Versteckte Eigenplagiate? – Schwere Vorwürfe gegen Bruno Frey

Bruno Frey (Foto: Hannes Röst via Wikipedia)

Er ist einer der kreativsten und forschungsstärksten deutschsprachigen Volkswirte überhaupt, lautstark kritisiert er  die Engstirnigkeit der Ökonomen, vehement fordert er mehr Pluralismus in der VWL: Bruno Frey, VWL-Professor an der Universität Zürich – in einem Porträt vor vier Jahren habe ich ihn einen “ökonomischen Grenzverletzer” genannt.

Ein Forscher, den ich persönlich kenne und schätze.

In einem englischsprachigen Blog namens “Economic Logic” werden jetzt schwere Vorwürfe gegen Bruno Frey und seine Koautoren Benno Torgler und David Savage erhoben.

Es geht um eine spektakuläre Arbeit zum Untergang der Titanic – die drei Forscher haben untersucht, von welchen Faktoren es abhing, ob ein Passagier zu den Überlebenden gehörte oder nicht. Das Ergebnis:

“The empirical results suggest that social norms such as ‘women and children first’ persevered during such an event. Women of reproductive age and crew members had a higher probability of survival. Passenger class, fitness, group size, and cultural background also mattered.”

Besonders erstaunlich ist: Britische Passagiere hatten laut Studie eine um 10 Prozent niedrigere Überlebenswahrscheinlichkeit als Passagiere anderer Nationalitäten – weil sie höflicher waren als andere und brav Schlange standen, statt sich vorzudrängeln?

In dem Blog “Economic Logic”, das offenbar anonym betrieben wird, erhebt ein Volkswirt jetzt heftige Anschuldigungen. Frey und seine Koautoren hätten ihre Ergebnisse gleich mehrfach in unterschiedlichen Journalen publiziert – ohne auf ihre anderen, inhaltlich nahezu identischen Arbeiten hinzuweisen und teilweise mit methodischen Änderungen, die sie nicht weiter erläutern würden.

Der “Economic Logican” schreibt:

“All this is very fishy. It really looks like the authors are playing games here, trying to get multiple publications out of the same work. They do not mention the other work to fool editors and referees into thinking these are original contributions, as required for any submission to those journals. They tweak the results and rewrite the text so that they cannot be accused of blatant self-plagiarism. This is unethical behavior, but it is not unheard of in the profession.”

Ich selbst kann die Vorwürfe derzeit noch nicht bewerten – ich hatte zwar von den Titanic-Arbeiten gehört, aber bewusst nicht drüber berichtet, weil mir das etwas zu effekthascherisch und populistisch erschien. Ich werde mich mal einlesen – und Frey zu der Sache befragen.
Stay tuned.

Update: Die Sache ist leider weit mehr als ein Sturm im Wasserglas. Die weitere Entwicklung kann man in diesen beiden Blogposts nachverfolgen: “Sitzt Bruno Frey auf der Titanic?” und “Journal of Economic Perspectives tadelt Bruno Frey öffentlich”

Besuchen Sie mein englisches Weblog “Economics Intelligence”.

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Alle Kommentare [5]

  1. Um es mal mit Shakespeare zu sagen: Viel Lärm um Nichts.

    Die aus dem ‘Economic Logic’ zitierten Vorwürfe sind überspitzt formuliert. Man kann sie ohne weiteres als uninteressant ignorieren.

    Das Ergebnis der Studie über die Überlebenden der Titanic – soweit es nicht mehr bietet als die obige Zusammenfassung – sehe ich nicht gerade als spektakulär an. Ob man das nun weiß oder die berühmte Tüte Reis ist umgefallen …

    • @ Thomas Ernst, genauer: Leider scheint es sich nicht einfach um haltlose anonyme Rufschädigung oder nur um einen Sturm im Wasserglas zu handeln. Ich habe die drei Paper, die frei verfügbar sind, inzwischen gelesen – sie sind inhaltlich tatsächlich nahezu identisch, und verweisen nicht auf die anderen Papiere. (Der Vorwurf von Economic Logic, die Autoren hätten auch an den Ergebnissen rumgespielt, damit es passt, erscheint mir dagegen haltlos.)

      Offenbar hat das Journal of Economic Behavior and Organisation Frey und seine Koautoren auf eine schwarze Liste gesetzt und ihnen geschrieben, die hätten gegen die moralischen Grundsätze der Zeitschrift verstoßen und das Journal werde künftig nichts mehr von ihnen veröffentlichen. Was ich bislang an Rückmeldungen aus der ökonomischen Profession bekommen habe, bestätigt den Eindruck, dass es sich um mehr als ein Kavaliersdelikt handelt.

      @ Dirk Elsner: Ein guter Ausgangspunkt zum Einlesen in das Thema Eigenplagiate ist das englische Wikipedia und die dort zitierten Arbeiten dazu:
      http://en.wikipedia.org/wiki/Plagiarism#The_concept_of_self-plagiarism
      Ich bin mir nicht sicher, ob man einen Blogbeitrag oder einen Zeitungsartikel mit einer akademischen Arbeit vergleichen kann, die den Anspruch erhebt, originären wissenschaftlich Erkenntnisfortschritt zu leisten – das scheinen mir doch zwei paar Schuhe zu sein.

  2. Nachtrag: mit einem hirsch-index > 10 (der mir ansonsten ziemlich egal ist) kenne ich mich ja offensichtlich im “papers” business durchaus etwas aus, und war auch schon vor 20 Jahren peinlich darauf bedacht, mit was / wem ich in Verbindung gebracht werde, und habe bestimmte Co-Autorenschaften wiederholt abgelehnt.

    Nur so zur Illustration.

  3. Rufschädigung

    Nachdem der Titel eine massive Rufschädigung von Frey et al. (ces info) bedeuten würde, wenn die Behauptung denn wahr wäre,

    habe ich mich sehr schweren Herzens dazu entschlossen, hier auch einen notgedrungen vorläufigen Kommentar zu schreiben.

    Ich missbillige MASSIV headline ethische Beschuldigungen , die von “Ich selbst kann die Vorwürfe derzeit noch nicht bewerten” irgendwo weit unten praktisch komplett relativiert werden.
    Die sich auf anonyme Heckenschützen blogs berufen, in denen anonyme poster wilde Behauptungen aufstellen, die man nur nachprüfen kann, wenn man für ein paper in einem drittklassigen Journal völlig irrsinnige 42 Dolllar bezahlt.
    Behauptungen, die ich zu diesem Zeitpunkt, aufgrund der in dieser Stunde verfügbaren Informationen (z.B. Einreichzeitpunkt, Veröffentlichungs abfolge, Seitenzahlen) sehr deutlich anzweifeln möchte, aber halt vorläufig.
    Das wird ein Nachspiel haben, in den nächsten Tagen, aber diejenigen, die diesen Artikel bis dahin lesen, sollten nicht zu einem unfundierten Urteil über Frey et al. verleitet werden.

    So kann man den Ruf einer Zeitung / eines blogs auch schnell und nachhaltig ruinieren.

    Disclaimer: Ich habe keinerlei Beziehung zu den Autoren Frey et al. / ces info ,l und war Storbeck gegenüber bis vor wenigen Stunden durchaus aktiv positiv eingestellt.

  4. Mal zum Verständnis eine Frage, weil ich noch nicht die Brisanz erkenne und Frey sehr schätze als Autor: Dass Professoren mit ihren Coautoren ihre Ergebnisse mehrfach publizieren, kommt doch ziemlich häufig vor und finde ich an sich nicht verwerflich. Ich zitiere auch gern ab und zu meine eigenen Blogbeiträge (allerdings meist mit Link).
    Das ist jedenfalls kein Skandal im zu Guttenbergschen Sinne. Und Forschungsergebnisse können sich durchaus weiter entwickeln, wenn die Ergebnisse nicht manipuliert sind.

    Oder macht es einen Unterschied, ob ein Wissenschaftler einen gleichen/ähnlichen Text in verschiedenen Versionen, wie häufig bei Arbeitspapieren, veröffentlicht oder in wissenschaftlichen Journals?

    Vielleicht ist dann das Format der Journals mit ihren sehr langen Reviewprozessen nicht mehr zeitgemäß. So ist es m. W. so, dass viele Wissenschaftler Themen bei mehreren Journals gleichzeitig einreichen, weil sie ja nie wissen, ob und wann es zu einer Veröffentlichung kommt.