staatlichen Banken das Problem haben/sind.
    Fraglich ist allerdings auch, ob überhaupt eine Rettung der Länder möglich ist. Es wird einfach Zeit, den ganzen staatlichen Interventionismus aufzugeben und Staatsbürokratie einfach wie die Dienstleister zu behandlen, der sie in finanzieller Hinsicht (“Fiskus”) sind. Auch Staatsbilanzen müssen endlich wie Firmen betrachtet werden und klare Pensionsrückstellungen eingeführt werden, bevor die Pensionsforderungen aufkommen. Gleichzeitig sollte in der öffentlichen Diskussion mal klargestellt werden, das die Forderungen von Beamten hinsichtlich Pensionen nichts anderes sind als die Forderungen von Bondbesitzern (häufig sind es auch die selben Besitzer, da selbst bei GR die Mehrheit der Staatsschulden in Wirklichkeit bei der griechischen Bevölkerung liegt). Klare Konkursverfahren nach dem Muster normaler Insolvenzen wären nötig – es sei denn, man entscheidet sich für gemeinsames Gelddrucken und damit Enteignung von über 70% der Bevölkerung wie in alten Zeiten – durch eben einen gemeinsamen europäischen Staat, der dann innerhalb einiger Jahre fast seine ganze produktive Bevölkerung an vernünftiger geführte Staaten ausserhalb Europas verlieren dürfte, weil sich die bereits laufende Auswanderungswelle von Facvhkrüften und unternehmerische denkenden Personen dann massiv beschleunigen wird.

  5. Deutschlands Steuerzahler massiv belasten?
    Wir sind bereits massiv belastet, was soll jetzt noch diese Diskussion?
    Um unsere Schulden hier zurückzuzahlen braucht es hunderte von Jahren was soll da noch schlimmer kommen?
    Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass sowieso bereits der Untergang beschlossen ist und man nur Zeit schindet für die Reichen, damit diese noch ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen können.
    Mein Hab habe ich bereits vor den Banken in Sicherheit gebracht und rate das auch allen Mitbürgern denn wenn es knallt wird niemand da sein der ihnen ihre Erparnisse zurück bringt, siehe Lehman Bank

  6. wir reden hier nicht von exotischen strukturierten Produkten, für die man ein Modell benötigt, um sie zu bewerten. Wir reden von den sichersten Geldanlagen in der westlichen Welt, die im letzten halben Jahrhundert zu bekommen waren. Staatsanleihen sind Witwen- und Waisenpapiere, die man kauft, wenn man selbst für Unternehmensanleihen zu ängstlich ist. Europa zerstört durch das Gerede über Defaults eines winzigen 3%-Teils der Eurozone ein über Jahrzehnte aufgebautes Vertrauen und händigt den USA einen geldwerten Vorteil im Wert von einigen Milliarden Dollar auf dem Silbertablett aus.
    Sollte es tatsächlich dazu kommen, daß auch nur ein einziger Privater auch nur einen Cent aus irgendeiner Staatsanleihe im Euroraum verliert, dann werden alle Dämme brechen. Die Investoren, die Sicherheit suchen, die akzeptieren ja jetzt schon teilweise negative Zinsen auf US-Treasuries, weil sie nur da sicher sein können, ihr Geld auch wieder zurückzubekommen. Oder sie kaufen Gilts oder JGBs. Aber Staatsanleihen von Staaten, die Anleger willkürlich enteignen wollen, wie sie gerade lustig sind?
    Staaten sind keine Unternehmen, die ständig verschwinden und neu gegründet werden. Vertrauen, das hier verloren geht, das braucht Jahrzehnte, um wieder zurückgewonnen zu werden. Wer würde momentan Argentinien-Anleihen kaufen? In Argentinien spricht man heute von der “Schande von 2001″ (http://derstandard.at/1271374546912/Umschuldung-Argentinien-will-Schande-hinter-sich-lassen), nur: damals wussten die Investoren, worauf sie sich einlassen. Ich habe damals über Jahre hohe Zinsen kassiert und war über den Default enttäuscht, aber nicht überrascht.
    Bei Griechenland und all’ den anderen Eurostaaten gab es hingegen seit 10 Jahren keine höheren Zinsen als für Deutschland. Man hat dem Versprechen der Politik á la “unwiderrufliche” Währungsunion vertraut. Und wenn das gebrochen wird, dann werden selbst für Deutschland noch harte Zeiten anbrechen. Dieses Land bringt ja selbst in einer Hochkonjunktur kein ausgeglichenes Budget zusammen.