“Der Journalist des Handelsblatts schreibt viel Falsches”

Die Deutschen sind doch nur neidisch auf einen erfolgreichen Schweizer, meint Bruno Frey. (Bild via Wikipedia)

Das hat Bruno Frey in einem Interview der Schweizer Gratiszeitung “20 Minuten” (“Ich habe mich zu wenig selbst zitiert”) gesagt.

(Vielen Dank an Marco Hafner alias “RBK_31″, der mich über Twitter auf das Interview hingewiesen hat!).

Die Kollegen von 20 Minuten haben Frey unter anderem gefragt, ob er die Aufregung übertrieben finde. Seine Antwort:

“Ja. Der Journalist des deutschen Handelsblatts, der gestern breit darüber berichtete, schreibt viel Falsches. Und er bauscht mich zum Star-Ökonomen auf, damit er die nötige Fallhöhe für einen reisserischen Artikel hinkriegt.”

Mir sind keine Fehler bekannt, und Bruno Frey hat sich diesbezüglich auch noch nicht gemeldet. Daher rufe ich alle Leser zum Fact Checking meiner Artikel auf – wer einen Faktenfehler im Zusammenhang mit Bruno Freys Titanic-Texten findet, darf mit mir “auf Schalke”.

Ich habe es in meinem englischen Blog, in dem zwei Leser meine Absichten in Frage stellten und mir vorwarfen, ich wälze die Sache zu sehr aus, bereits geschrieben (10. Kommentar): Mein Anspruch ist es, allen Beteiligten die Möglichkeit zur Stellungnahme zu geben. Ich mache alle relevanten Informationen, über die ich verfüge und die meine Quellen nicht als vertraulich gekennzeichnet haben, öffentlich.

Sollte ich falsche Dinge geschrieben haben – ich bin mir dessen nicht bewusst – sind Bruno Frey, Benno Torgler und alle Leser hier eingeladen, mich darauf hinzuweisen. Hier meine beiden Texte aus der Printausgabe, und hier meine deutschen und englischen Blogposts dazu – ich wünsche euch allen viel Spaß beim Fact-Checking.

Wer einen Faktenfehler mit Blick auf Frey’s Titanic-Publikationen findet, wird von mir in meine Geburtsstadt Gelsenkirchen eingeladen,  zu einem Heimspiel des FC Schalke 04. Ich zahle das Ticket, das Bier und die Currywurst (um die Anreise müsst ihr euch selbst kümmern).

Bislang hat sich in der Frey-Affäre niemand gemeldet, um einen Fehler in meiner Berichterstattung zu monieren. Nicht Bruno Frey, nicht Benno Torgler und auch sonst niemand.

Was die Bezeichnung als Starökonom betrifft: Frey liegt im Handelblatt-Volkswirte-Ranking mit seinem Lebenswerk mit einigem Abstand auf Platz eins, ist laut Repec der deutschsprachige Volkswirt, dessen Arbeiten am häufigsten im Internet heruntergeladen werden und liegt dabei weltweit auf Platz 38. Außerdem wurde er mit Wissenschaftspreisen aller Form und Güte überhäuft.

Wenn Frey im deutschen Sprachraum kein Starökonom ist, wer ist es dann? (Ja, klar, Herr Sinn, mal abgesehen von Ihnen natürlich!)

Bemerkenswert ist an dem 20-Minuten-Interview zudem, was Frey zum nicht zitierten Titanic-Aufsatz von 1986 sagt:

“Dort ging es um eine völlig andere Fragestellung. Warum überlebten mehr Passagiere aus der ersten Klasse als aus der dritten? Weil Vermögenden damals eher geholfen wurde als Armen, lautete die Antwort. Wir hingegen wollten wissen, warum mehr Briten als Amerikaner ertranken.”

Trotzdem hätten Sie die ältere Studie zitieren sollen.
“Das war alles andere als zwingend.”

Nicht nur ich sehe das anders – auch der MIT-Professor und “Journal of Economic Perspectives”-Herausgeber David Autor. Er schrieb mir mit Blick auf den Hall-Aufsatz von 1986:

“The Hall paper that you cited (and which I downloaded and read yesterday) comes as unhappy news to my coeditors and me. We were not aware of that article or its overlap with Frey et al. My reading is that there is considerable overlap between Frey et al. and this 1986 paper. (…)  Frey et al. should have known about this article. It is their responsibility as scholars to fully research the literature in their field of study, and to acknowledge prior contributions accurately and fairly.”

Wirklich peinlich wird Freys Interview ganz am Schluss.

“Ich frage mich, ob bei Deutschen Neid eine Rolle spielt. Dass ein Schweizer wie ich oft die Beststeller-Listen anführt, mag einigen im Nachbarstaat nicht in den Kram passen.”

Lieber Bruno Frey, die nationalistische Karte zu ziehen, das ist wirklich nicht ihr Ernst, oder?

Glauben Sie ernsthaft, mich oder einen anderen Handelsblatt-Kollegen würde interessieren, was für einen Pass Sie in der Tasche haben?

Hans-Werner Sinn musste sich trotz seiner westfälischen Herkunft schwere Kritik von mir gefallen lassen (hier noch mehr), und mein Kollege Norbert Häring hat US-Starökonomen Steven Levitt zu Recht attakiert, als dieser Schmuh betrieben hat.

Umgekehrt weiß nicht, wie oft ich im Handelsblatt ein Loblied auf die Volkswirte der Universität Zürich  (zum Beispiel hier, hier (peinlicherweise hatte ich damals bei der Blümlisalpstraße ein s unterschlagen) sowie die dort forschenden Professoren Frey (hier) und Fehr (hier, hier und hier) gesungen habe.

Um es ganz deutlich zu sagen: I don’t have a dog in this fight. Ich habe bislang Bruno Frey persönlich und als Wissenschaftler sehr geschätzt; und ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Volkswirtschaftslehre ihm sehr viel zu verdanken hat – vor allem mit Blick auf die Überwindung der Engstirnigkeit, unter der der neoklassische Mainstream meines Erachtens leidet. Seine Verdienste können aber kein Argument sein, sein Fehlverhalten zu vertuschen.

Die Verzweifelung muss wirklich groß sein, wenn sich Bruno Frey mit solch lächerlichen Argumenten zu verteidigen versucht  - und sich damit erst vollends um Kopf und Kragen redet.

Update (Samstag, 9. Juli, 11.30 Uhr) : Interessant ist auch, dass Frey in dem Interview zwischen den Zeilen seinen Koautoren die Schuld für die fehlenden Zitate auf die anderen Titanic-Paper des Forscherteams gibt. Auf die Frage, welche Lehren er aus dem Fall ziehe, sagt er “20 Minuten”:

“Ich muss den Publikationsprozess enger begleiten.”

Im englischsprachigen Internetforum “Economic Job Market Rumors” kommentiert das jemand so:

That sounds like he is throwing his co-auhtors under the bus…

Mich würde mal sehr interessieren, was sich Benno Torger und David Savage denken, wenn sie das lesen…

Im übrigens habe ich heute morgen  folgende Email an Frey und cc an Torgler und Savage geschickt:

Dear Professor Frey,

With great interest I read your interview in “20 Minuten”
(http://www.20min.ch/finance/news/story/23158193)

You make the claim that I wrote “a lot of wrong things” in my article
for printed Handelsblatt (the article is available online, here:
http://www.handelsblatt.com/politik/oekonomie/nachrichten/staroekonom-schreibt-bei-sich-selbst-ab/4367878.html)

I’m not aware of any factual errors in my articles about your work.
However, if there are any, I’m happy to correct them instantly. Hence,
I’d be grateful if you were able to elaborate what precisely is wrong
in my articles.

I’d also ask you to have a look at my English translation of your
interview that I published on my blog.
http://olafstorbeck.com/2011/07/09/bruno-frey-fights-back/

Please let me know if there are any issues with my translation of your
words. I’m happy to  improve the translation.

Many thanks and best regards
Olaf Storbeck

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence”.

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Alle Kommentare [14]

  1. Ich finde das auch lobenswert, wenn über solche Skandale berichtet wird. Noch dazu trifft es nicht den Falschen: Bei Frey ist Selbstplagiat System.

    Sie sollten die papers im JPE 1996 und in der AER 1997 lesen. Wieder das selbe Thema; es gibt in beiden papers nur eine (!) Tabelle, die nahezu identisch ist und — zitiert wird natürlich keines der beiden im anderen Aufsatz. Das sind immerhin die beiden wichtigsten Journale!

    Ähnliche Vorfälle wurden über papers im European Journal of Political Economy, etc. berichtet.

  2. “Ich muss den Publikationsprozess enger begleiten.”

    Man kann das auch so interpretieren:
    “Ich muss besser aufpassen, wo ich meinen Namen drauf schreibe”
    Aber nur, wenn man bösartig ist. :)

  3. @Olaf Storbeck
    Schauen Sie sich einfach Ihr HB-Ranking an, arbeiten Sie die Liste in der VWL und BWL von oben nach unten ab. Sie werden dann ganz viele “Eigenplagiate” (von Ihnen definiert als keine Querverweise zu ähnlichen, veröffentlichten Texten des Autorenteams, d.h. selber Datensatz mit marginal veränderter Fragestellung) finden. Anders kommt man in Ihrem Ranking gar nicht nach oben. Das ist auch der Witz an Ihrem Vorwurf: Erst Fehlverhalten messen und dann Fehlverhalten vorwerfen. Aus meiner Sicht – und natürlich sehen Sie das wieder anders – geht nur eines von Beidem.
    PS: Viel Spass beim Marginalbeiträge durcharbeiten. Das tut Ihnen evtl. mal ganz gut, da Sie dann sehen, welcher Scheiss nach oben gerankt wird. Da ist der Bruno Frey noch einer der zu Recht weit oben steht – das stand er nämlich in der Wahrnehmung einiger (nie alle!) schon vor Ihrem Ranking. Einfach weil man seine Beiträge gern – gern auch doppelt – liest. Man schläft beim Lesen nicht gleich ein und lernt manchmal auch noch was dazu.

    • @ News of the World: Ob sies glauben oder nicht: Als wir das Ranking 2006 aufgebaut haben, habe ich nicht unwesentliche Teile der Literaturverzeichnisse der Damen und Herren selbst manuell in unsere damals noch selbst betriebene Datenbank (heute macht das zum Glück die ETH Zürich für uns) eingegeben. Ich habe zwar nicht die Quellenverzeichnisse geprüft, aber ich bin mir schon ziemlich sicher, dass solch klare Eigenplagiate (die gleichen Daten, die gleiche mathamatische Forschungsmethode, die gleichen Ergebnisse, aber keine fehlenden Querverweise) schon die sehr große Ausnahme sind. Bei Frey wohl nicht, da habe ich inzwischen eine Reihe von Hinweisen auf andere, teilweise noch frappierendere Beispiele. Aber bei den anderen führenden Leuten schon. Zu meiner Jobbeschreibung beim Handelsblatt gehört es zudem, Paper auch tatsächlich zu LESEN (und dann darüber zu berichten), dh. ich kenne die Forschung von Herren wie Falk, Fehr usw. ganz gut. Auch dort sind mir solche Beispiele nicht über den Weg gelaufen.

      Natürlich gibt es Beispiele dafür, dass extrem aufwändig erstellte Datensätze mehrfach ausgewertet werden und eine Forschungsidee variiert wird, sind mehrere Paper von Wößmann und Becker zur industriellen Revolution und Bildungsthemen. Angefangen hat es mit dem aus meiner Sicht sensationellen Paper “Was Weber Wrong? A Human Capital Theory of Protestant Economic History”, das 2007 im “Quarterly Journal of Economics erschienen ist”. http://ideas.repec.org/a/tpr/qjecon/v124y2009i2p531-596.html Dafür haben die riesige Mengen regionalen Veraltungsdaten aus Preußen des 19. Jahrhundert in Indien digitalisieren lassen, um den Zusammenhang zwischen Religion, Bildung und wirtschaftlichem Erfolg nachzuzeichnen. Ergebnis: Es gab diesen Zusammenhang so, wie Weber ihn gesehen hat (Protestanten waren reicher), aber es lang nicht an ihrem anderen Arbeitsethos, sondern weil sie besser gebildet waren, da die Evangelen von der Kirche dazu getrieben wurden, selbst die Bibel lesen zu können.

      2008 folgt dann das Paper “Luther and the Girls – Religious Denomination and the Female Education Gap in 19th Century Prussia” http://ideas.repec.org/p/iza/izadps/dp3837.html, wo mit dem (wenn ich es richtig im Kopf habe) gleichen Datensatz eine andere Frage untersucht wurde, nämlich der Gender gap in der Bildung zwischen katholisch und evangelisch dominierten Regionen in Preußen. Selbstverständlich wird – wie es sich gehört – das eigene QJE-Paper von 2007 in dem neuen Aufsatz erwähnt.

      2009 erscheint “Catch Me If You Can: Education and Catch-up in the Industrial Revolution” http://ideas.repec.org/p/iza/izadps/dp4556.html. Aus dem Abstract: “Existing evidence, mostly from British textile industries, rejects the importance of formal education for the Industrial Revolution. We provide new evidence from Prussia, a technological follower, where early-19th-century institutional reforms created the conditions to adopt the exogenously emerging new technologies. Our unique school-enrollment and factory-employment database links 334 counties from pre-industrial 1816 to two industrial phases in 1849 and 1882. Controlling extensively for pre-industrial development, we use pre-industrial education as an instrument to identify variation in later education that is exogenous to industrialization itself. We find that basic education significantly accelerated non-textile industrialization in both phases of the Industrial Revolution.” Auch hier wird das QJE Paper von 2007 natürlich zitiert (nicht das 2008er-Paper “Luther and the Girls”, aber die Fragestellung ist ja auch tatsächlich eine sehr deutlich andere.

      2011 erscheint dann “Knocking on Heaven’s Door? Protestantism and Suicide” http://ideas.repec.org/p/wrk/warwec/966.htmlAbstract: ” We model the effect of Protestant vs. Catholic denomination in an economic theory of suicide, accounting for differences in religious-community integration, views about man’s impact on God’s grace, and the possibility of confessing sins. We test the theory using a unique micro-regional dataset of 452 counties in 19th century Prussia, when religiousness was still pervasive. Our instrumental-variable model exploits the concentric dispersion of Protestantism around Wittenberg to circumvent selectivity bias. Protestantism had a substantial positive effect on suicide in 1816-21 and 1869-71. We address issues of bias from mental illness, misreporting, weather conditions, within-county heterogeneity, religious concentration, and gender composition”
      Wieder eine ganz andere Fragestellung auf Grundlage der gleichen oder ähnlicher Daten, und wieder ganz sauber mit dem Hinweis auf das 2007er-QJE-Paper.

      Solch ein Vorgehen halte ich nicht nur für absolut legitim und sauber, und auch nicht weiter erstaunlich. Wößmann und Becker haben ihre Daten für viel Geld in Indien digitalisieren lassen – der Aufwand würde sich kaum lohnen, wenn sie sie nur einmal nutzen dürften (und dann aber, wie es sich gehört, ihren Datensatz anderen zur Verfügung stellen müssen, die die Studie replizieren wollen oder die Daten anderweitig nutzen). Es ist auch nicht weiter erstaunlich, dass, wenn man sich in ein Fachgebiet einarbeitet, man nach und nach zusätzliche Forschungsideen bekommt, die in der Nachbarschaft liegen. Die Querverweise auf die eigenen anderen Werke sind entscheidend, und die Frage, ob die Forschungsfragen in den verschiedenen Papern sich signifikant unterscheiden. Natürlich ist die Grenze fließend und es ist im Zweifel Ermessenssache. Wenn ich aber 2x veröffentliche, wer abhängig von Alter, Geschlecht, Nationalität, Buchungsklasse und Zahl der Belgleitpersonen auf der Titanic ertrunken ist und das 2x noch mit der Lousitania vergleiche, ohne auf meine anderen Werke hinzuweisen, die Daten und die Method gleich ist, dann ist m.E. die Grenze eindeutig überschritten.

      Also, “News of the World”: Hören Sie hier bitte auf, anonym und pauschal einen gesamten Berufsstand zu diffamieren. Das ist unfair und in fast allen Fällen falsch, und ich will es hier nicht mehr lesen. Wenn Sie konkrete Beispiele über ähnliche Fälle bei anderen Forschern haben, dann teilen Sie sie mir bitte bitte mit, entweder hier im Kommentar oder per E-Mail.

  4. @Olaf Storbeck
    Ein Eigenplagiat ist es mMn immer NUR, wenn die Querverweise fehlen (und wenn der Herausgeber nicht darauf hingewiesen wurde, dass fast derselbe Artikel schon einmal veröffentlicht wurde). Nur das ist sanktionswürdig. Insofern sind wir da einer Meinung.

  5. Dass man aus einem Forschungsprojekt drei bis vier Artikel macht, ist ja schon gang und gäbe. Der Übergang zu Eigenplagiaten ist da fließend. Und die Versuchung ist groß. Daher glaube ich auch, dass Frey kein Einzelfall ist.
    Für die öffentliche Debatte bringt es aber nichts, im Abstrakten zu bleiben und auf Anreize und Mechanismen zu verweisen. Die öffentliche Debatte entzündet sich am Konkreten – und an Personen. Und von daher mal ein großes Lob an Olaf Storbeck. Er hat den Fall Frey in die Öffentlichkeit getragen.
    In der Wissenschaft ist sicherlich nicht alles Gold, was glänzt, und eine kritische Wissenschaftsberichterstattung ist notwendig, aber leider noch viel zu selten.

  6. ad 1) Ihr Punkt ist richtig. Allerdings werden Sie 95% aller Sozialwissenschaftler anklagen müssen. Die Masse an Literatur ist mittlerweile so riesig, dass selbst bei sorgfältiger Literaturrecherche immer wieder Grundlagenartikel und insbesondere Bücher unberücksichtigt bleiben.
    (Eine interessante Frage ist zudem, ob geistiges Eigentum automatisch an den Verlag übergeht. Hinsichtlich des Forschungsethos haben Sie allerdings Recht.)

    Mit Systemversagen meine ich, dass mittlerweile viele Wissenschaftler mehr oder weniger stark in irgendeine Art von Fehlverhalten involviert sind. Die entscheidende Frage: Sind Wissenschaftler Betrüger geworden? Wahrscheinlich nein. Ursächlich scheinen mir Fehlanreize. Im Vordergrund stehen heute Schnelligkeit und Quanität. Dies geht zu Lasten der Sorgfalt und der Qualität.

    • @ News of the World: Ich teile ihre Einschätzung nicht. Sicherlich gibt es Sozialwissenschaftler, die unsauber arbeiten – aber nach meiner Wahrnehmung sind (wenn überhaupt) fünf Prozent, nicht 95%. Ich finde es weder fair noch angemessen, die Wissenschaftler so sehr unter Generalverdacht zu stellen – vor allem ohne konkrete Belege zu haben (Wenn Sie welche haben, bitte her damit – wenn die Vorwürfe berechtigt sind, berichte ich gerne darüber.) Schwarze Schafe gibt es überall, auch im Journalismus gab es ja in letzter Zeit immer wieder Plagiatsfälle von Leuten, bei denen ich es überhaupt nicht erwartet hätte und die ich zum Teil persönlich lange kenne. Auch das heißt aber nicht, dass alle oder auch nur ein signifikanter Teil der Journalisten unsauber arbeitet.

      Geistiges Eigentum geht natürlich nicht automatisch an den Verlag über. Wenn ich meinen Arbeitsvertrag mit dem Handelblatt richtig im Kopf habe, hat der Verlag das unbeschränkte NUTZUNGSrecht an meinen Texten, bis in alle Ewigkeit. Urheber bin und bleibe ich – daher haben ja auch die einzelnen Journalisten, und nicht die Verlage, die Wahrnehmungsverträge mit der VG Wort.

      @Wirtschaftswurm: Danke für die Blumen. Das Problem bei Frey et al sind m.E. gar nicht die Eigenplagiate an sich (also die Tatsache, dass sie eine Idee mehrfach verwertet haben), sondern die Tatsache der fehlenden Querverweise auf die anderen Arbeiten. Das kenne ich in der VWL eigentlich sonst nicht – normalerweise zitieren sich Forscher im eigentlich eher selbst zuviel als zuwenig. Hätte es diese Verweise gegeben, wäre es wahrscheinlich nicht möglich gewesen, die Sache gleich viermal zu veröffentlichen. (Und hätte es den Hinweis auf Hall (1986) und die Paper aus der Statistik-Szene gegeben, wäre es noch schwieriger geworden, weil dann klar gewesen wäre: Die Grundidee der Arbeiten ist alles andere als neu und unorthodox.

  7. Scheint mir nach “Karriere-nach-Anzahl-Leser”. Insfern deckt sich das Verhalten des enthüllenden Journalisten mit dem was er anderen vorwirft. Ich erwarte von Wissenschaftsjournalismus ein reflektierteres Bild, z.B. Fehler des Menschen vs. Fehler des Systems. Mir scheint der Fehler des Wissenschaftssystems, an dem das Handelsblatt auch beteiligt ist, bei weitem ursächlicher. Wenn man zu Lösungen beitragen möchte, sollte man hier ansetzen. Und nicht mittelalterlich: Auge um Auge. Zahn um Zahn. Also: Helfen Sie bei Lösungen!

    • @ News of the World:

      Tut mir leid, ich kann ihnen nicht folgen.

      Meine Kritik bezieht im Wesentlichen auf zwei Punkte:

      1) Ich werfe Frey/Torgler/Savage vor, dass entscheidende Teile der bisher erschienenen ökonometrischen und statistischen Literatur zum Untergang der Titanic nicht zitiert werden (Hall, die “Unsual Dataset”-Paper, das Kapitel aus dem 2004er-SPSS-Handbuch und das 2006er-Paper aus den Journal of Economic Education.

      Weil diese Arbeiten nicht zitiert werden, entsteht in den Arbeiten der Eindruck, Frey/Torgler/Savage wären die ersten Ökonomen gewesen, die diese Forschungsidee gehabt haben. Dieser Eindruck ist falsch. Ob die Autoren ihn bewusst versuchen, zu erwecken oder ob es sich um einen Irrtum handelt, weiß ich nicht, und die Aussagen von Torgler und Frey sind in dieser Hinsicht etwas widersprüchlich.

      2) Ich werfe Frey/Torgler/Savage vor, gegen die Submission Guidelines der Journale, in denen ihre Arbeiten erschienen sind, verstoßen zu haben. Dort heißt es eindeutig, dass bereits veröffentlichte Arbeiten nicht nochmal eingereicht werden dürften; und dass Forscher auf andere, ähnliche Arbeiten zum gleichen Thema nicht hingewiesen haben.

      ad 1) Schmücke ich mich hier mit fremden Federn? Ich glaube nicht – ich habe von Anfang an und immer wieder hier und in meinem englischen Blog “Economics Intelligence” (http://olafstorbeck.com) auf das US-Blog Economic Logic (EL) und das Economic Job Market Rumor-Forum verwiesen, die als erste diese Vorgänge ans Licht gebracht haben; und seitdem ich das Blog von Gelman kenne, verweise ich auch darauf. Ich verweise zudem darauf, dass mich erst die Leserkommentare bei EL, in denen auf die “Unusual Dataset”-Papiere verwiesen wurde, darauf gebracht haben, mal zu gucken, was sonst noch zu diesem Thema an statistischer und ökonometrischer Forschung erschienen ist. Und auch bei allem Input, den ich über Twitter und durch Blogkommentare kriege, verweise ich stets auf die Quelle.

      2) Verstoße ich gegen Submission-Guidelines? Wohl kaum. Recycle ich immer wieder den gleichen Inhalt? Nein – vielleicht bis auf den Beitrag “A summary of the Bruno Frey affair” abgesehen, wo ich die vorher auf verschiedene Einzelbeiträge verteilten Details und Neuigkeiten, die im Laufe der Tage nach und nach herauskamen, an einer Stelle zusammengefasst habe.

      Insofern finde ich ihren Vorwurf, ich würde das gleiche machen wie Frey/Torgler/Savage wirklich nicht ganz fair.

      Was Sie mit dem Punkt “Fehler des Einzelnen / Fehler des Systems” meinen, ist mir ebenfalls nicht ganz klar. Niemand zwingt einen 70-jährigen emeritierten Professor, bei vier Journalen gleichzeitig sehr ähnliche Arbeiten einzureichen, ohne auf die anderen Papiere hinzuweisen. Und kein System zwingt drei Autoren, unter denen zwei gestandene Professoren sind, eine so schlampige Literatur-Recherche zu machen, dass ein Journalist mit popeligen VWL-Diplom sie nach zwei Stunden Datenbank-Recherche ziemlich in Erklärungsnöte bringen kann.

  8. Ich finde das sich Frey mit o.g. Interview keinen Gefallen getan hat.

    Fallhöhen und Deutscher Neid auf einen Schweizer?

    Ich hätte von einem Mann in seiner Stellung etwas mehr Souveränität erwartet. Wobei das auch und gerade in dieser Kategorie eine nicht immer verfügbare Ware zu sein scheint.

    Grüße
    ALOA

  9. Bitte nicht die nationalistische Karte ausspielen.
    Vielen Dank, Herr Storbeck für Ihre aufrichtige Warnung und die Sensibilität, die Sie an den Tag legen.
    Freundliche Grüsse aus Zürich

  10. Gibt es überhaupt Starökonomen? Ich halte die Bezeichnung schon für einen erzählerischen Kniff. Aber Bruno Frey ist (oder war?) für viele junge Volkswirte in Deutschland/ der Schweiz ein Vorbild.