»Olaf Storbeck 02. Oktober 2011, 11:04 Uhr

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Meine Vorhersagen zum Ökonomie-Nobelpreis

Die Nobelpreis-Medaille (Bild: Jonathunder via Wikipedia)

Manche Dinge sind eigentlich unprognostizierbar. Zum Beispiel, welche Forscher in einem bestimmten Jahr den Ökonomie-Nobelpreis erhalten.

Mittel- bis langfristig sind viele Kandidaten klar – so war es zum Beispiel eindeutig, dass Paul Krugman wegen seiner Handelstheorie den Preis verdient hat. Dass er ihn aber 2008 bekam, war eine mehr oder weniger willkürliche Entscheidung.

Auch Olivier Williamson wurde viele Jahre als Kandidat gehandelt -  aber statt 2009  hätte er  den Preis genauso gut schon 1999 bekommen können, oder nie. Elinor Ostrom dagegen, mit der sich Williamson den Preis teilte, hatte zumindest ich überhaupt nicht auf der Rechnung.

Trotz der Prognose-Schwierigkeiten gibt es mehrere Anläufe, die nächsten Preisträger vorherzusagen. So veröffentlicht Thomson Reuters seit Jahren eine Kandidatenliste, deren Treffsicherheit zumindest in der VWL mich nicht wirklich überzeugt.

Ein interessanter Ansatz ist der Vorhersage-Markt, den einige Harvard-Ökonomen seit 2009 betreiben. Jeder, der will, kann dort seine Vorhersagen abgeben – pro Name kostet es einen Dollar. 2009 und 2010 waren lagen mehrere Teilnehmer zumindest teilweise richtig.

An der 2011er-Runde habe ich gerade teilgenommen – und vier verschiedene Namen eingereicht.

(Leider ist es etwas schwierig, das Geld für die Teilnahme zu zahlen – die Harvard-Leute sind da sehr US-zentriert. Man muss entweder Dollar-Noten par per Post schicken oder ein Bezahlsystem von Amazon nutzen, das nur innerhalb der USA funktioniert. Ich habe die Organisatoren deswegen angemailt…
Update, 5. Oktober: Die Harvard-Leute haben jetzt eine Paypal-Option hinzugefügt – das macht die Teilnahme für Leute außerhalb der USA deutlich einfacher.)

Robert Shiller

Der Yale-Ökonom ist vor allem durch seine Bücher “Irrational Exuberance”, “Subprime Solution” und “Animal Spirits” einer bereiteren Öffentlichkeit bekannt und hat frühzeitig sowohl vor der Internet-Aktienblase als auch vor der Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt gewarnt – und auch vor den gewaltigen Problemen, die das Platzen der Immobilienblase für den Rest der Wirtschaft bringt.  Zudem hat er Pionierarbeit auf dem Gebiet der Entwicklung von Preisindizes für Immobilienpreise geleistet.

Wissenschaftlich war Shiller einer der ganz großen Vorreiter auf dem Gebiet der Behavioral Finance. Shiller war einer der ersten Forscher, die überzeugende Belege geliefert haben, dass Finanzmärkte nicht rational und reibungslos funktionieren.

Sein 1981 im “American Economic Review” erschienener Aufsatz “Do Stock Prices Move Too Much to Be Justified by Subsequent Changes in Dividends?” wurde in die Liste der 20 wichtigsten Arbeiten gewählt, die in den ersten 100 Jahren im  AER erschienen sind. Auffällig ist: Sein Papier ist die jüngste Arbeit, die es in diese Liste schaffte – und 12 der 26 Autoren sind bereits Ökonomie-Nobelpreisträger.

Wenn das Stockholmer Nobelpreiskomitee die Finanzkrise zur Kenntnis nimmt (ich will hoffen, dass sie das irgendwann tun), dann wäre Shiller aus meiner Sicht einer der ganz heißen Kandidaten. Verdient hätte er den Preis allemal.

Gegen Shiller spricht, dass er noch vergleichsweise jung ist und das Komitee daher nicht befürchen muss, dass er bald stirbt und meint, sich noch länger Zeit lassen zu können. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass die Stockholmer um so politisch brisante Themen wie die Finanzkrise eher einen Bogen mache (leider).

Richard Easterlin

Viele Mainstream-Ökonomen werden bei diesem Namen die Nase rümpfen, aber ich halte den Erfinder der Glücksökonomie für einen wirklich würdigen Kandidaten auf den Ökonomie-Nobelpreis – ganz unabhängig davon, wie man persönlich zu der Forschungsrichtung steht.

Fakt ist, dass Easterlin in den frühen 70er-Jahren einer der allererste Volkswirt war, der das Prinzip der “revealed preferences” verlassen hat und feststellte: Es reicht nicht, sich nur die Handlungen von Menschen anzugucken, um auf ihre Präferenzen zu schließen – es macht durchaus Sinn, die Präferenzen selbst zum Thema zu machen. Diese Erkenntnis  hat sich in den letzten 10, 15  Jahren immer stärker durchgesetzt, auch in anderen Teildisziplinen wie der experimentellen Wirtschaftsforschung und der Neuroökonomie.

Easterlin analysierte als erster Umfragen zur persönlichen Lebenszufriedenheit und verglich sie mit Einkommens- und BIP-Daten. Er stieß auf ein Phänomen, das als “Easterlin Paradoxon” in die Forschung eingegangen ist: Innerhalb einer Gesellschaft sind Menschen mit höherem Einkommen zwar glücklicher als welche mit niedrigem, aber in Ländern mit einem insgesamt höherem Einkommen sind die Menschen nicht per se zufriedener. Auch im Zeitablauft steigt die Lebenszufriedenheit der Menschen in einem Land  nicht, wenn das BIP steigt.

Lange wurde Easterlins Forschung von seinen Mainstream-Kollegen nicht ernst genommen – aber seit den 90er-Jahren boomt der Forschungsbereich. Nicht alle Ergebnisse haben sich bestätigt, vieles ist umstritten. Aber Fakt ist, dass Easterlin den Horizont der Ökonomen erweitert hat und einen ganz neuen Forschungszweig begründet hat, der viele Fragen aufwirft, die für die konkrete Wirtschaftspolitik hoch relevant ist.

Mit Easterlin würde ein unorthodoxer Forschungsansatz ausgezeichnet – das kann aus Sicht des Komitees sowohl für als auch gegen ihn sprechen. Er ist ziemlich alt – wenn man ihn auszeichnen will, hat man nicht mehr ewig Zeit. Außerdem läßt sich die Forschung von Easterlin relativ leicht auch Laien erklären. Wollte das Komitee der Öffentlichkeit zeigen, dass sich Volkswirte nicht nur mit esoterischem Zeug beschäftigen, das Normalsterbliche nicht verstehen, wäre er die perfekte Wahl.

Anne Krueger

Die Forscherin hat die so genannte “Rent seeking”-Theorie begründet – unter anderem mit einem 1974 im American Economic Review erschienenen Aufsatz “The Political Economy of the Rent-Seeking Society”. Krueger  hat als erste analysiert, wie Interessensgruppen versuchen, sich auf Kosten der Allgemeinheit unfaire Vorteile (“rents”) zu verschaffen  und welchen gesamtwirtschaftlichen Schaden dadurch angerichtet wird. “Rent seeking” ist schon lange Standard-Lehrstoff an den Universitäten und  ziemlich unumstritten.

Der AER-Aufsatz von Krueger schaffte es  ebenfalls in der Liste der 20 wichtigsten Aufsätze, sie in den ersten 100 Jahren im AER erschienen sind.   Krueger steht auch auch auf  der Thomson-Reuters-Kandidatenliste, die hauptsächlich auf Zitationen schaut.

Aus Sicht des Stockholmer Nobelpreis-Komitees, das extrem risiko-avers agiert, hätte Krueger zwei große Vorteile:

1) Ihre Theorien sind fast 40 Jahre alt und – im Vergleich zu den Thesen Easterins und auch Shillers – ziemlicher Mainstream. Krueger wäre keine Wahl, bei der sich das Komitee beim ökonomischen Establishment in die Nesseln setzt. Auch das Risiko, in ein paar Jahren blamiert zu werden, ist ziemlich gering.

2) Sie ist eine Frau – und wäre damit erst die zweite weibliche Forscherin, die den Preis erhält.

Hinzu kommt, dass auch Krueger nicht mehr die jüngste ist (1934 geboren) – wenn man sie ehren will, bleibt nicht mehr unendlich viel Zeit.

Hernando de Soto

Mein Außenseiter-Tipp. Der peruanische Ökonom Hernando de Soto hat die These aufgestellt, dass unzuzreichende Eigentumsrechte und andere schlechte Insitutionen sowie überbordende staatliche Bürokratie ein zentraler Grund dafür sind, warum Entwicklungsländer arm sind. Diese Länder würden Unternehmen, die investieren wollen, zu viele Steine in den Weg legen – und deshalb nicht ihre Armut überwinden können.

De Soto hat dazu unter anderem eine relativ spektakuläre Feldstudie gemacht, in der er selbst versucht hat, ein Unternehmen in einem Entwicklungsland zu gründen. Die Weltbank hat diesen Ansatz aufgegriffen und veröffentlicht seit 2004 regelmäßig  den “Doing Business”-Bericht, in dem untersucht wird, welche bürokratischen Hürden Unternehmer in verschiedenen Ländern überwinden müssen.

Aus Sicht des Nobelpreiskomitees hätte de Soto zwei Vorteile: Er ist ein liberaler Ökonom, der entlang des ökonomischen Mainstreams argumentiert, er hat sich mit einem wichtigen Thema (Kampf gegen die Armut) beschäftig und er kommt aus einem Entwicklungsland.

Stunde der Wahrheit

Die Stunde der Wahrheit schlägt am 10. Oktober gegen 13 Uhr deutscher Zeit. Die Pressekonferenz dazu kann man live im Internet verfolgen. Und ich bin ziemlich sicher, dass ich mit meinen Prognosen falsch liege,  zumindest in diesem Jahr.

Wir dürfen gespannt sein.

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»Olaf Storbeck 02. Oktober 2011, 11:04 Uhr

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